Zurück in "Indochine"
Vietnam hatte - als Teil der französischen Kolonie “Indochine” - fast hundert Jahre lang intensive Beziehungen zum “Mutterland” Frankreich. Seit der militärischen Niederlage Frankreichs im Indochinakrieg und Vertreibung der Franzosen im Jahr 1954 nahm der französische Einfluss deutlich ab. Heute sind in Vietnam - im Gegensatz zu anderen Staaten der Frankophonie - nur noch wenige Spuren der französischen Vergangenheit zu finden. Aber eine neue Annäherung bahnt sich an.
von Matt Steinglass
Die hell erleuchtete vierspurige Schnellstraße aus Hanois westlichen Vororten zum prächtigen neuen My Dinh-Fußballstadium der Nationalelf, das für die Südostasien-Spiele 2003 gebaut wurde, führt durch eine merkwürdige Mixtur von Landschaften. Reisfelder, gesprenkelt mit Büffeln und Familiengräbern, wechseln sich mit den Einkaufszentren der entstehenden Industrieparks ab. Mittendrin tauchen eigenartig dichte Knoten neuer privater Residenzen auf: Geballt stehen vier- bis sechsstöckigen Stadthäuser, lang und schmal, die Fassaden überladen verziert in Pastelltönen, die Seitenwände fensterlos und grau in der Erwartung, dass die Nachbarn schon in Kürze etwas Höheres bauen werden.
In einer jener Anballungen von Wohnhäusern, vielleicht drei Kilometer vom Stadium entfernt, direkt an der Schnellstraße, steht ein imposantes vierstöckiges malvenfarbiges Haus mit Mansardendach und Fensterreihen, die mit schweren schwarzen Läden verschlossen sind. Auf den ersten Blick scheint das Gebäude eine überzeugende Replik auf eine Villa des nördlichen Frankreichs aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu sein. Erst beim zweiten Hinsehen zeigen sich die billigen Materialien und die Mängel im Detail.
Irgendwie beunruhigt dieses Haus hier. Nicht das Erstaunen, europäische Architektur in dieser fremden Gegend anzutreffen. So etwas ist heute weltweit zu finden; Disneyworld und Las Vegas haben uns daran gewöhnt. Nicht, dass eine französische Villa des 19. Jahrhunderts in Vietnam fehl am Platz schiene. Eher ist es das Wissen, dass jene Villa nicht deplaciert wirken sollte - doch tut sie genau das.
“In den alten Teilen von Hanoi gibt es viele schöne Villen, die französische und vietnamesische Architektur kombinieren”, sagt Architekt Nguyen Huu Dung, Leiter der Abteilung Wissenschaft und Technik im Bauministerium. Die besten stammen aus den zwanziger und dreißiger Jahren. “Sie passen gut in asiatische Landschaften. Bei den guten ist es schwierig herauszufinden, welche Elemente französisch und welche vietnamesisch sind.” Dung, dessen Spezialität die natürliche Raumklima-Regulierung ist, bewundert besonders die französischen Beiträge, die - wie die tiefen Dachfenster mit hölzernen Fensterläden - in Vietnams unerbittlichem Klima Schatten spenden und Ventilation ermöglichen.
Warum sollte jemandem, angesichts einer solch langen Tradition der Verschmelzung von französischer und vietnamesischer Architektur, der Sinn nach einer geschmacklosen Imitation stehen? Die malvenfarbige Villa ist schlichtweg unauthentisch, der Besitzer hätte sich genauso gut eine gefälschte venezianische Loggia oder ein englisches Stadthaus aussuchen können. Ist das alles, was von der reichen kulturellen Synthese des französischen Indochina in Vietnam geblieben ist? 75 Jahre französischer Herrschaft in Vietnam müssen doch eine organischere Verbindung hinterlassen haben als die Vorliebe für französischen statt englischen Stilschwindel.
Haben sie natürlich. Die Beziehungen zwischen Frankreich und Vietnam sind heute ziemlich stark. Frankreich hat mehr Direktinvestitionen in Vietnam (über 2 Milliarden Euro Kapitalbestand) als jedes andere nichtasiatische Land. Es führt Güter aus Vietnam im Wert von über 800 Millionen Euro im Jahr ein, auch mehr als jedes andere nichtasiatische Land - abgesehen von den USA. Vietnam erhielt 2002 von Frankreich 77 Millionen Euro staatlicher Entwicklungshilfe, das ist Platz zwei nach Japan. Die meisten europäischen Touristen im Land sind Franzosen, 87.000 im Jahr 2003. Ungefähr 375.000 Französischsprachige leben in Vietnam, und 300.000 französische Staatsbürger vietnamesischer Herkunft. Französisch ist nach Englisch die beliebteste Sprache unter vietnamesischen Studenten, noch vor Chinesisch.
Doch wie bei der malvenfarbigen Villa ist die Beziehung zwischen Frankreich und Vietnam komplexer und indirekter als ein schneller Hinweis auf die Erbschaft des Kolonialismus vermuten lässt. Franzosen sind heute interessiert an Vietnam, und umgekehrt. Doch nicht auf die gleiche Art und oft nicht aus den Gründen, die man vermutet.
Die amerikanische Modernisierung von Ho Chi Minh Stadt in den sechziger Jahren erweckt den Eindruck eines asiatischen Los Angeles, doch Hanois Zentrum ist französisch geprägt. Die gewundenen, schmalen Gassen der Altstadt machen diagonalen Boulevards, Seen und Parks Platz - ähnlich wie die mittelalterlichen Alleen von Paris seit der Umgestaltung der Stadt durch den Präfekten Haussman unter Napoleon III von breiten Straßen durchschnitten werden. Manchmal, wenn ein Westler durch einen dieser Parks in Ho Chi Minh Stadt schlendert, mag er noch heute von einem älteren Herrn in Jackett und Schlips mit “Bonjour!” gegrüßt werden. “Ich war ein Funktionär in der Kolonialverwaltung”, sagt er vielleicht. Oder vielleicht war er Lehrer der französischen Literatur, bis er in den fünfziger Jahren ins Fach Chemie abgeschoben wurde.
Doch solche Begegnungen sind selten. Die Franzosen sind vor 50 Jahren gegangen. Und sogar auf der Höhe des Kolonialregimes war Französisch nicht verbreitet. Nach Schätzungen konnten es höchstens zwei Prozent der Bevölkerung sprechen. Im von Frankreich kolonisierten Westafrika mit seinen vielen lokalen Sprachen wurde nach der Unabhängigkeit Französisch sogar die Nationalsprache für Politik und Verwaltung. Aber Vietnam hatte bereits eine Wirtschafts- und Regierungssprache: Vietnamesisch. Vom Französischen blieben nur etliche Fremdworte, so zum Beispiel: ga (von gare, Bahnhof), ban cong (von balcon), pho mai (von fromage, Käse). Doch das sind die Wörter der Modernisierung, und sie wurden nur von einer kleinen städtischen Minderheit benutzt, die Züge bestieg, in Häusern mit Balkon wohnte und Käse aß.
Dass Frankreich nicht weiter in die vietnamesische Gesellschaft eindrang, mag mit den widersprüchlichen Motiven zu tun haben, die die französische Kolonialisierung antrieben. Die Interventionen unter Napoleon III in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, die zur Besetzung von Saigon und dem Süden des Landes führten, waren Anstrengungen der Rechten. Sie verfolgte das Ziel, christliche Missionare zu retten und französischen Geschäftsinteressen nachzugehen. Doch in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, während der Zweiten Republik, war die Linke die Antriebskraft hinter der mission civilisatrice - Frankreichs Verpflichtung, “niedere Völker zu zivilisieren”, wie es später der fortschrittliche Premierminister Jules Ferry ausdrückte. 1883 besetzten französische Truppen den Rest des Landes, beließen den König pro forma im Amt, während die französischen Verwalter die Kontrolle über seine machtlosen Mandarine übernahmen.
Die Erniedrigung des traditionellen vietnamesischen Regimes und der Reiz europäischer Modernität führte einige Vietnamesen dazu, die französische Sprache und Kultur als ihre eigene anzunehmen. Intellektuelle wie Truong Vinh Ky und Nguyen Van Vinh traten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert für eine französisch geführte Europäisierung von Vietnam ein. Vinh übersetzte Hugo und Dumas ins Vietnamesische und unterstützte den erfolgreichen Versuch, das chinesische Schreibsystem durch das lateinische der katholischen Missionare zu ersetzen. Die Franzosen zögerten, ein öffentliches Schulsystem aufzubauen, doch unter dem Druck der Nationalisten begannen sie im Jahre 1913 schließlich damit. 40.000 Schüler lernten dort - in französisch. Viele dieser jungen städtischen Vietnamesen eiferten französischen Idealen der Modernität nach. Einige gingen nach Frankreich zum Arbeiten oder Studieren. Ein paar nahmen eine Haltung “französischer als die Franzosen” an: Ein junger Vietnamese namens Nguyen Sinh Cung schrieb 1922 in Paris einen Artikel für ein Filmmagazin, in dem er die Reinheit der französischen Sprache gegen Anglizismen wie le manager und le challenger verteidigte.
Cung wurde später als Ho Chi Minh weltberühmt. Sein intellektuelles Erbe war typisch für das der Männer, die Vietnams Unabhängigkeitskampf in den vierziger Jahren führten. Am Ende konnte das Verlangen nach Modernität und Freiheit, das durch die Ausbildung in Frankreich und dessen wirtschaftliche Entwicklung geweckt worden war, durch das Kolonialregime nicht befriedigt werden. Es war ein eingefleischter Verehrer der französischen Sprache und Kultur, General Vo Nguyen Giap, der die Franzosen 1954 in Dien Bien Phu besiegte.
Nach 1954 ging der Einfluss Frankreichs stark zurück. Die Ausbildung in der Kolonialsprache verschwand größtenteils aus dem Norden. Zudem sank mit der Flucht von 600.000 Katholiken in den Süden oder nach Frankreich der Anteil der frankophonen Bevölkerung weiter. Im Süden wandte sich die Regierung den USA zu, und diejenigen, die in den Sechzigern und Siebzigern ausgebildet wurden, lernten Englisch. Im Norden wurde Russisch oder Deutsch gelernt, in der Hoffnung auf einen der Gastarbeiter-Jobs in den Ländern des Warschauer Pakts.
Doch Frankreich verbesserte seine Beziehungen zu Hanoi schnell, lehnte das amerikanische Eingreifen in den Krieg ab und nahm - nach der Unterzeichnung des kurzlebigen Friedensabkommens zwischen Nord und Süd - die diplomatischen Beziehungen 1973 wieder auf. Danach, besonders nach dem Anfang der doi moi genannten Reformen der späten achtziger Jahre, erlebte die Frankophonie eine Art Wiederauferstehung. Von 1991 an begann die französische Regierung mit der Finanzierung und Verwaltungshilfen für die französischsprachige Ausbildung in Vietnam, einschließlich Curricula, der Lehrerausbildung und Stipendien für das Studium in Frankreich. Die Alliance Française, unterstützt von der Internationalen Organisation für Frankophonie (Organisation Internationale de la Francophonie, OIF), begann ein aggressives Programm des Kulturexports mit der Versendung französischer Filme, Musiker, Künstler und Lehrer nach Vietnam. 1997 hielt die OIF ihre Tagung in Hanoi ab.
Im Jahr 2002 sprachen fast 130.000 vietnamesische Studenten französisch. Das reicht lange nicht an die mehr als 8 Millionen heran, die englisch sprechen. Doch die Qualität der Englischausbildung ist häufig mangelhaft, und die Schüler wählen Englisch zumeist nur, weil es Pflicht ist. Französischsprachige Studenten haben sich mit höherer Wahrscheinlichkeit die Sprache selbst ausgesucht, und ihre Lehrer sind gewöhnlich besser ausgebildet. Vietnamesen, die französisch können, sprechen diese Sprache im Allgemeinen gut.
Warum also wollen junge Vietnamesen französisch sprechen? Einige sehen das wie Phuong, ein 20-jähriger Student an Hanois “Institut für Internationale Beziehungen”. Phuong lernt englisch und japanisch in der Schule, nimmt aber zusätzlich Französischunterricht bei L‘Espace, dem lokalen französischen Kulturzentrum. Die Stunden sind billig, meint er, nur 50 US-Dollar für einen zehnwöchigen Kurs. Und dann ist da noch die kulturelle Seite der Dinge. “Französisch ist die Sprache der Liebe”, erklärt er.
Ein wenig unklar bleibt, was sich Phuong davon verspricht, die Sprache der Liebe zu sprechen, da sie wahrscheinlich von wenigen der Mädchen, die er trifft, verstanden wird. Andere Französischschüler sind praktischer orientiert. Nguyen Hoai Quan, ein 23-jähriger Student an einer Schule für ausländische Sprachen in Hanoi wählte Französisch wegen der Stipendien für ein Studium im Ausland, die von der französischen Regierung und seitens der OIF angeboten werden. Er möchte Wirtschaft oder Business studieren. “Es ist schwieriger, von Vietnam aus in englische oder amerikanische Universitäten zu kommen”, sagt Quan. Sie sind außerdem weit teurer. Und Quan ist nicht in der luxuriösen Lage, sich eine Sprache aus kulturellen Gründen auszusuchen. Er stammt aus der ländlichen Provinz Hai Dung. Sein Vater ist ein Lastwagenfahrer, seine Mutter eine Näherin.
Die kulturellen Gründe, französisch zu lernen, scheinen ebenso schwer zu wiegen wie die praktischen. Eine Umfrage aus dem Jahr 2002 zu den Motiven von Sprachschülern ergab, dass sie Französisch als Sprache Nummer eins für den kulturellen Austausch ansahen, noch vor Englisch. Eine Online-Umfrage aus dem selben Jahr hatte zum Ergebnis, dass 72 Prozent der Vietnamesen Frankreich vor allem als kulturelle und nicht als wirtschaftliche oder diplomatische Macht sehen.
Diese Daten stützen die Eindrücke, die man im Gespräch mit Sprachschülern gewinnt. Während ihre Eltern sie dazu drängen, sich aus praktischen Gründen auf Englisch oder Japanisch zu konzentrieren, wollen sie selbst aus persönlichen Gründen Französisch lernen. Zeitgenössische Jugendkultur in Vietnam ist durch überwältigende Erwartungen an Wirtschaft und Bildung blockiert. Sogar in einer Großstadt wie Hanoi gibt es nachts für junge Leute nicht viel zu tun. Mit seinem aggressiven Kulturexport sicherte sich Frankreich ein Markenzeichen: eine Art Ausflucht in die Kultur, die das Englische mit seinen Konnotationen zu finanziellem Wettbewerb nicht aufbieten kann. Englisch mag die Sprache des Geldes sein, doch Französisch ist die Sprache der Liebe, und Phuong möchte sie sprechen, egal ob jemand ihn verstehen kann oder nicht.
Eine der fühlbarsten kulturellen Hinterlassenschaften Frankreichs in Vietnam ist die katholische Kirche. In Teilen der provinz Ninh Binh, 100 Kilometer südlich von Hanoi, fühlt man sich wie im Department Artois im Norden Frankreichs: flache grüne Felder, durchschnitten von Dämmen und mit Bäumen bewachsen, mit einer Kirche in jedem Dorf. Das Christentum hielt mit den portugiesischen Händlern im 16. Jahrhundert Einzug, doch es waren die Franzosen, die die Verfolgung von Katholiken als Vorwand für ihre imperiale Eroberung nahmen. Die Kirche wurde ein Werkzeug der Kolonialverwaltung, die Taufe normal für jene, die in der französisch dominierten Gesellschaft aufsteigen wollten. Zur Zeit des Indochinakriegs in den fünfziger Jahren wurden Katholiken für die fünfte Kolonne der Franzosen gehalten, und Kämpfe zwischen Katholiken und Buddhisten erschütterten Südvietnam in den sechziger Jahren.
Das Christentum erlebte wie andere Religionen während der letzten 15 Jahre eine Wiederkehr. So ist es nicht ungewöhnlich, an einer Kirche mit Jahrhunderte alter gotischer Fassade über dem Eingang die Inschrift “1996" zu finden, die das Jahr ihrer Renovierung festhält. Heute wird die katholische Gemeinde auf bis zu 8 Millionen Mitglieder geschätzt, ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung, offizielle Schätzungen liegen aber weit darunter. Doch die vietnamesischen Katholiken haben nichts mehr mit Frankreich zu tun. Wenn man sich in die St. Joseph-Kathedrale in Hanoi zur überfüllten Weihnachtsmesse drängt, wird man schwerlich ein weißes Gesicht erblicken. Gebete und Gesänge sind in vietnamesisch, und Gläubige und Geistlichkeit sind Vietnamesen, ebenso der kürzlich gewählte Kardinal von Ho Chi Minh Stadt, Pham Minh Man.
Wenn man von der St. Joseph-Kathedrale entlang der Nha Tho, der Kirchstraße, läuft, wird man Zeugnisse eines moderneren französischen Einflusses finden. Nha Tho ist gesäumt von den begehrtesten Geschäften und Cafés in Hanoi. An einem Ende findet sich eine von Frankokanadiern betriebene Tapas-Bar, am anderen das Café Le Malraux, das einem muskulösen französischen Möbeldesigner gehört, der das Café als seinen Ausstellungsraum nutzt. Nach 4 Uhr am Nachmittag sind die Barstühle regelmäßig von drei oder vier gut aussehenden Typen belegt, die während ihrer auf französisch geführten Unterhaltung Bier oder Pernod trinken. Zwischen Tapas-Bar und Café Les Malraux liegt das Mosaique, eine Design- und Modeboutique mit französischen Entwürfen, La Brique, das Bistro eines Franzosen, das Paris Deli, Café und Bäckerei, sowie La Boutique und das Silk, eine Designboutique französischer Investoren, die sich auf Seidenstickerei spezialisiert hat, die von den ethnischen Minderheiten in Vietnams nördlichen Bergen hergestellt wird.
Nha Tho repräsentiert ein bedeutendes Element im gegenwärtigen französischen Interesse in Vietnam: relativ junge Unternehmer wie Designer und Restaurateure, deren Betätigung in Vietnam das Geschäft mit Ästhetik und Lifestyle verbindet. Dieses Phänomen gibt es in der ganzen französischsprachigen Welt, nicht nur in Vietnam. Man findet dieselben jungen Franzosen in den modisch-relaxten Cafés Benins. Junge Franzosen scheinen ein angeborenes Talent für lebhafte, geschmackvolle Restaurants und die Herstellung pfiffiger Jacken und Lampen aus lokalen Erzeugnissen zu haben.
Die 29-jährige Mai La Canaille ist ein gutes Beispiel. La Canailles Vater ist Vietnamese, sie wuchs in einem kleinen Dorf in der Bretagne auf. Im Alter von 25 Jahren kam sie für zwei Monate nach Vietnam, um ihre Wurzeln zu suchen, und verliebte sich in das Land. Heute betreibt sie eine kleine Bekleidungsmarke und verkauft ihre Herstellungen über Tina Sparkle, eine weitere Nha Tho-Boutique.
“Als ich hierher kam, sprach ich kein Wort Vietnamesisch”, sagt La Canaille. Heute spricht sie es gut, teilweise weil jeder mit ihr Kontakt suchte. “Ich fühle mich fast schuldig deswegen. Nur weil ich zu einem Teil vietnamesisch aussehe, wollen die Leute mir mehr erzählen als wenn ich nur französisch aussehen würde.”
La Canailles Verbindung zu Vietnam ist tatsächlich fast symbolisch für den Stand der Beziehungen zwischen Vietnam und Frankreich insgesamt. Zu einem gewissen Grad wirkt die Beziehung oft willkürlich, die Kolonialjahre - ein halbes Jahrhundert vorbei - scheinen fast als Unfall der Geschichte. Die Anstrengungen beider Seiten, die Verbindungen zu stärken, mögen gezwungen erscheinen, zum großen Teil getragen von praktischen Überlegungen. Frankreich will seinen Status als diplomatische Macht erhalten, Vietnamesen wollen Stipendien für das Studium im Ausland, französische Auswanderer möchten ein extravagantes Leben in einer billigen, exotischen Ecke der Welt. Doch an diesen Wünschen ist nichts Unerlaubtes. Sie sind wahre Sehnsüchte. Die Hinterlassenschaft Frankreichs in Vietnam schafft eine Reihe von Räumen und Themen, deren sich verschiedene Gruppen für ihre eigenen Zwecke annehmen können. Im Laufe dieser Entwicklung werden die alten Klischees von Indochina durch etwas Neues, Überraschendes und weitaus Interessanteres ersetzt.
aus: der überblick 01/2004, Seite 73
AUTOR(EN):
Matt Steinglass:
Matt Steinglass lebt als freier Journalist in Hanoi, Vietnam, und schreibt regelmäßig für US-amerikanische Zeitungen und Zeitschriften.