Nachgefragt bei Peter Rottach
In Nordkorea herrscht noch immer Hunger. Während das kommunistische Regime den Besitz von Atomwaffen als diplomatischen Trumpf einsetzt, ist die Bevölkerung auf Hilfe aus dem "feindlichen" Ausland angewiesen. Peter Rottach, der Leiter des Referats Landwirtschaft, Ernährung und Umweltschutz bei "Brot für die Welt", hat Nordkorea im September besucht. Er reiste im Auftrag der Diakonie Katastrophenhilfe, die dort als führendes Werk für die Hilfsprogramme des ökumenischen Netzwerkes Action by Churches Together (ACT) tätig ist. Rottach schildert, wie ihre Hilfe die Ernährungslage verbessern soll.
von Bernd Ludermann
Die Hilfsprogramme der Diakonie in Nordkorea haben auf dem Höhepunkt der Hungersnot Mitte der 1990er Jahre begonnen. Wie ist die Ernährungslage dort jetzt?
Die Versorgungslage mit Lebensmitteln ist nach wie vor prekär. Nordkorea bräuchte etwa 6 Mio. Tonnen Getreide pro Jahr, um seine Bevölkerung zu ernähren, es produziert aber nur etwa 3,5 bis 4 Mio. Tonnen. Dem Defizit von 2 bis 2,5 Mio. Tonnen pro Jahr stehen Hilfslieferungen, zum Beispiel des UN-Welternährungsprogramms (WFP), von nur 400-500.000 Tonnen gegenüber. Die Hilfe kommt deshalb nur einigen Institutionen in Großstädten zugute, etwa Kindergärten und Schulen, aber sie reicht zur Versorgung aller Bedürftigen nicht aus.
Dem Land fehlen Devisen, um die Lücke mit Importen zu schließen?
Genau. Als der Ostblock noch bestand, konnte Nordkorea seine Lebensmittelimporte aus Exporten von Bodenschätzen und Industriegütern bezahlen. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks sind fast zwei Drittel der Außenhandelsbeziehungen weggebrochen. Das Land ist weitgehend auf die eigene Lebensmittelerzeugung angewiesen. Allerdings ist das Potential für die Agrarproduktion sehr gering. Unter ein Fünftel der Fläche ist für Landwirtschaft geeignet.
Heißt das, die Nothilfe ist im Grunde ein Dauerzustand?
Nicht notwendigerweise. Würden sich die politischen Verhältnisse und die Beziehungen zum Westen normalisieren, käme vermutlich auch die Industrialisierung wieder in Gang. Da die Bevölkerungsdichte nicht sehr hoch ist, wäre es mit einer anderen Landwirtschaftspolitik durchaus möglich, einen erheblich höheren Selbstversorgungsgrad als heute zu erreichen. Nur nicht unter den gegenwärtigen Produktionsbedingungen. Die Landwirtschaft beruht auf Großbetrieben getreu dem sozialistischen System; man hat große Flächen geschaffen, die sich für einen hohen Maschineneinsatz eignen. Die Maschinen funktionieren aber nicht mehr, und die großen Flächen sind nun kontraproduktiv. So wird wohl auf absehbare Zeit Hilfe nötig sein.
Im Grunde wäre eine Agrarreform nötig wie in der Volksrepublik China Ende der 1970er Jahre?
Ja. Eine Auflösung der Kooperativen und Verteilung des Landes an die Familien würde Anreize schaffen, die Produktivität erheblich zu erhöhen. Daran hat heute in den Kooperativen solange niemand Interesse, wie die Früchte der Arbeit in undurchsichtigen Kanälen verschwinden. Als Hilfswerk könnten wir nun sagen, bevor eine Landreform durchgeführt ist, machen wir keine Projekte mehr, weil die Hilfe verpufft oder nicht die optimale Wirkung erzielt. Damit würden wir aber die Menschen für das Regime bestrafen, unter dem sie sowieso leiden. Das Prinzip der Diakonie ist, Menschen zu helfen ungeachtet des Systems, in dem sie leben. Wir machen das Beste aus den Verhältnissen, die wir vorfinden.
Mit welchen Partnern arbeiten Sie?
Unsere Hilfe in Nordkorea wird koordiniert von der Food Aid Liaison Unit (FALU), die Teil des WFP ist. Action by Churches Together, für die die Diakonie Katastrophenhilfe in Nordkorea das führende Hilfswerk ist, finanziert Fachkräfte in der FALU, welche die Hilfe nichtstaatlicher Werke koordinieren und dafür die Infrastruktur des WFP nutzen können. Sie sind unsere Mittler zur Regierung, und sie überwachen die Verteilung. Das gewährleistet, dass die Hilfe wirklich denen zugute kommt, für die sie bestimmt ist.
Sie fürchten also nicht, dass Ihre Hilfe missbraucht wird, zum Beispiel an die Armee fließt?
Unsere Hilfe ist so ausgerichtet, dass sie der Armee wenig nutzen würde. Wir stellen zum Beispiel keine Transportmittel oder giftige Agrarchemikalien zur Verfügung, sondern verteilen Saatgut, Plastikfolien für Frühbeete und kleine landwirtschaftliche Geräte. Das kann eigentlich nur in der Landwirtschaft eingesetzt werden.
Größere Mengen Nahrungsmittel haben die Katastrophenhilfe und ACT nie geliefert?
In der Anfangsphase schon, als Mitte der 1990er Jahre die Hungersnot am größten war. Aber das Ziel unserer Arbeit ist gerade, von Lebensmittelhilfe wegzukommen und dem Land zu helfen, sich selbst zu versorgen. Dazu haben wir unsere Hilfe zunächst auf Haushalte bzw. Familien ausgerichtet, die bis zu 100 Quadratmeter Land als Hausgärten nutzen dürfen. Diese privaten Gärten werden höchst intensiv genutzt und sehr gut gepflegt, während auf dem Land der Kooperativen vieles im Argen liegt.
Sie hatten direkten Kontakt mit den Familien, die Hilfe erhalten sollen?
Ja. Darauf haben wir bestanden. Ich habe im September und auch schon bei früheren Reisen es waren bisher drei, die erste 2001 direkt mit den Nutznießern gesprochen und nicht nur mit den Managern der Farmen. Ich durfte in die Häuser und mit den Leuten sprechen. Man kommt aber schon aufgrund der Sprachprobleme nicht mit einer Bäuerin oder einem Bauern allein in Kontakt. Es ist immer ein Übersetzer dabei der zugleich Führer und vielleicht auch Aufpasser ist , außerdem die Verantwortlichen des Landkreises und die Leitung der Kooperativen. Man kann natürlich nicht erwarten, dass die Leute in so einem Kontext ganz frei sprechen. Durch Gespräche mit vielen Bäuerinnen und Bauern ist es aber doch möglich, Bedürfnisse, Ziele und gemeinsame Interessen festzustellen. Und diese Probleme sind nicht auf Nordkorea beschränkt.
Haben Sie festgestellt, dass die Hilfe der Diakonie die Lage verbessert hat?
Die Leute, die ich getroffen habe, haben sich jedenfalls sehr dankbar gezeigt. Sie haben gesagt, sie hätten besseres Saatgut gehabt, höhere Erträge in den Hausgärten erzielt und eine größere Vielfalt an Kulturen anbauen können. Die Hausgärten sind generell sehr gut gepflegt, was letztlich die Interessenlage der Leute widerspiegelt. Deshalb haben die nordkoreanischen Funktionäre immer wieder gesagt, wir sollten die Hilfe lieber den Kooperativen geben, wo die Erträge so niedrig sind, dass man mit kleiner Unterstützung viel erreichen kann.
Und warum fördert die Diakonie trotzdem die Hausgärten?
Erstens weil die Menschen diese Hilfe optimal verwenden und zweitens um sie zunächst zu überzeugen, dass die Hilfe der Diakonie ihnen direkt zugute kommt. Das schien uns als erster Schritt besser, als gleich von Anfang an die schwerfälligen Kooperativen zu unterstützen, was nur über längere Zeiträume eine wahrnehmbare Verbesserung gebracht hätte. Im Hinblick auf die Gesamternährungslage des Landes ist allerdings unbestreitbar, dass auch die Produktivität der Kooperativen verbessert werden muss. Denn man kann in Gärten von hundert Quadratmetern nicht genügend Nahrung erzeugen, insbesondere nicht für die Stadtbevölkerung. Deshalb werden wir jetzt auch eine Kooperative fördern und erwarten davon Impulse für die gesamte Landwirtschaft des betreffenden Landkreises.
Wie machen Sie das im Einzelnen?
Wir werden in einer Kooperative einen integrierten Landnutzungsplan für ein Wassereinzugsgebiet umsetzen. Angefangen von den Kuppen der Berge bis ins Tal versuchen wir mit ökologisch angepassten Verfahren die Produktivität des Landes zu erhöhen. In einem ersten Schritt werden die steilen Hanglagen aufgeforstet und teilweise mit Obstplantagen versehen. Damit kann der ökologisch extrem schädliche Ackerbau auf diesen Flächen unterbunden werden. Diese Nutzung ist verboten und bringt Erträge, die kaum den Aufwand rechtfertigen. Sie zeigt aber, wie knapp es um die Lebensmittelversorgung bestellt sein muss, denn sonst würde niemand freiwillig so steile Hänge bewirtschaften. Dort forsten wir auf und legen Obstplantagen an. So wird der Wasserabfluss verringert, und trotzdem bringt den Menschen die Nutzung etwas, da wir Brennholz und Obst produzieren. Danach soll der Ertrag auf den flacheren Hangpartien und den Nassreisfeldern in den Niederungen verbessert werden. Das verringert den Druck auf die ökologisch sensiblen steilen Hänge und produziert die nötigen Überschüsse für die Stadtbevölkerung.
Ihre jüngste Reise diente dazu, dieses Projekt zu planen?
Ja. Wir haben es mit den Partnern besprochen, das heißt mit dem Landwirtschaftsamt des Landkreises, dem Management der Kooperative und zuständigen Stellen in den Ministerien.
Ist das dann nicht ein von oben geplantes Projekt?
Das ist in diesem Land praktisch unvermeidbar. Partizipative Methoden sind dort sicher weit weniger möglich als anderswo. Schließlich haben wir es mit Kooperativen zu tun, deren Mitglieder sich wie Angestellte und Arbeiter einer Firma verhalten. Allerdings wird berichtet, dass heute die Farmmanager von den Mitgliedern gewählt werden und damit einer Erfolgskontrolle unterliegen. So können Entscheidungen weniger über die Köpfe der Leute hinweg von oben herab durchgesetzt werden.
Handelt es sich noch um Katastrophenhilfe oder nicht eher um Entwicklungshilfe?
Es handelt sich um landwirtschaftliche Rehabilitation, denn es geht darum, nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch Anfang der 1990er Jahre und einigen außergewöhnlichen Naturkatastrophen zumindest das ursprüngliche Ertragsniveau wieder zu erreichen, wenn auch mit anderen Methoden als damals. Ziel des Projektes ist durchaus die kurzfristige Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln.
Wann wird das Projekt beginnen?
Noch in diesem Jahr. Wir werden als erstes die vorhandene Baumschule aufmöbeln, die in einem desolaten Zustand ist, und auch Obstbaumsetzlinge einführen vermutlich aus China. Da die Baumschule dann neue Bäume zieht und an andere Kooperativen verkaufen kann, sind Ausstrahlungseffekte zu erwarten. In der zweiten Phase wollen wir auf den etwas weniger steilen Hängen, auf denen heute überwiegend Mais in Monokultur angebaut wird, Erosionsschutz betreiben, zum Beispiel indem Terrassen angelegt und die Felder unterteilt werden und quer zum Hang statt bergab gepflügt wird. Außerdem sollen die Bodenfruchtbarkeit und die Fruchtfolge verbessert und neue Kulturen eingeführt werden, zum Beispiel Ölpflanzen. Der Bedarf an Speiseöl und an Viehfutter ist in Nordkorea enorm. In der dritten Projektphase planen wir dann den Nassreisanbau in den flachen Gebieten zu verbessern. Wir haben vorgeschlagen, den Ertrag zu steigern, ohne von klassischen Betriebsmitteln wie Pumpen, Dünger und Pestizide abhängig zu sein. Und zwar mit einem System, das in Madagaskar entwickelt wurde: Man macht unter anderem die Pflanzabstände breiter und pflanzt die Setzlinge früher vom Beet auf das Feld. Wir schlagen vor, versuchsweise solche Anbauverfahren an verschiedenen Stellen anzuwenden. Für den Fall, dass die Versuche scheitern, bietet die Diakonie an, den Verlust auszugleichen. Da darüber hinaus kaum Kosten anfallen, wird das zumindest in der Versuchsphase ein sehr billiges Projekt.
Viele dieser Vorschläge bedeuten aber, dass auf den Kooperativen mehr Arbeit investiert werden muss.
Richtig. Eines der Probleme, die immer genannt werden, ist der Mangel an Arbeitskapazität, weil in den Kooperativen alle nur nach festen Arbeitszeiten tätig sind. Funktionsfähige Maschinen sind kaum noch vorhanden oder aufgrund von Treibstoffmangel nur bedingt einsatzbereit. Meine nordkoreanischen Gesprächspartner behaupten jedoch, dass die Arbeitsleistung sich verbessert hat, seit die Kooperativen für ihre Erzeugnisse, die sie an den Staat liefern, ordentlich bezahlt werden. Dass die Kooperativen ihre Ernte nicht mehr umsonst abführen, ist eine erste Reformmaßnahme.
Wer bestimmt, was in Kooperativen angebaut wird? Kommen die Direktiven von ganz oben?
Soweit ich verstanden habe, ist das nicht die Regel. Es kommt zwar vor, dass der Staatspräsident "Anleitungen" gibt, etwa um die Vorzüge des Kartoffelanbaus zu unterstreichen oder die Verbreitung der Ziegenhaltung zu propagieren. Üblicherweise aber handelt das Landwirtschaftsamt eines Kreises mit den Managern einer Kooperative aus, was und in welchem Umfang angebaut wird. Grundlage dafür sind die Planungen der Farmmanager. Das Landwirtschaftsamt legt auf der Basis der Vorjahreserträge die Mengen fest, die die Kooperative an den Landkreis abführen muss. Von dort geht die Ernte dann ein in das "Öffentliche Verteilungssystem".
Das heißt von dem Projekt, das jetzt anläuft, muss erstens das Management der Kooperative überzeugt werden und zweitens das Landwirtschaftsamt des Kreises auch wenn das vielleicht geringere Ablieferungen etwa von Mais befürchtet?
Ja. Das Landwirtschaftsamt hat die Kooperative für das Projekt vorgeschlagen. Die ist dankbar, wenn überhaupt jemand ein Projekt unterstützt. Ich habe den Eindruck, die Landkreise konkurrieren darum, dass Hilfsorganisationen bei ihnen tätig werden. Wenn man in einer Kooperative fragt, was braucht Ihr am dringendsten, werden immer Traktoren, Lastwagen und Düngemittel genannt, vielleicht auch noch Pumpen für die Bewässerung. Genau das wollen wir ihnen nicht geben, weil wir dann praktisch gezwungen wären, auf unbestimmte Zeit Ersatzteile, Treibstoff und Agrarchemikalien bereit zu stellen.
Hoffen Sie, dass Projekte in einzelnen Kooperativen letzten Endes eine Reform der Landwirtschaft fördern?
Ich bin überzeugt davon, dass sich die Agrarstruktur in nächster Zeit verändern wird. Unsere Hilfe unterlässt alles, was Strukturen, die nicht lebensfähig sind, künstlich stärken und am Leben halten würde. Unser innovatives Projekt wird besonderen Nutzen bringen, wenn die Kooperativen in ihrer heutigen Form nicht mehr existieren. Zum Beispiel kann es sich vielleicht später für eine Neuverteilung von Land als sinnvoll erweisen, wenn aus ökologischen Gründen große Parzellen an den Hängen unterteilt wurden. Natürlich lehnen die Nordkoreaner jede Einmischung in ihre politischen Angelegenheiten ab. Es ist aber nicht die Aufgabe der Diakonie, mit ihren Projekten die Agrarpolitik des Landes zu torpedieren.
Haben Sie den Eindruck, dass der politische Streit über die Kernwaffenprogramme Nordkoreas die Arbeit der Hilfswerke belastet? Nehmen zum Beispiel Schikanen zu?
Nein, im Verhältnis zu meinen nordkoreanischen Partnern habe ich keine Veränderung festgestellt. Das Klima der Gespräche ist freundlich. Die Nordkoreaner scheinen aber Unterschiede zu machen je nachdem, aus welcher Ecke des Westens man kommt. Für Mitarbeitende US-amerikanischer Organisationen soll es äußerst schwierig sein, ein Visum zu erhalten. Bei mir war das bisher immer sehr unproblematisch.
aus: der überblick 04/2003, Seite 136
AUTOR(EN):
Bernd Ludermann :
Bernd Ludermann war viele Jahre Redakteur beim "überblick". Er arbeitet jetzt als freier Journalist in Hamburg und betreut unter anderem als Redakteur die Forum-Seiten im "überblick".