Die Spannung des Friedens
Wie schafft man Frieden? Das ist die Leitfrage einer Gruppe von Journalisten, die das Projekt "Peace Counts" geschaffen haben. Dieses Projekt will mit Hilfe von Reportagen engagiertes Eintreten für den Frieden schildern. Aber wen interessieren gute Nachrichten? Nicht nur der Frieden hat es in der heutigen Welt schwer, sondern auch die Friedensberichterstattung.
von Christiane Grefe
Ein Tamile, der in Deutschland Asyl gesucht und jahrelang in Kreuzberg gelebt hat, baut im zerstörten Norden Sri Lankas ein Öko- und Sozialprojekt für Kriegsopfer auf. Eine Gruppe ziemlich irdischer deutscher Benediktinermönche sucht zwischen israelischen Juden und palästinensischen Muslimen nach Konfliktlösungen. In Kolumbien bewachen Bodyguards Menschenrechtsaktivisten. Eine Tadschikin versucht in Mazedonien tatkräftig, das Vertrauen zwischen den christlichen und albanisch-muslimischen Volksgruppen wieder herzustellen, das durch die Erschütterungen im Kosovo zerstört wurde: Vier Menschen im Einsatz für den Frieden. Vier Hauptpersonen großer, anschaulich erzählter Reportagen. Die ersten vier, noch viele weitere sind geplant, alles Geschichten über Inseln der Hoffnung an Orten, wo Konflikte toben, gären oder Verwüstung hinterlassen haben.
Doch diese Porträts und Reportagen sind nicht aus den Federn typisch individualistisch arbeitender Journalisten in den immer noch wohlhabenden Seite 3- oder Magazinredaktionen geflossen. Sie sind vielmehr Teil einer ungewöhnlichen Kooperation mit einem Ziel, das leider ebenfalls ungewöhnlich ist.
Peace Counts ist das Projekt einer Gruppe von Journalisten, die eine Lücke in der öffentlichen Aufmerksamkeit füllen und "ein winziges Gegengewicht zur Überdominanz der Kriegsberichterstattung in den Medien" schaffen wollen. Einer Dominanz mit fatalen politischen Folgen. Denn fließt nicht auch das Geld für Recherche nur noch dorthin, wo alle hinschauen?
Zum Kernteam des Projekts gehört der Initiator Michael Gleich, der lange Jahre als Reporter bei den Zeitschriften "Natur" und "GEO" gearbeitet hat. Er wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Journalistenpreis des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Außer ihm sind es mehrere Mitarbeiter der schwäbischen Agentur "Zeitenspiegel", einer Gruppe von Autoren um den Fotografen Uli Reinhardt, die für die verschiedensten Medien arbeiten, sich inhaltlich austauschen, beraten, ihre Texte gegenlesen und äußerst ungewöhnlich in einen gemeinsamen Topf wirtschaften.
Nicht allgemein und abstrakt soll in ihren Peace Counts-Artikeln berichtet werden, wie die Konflikte krisenträchtiger Regionen vom Nahen Osten bis nach Südafrika zu lösen wären. Vielmehr wollen die Autoren anhand konkreter Beispiele, ja Modelle und immer ganz nah an Menschen, an Vorbildern entlang, jeweils der Frage nachgehen: Was kann man von diesem Ansatz lernen? Was lässt sich auf andere spannungsgeladene Situationen übertragen? Wer macht es besonders gut? Unter welchen Bedingungen wird Frieden möglich? Was muss getan werden, um Gewalt und Terror langfristig vorzubeugen? Gibt es so etwas wie eine Kultur des Friedens und wie sieht sie aus? So simpel das klingt, so wichtig und komplex ist es in der Realität: "Wir wollen zeigen", sagt Michael Gleich, "wo es klappt."
Dazu gehört, was er die Analyse von Peace Economics (Friedenwirtschaft) nennt. "Damit ist nicht gemeint", so Gleich, "dass auch die Friedensindustrie zu den Kriegsgewinnlern gehört. Die Finanzierung der x-ten Studie über Jugendliche in Belfast, oder selbst wir mit unseren Reportagen sind ein Teil davon." Vielmehr solle nüchtern und schonungslos auch beschrieben werden, was geschehen muss, damit Frieden sich auszahlt. Mit Blick auf welche Gruppen? Was kostet ein Killer in Frankfurt, was einer in Bogota? Wer profitiert vom "Bruttokriminalprodukt" in einem Land? Wie hoch ist jeweils die Lebenserwartung und was bedeutet das für die Ökonomie? Es hat nur scheinbar einen schalen Beigeschmack, den Frieden auf ökonomische Daten herunterzurechnen. "Die Friedensdividende ist nun mal die entscheidende Motivation, Dinge zu ändern", sagt Michael Gleich. Weil ein solches Plus nicht sichtbar geworden sei, sei beispielsweise in Sri Lanka der Friedensprozess zum Stillstand gekommen. Auch Anti-Apartheids-Aktivitäten seien von weitsichtigen Unternehmen mitfinanziert worden, die erkannt hätten, dass die Apartheid mit der Zeit immer teurer werden würde.
Peace Counts ist als multimediales Paket geplant: Nicht nur Zeitungsartikel sollen erscheinen, auch Hörfunkreportagen im WDR, am Ende ein Buch, mit einem Fernsehsender sei man im Gespräch. Geplant sind Vorträge vor Schulklassen, "um jungen Leuten Perspektiven aufzuzeigen". Die Bundeszentrale für politische Bildung wird CD-Roms verbreiten. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) werden einige der porträtierten Friedenskämpfer nach Berlin zum öffentlichen Gespräch eingeladen. Noch weitere Kooperationspartner, teils als Berater, hat Michael Gleich gefunden: die UNESCO, das Bonn International Center for Conversion (BICC), und das Institut für Friedenspädagogik in Tübingen.
Damit hat er erneut seine Fähigkeit als "Netzwerker" unter Beweis gestellt, als der er sich neben seiner journalistischen Seite sieht. Erfahrungen in dieser Eigenschaft sammelte er unter anderem bei dem Artenschutzprojekt Life Counts, einer Art Volkszählung der Natur, deren Ergebnis im Jahr 2000 als mehrfach übersetztes und gut verkauftes Buch im Berlin Verlag erschien. Auch damals hatte Gleich als Public Private Partnership eine Vielzahl von tatkräftigen Menschen zusammengebracht, aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, vom World Conservation Monitoring Center in Cambridge über das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und die Internationale Union zum Schutz der Natur und der natürlichen Ressourcen (IUCN) bis zum Biotechnologie-Konzern Aventis, (der, wie Gleich betont, trotz seines ökonomischen Interesses an der Artenvielfalt "keinerlei inhaltliche Auflagen" gefordert habe).
Diesmal allerdings, für Peace Counts, fand er zunächst keinen Sponsor. Reise- und Versicherungskonzerne von Allianz bis TUI, so dachte Michael Gleich, müssten doch Interesse haben am Thema Frieden, der ja zugleich Sicherheit bedeutet. Auf Begeisterung sei er auch überall gestoßen. Bloß zahlen wollte keiner. Die ersten vier, fünf Reportagen im Nahen Osten, in Irland und Mazedonien haben die Autoren daher selbst finanziert. Zehn weitere Reisen und damit Recherchen für sehr viel mehr Artikel ermöglichte schließlich das Auswärtige Amt aus dem Fonds "friedenserhaltende Maßnahmen", aus dem unter anderem nichtstaatliche Organisationen (NGOs) in Konfliktregionen unterstützt werden. Die übrigen Kosten sollen dann durch Honorare für die Veröffentlichungen in Zeitungen, Frauenzeitschriften und Magazinen sowie Sendungen im Hörfunk wieder hereinkommen.
Viele freie Autoren müssen den Redaktionen schon fertige Manuskripte anbieten, um überhaupt eine Chance zu haben, dass der Text veröffentlicht wird. Einen Auftrag für solche "harten" Themen und damit die Vorfinanzierung von Recherchen und der Arbeitszeit für deren Umsetzung bekomme man jedenfalls nur noch von ganz wenigen Redaktionen, meist von Kollegen, mit denen man schon lange zusammen gearbeitet habe, sagt Uli Reinhardt. Und Michael Gleich sieht es noch härter: "Bei vielen Verlagen ist Qualitätsjournalismus nicht mehr möglich." Tatsächlich stößt Peace Counts mitten in zwei zentrale Probleme der Medienwahrnehmung.
Dilemma eins, böse formuliert: Der Frieden ist zumindest nach den gängigen Aufmerksamkeitskriterien des Journalismus nicht automatisch so attraktiv wie sein Gegenteil. Wenn Krieg ausbricht, etwa im Kosovo, im Irak, im Nahen Osten oder in Afghanistan, dann scheuen Redaktionen keinen Aufwand; dann werden sofort die Reporter raus geschickt, für schnelle aktuelle Bilder und Geschichten, live dabei. Krieg bringt Auflage, Krieg bringt Quote. "Im Krieg", sagt Michael Gleich, "muss der Reporter nur da sein, und es fallen ihm die existenziellen Dramen sozusagen vor die Füße." Trauer, Verzweiflung, Katastrophen, besonderer Mut, intensive Liebe und menschliche Nähe, für Identifikation und Spannung ist gesorgt. Gleich meint das selbstverständlich nicht zynisch. Aber tatsächlich hat ja die Fernsehbeobachtung tragischer Schicksale vom bequemen Sessel aus bei aller Empathie immer auch etwas Voyeuristisches ein Zuschauerbedürfnis, das von vielen Sendern und Zeitungen zunehmend spekulativ bedient wird.
Schon gar nicht will Gleich die journalistische Aufgabe des Kriegsberichterstatters diskreditieren. Im Gegenteil: "Sie ist selbstverständlich außerordentlich wichtig", nämlich dann, wenn sie die genaue statt oberflächliche Beobachtung, die umfassende Recherche der Hintergründe und das Ausleuchten von Ursachen und auch Lösungen leistet, so weit das in den manipulativen Atmosphären gewalttätiger Konflikte möglich ist. Viele Kollegen riskieren dabei Leib und Leben. Manche allerdings geben sich auch mit der vordergründigen Action zufrieden, weil auf dem Markt der aktuellen Dramen Wagemut und Skrupellosigkeit mehr als journalistische Genauigkeit zählen. Manche lassen sich auch, beispielsweise embedded eingebettet in den Tross einer der Kriegsparteien, für deren Propaganda einspannen. Ebbt ein Konflikt ab, oder auch nur das Interesse, dann fliegen sie wieder heim: Pull in, pull out einfallen und wieder von dannen ziehen. Selbst das gilt nicht für alle Konflikte. In marginalisierten Regionen ohne Rohstoffe und strategische Bedeutung, kann es sogar äußerst grausame Kriege geben, ohne dass irgend jemand hinschaut.
Friedensprozesse zu begleiten oft noch während der kriegerischen Handlungen ist manchmal kaum weniger gefährlich als die Kriegsberichterstattung, aber auf andere Weise mühsam. Denn Frieden ist kein Zustand, schon gar keine Action, sondern ein Prozess. Der dauert oft lange, ist mit Rückfällen verbunden, es geht einen Schritt nach vorn und zwei wieder zurück. Man muss diejenigen, die bei Friedensbemühungen die Hauptrollen spielen, und erst recht ihre Widersacher genau beschreiben und durchschauen und vor allem ihre Interessen analysieren. Bei Frieden geht es nicht um Nervenkitzel bei Gefahren, sondern um existenzielle Anforderungen, die nicht besonders aufregend zu sein scheinen: Wie man sich mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgen kann, wie man Respekt für einander lernt, oder schlicht, wie man den Alltag bewältigt und Zukunftsperspektiven entwickelt. Über Friedensanstrengungen zu berichten, erfordert den Mut zur Begegnung mit Armut und Not, zum Ertragen scheinbarer Aussichtslosigkeit. Und viel Geduld. Für Friedensberichterstattung braucht man Zeit, und Zeit ist Geld. Und man braucht Hartnäckigkeit und Ausdauer.
Michael Gleich baut zwar auf die "anthropologische Konstante, dass Menschen sich für andere Menschen interessieren". Dennoch ist die Friedensberichterstattung für ihn und seine Kollegen "eine journalistische Herausforderung". Eine Herausforderung, weil und das sei das zweite Dilemma viele Redaktionen kein Vertrauen mehr in das Interesse ihrer Hörer und Leser hätten, sich umfassend zu informieren. Sie unterstellten ihnen, sich bei komplizierteren Themen zu langweilen. Sie verwendeten heute oft mehr Energie in den "originellen Zugang", in den "Dreh", als in die Recherche zu eigentlich aus sich heraus faszinierenden Vorgängen und Figuren. Der typische Satz heiße: "So kann man das doch heute nicht mehr machen." Angeblich sind erzählte Reportagen aus fernen Ländern durch das Fernsehen überholt; angeblich stoßen sie in Zeiten der sozialen Krise, wo Medienkonsumenten sich mit der eigenen Zukunft beschäftigen, auf noch weniger Interesse. Das gleiche trifft zu auf Porträts von "Helden", von Menschen, die engagiert und konstruktiv an Lösungen arbeiten, aber mittlerweile schnell mit dem Begriff "Gutmenschen" abgestempelt werden. Einen beinahe zwingend auf der Hand liegenden Medienpartner sah Michael Gleich beispielsweise in dem evangelischen Magazin Chrismon. Doch die Redaktion habe nach einigem Diskutieren abgelehnt: "Geschichten über Menschen, die in der Welt etwas Gutes tun, wollen die Leute nicht lesen." Auch so ein typischer Satz. Aber wer sagt eigentlich, dass Zuschauer und Leser nicht längst mit Unterhaltung übersättigt sind und wieder nach Perspektiven, Vorbildern, Lösungsansätzen und Orientierung lechzen, selbstredend gut fotografiert und geschrieben?
Doch auch Michael Gleich betont vorbeugend, selbstverständlich wolle Peace Counts "nicht lauter Gandhis beschreiben" und auch keine "Hofberichterstattung der anderen Art" leisten, diesmal eben über NGOs. "Die Menschen, die wir porträtieren", sagt er, "haben natürlich alle ihre Brüche, und das macht sie spannend." Und er nennt als Beispiel einen ehemaligen Terroristen in Irland. Der hatte 20 Jahre lang im Gefängnis gesessen, ist also kein "Gutmensch". Seine Erkenntnis, dass Gewalt nur in die Sackgasse führt, versucht er heute jenen Jugendlichen nahezubringen, die für die attraktiven Angebote der Paramilitärs empfänglich zu sein scheinen.
Uli Reinhardt argumentiert offensiver: "Peace Counts", so sagt er, "würdigt endlich wieder die alten Reportertugenden: Genau hingucken, genau recherchieren, genau erzählen." Und das beim wichtigsten Thema der Welt.
aus: der überblick 04/2003, Seite 70
AUTOR(EN):
Christiane Grefe:
Christiane Grefe arbeitet als Reporterin bei der Wochenzeitung "Die Zeit" in Berlin.