Beobachtungen und Erkenntnisse der Zusammenarbeit mit Nordkorea
Wie gestaltet man die Entwicklungszusammenarbeit mit einem Staat, der als Schurkenstaat eingestuft wird und dessen Menschen Not leiden? Ein Bericht über Erfahrungen im Umgang mit Nordkorea.
von Manfred Kulessa
"Wenn der Wind des Wandels sich erhebt, bauen einige Mauern, andere bauen Windmühlen." Diesen Spruch habe ich kürzlich in China kennen gelernt und zum Motto meines Besuchs in Nordkorea gewählt. Es kommt mir dabei nicht darauf an, ob es sich tatsächlich um eine ostasiatische Redensart oder doch um die Erfindung eines gescheiten Westlers handelt. Jedenfalls leuchtet die Botschaft ein: Wenn sich ein historischer Wandel andeutet, ist man gut beraten, nach Mauern und Windmühlen Ausschau zu halten und diese Unterscheidung im Auge zu behalten.
Von dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) war ich gebeten worden, im ersten Quartal 2006 nach Korea zu reisen und dort gemeinsam mit einer professionellen Evaluiererin ein Review des Landesprogramms durchzuführen. Wir waren im Februar/März dort, und unser bislang vertraulicher Bericht wurde inzwischen von dem finnischen UN-Koordinator, der nordkoreanischen Regierung und UNDP akzeptiert. Er dient vor allem der Vorbereitung des neuen Programms (2007 bis 2009) auf der Grundlage eines gemeinsamen strategischen Rahmens der UN-Organisationen.
Diesem Auftrag entsprechend, kann ich verständlicherweise keine Aussagen über das Nuklearprogramm oder die Nachfolge in der Staatsführung machen. Dazu besitze ich weder Insider-Informationen noch die notwendigen prophetischen Fähigkeiten. Dass sich in der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK) ein Wandel andeutet, wird allerdings so gut wie von allen Beobachtern gespürt und berichtet. Die diversen dafür vorhergesagten Szenarien findet man in der entsprechenden Literatur ausgebreitet. Auch da will ich mir kein Urteil erlauben, sondern an dieser Stelle lieber den Dalai Lama zitieren, der kürzlich in einem Vortrag in den USA gesagt hat: "Wenn Sie Fragen haben, bemühen Sie sich bitte selbst um die richtige Antwort." Hoffnung darf und soll man natürlich immer haben.
Mir erscheint bei aller gewiss notwendigen Vorsicht angesichts der sehr menschlichen Gefahr des Wunschdenkens die These von einem soft landing, von einer sanften Landung, ähnlich der Entwicklung in China oder Vietnam mit der Option einer Einmündung in eine koreanische Konföderation einleuchtend. Aber es mag auch ganz anders kommen, selbst wenn sich die internationale Gemeinschaft ernsthaft um die richtige Antwort bemühen sollte.
Der Sinologe und Goethe-Institutsleiter Kahn-Ackermann hat vor Jahren als junger Austauschstudent in China ein viel gelesenes Buch mit dem Titel "Drinnen vor der Tür" geschrieben, der seine Befindlichkeit als Gast in einem System beschrieb, zu dem er wenig Zugang hatte. So ähnlich kann es Ausländern in der DVRK gehen, weswegen sie dann über ihre Eindrücke und "Einblicke in ein rätselhaftes Land" (Christoph Moeskes) berichten.
Ich möchte der Versuchung widerstehen, hier auch solche Geschichten vorzutragen. Es ist aber durchaus reizvoll, die verschiedenen Perspektiven der diversen Gäste zu studieren, etwa am Beispiel der Kim Il Sung-Verehrerin Luise Rinser, des letzten DDR-Botschafters Hans Maretzki, seines Nachlassverwalters Peter Schaller oder der unermüdlichen Käthi Zellweger, die Nordkorea im letzten Jahrzehnt gut fünfzig Mal im Auftrag ökumenischer Hilfsdienste besucht hat. Deshalb ist es vielleicht doch erlaubt, wenn ich meine über China vermittelte Beziehung zu Korea kurz skizziere.
Vor dreißig Jahren starben Mao Zedong und Zhou Enlai im gleichen Jahr. Ich vertrat damals das UNDP in Nepal, wo wir die Chinesen, die dort Entwicklungshilfe leisteten, zum ersten Mal in die internationale Geberkoordination einbezogen.
Im folgenden Jahr kam Deng Xiaoping kurz nach Kathmandu. Den Zweck des Besuchs und die Bedeutung des kleinen Herrn konnten wir damals überhaupt nicht einschätzen. Immerhin war da schon vom Wind der Reformen die Rede, der durch China fegen sollte. Diesem Besuch verdanke ich ein gemeinsames Foto, das sich später als außerordentlich wertvoll erwies, und die Absprache über eine entwicklungspolitische Studienreise von UN-Kollegen nach China.
Als diese Reise ein Jahr später stattfand, konnte ich nicht mehr daran teilnehmen, weil ich inzwischen schon in die Zentrale nach New York versetzt worden war, wo ich mich um die regionale Zusammenarbeit in Asien kümmern sollte. Dort erschien 1978 ein chinesischer Vizeminister, der uns erklärte, China werde sich in Kürze als Entwicklungsland definieren und die Entwicklungshilfe internationaler Organisationen und befreundeter Staaten akzeptieren. Das war für uns ein aufregendes Signal. Denn anders als in Deutschland nach dem Ende der Hallstein-Doktrin und etwa bei dem derzeitigen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), das die Zahl unserer Partner in der Entwicklungszusammenarbeit möglichst beschränken möchte, geht es bei den UN und dem UNDP um Universalität, und die Zusammenarbeit mit China war dabei ein entscheidender Schritt nach vorn. Wir gingen dieser Chance energisch nach, und ein Jahr später hatten wir bereits ein erstes Länderprogramm für China vereinbart und ein UNDP-Büro in Peking eingerichtet.
Damals, im Jahre 1979, erhielten wir daraufhin den Besuch eines Vizeministers der DVRK, der ebenfalls das Interesse seiner Regierung an einem UNDP-Programm zum Ausdruck brachte. Auch da dauerte es nur ein Jahr, bis Länderprogramm und UNDP-Büro existierten, wenngleich sich die Verhandlungen weniger einfach gestalteten. Schließlich war der Koreakrieg unter der UN-Flagge geführt worden, und wir befanden uns noch mitten in der Zeit des Kalten Krieges. Es gelang uns aber, die beiden Programme für Nordund Südkorea gleichzeitig durch den UNDP-Verwaltungsrat zu bringen. In den 1980er Jahren habe ich dann mehrfach Nordkorea besucht und die Beziehungen weiter gepflegt, vor allem mit Blick auf die regionale Zusammenarbeit.
Nach meiner UN-Zeit wurde ich 1990 zusammen mit einem Mitarbeiter der Deutschen Welthungerhilfe von der nordkoreanischen Regierung und UNDP eingeladen, Möglichkeiten für ein Engagement westlicher nichtstaatlicher Organisationen (NGOs) zu prüfen, wie uns das in China mit einigem Erfolg gelungen war. Wir machten in unserem Bericht eine Reihe von Projektvorschlägen, von denen meines Wissens keiner verwirklicht worden ist. Gleichzeitig wiesen wir auf die dringende Notwendigkeit der Erweiterung und Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion hin und empfahlen food-for-work-Projekte. Davon wollten die Geber damals nicht viel hören. Als es endlich gelang, den Chef des World Food Programme der Vereinten Nationen, James Ingram, zu bewegen, eine Expertengruppe nach Korea zu entsenden, kam diese mit dem Bericht zurück, sie habe nicht feststellen können, ob das Land tatsächlich ein Land mit Nahrungsmittelmangel sei.
So verhielt sich die internationale Gemeinschaft weitere fünf Jahre lang passiv, bis die durch den Zusammenbruch der Handelsbeziehungen im Ostblock und Naturkatastrophen entstandene Versorgungskrise so offensichtlich geworden war, dass man sich der Notwendigkeit humanitärer Hilfe nicht länger verschließen konnte. Diese Hilfe wurde dann auch über ein Jahrzehnt hinweg von vielen entwicklungspolitischen Akteuren geleistet.
In den neunziger Jahren ergab sich für mich dann mehrfach die Möglichkeit, die Tumen-Region mit dem Dreiländereck (Russland, China und Nordkorea) und der Sonderwirtschaftszone Rajin-Sonbong zu besuchen. In dem Tumen River Area Development Programme fördert das UNDP ein ehrgeiziges Projekt regionaler Zusammenarbeit, an dem die beiden koreanischen Staaten gemeinsam mit China, Russland, Japan und der Mongolei beteiligt sind, wenn auch bislang nur mit bescheidenem Erfolg. Auf der chinesischen Seite lebt in der Provinz Jilin eine beachtliche koreanische Minderheit, von denen in den letzten Jahren im Zusammenhang mit der Aufnahme von Flüchtlingen aus Nordkorea zu hören war. Eine dortige Universität erfreute sich übrigens der partnerschaftlichen Verbindung zu einer großen Berliner Fachhochschule.
Der Zeitpunkt unseres diesjährigen Besuches fiel zusammen mit der Abwicklung der bisherigen humanitären Hilfe. Die nordkoreanische Regierung hatte mit ihren früheren Ankündigungen Ernst gemacht, diese Programme zum Jahresende zu schließen. Gleichzeitig betonte sie ihr Interesse an nachhaltiger Entwicklungszusammenarbeit. Zahlreiche internationale NGOs beendeten ihre Projektarbeit und verließen das Land. Andere versuchten noch, mit der Regierung zu verhandeln. Die Änderung der Politik beschäftigte natürlich auch das UN-System. Zwar waren UNDP, das Kinderhilfswerk UNICEF und die Fachorganisationen wie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) oder die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht direkt betroffen, aber das recht bedeutende Engagement des Welternährungsprogramms (WFP) war ernsthaft in Frage gestellt, wie übrigens auch das der Europäischen Union (EU).
Die koreanische Position lässt sich erklären. Die Regierung, dem Ideal der Juche-Autarkie verpflichtet (vergl. "der überblick" 3/2000), wollte die ständige Abhängigkeit von Hilfslieferungen und die Anwesenheit von zahlreichen ausländischen Kontrolleuren nicht als Dauerzustand akzeptieren. Man kennt ja auch bei uns den entwicklungspolitischen Lehrsatz, dass ein Fisch dem Empfänger weniger hilft als die Kunst des Fischens. Wir haben allerdings in unseren Gesprächen mit der Regierung bei allem Verständnis vor der Gefahr gewarnt, bei diesen Diskussionen in die Etikettenfalle zu tappen. Man solle, so unser Rat, in der gegenwärtigen Situation, in der die meisten Geber nicht bereit sind, Finanzielle Zusammenarbeit (FZ) oder Technische Zusammenarbeit (TZ) zu leisten, sorgfältig prüfen, welche der unter dem Titel humanitärer Hilfe angebotenen Programme zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen, wie das etwa bei Wasserleitungen oder Gewächshäusern eindeutig der Fall ist. Während unseres Aufenthaltes in Korea war das letzte Wort in dieser vieldiskutierten Sache noch nicht gesprochen. Inzwischen kam es aber zu Vereinbarungen mit WFP und EU über die Fortführung von deren Programmen in reduziertem Umfang.
Die ganze Diskussion kann auch vor dem Hintergrund leicht ansteigender Ernteerträge und großzügiger Lieferungen aus China und Südkorea gesehen werden. Beobachter gehen allerdings nach wie vor von einer angespannten Versorgungssituation aus.
Ich komme zurück zu Mauern und Windmühlen. Die Mauern brauche ich nicht näher zu benennen. Ich will nun andeutungsweise ein paar Windmühlen vorführen. Genannt sei hier zunächst das akademische Gespräch zur Abrüstung.
Professor Herbert Wulf, Weizsäcker-Schüler, Friedensforscher und ehemals Direktor vom Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) und vom Bonn International Center for Conversion (BICC), leitet das Projekt eines Dialogprogramms, das koreanische Wissenschaftler und Diplomaten mit westeuropäischen Partnern in das Gespräch über Abrüstung und Rüstungskontrolle gebracht hat. Diese Leute waren unter anderem in Hamburg bei der Akademie der Bundeswehr zu Gast. Hier wird mit Förderung seitens des UNDP und Schwedens ein ungewöhnliches Pilotvorhaben durchgeführt. Das Projekt wird allgemein sehr positiv beurteilt. Aber auch da wachsen die Bäume natürlich nicht gleich in den Himmel, und möglicherweise zeichnen sich gelegentlich sogar Mauerkonturen ab. Man würde beispielsweise begrüßen, wenn es gelänge, die koreanischen Militärs einzubeziehen und die Unterstützung der Bundesregierung für dieses Vorhaben zu gewinnen.
Zweitens seien die Millenniumsziele genannt. Es ist kaum bekannt, dass Nordkorea zu den Teilnehmern des Millennium-Gipfels gehört, die Millenniumsziele (MDGs) als Planvorgaben übernommen und sie mit Hilfe von UNDP in ein statistisches System umgesetzt hat. Auf dieser Grundlage soll im kommenden Jahr ein erster nationaler Bericht über die Lebensqualität in Nordkorea erstellt werden. Angesichts der Tatsache, dass für dieses Land bislang kein Bericht über die menschliche Entwicklung (Human Development Report) vorliegt, wäre das ein ganz beachtlicher Schritt.
Das dritte Beispiel ist die Technische Zusammenarbeit. Ein ganzer Windmühlenpark tut sich im Bereich der TZ auf. (Der Begriff ist eine unglückliche wörtliche Übernahme aus dem Englischen. Es müsste eigentlich fachliche Zusammenarbeit heißen.) Es geht da generell um die Vermittlung von Wissen und Können. Das entwicklungspolitische Modewort heißt derzeit capacity building. Gemeint ist so ziemlich das Gleiche wie in Opas Slogan von der Hilfe zur Selbsthilfe. Als das UNDP vor einem Vierteljahrhundert mit dem ersten TZ-Programm in Korea antrat, hatten wir noch mit vielen Mauern zu tun. Von außen drohten die Schranken der COCOM-Richtlinien (die Exporte von neuer Technologie in kommunistische Länder verboten), und im Inneren mussten wir damit rechnen, dass unsere Arbeit als Herausforderung empfunden werden konnte.
Damals schrieb ich aus Pjöngjang: "Die gewünschte wissenschaftlich-technische Modernisierung lässt sich nicht ohne Schwierigkeiten mit den Besonderheiten des geschlossenen Systems vereinbaren, das hier unter ganz eigenartigen historischen und kulturellen Bedingungen entstanden ist. Nunmehr wird eine Ebene angepeilt, die ein hohes Maß an Kommunikation und internationaler Wissenschaftlichkeit erfordert. Ein ernsthafter Technologietransfer würde eine gewisse Öffnung voraussetzen beziehungsweise mit sich bringen."
Heute erkennen wir trotz des Rückschlags infolge der Wirtschaftskrise ein Stück Fortschritt in dieser Richtung. An den Ergebnissen des UNDP-Programms kann man dafür Beispiele ablesen. Mit der Einführung moderner Technologien wurde das Management von ländlichen Ressourcen wie das Umwelt-Monitoring unterstützt. Jetzt können beispielsweise mit Satellitenaufnahmen wichtige Daten für die Erntevoraussage oder das Ausmaß von Waldbränden erhoben werden, und ein Programm für nachhaltige ländliche Energieentwicklung ist in Vorbereitung. Die technische Ausrüstung von Handelsbüros und die internationale Fortbildung ihrer Mitarbeiter tragen zunehmend zur Steigerung der Effizienz des Außenhandels bei. Die betriebswirtschaftliche Kapazität von Managerinnen in Frauenbetrieben wird gefördert, wie überhaupt das Management-Training im Vordergrund der TZ steht. In Zukunft soll es sich auch auf den Bereich der sozialen Dienste erstrecken. (Mit einigem Vergnügen habe ich kürzlich erfahren, dass koreanische Ingenieure zum Studium der Windmühlentechnik in Deutschland eingeladen waren.)
Es ist gewiss gut und nützlich, wenn so ein paar hundert Fach- und Führungskräfte geschult werden und Anschluss an die internationale Entwicklung ihres Fachs gewinnen. Aber man wünschte sich eine stärkere und breiter angelegte Entwicklungszusammenarbeit. Bislang erscheint sie doch etwas marginal. Neben den UN-Programmen wird TZ nur von wenigen Ländern wie Schweden und der Schweiz gewährt. Und FZ ist so gut wie gar nicht vorhanden. An ein Engagement von Weltbank oder der Asian Development Bank (ADB) ist derzeit gar nicht zu denken. Uns sind in Nordkorea leider Beispiele dafür begegnet, dass ausgebildete Fachkräfte nicht erfolgreich tätig werden können, weil es an dafür nötigen Investitionen und Importen aus dem Ausland fehlt.
Umso wertvoller sind die Privatinvestitionen, die jetzt aus Südkorea und mittlerweile auch aus China in die DVRK hereinkommen. Man ist bereit, den nicht immer ganz unschuldigen Hyundai- Chefs fast alles zu verzeihen, wenn sie in so global nützliche Vorhaben investieren wie das Bonner internationale Konferenzzentrum und den Tourismuspark in Nordkorea. Es sind ja nicht nur die Touristen, von denen in diesem Jahr 400.000 aus dem Süden allein nach Kumgangsan heranrollen, und für die weitere Ferienziele ausgebaut werden sollen. In der Sonderwirtschaftszone Kaesong sind schon 15 Firmen tätig, und ihre Zahl soll sich in den nächsten Jahren vervielfachen. Die Zahl der dort beschäftigten nordkoreanischen Arbeiter soll sich von derzeit 20.000 innerhalb von sechs Jahren auf insgesamt 730.000 erhöhen. Von der Republik of Korea (ROK, Südkorea) her gesehen, wird diese Expansion nicht nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gesehen, sondern sie gilt als Teil einer Strategie, die Ausgangsbedingungen für eine Annäherung erst einmal zu verbessern. Inzwischen existiert übrigens auch Handel und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Nordkorea und Deutschland.
Wie in diesem Zusammenhang die in Südkorea neuerdings grassierende Mode von Bars und Shops mit nordkoreanischem Ambiente zu verstehen und einzuordnen ist, vermag ich beim besten Willen nicht zu sagen. Es ist jedenfalls ein erstaunliches Phänomen.
Nicht zuletzt soll hier von Wirtschaftsreformen die Rede sein. Vor vier Jahren wurde ein Wandel in der Wirtschaftspolitik eingeleitet. In der Bewertung der Motive und Auswirkungen scheiden sich die Geister an der Frage, ob die eiserne Faust die unsichtbare Hand akzeptieren kann (so der Titel einer Studie der International Crisis Group), ob also rigider Wirtschaftsdirigismus und die unsichtbare Kraft des Marktes Hand in Hand gehen können. Bei den UN-Ökonomen lässt sich die herrschende Meinung dahingehend zusammenfassen, dass die Reformen schon etwas erreicht haben, dass aber weiterer Fortschritt für den Wandel nötig ist. Mit dem Ziel, ein Unternehmertum anzuregen, wurde etwa der freie Verkauf von Überschussproduktion zugelassen und der Umfang der eigenbewirtschafteten Flächen vergrößert (mit 100 Quadratmetern immer noch eine bescheidene Größe). Gleichzeitig wurden im Zuge einer Dezentralisierung Entscheidungen auf die lokale Ebene delegiert, Subventionen reduziert und Richtlinien für Preise und Löhne verändert. Die Die Zucht von Ziegen eignet sich für die an die Reisfelder grenzenden Hügelgebiete; das christliche Hilfswerk "Campus für Christus" hat die Ziegenproduktion und deren Milchverarbeitung stark verbessert.
UN-Ökonomen meinen, dass es dadurch wieder zu Wirtschaftswachstum gekommen ist, allerdings auch zu massiven Preisanstiegen und erheblicher Inflation. Deshalb, so ihr Rat, solle sich die Regierung weiterhin darum bemühen, das Wirtschaftsmanagement und seine Effizienz zu verbessern und die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) vor allem in diesem Bereich einsetzen.
Auch in der ostasiatischen Zusammenarbeit zeichnet sich Fortschritt ab. Vor einigen Jahren war die Vorstellung einer ostasiatischen Union nach europäischem Vorbild noch völlig utopisch. Nachdem Südkoreas Präsident Roh 2003 eine "Nordasiatische Kooperationsinitiative für Frieden und Wohlstand" verkündet und sich im Dezember 2005 in Kuala Lumpur ein erster Ostasiengipfel getroffen hatte, ist die Vision des früheren japanischen Außenministers Hiroshi Tanaka für eine Ostasiatische Gemeinschaft nach dem Vorbild der EU nicht mehr als völlig aussichtslos abzutun. Natürlich hat man es auf dem Weg dahin mit enormen Stolpersteinen zu tun. Aber das war schließlich mit unserer europäischen Geschichte nicht anders. Jedenfalls ist die Koreafrage für eine Ostasiatische Gemeinschaft das Schlüsselproblem. In der Region wächst die Überzeugung, dass man dieses Problem besser nachbarschaftlich angehen soll: also durch Annäherung und Zusammenarbeit statt der Drohszenarien. Ein prominenter südkoreanischer Journalist formuliert das ganz ungeniert so: "Die USA wollen das Problem Nordkorea wegoperieren. Wir verlassen uns auf die asiatische Kunst der sanften Heilung."
Die UN können jedenfalls ein paar Stricke zu dem Versuch beitragen, den Gulliver der Konfliktgefahr in Fesseln zu legen und regionale Zusammenarbeit zu ermöglichen. Das Tumen River Area Development Programme ist dafür nur eins von vielen Beispielen, wenn auch ein ungewöhnliches, weil es gelungen ist, die Konfliktparteien schon früh zur gemeinsamen Trägerschaft zu bringen.
Auch die politischen Stiftungen können einen Beitrag leisten. Mit einiger Befriedigung kann man feststellen, dass die deutschen politischen Stiftungen sich bei ihrer Antwort auf unsere Ausgangsfrage ziemlich eindeutig für die Windmühlenstrategie entschieden haben. In Zusammenarbeit mit führenden Institutionen des Landes wie dem Wirtschaftsinstitut des nordkoreanischen Kabinetts veranstalten sie Seminare und Fortbildungskurse zur Unterstützung des wirtschaftlichen Transformationsprozesses in der Finanz- und Marktwirtschaft, in einem Fall auch in der landwirtschaftlichen Berufsbildung. Der Vertreter einer dieser Stiftungen betonte mir gegenüber, dass jede Maßnahme des fachlichen Austausches ein Baustein für den Aufbau einer neuen Wirtschafts- und irgendwann auch einer neuen Gesellschaftsordnung sei. Die politischen Stiftungen unterhalten in Pjöngjang keine Vertretung, betreiben aber meist über Büros in Seoul eine aktive Kontaktpflege. Man kann nur wünschen, dass ihre Einstellung und Erfahrung sich in der Politik der ihnen nahe stehenden Parteien in Deutschland und Europa auswirken wird.
Welche Rolle können die Kirchen beim Wandel spielen? In Nordkorea hat man schon früh die potenzielle Rolle der Christen im koreanischen Dialog erkannt und dem Koreanischen Christenbund (KCF) die Möglichkeit zur aktiven Beteiligung daran eingeräumt. In Deutschland haben sich mehrfach bei den evangelischen Kirchentagen Delegationen aus Nord- und Südkorea getroffen. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat den ökumenischen Kontakt zum KCF gepflegt, worüber die zuständigen Asienreferenten Johannes Achilles und Paul Oppenheim ausführlich berichtet haben. Der letzte Besuch einer EKD-Delegation in der DVRK fand im Mai 2005 statt. Daran waren auch Pastoren und Gemeindemitglieder (süd)koreanischer Herkunft beteiligt (siehe Korea Forum 1+2/2005).
Letztlich leistet Deutschland auch im Rahmen des Kulturaustauschs einen kleinen Beitrag zur Annäherung. Die Deutsche Welle etwa fördert die Fortbildung von Journalisten aus Nord- und Südkorea. Der DAAD ist seit Jahren in der DVRK vertreten und aktiv. In Musik und darstellender Kunst gibt es Kontakte, die sicher ausgebaut werden könnten. Nordkoreas moderne Bilder, Grafiken und Keramik sind zuerst in China und dann auch im Westen, vor allem in London, gezeigt worden. Für die Künstler sind wie für Wissenschaftler die Einblicke und Eindrücke wichtig, die sie aus dem Austausch gewinnen können. Irgendwie sind die Besucher davon immer ein Teil.
In der europäischen Geistesgeschichte so sei hier zum Schluss bemerkt dominiert zum Stichwort Windmühlen noch die Erfahrung des Don Quixote. Es wäre schade, wenn es dabei bliebe. Wie in der globalen Energiewirtschaft, so mögen auch für die Zukunft der Entwicklung in Korea die hier angedeuteten Windmühlen einen konstruktiven Beitrag leisten.
aus: der überblick 04/2006, Seite 62
AUTOR(EN):
Manfred Kulessa
Manfred Kulessa,
der Gründer von "der überblick", hielt diesen Vortrag
am 19.6.2006 auf einer Veranstaltung der "Deutschen
Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V." in
Berlin.