Warum Modernisierung in Afghanistan noch nie als Fortschritt erlebt wurde.
Der Sieg über die Taliban war 2001 schnell errungen. Doch mit Geld und guten Worten, das zeigt sich jetzt, ist das Land nicht zu stabilisieren oder gar zu modernisieren. Wenn es nicht gelingt, Reformbündnisse im Land zu schmieden, wird auch dieser letzte Versuch einer gesteuerten Gesellschaftsreform scheitern.
von Astri Suhrke
Nach dem Sturz der Taliban sollte es nach dem Willen der internationalen Gemeinschaft mit Afghanistan schnell aufwärts gehen: Die "Zufluchtsstätten für Terroristen" sollten beseitigt, der Staat wiederaufgebaut und die Wirtschaft in Gang gebracht werden. Das war das Minimalziel. Man wollte aber noch mehr: die Gesellschaft entwickeln und modernisieren. Dieses Projekt einer gesteuerten Gesellschaftsreform sollte durch Geld und Truppen aus dem Ausland abgesichert werden mit Zeitplänen und Bezugspunkten, anhand deren internationale Organisationen die Fortschritte überwachen konnten. Mit diesem Konzept in der Hand stürmte die Koalition aus denjenigen, die den Staat wieder aufbauen wollen, und Modernisierern voran, allen eventuellen Hindernissen zum Trotz. Dabei hatten frühere Modernisierungsprogramme in Afghanistan gezeigt, wie groß die Stolpersteine in diesem Land sind.
Für diese Art von gesteuerter Gesellschaftsreform gibt es schon Präzedenzfälle. In Asien erinnern die gegenwärtigen Post-Conflict-Programme an die Modernisierungsprogramme der nicht kolonisierten Staaten Asiens im späten 19. und im 20. Jahrhundert. Damals wie heute wurden eine Reihe von politischen Zielsetzungen formuliert, Strategien ausgearbeitet, Ressourcen mobilisiert und ausländische Fachleute hinzugezogen. Angestrebt wurde Modernität, und "modern" wurde mit dem Westen gleichgesetzt. In manchen Fällen wurde Modernität als ein Paket verstanden, bei dem soziokulturelle Reformen notwendig waren, um die importierten Technologien und Institutionen instand zu erhalten, die auch als Signalwirkung für Modernität dienen sollten. Am bekanntesten sind die Reformen von Kemal Atatürk in der Türkei. Die weniger umfassenden Reformen, die auf die Meiji-Restauration in Japan folgten, und die umfangreichen institutionellen Reformen, die von König Chulalongkorn in Thailand eingeführt wurden, sind ähnliche Unterfangen.
Auch in Afghanistan gab es früher schon Modernisierungsreformen, die in mancher Hinsicht denen in anderen nicht kolonisierten Staaten Asiens ähneln. Geschichtliche Darstellungen der politischen Entwicklung im modernen Afghanistan beginnen regelmäßig mit den Bemühungen von Abdul Rahman Khan in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dem Eisernen Amir, der viel tat, um die Kontrolle des Zentralstaates über die Provinzen zu gewinnen und zu erhalten. Das erste kohärente und selbstbewusste Modernisierungsprogramm wurde dann in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts von König Amanullah in Angriff genommen. Fünfzig Jahre später stellte Mohammed Daoud, der sich von einem hohen Stammeswürdenträger zu einem Republikaner gewandelt hatte, ein ähnlich ehrgeiziges Reformprogramm auf. Die nächsten und wesentlich radikaler vorgehenden Träger des Wandels waren die Kommunisten (People's Democratic Party of Afghanistan, PDPA). Die von ihnen im April 1978 verkündete Revolution wurde jedoch angesichts wachsenden Widerstands und der von den sowjetischen Herren im Land beschlossenen langsameren Gangart rasch abgeschwächt.
Als Modernisierer hatten diese Regime viel gemeinsam. Alle schienen es eilig zu haben und begannen ihre jeweiligen Programme des Wandels mit großen Fanfarenklängen und im Falle der Kommunisten auch mit viel Blutvergießen. Alle bemühten sich darum, die zentrale Macht zu stärken. Alle erkannten, dass dies bedeutete, die Steuereinnahmen zu erhöhen und die Streitkräfte zu verstärken. Von allen Reformern kümmerte sich Amanullah am wenigsten um den Aufbau der Streitkräfte, und die Durchführung seiner Reform endete fast in einer Katastrophe. Daoud hingegen vergrößerte die Streitkräfte und professionalisierte sie, zunächst als Ministerpräsident und später als Präsident. Das gleiche tat die PDPA, die die Streitkräfte mit technischer und finanzieller Hilfe der Sowjetunion auf bis zu 80.000 Mann erhöhte. Alle drei Regime bemühten sich insbesondere um die Entwicklung des Bildungssektors, und alle was besonders auffällt machten die Rechte und Förderung des Status von Frauen zu einem zentralen Symbol der Modernität. Nur die Kommunisten stuften die Rolle des Islams im öffentlichen Leben ausdrücklich herab, was allerdings später wieder ein Stück zurückgenommen wurde. In allen Fällen war das Verständnis von Modernität aber so, dass Veränderungen auf der Grundlage des geschriebenen Rechts und der Säkularität erfolgten.
Im Wirtschaftssektor erhielt der Staat eine bedeutende Rolle als Träger von Produktion, Regulierung und Umstrukturierung. Amanullah verkündete den Beginn einer bedeutenden Bodenreform. Sie stand auch im Mittelpunkt von Präsident Daouds Wirtschaftspolitik. Das gleiche gilt für die Kommusten. Daoud hatte auch einige Prinzipien des Staatssozialismus übernommen, indem er große, vom Staat unterstützte Infrastrukturprojekte und Entwicklungsplanung förderte.
Wie erging es den afghanischen Modernisierern? Wie in anderen Ländern waren die Programme umstritten. Im Gegensatz zur Erfahrung in Thailand, der Türkei und Japan erbrachten die Modernisierungsprogramme in Afghanistan jedoch nicht die konsolidierten Erfolge, die rückblickend als unumkehrbarer Prozess erscheinen. Die frühen afghanischen Modernisierungsregime wurden alle gewaltsam gestürzt und ihre Anführer entweder getötet oder ins Exil gezwungen. Ihre Programme hatten einige langfristige soziale Auswirkungen (insbesondere in Bezug auf die Entwicklung des Bildungswesens und der Institutionen), doch ein Großteil der Erfolge wurde zunichte gemacht, oder ihre Nutznießer wurden durch die Gewalt im Gefolge der Revolution von 1978 und der anschließenden Kriege ins Ausland getrieben. Der Zyklus der Kriege ebbte in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre ab, als die Taliban eine sozialreligiöse Bewegung, die in jeder Hinsicht anti-modern eingestellt war die Macht an sich rissen. Schließlich wurden auch die Taliban gewaltsam gestürzt, und so wurde der Weg frei für die gegenwärtige Runde des modernisierenden Wiederaufbaus.
Angesichts einer solch ungünstigen Vergangenheit verdienen die früheren Modernisierungsprogramme eine nähere Beachtung. Der Prozess des Wandels schuf eine Reihe von Spannungen und Widerständen. Am stärksten war die Spannung zwischen dem Zentralstaat und lokalen Strukturen von Macht und Autorität. Neue Forderungen nach Steuern, Einberufung in die Streitkräfte und Regulierung des öffentlichen Lebens hatten Auswirkungen sowohl auf die Mächtigen als auch auf die Machtlosen. Ferner schuf der soziale Wandel, der sich in Form einer Ausweitung des Bildungssektors und der wirtschaftlichen Entwicklung vollzog, neue gesellschaftliche Gruppen mit Forderungen nach politischer Macht und miteinander wettstreitenden Vorstellungen dessen, was "Fortschritt" darstellte.
Beim Wettbewerb um die Ausrichtung des sozialen Wandels waren zwei Faktoren, die das Machtgleichgewicht zwischen den Protagonisten gestalteten, besonders wichtig. Der erste betrifft die Kontrolle der unmittelbaren Instrumente der Macht Geld und Waffen. Der Zugang zu solchen Ressourcen wiederum spiegelte die strategische Position Afghanistans in Bezug auf regionale und umfassendere internationale Rivalitäten wider. Ausländische Regierungen und transnationale Bewegungen waren wichtig als Verbündete, Anhänger oder Gegner in allen hier kurz dargestellten Modernisierungsperioden, insbesondere in den kommunistischen Jahren. Macht hatte aber auch eine normative Dimension. Zwei Quellen moralischer Autorität Nationalismus und Religion waren in allen Fällen wichtig, wenn es um die Natur und die Ausrichtung des Wandels ging.
Wie wir gesehen haben, scheiterten alle Modernisierungsregime, doch der Weg zu diesem Scheitern war unterschiedlich. Religion siegte gegen den Nationalismus bei dem Kampf, der zum Sturz von Amanullah führte. Dass der König die nationalen Interessen gegen britische imperialistische Forderungen verteidigte und die britischen Streitkräfte im Dritten Anglo-Afghanischen Krieg (1919) besiegte, reichte nicht aus, um die Opposition gegen seine reformistische Herrschaft zu stoppen. Der Historiker Vartan Gregorian (The Emergence of Modern Afghanistan, 1967) kommt zu dem Schluss, dass das religiöse Establishment "fast von Anfang an Amanullah entfremdet war", als er die Liberalisierung des Status von Frauen verkündete, den Geltungsbereich des säkularen Gesetzes erweiterte und versuchte, "der Geistlichkeit jede Kontrolle über das Bildungswesen zu entziehen".
Der religiösen Legitimität beraubt, konnte der König nur auf die sich in Auflösung befindenden Streitkräfte und eine schwindende Koalition von Modernisierern bauen. Die Briten, welche die Niederlage von 1919 nicht verwinden konnten, haben möglicherweise dazu beigetragen, der Regierung den Todesstoß zu versetzen. Sie gewährten den östlichen Stämmen Unterstützung, die sich vier Jahre später erhoben, was den Anfang vom Ende für Amanullah bedeutete.
Rückblickend lässt sich sagen, dass das Programm des Königs vor allem deshalb scheiterte, weil es zu ehrgeizig war und zu rasch durchgeführt wurde. Der junge König war zu ungeduldig und unerfahren, schreibt Amin Saikal (Modern Afghanistan, 2005), und er scheiterte vor allem daran, dass er kein umfassendes politisches Bündnis zustande brachte, das den Widerstand einer Vielzahl von Machtinhabern neutralisieren konnte "von Autoritäten in ethnischen Gruppen und Stämmen, im religiösen, militärischen, administrativen und professionellen Bereich, die die Zielsetzungen der Reformen verstanden und die erkannten, dass diese für ihre eigenen Interessen auf die eine oder andere Weise bedrohlich waren".
Daouds Reform nahm einen anderen Verlauf und endete in einem Militärputsch, der 1978 die kommunistische Revolution einleitete. Einige Beobachter machten auch hier das schlechte politische Urteilsvermögen des Regierungsoberhauptes für das Scheitern verantwortlich. Daoud versuchte wie Amanullah ein ehrgeiziges Probgramm für den Wandel durchzuführen, ohne zunächst eine politische Koalition aufzubauen, die diese Reformen unterstützte.
Auch stellte Daoud sein Programm nicht so dar, dass es mit dem Islam der höchsten Quelle der Legitimität jeder Regierung in Afghanistan sowie der Tradition harmonisierte. Darüber hinaus hatten Entwicklungen früherer Jahrzehnte im Bildungs- und Entwicklungsbereich die traditionelle Gesellschaft geschwächt und zum Entstehen von neuen, politisch bewussten gesellschaftlichen Gruppen, nämlich den Kommunisten und den Islamisten, beigetragen. Als die Spannung zwischen den beiden eskalierte, gingen die Kommunisten ein Bündnis mit den Streitkräften ein die dank der vorherigen Modernisierungsreformen eine Macht geworden waren, mit der man rechnen musste und veranstalteten einen Militärputsch. Dies war der Beginn der Saur-(April-) Revolution.
Über die Gründe für die Niederlage des kommunistischen Regimes ist viel geschrieben worden. Das ehrgeizige revolutionäre Programm der Partei und die nach dem Einmarsch der Sowjets noch verstärkte Gewalttätigkeit des Regimes erzeugten großen Widerstand. Die sowjetische Invasion selbst war völlig kontraproduktiv. Die starke Präsenz ausländischer Truppen und die aggressive Kriegführung vertrieben viele Menschen und riefen starke Feindseligkeiten hervor; das alles untergrub wiederum die Legitimität der Regierung.
Noch entscheidender war, dass das gesamte Unterfangen das Etikett "ungläubig" erhielt, weil es von einem kommunistischen Regime durchgeführt wurde. Das war für viele ein ernsthafter Missstand, der von den Kräften im Widerstand ausgeschlachtet wurde. Die Widerstandsgruppen wiederum hatten leichten Zugang zu finanzieller Unterstützung, Ausbildung und Waffen von außen, und nach der sowjetischen Invasion beriefen sie sich sowohl auf den Nationalismus als auch auf den Islam, um ihren Kampf zu legitimieren. Das kommunistische Regime wurde zu einem schwachen Rentenstaat reduziert und brach unter der Last des Krieges zusammen, und mit ihm das von ihm initiierte revolutionäre Programm der Modernisierung.
Daraus ergeben sich mehrere Lektionen für die gegenwärtigen Modernisierer in Afghanistan. Am auffälligsten sind vielleicht die Gefahren, das Reformprogramm zu überfrachten, ohne dass eine innerstaatliche Koalition besteht, um es zu tragen. Die gegenwärtige Reformagenda ist ehrgeizig und findet vermutlich allgemeine Unterstützung. Doch wenn es um Inhalt und Form des Wandels geht welche Gesetze müssen umgesetzt werden, welche Art von Ausbildung soll es geben, und für wen, wie sollen die Errungenschaften verteilt werden , sind die Afghanen erneut gespalten. Viele haben durch den Wandel etwas zu verlieren, darunter eine Reihe von konservativen Kräften, diejenigen etwa, die bezweifeln, dass die gegenwärtige Regierung wirklich islamisch ist, und diejenigen, die von der gegenwärtigen illegalen Wirtschaft profitieren.
Eine zweite wichtige Lektion betrifft die Rolle der Ausländer. Wiederaufbau und Modernisierung im heutigen Afghanistan sind zwangsläufig konfliktträchtig. Wenn sich der Konflikt jedoch zu einem bewaffneten Kampf entwickelt was seit einem Jahr zunehmend der Fall ist , dann legt jegliche historische Erfahrung nahe, dass der Einsatz von ausländischen Truppen zur Bekämpfung der afghanischen Aufständischen die Gewalt eher noch weiter anfacht, als sie zu beenden. Die Alternative liegt nach wie vor darin, dass die Afghanen miteinander verhandeln und aufeinander eingehen, um mit internationaler Unterstützung den Konflikt in gewaltfreie Kanäle zu lenken.
aus: der überblick 04/2006, Seite 58
AUTOR(EN):
Astri Suhrke
Astri Suhrke ist Politikwissenschaftlerin am "Christian Michelsen
Institut" in Bergen, Norwegen. Zur Zeit arbeitet sie zu
"Post-Conflict-Reconstruction" in Afghanistan und
Timor-Leste.