In Brasilien wird Holzkohle zur Stahlproduktion mit Hilfe von Vertragssklaverei erzeugt
Sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse auf den Holzplantagen im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais haben Menschenrechtsvertreter auf den Plan gerufen. Die brasilianische Regierung hat versprochen, etwas gegen diese moderne Sklaverei zu unternehmen, aber gleichzeitig die Strafgelder für die Sklavenhalter auf den Plantagen gesenkt. Und der Präsident sagt, die gesamte Nation müsse für 400 Jahre Sklaverei bezahlen.
von Astrid Prange
Beißende Rauchschwaden verdecken die grelle Sonne. Die heiße Luft flimmert. Selbst nach Sonnenuntergang gibt es vor der sengenden Hitze kein Entrinnen. Barfuß wanken Carlos und Maria dos Angos zwischen brennenden Öfen hin und her. Sie greifen in die Glut, suchen nach fertigen Holzkohlescheiten und sortieren sie in riesige Körbe. Ihre zerfurchten Gesichter und die von Brandwunden und Ruß überzogenen Beine offenbaren bitterste Armut und Demütigung.
"Findest Du nicht, dass ich auch etwas verdienen müsste?", fragt Maria dos Angos den Besucher von der Landpastorale (CPT), Alvimar Ribeiro Santos. Der Gewerkschafter nickt und bleibt stumm. Seit Jahren versucht er die rund 40.000 Tagelöhner auf den Eukalyptusplantagen in der Region rund um die Kleinstadt Montes Claros im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais für den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen zu gewinnen. Ein zähes Unterfangen. Die wortkargen Arbeiter wollen keinen Ärger. Fragen von Außenseitern, die ihre Lohnsteuerkarte sehen wollen, werden mit misstrauischen und verächtlichen Blicken quittiert.
Das Ehepaar Carlos und Maria dos Angos haust mit seinen sechs Kindern in einer selbstgebastelten Hütte aus Plastikplanen und Palmwedeln auf einer Eukalyptusplantage in der Umgebung von Montes Claros. Keines der Kinder geht zur Schule. Von Lehrern ist auf der Plantage weit und breit keine Spur, Schulbusse verirren sich niemals in diese endlosen Eukalyptushaine. Lernen ist hier Luxus: Schließlich sind alle Familienmitglieder damit beschäftigt, rund um die Uhr die Holzkohleproduktion in den insgesamt 38 tönernen Öfen aufrecht zu erhalten. Ständig müssen neue Scheite in die Glut gelegt und die fertige Kohle rechtzeitig aus dem Feuer geholt werden, bevor sie sich in Asche auflöst. Montes Claros ist über 30 Kilometer entfernt. Carlos und Maria zieht es sowieso nicht in die Kleinstadt. Für Tagelöhner gibt es dort keine Arbeit, geschweige denn freundliche Worte: Die Zuzügler aus dem Nordosten Brasiliens sollten froh sein, dass sie überhaupt eine Arbeit gefunden hätten, heißt es dort unverblümt.
Bis vor kurzem waren Landarbeitergewerkschaften und Kirchen die einzigen, die sich für das Schicksal der Arbeiter und ihrer Familien auf den Eukalyptusplantagen interessierten. Die erste dramatische Anklage kam 1971 von Bischof Dom Pedro Casaldáliga. Im Jahr 1975 wurde die Landpastorale gegründet, die das Ausmaß der blutigen Konflikte zwischen Großgrundbesitzern und Landarbeitern dokumentierte und öffentlich bekannt machte. Doch während der Militärdiktatur (1965-1989) - insbesondere in den achtziger Jahren, als sklavenähnliche Arbeitsformen in Brasilien wesentlich weiter verbreitet waren als heute - war das Thema tabu. "Erst nachdem die brasilianische Presse die Arbeitsbedingungen mit Aufsehen erregenden Reportagen national bekannt gemacht hatte, bewegte sich etwas", erklärt Alvimar Ribeiro Santos von der CPT (vgl. "der überblick" 2/1998).
Jüngstes Beispiel: Nach einem Bericht der brasilianischen Tageszeitung Folha de São Paulo vom 12. November 2001 über Holzkohleproduktion im Bundesstaat Pará entschloss sich die Menschenrechtskommission des brasilianischen Parlaments zu einem Kontrollbesuch in der Region. Bei ihrer Stippvisite auf sieben Plantagen in den Gemeinden Rondon do Pará, Dom Eliseu, Ulianópolis und Paragominas trafen die Abgeordneten auf 160 Erwachsene, die unter menschenunwürdigen Bedingungen mit Hilfe ihrer Kinder Schwerstarbeit leisteten. Viele der Kinder hatten sich beim Spielen oder beim Be- und Entladen der Öfen hochgradige Verbrennungen zugezogen. Trinkwasser und sanitäre Anlagen waren weit und breit nirgends zu finden.
"Die informelle Art, Plantagenarbeiter anzuheuern, fördert Kinderarbeit, Ausbeutung und sklavenähnliche Verhältnisse", lautet die Schlussfolgerung des Abgeordneten Orlando Fantazzini, Mitglied der Arbeiterpartei PT. "Abgesehen von den entwürdigenden Arbeitsbedingungen verursacht das Leben ohne Schutzkleidung inmitten von Rauchschwaden und Hitze gravieren-de Atemwegserkrankungen, Fieberschübe, Verbrennungen und Verstümmelungen." Fantazzini schlug vor, in Zukunft bei Kontrollen nicht nur die Plantagenbesitzer, sondern auch die Stahlindustrie als Endabnehmer verstärkt ins Visier zu nehmen.
Die Aufklärungsarbeit von Medien, Gewerkschaften, Kirchen und parlamentarischen Untersuchungskommissionen hat dazu geführt, dass die offiziellen Kontrollen in Gebieten mit Zuckerrohranbau, Eukalyptus-, Kaffee- und Zitrusplantagen zugenommen haben. Seit 1995 die mobile Kontrolleinheit des Secretaria de Inspeção do Trabalho (SIT), des nationalen Sekretariats für Arbeitsinspektion, gegründet wurde, das zum Arbeitsministerium gehört, ist die Bekämpfung der modernen Formen von Sklaverei zu einer Aufgabe der Regierung avanciert. Präsident Fernando Henrique Cardoso, von Haus aus Soziologe und Verfasser mehrerer Bücher, die sich mit der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft beschäftigen, setzte als erstes Staatsoberhaupt Brasiliens das Tabuthema auf die politische Tagesordnung. Nach offiziellen Angaben stieg die Anzahl der "befreiten" Arbeiter von durchschnittlich knapp 500 im Jahr 1995 auf auf 1812 im Jahr 2001. Cláudio Secchin, der Chef der mobilen Kontrolleinheit des SIT, führt dies auf die erhöhte Effizienz der Kontrolle und nicht auf den allgemeinen Anstieg irregulärer Arbeitsverhältnisse zurück.
Die Ausbeutung verläuft stets nach demselben Muster: Tagelöhner und Wanderarbeiter, zumeist aus dem Nordosten Brasiliens, die verzweifelt nach Arbeit Ausschau halten, werden von sogenannten gatos (Vermittlern) mit falschen Versprechen angelockt. Statt der zugesagten üppigen Löhne und komfortablen Unterkünfte finden die Arbeiter dann auf den Riesenfarmen primitive Hütten ohne jegliche sanitären Einrichtungen vor, und von ihrem Lohn müssen sie zu erhöhten Preisen in betriebseigenen Läden Lebensmittel, Werkzeuge und die Arbeitsausrüstung kaufen, die eigentlich vom Arbeitgeber gestellt werden sollten. Auch die Transportkosten und Verpflegung werden den Arbeitern nachträglich in Rechnung gestellt. "Sie schaffen es niemals, ihre Schulden zu bezahlen", erklärt Secchin. Neben der am stärksten verbreiteten Schuldsklaverei gebe es außerdem noch Fälle, in denen den Männern ihre Papiere abgenommen oder sie mit Waffengewalt auf der Fazenda festgehalten würden. Inspektor Secchin macht sich keine Illusionen: Nach offiziellen Schätzungen des brasilianischen Arbeitsministeriums kommen auf jeden befreiten Arbeiter drei weitere Tagelöhner, die weiterhin unter menschenunwürdigen Bedingungen schuften.
Dass sich an dieser Situation kurzfristig etwas ändern wird, ist eher unwahrscheinlich. Im Gegenteil. Denn nach anfänglichen Erfolgen im Kampf gegen die zeitgenössische Sklaverei vollzog Arbeitsminister Francisco Dornelles ausgerechnet im vergangenen Jahr, in dem die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) zum weltweiten Kampf gegen Sklavenarbeit aufrief, einen Kurswechsel. Durch einen Erlass reduzierte er im Juni 2001 für Arbeitgeber in der Landwirtschaft, die illegale Arbeitskräfte beschäftigen, das Strafmaß. Das Bußgeld für diese Fazendeiros wurde von bisher umgerechnet 180 Euro auf 85 Euro pro Schwarzarbeiter gesenkt. Das entspricht einem Mindestmonatslohn. Ein Fazendeiro, auf dessen Plantage 200 Menschen illegal Holzkohle produzieren und der zuvor mit einer Geldstrafe in Höhe von 36.000 Euro rechnen musste, kommt mittlerweile mit 17.000 Euro davon. Ein erstmals Angeklagter kommt sogar mit einem Verwarnungsgeld in Höhe von nur 341 Reais (168 Euro) davon.
"Solche Gesetze stimulieren illegale Arbeitsformen", schimpft Dolores Brito Jardim von der Inspektorenvereinigung aus dem Bundesland Minas Gerais. "Welcher Fazendeiro wird sich unter diesen Umständen noch darum bemühen, die Papiere seiner Mitarbeiter in Ordnung zu bringen? Strafgeld zahlen ist einfacher." Die Inspektoren fühlen sich von Arbeitsminister Dornelles in Stich gelassen. Ohne das Druckmittel hoher Strafen werden sich in Zukunft wohl immer weniger Arbeitgeber auf dem Land dazu bereit finden, die hinterzogenen Steuern und Sozialbeträge zu leisten. Bisher konnten die Inspektoren von einem Gerichtsverfahren absehen, wenn die Fazendeiros ihre Schulden direkt in ihrer Anwesenheit beglichen.
"1995 hat Präsident Fernando Henrique Cardoso versprochen, in seiner Amtszeit die sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen auf vielen Fazendas zu unterbinden", erinnert der CPT-Vorsitzende, Bischof Tomas Balduino, "doch seit 1999 zieht sich die brasilianische Regierung aufgrund von wachsendem politischen Druck kontinuierlich aus der aktiven Bekämpfung der Schuldsklaverei zurück." Der CPT-Vorsitzende prangert erneut die Verschleppung der Agrarreform in Brasilien an und warnt vor zunehmender Gewalt bei Landkonflikten. "Wir beobachten das Entstehen bewaffneter Milizen, die im Auftrag der Fazendeiros für Sicherheit sorgen sollen", so Balduino. Dies seien bürgerkriegsähnliche Zustände. Der Bundesstaat Para ist laut CPT am gefährlichsten: Hier wurden im Jahr 2001 zwar 995 Menschen aus sklavenähnlichen Beschäftigungsverhältnissen befreit, aber neun Menschen starben bei Landkonflikten und weitere 22 erhielten Todesdrohungen.
Die Berichte über zeitgenössische Sklaverei haben besonders in akademischen Zirkeln heftige Gegenreaktionen ausgelöst. Aber "viele militante Menschenrechtler sind sich nicht genau darüber im Klaren, was sie mit Sklaverei meinen, sie setzen sie zum Beispiel mit der Schwerstarbeit bei der Holzkohleproduktion in Minas Gerais gleich", provoziert José de Souza Martins, Professor für Soziologie an der Universität von São Paulo. Sklaverei sei aber nicht gleichzusetzen mit unzureichenden Löhnen oder Lebensbedingungen. Entscheidendes Kriterium sei der körperliche oder moralische Zwang. "Dies kann durch die Isolierung von Arbeitern auf einer Farm mitten im Amazonas geschehen, die sie daran hindert, ihr Recht auf Bewegungsfreiheit auszuüben", so Souza Martins. Im Falle der Schuldsklaverei würden die Arbeiter bei einer Flucht von der Farm als vertragsbrüchige Diebe angesehen, da sie ihre finanziellen Verpflichtungen gegenüber dem Arbeitgeber scheinbar nicht einhalten wollten.
Souza Martins warnt davor, den Begriff "Sklaverei" auf alle Arbeitsverhältnisse, in denen menschliche Arbeitskraft extrem ausgebeutet wird, zu übertragen. "Damit die Kläger ihre Glaubwürdigkeit bewahren, muss jeder Fall genau geprüft werden", fordert er. Überhaupt behagt dem Professor das "moderne Denunziantentum" nicht. "Die Enthüllungen von Skandalen - mögen sie auch noch so wohlmeinend sein - sind nichts anderes als Rohmaterial für professionelle Menschenrechtsvertreter im Ausland, doch sie zeigen keinerlei Wirkung, denn die Ankläger leben von den von ihnen beklagten Missständen und nicht von deren Lösung", beschreibt er seine Erfahrung. Nach Ansicht von Souza Martins ist es sinnvoller, sich direkt an den jeweiligen Abgeordneten der betreffenden Region zu wenden statt Protestbriefe an Regierungsoberhäupter zu schreiben.
Souzas kritische Anmerkungen sind nützlich, auch wenn sie viele Menschenrechtsaktivisten kränken. Auch seine Bemühungen, eine endgültige Definition der zeitgenössischen Schuldsklaverei zu formulieren, sind verdienstreich. Doch was nützt es den Wanderarbeitern auf den Plantagen in der Umgebung von Montes Claros, ob sie der wissenschaftlichen Definition von Sklaverei entsprechen oder nicht? Ob sie physisch oder moralisch zur Ausübung ihrer Tätigkeit gezwungen werden oder extrem ausbeuterische Arbeitsverhältnisse eingehen, weil sie keine Alternative sehen? Für die 40.000 Plantagenarbeiter, die rund um Montes Claros in der Holzkohleproduktion schuften, zählt nur eins: Sie wollen überleben. Weder für sie noch für ihre Kinder ist es vorstellbar, aus dem Teufelskreis der Armut auszubrechen.
Auch die mit Polizeischutz anreisenden Inspektoren, die Fernsehreporter, Gewerkschafter oder Kirchenvertreter bieten ihnen keine wirtschaftliche Alternative; sie beschränken sich darauf, die brutale Ausbeutung dieser Menschen anzuklagen. Zwar tragen sie zur Herausbildung eines Unrechtsbewusstseins innerhalb der brasilianischen Gesellschaft bei, doch abgesehen von spektakulären Einzelfällen verändert sich die Wirklichkeit nur im Schneckentempo: "Eine Gesellschaft, deren Wohlstand vier Jahrhunderte lang auf Sklavenarbeit beruht hat, muss dies im Nachhinein teuer bezahlen", ist Präsident Fernando Henrique Cardoso überzeugt. Er spricht bei diesem Thema vornehmlich als Soziologe und sieht gleich die ganze Nation als Opfer: "Jeder Brasilianer trägt tief in sich Überreste von dieser Sklavenmentalität, auch die Nachfahren der Sklaven, die oft unvorstellbare Dinge hinnehmen."
aus: der überblick 01/2002, Seite 40
AUTOR(EN):
Astrid Prange:
Astrid Prange ist Journalistin mit dem Schwerpunkt Entwicklungsländer und schreibt für die Wochenzeitung "Rheinischer Merkur - Christ und Welt" in Bonn. Sie hat im Mai 2003 die ökumenische Reise nach Kolumbien begleitet. Für eine Reportage über Brasilien ist sie 2003 mit dem "Medienpreis Entwicklungspolitik" ausgezeichnet worden.