Johann Hinrich Claussen:
Die 101 wichtigsten Fragen: Christentum
Verlag C. H. Beck, München 2. Auflage 2006.
von Eberhard le Coutre
Der Rezensent beginnt mit einer 102. Frage und der Antwort darauf: Wer könnte mit Gewinn in diesem Buch lesen? Zum Beispiel: Leute, die immer auf der Suche nach Anregungen für das eigene Weiterdenken sind. Leute, die sich schon immer gefragt haben, wie Theologie funktioniert. Leute, die sich in der Kirche immer wieder mal gelangweilt oder geärgert haben. Leute, die "religiöse Literatur" nicht ausstehen können. Leute, die vermuten, dass man das Christentum nicht widerspruchsfrei und als dogmatisch geschlossenes System beschreiben und verstehen kann. Leute, die schon manchmal das Gefühl abgeschreckt hat, man müsse sich dumm stellen, um glauben zu können. Leute, die es anregend finden, weiter zu lesen, auch wenn Zustimmung schwerfällt. Leute, die mehr begreifen möchten über Ursprünge, Zusammenhänge und Probleme wesentlicher Elemente unserer prägenden Kultur. Schließlich: Leute, die immer ein Buch auf dem Nachttisch haben müssen, nicht zum Einschlafen, sondern weil sie zuweilen nicht schlafen können und dann etwas brauchen, um an irgendeiner Stelle darin lesen zu können.
Wer mit dem Innenleben der Kirchen hierzulande vertraut ist, kennt eine bemerkenswerte Lücke in der Vielfältigkeit der hin- und hergewälzten und breitgetretenen Gesprächgegenstände. Man kann jahrelang am kirchlichen Betrieb teilnehmen, auch in ihm beschäftigt sein sogar als theologisch ausgewiesener Zeitgenosse , ohne sich persönlich dazu herausgefordert zu sehen, Meinungen auszutauschen über Fragen wie: Gibt es Gott? Was bedeutet Sünde, oder Gnade? Ist Zweifeln erlaubt und zulässig? Warum ist Jesus gestorben? Warum gibt es so viele evangelische Kirchen, aber nur eine katholische? Kann man heute noch beten? Was bewirkt der christliche Glaube? Lassen sich Schöpfungsglaube und Naturwissenschaft im gleichen Kopf ansiedeln? Was meint Trinität?
Das sind Fragen der Art, die Johann Hinrich Claussen in seinem neuesten Buch behandelt, und zwar so, dass man an Hand der vorgelegten Betrachtungen auch vorzüglich darüber diskutieren kann. Das Buch eignet sich also auch gut für Bildungs- und Ausbildungsbemühungen innerhalb wie außerhalb der Kirchen und ihrer eigenen Bildungseinrichtungen.
Das neue Buch von Johann Hinrich Claussen kann sozusagen als Kontrastprogramm gelesen werden zu gegenwärtig in den Kirchen modisch gewordenen Wellness- und Eventtrends und der sie begleitenden Theologie light. Allerdings, das gewaltige und leicht ausufernde Thema "Christentum" in 101 Fragen auf 150 Seiten zu behandeln, das ist ein Abenteuer, das sich nicht der Autor ausgedacht hat. Lob für die Kühnheit, in einer Zeit, da die Weltgeschichte und ihre ganz großen Themen immer häufiger (immer häufiger auch immer oberflächlicher) die Fernsehkanäle verstopfen, gerade heute also eine neue Reihe mit dem Titel "Die 101 wichtigsten Fragen" zu präsentieren, gebührt vielmehr zunächst einmal dem Verlag C. H. Beck. Man kann dem Verlag nur wünschen, dass er bei der Auswahl der Autoren für diese Reihe immer eine so gute Hand hat, wie gerade bei diesem Band, der als einer der vier ersten (neben Moderne Kunst, Mittelalter und Antike) der Reihe erschienen ist.
Die vielen Einführungen, Katechismen, Fachlexika über Religionen, Kirchen, Theologie und Glaubenswelten sollen hier nicht ersetzt, ergänzt oder aktualisiert werden. Der Verfasser beginnt mit der Einsicht "Das Christentum ist vielen Westeuropäern ein Rätsel geworden" und weiter: "Das Christentum ist ein Kosmos für sich... Dieses Buch will nur einige ausgewählte Perspektiven eröffnen und so den Leser neugierig auf weitere, eigene Forschungsreisen machen." Jeder Leser kann, soll und wird also eigene Orientierungen aus dem Buch gewinnen können, unabhängig davon, was er über die angesprochenen Fragen und Antworten schon weiß. Der Verfasser schreibt anschaulich, bemerkenswert unkonventionell also ohne Rücksicht auf das theologisch, kirchlich und/oder politisch jeweils für korrekt Gehaltene und mit mehr traditionell als aktuell erläuterten Argumenten. Konkret: Gedichte, Gesangbuchverse, Gebete, Geschichten sind ihm wichtiger als Statistiken, Umfragewerte, Strukturanalysen und Reformdebatten.
Daneben finden sich immer wieder auch für Nichttheologen gut verständliche Erörterungen klassischer Begriffe der Theologie und Hinweise auf wichtige Persönlichkeiten der Kirchen- und Theologiegeschichte. Verschiedentlich wird die Einsicht variiert, dass über "das Wesen des Christentums" keine allgemein und objektiv gültigen Wahrheiten vermittelt werden können. Über das, was das Christsein ausmacht, kann vielmehr nur im Licht der eigenen religiösen Einstellung geschrieben werden. "Diese unvermeidliche Subjektivität aller Rede über das Christentum ist aber kein Mangel, sondern entspricht dem christlichen Glauben selbst. Denn dieser ist keine abstrakte Weltformel, sondern ein inneres Leben."
So wird das aus der Subjektivität des Verfassers entwickelte und gegliederte Buch zugleich zur Ermutigung an Leserinnen und Leser, auch ihrerseits keine Angst zu haben, ihre eigene Subjektivität zur Geltung zu bringen beim Nachdenken und Hinhören auf das große Orchester Christentum und die von ihm in allen Tonstärken, vom Schweigen bis zu marktschreierischen Anbiederungen, präsentierten Kompositionen, Harmonien, Dissonanzen mitsamt ihrem Kitsch, ihren Peinlichkeiten und Irrtümern.
Aus vielen verschiedenen Beobachtungen zur Originalität des Verfassers seien drei Anknüpfungsmöglichkeiten besonders vorgestellt.
Erstens: Für das Christentum und für alle Kirchen ist der Heilige Geist ein zentrales Thema. Claussen erläutert Friedrich Schleiermachers (1768-1834) Bemühung um eine moderne Deutung, welche den Heiligen Geist nicht mehr als Person, sondern als "Gemeingeist" der Christen versteht: "Die vom Geist erfasste Kirche ist für Schleiermacher ein unendliches Gespräch, in dem Christen sich über ihren Glauben verständigen. In diesem Gespräch geschieht zweierlei, das einander eigentlich widersprechen müsste. Zum einen wird die Gemeinsamkeit gesteigert, und zum anderen wächst die Eigentümlichkeit eines jeden... Man erkennt die Unterschiede und nutzt sie als Impulse zur Ausbildung der eigenen Individualität." Als besonders geeigneten Ort für dieses freie und im wahrsten Sinne des Wortes geistreiche Gespräch erinnert Claussen an und empfiehlt zur Erneuerung die von Schleiermacher wesentlich mit geprägte Berliner Salonkultur.
Ach ja, wer hätte das nicht gern: Alle Talkshows mit immer wieder den gleichen Gestalten vergessen und eintauschen zu können gegen den gepflegten, sich regelmäßig treffenden Kreis Gleichgesinnter zum Austausch theologischer Betrachtungen und Einsichten. Als Claussen geboren wurde, da wurde etwas immerhin Vergleichbares noch von den Pröpsten der Kirche gepflegt, in der er inzwischen selbst Propst geworden ist. Einmal in der Woche trafen sich die Pastoren und Pastorinnen des Kirchenkreises, lasen den am nächsten Sonntag zu predigenden Text in der Ursprache und diskutierten darüber, wie man das Predigen am besten macht.
Sodann macht Claussen zweitens aufmerksam auf einen neuen Ansatz, Ökumene zu verstehen mit der Feststellung, dass es "am besten wäre, wenn die Ökumene sich vom Begriff der 'Einheit' verabschieden würde. Ein sinnvolleres Ziel wäre es, wenn alle Konfessionen und Kirchen einander als unterschiedliche, aber voll gültige Gestalten des Christentums anerkennen würden." Zwar ist Claussen nicht der erste, der für "Differenzökumene" an Stelle von "Konsensökumene" plädiert. Bemerkenswert ist jedoch, dass mit ihm immerhin ein Vertreter der protestantischen Chefetagen sich hier eindeutig gegen den in Sachen Ökumene hierzulande noch immer vorherrschenden ökumenischen Mainstream äußert.
Drittens: Auch das in Theologie und Kirche gegenwärtig vielfach überstrapazierte, oft auch das am meisten bei den Kirchen nachgefragte Thema "Ethik" eines der kürzesten Kapitel des ganzen Buches behandelt Claussen bemerkenswert eigenständig, indem er ausgetretene Trampelpfade hinter sich lässt. Zum Beispiel kommen plakative Begriffe wie Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung gar nicht vor. Der Verfasser akzentuiert vielmehr die nicht einfach durch wohlfeile Formeln zu überbrückende Differenz zwischen Nah-Ethik und Fern-Ethik. "Wie man die alte Nah-Ethik Jesu in Zeiten der Globalisierung überwinden kann, ist eines der größten Probleme der christlichen Ethik. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter löst sie nicht. Aber sie zeigt eine Richtung. Sie wirkt als Stachel, der einen nicht zur Ruhe kommen lässt."
Der nach wie vor eindrucksvollen Formulierung Albert Schweitzers "Ehrfucht vor dem Leben" und dem eindrucksvollen Bericht des Urwalddoktors über den Moment der Findung dieser zusammenfassenden Formel übermüdet, auf einer beschwerlichen afrikanischen Flussreise fügt Claussen noch einen zweiten Absatz über "Ehrfurcht vor dem Leiden" hinzu. So wird zwar noch kein neuer ethischer Grundansatz entworfen. Aber es werden bewährte Erfahrungen und Hoffnungen neu ins Licht gerückt, die in vielen, meistens gut gemeinten Sonntagsreden über alles, was heute in Kirche und Welt geschehen müsste, zu kurz kommen oder durch nicht mehr als genuin christlich erkennbare Erwartungen ersetzt werden, von denen sich die Vortragenden offenbar größere Wirkungen vorstellen.
Zusammenfassend ist noch festzustellen, dass sich mit dem 1964 geborenen Hamburger Propst und Privatdozent Dr. theol. Johann Hinrich Claussen seit einiger Zeit ein Theologe der Generation der jetzt zwischen 40 und 50 Jahre alten evangelischen Kirchenleute zu Wort meldet, von denen erwartet werden darf, dass sie das kirchliche Leben der nächsten sagen wir mal 20 bis 25 Jahre entscheidend mit prägen werden. Solange die Frauen und Männer, die zu dieser Gruppe gezählt werden können, von so viel Theologieversessenheit, eigenständigem Denken und Talent zum Schreiben umgetrieben werden wie J. H. Claussen, muss man keine Angst haben, dass die gegenwärtigen Einfallslosigkeiten der Reform- und Strukturbemühungen dauerhaft zu übermächtig werden.
Noch eine Anregung für die ganze Reihe an den Verlag: Die farbige Umschlagabbildung ist eindrucksvoll und gut gewählt. Farbige Fresken auf unter Briefmarkengröße verkleinerte Schwarz-Weiß-Illustrationen im Text sind jedoch ärgerlich, verfehlen ihre Wirkung und bleiben ohne deutliche Aussage. So etwas sollte man wohl nicht wieder versuchen.
aus: der überblick 04/2006, Seite 110
AUTOR(EN):
Eberhard le Coutre
Eberhard le Coutre
ist Pastor em. der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche.
Von September 1968 bis zur Emeritierung 1990 war
er Mitarbeiter bei Dienste in Übersee e.V., von Heft
1/1969 bis Heft 2/1990 Leiter der Redaktion von "der
überblick.