Neoprotestanten der französischen Antillen und Guyanas kapseln sich ab
Durch radikalen Bruch mit ihrer bisherigen kulturellen Identität wollen pfingstlerische Neoprotestanten ihr persönliches Heil finden. Aber sie isolieren sich dadurch von ihrer Umwelt und unterwerfen sich autoritären Predigern und deren einseitiger Weltsicht.
von Philippe Chanson
Die dynamisch wachsenden neoprotestantischen Gemeinschaften, vorwiegend pfingstkirchlicher Strömungen, haben eine tiefgreifende Veränderung der traditionellen religiösen Landschaft zur Folge. Alle bisherigen Statistiken über Religionszugehörigkeit, zum Beispiel in Lateinamerika, werden dadurch auf den Kopf gestellt. Dieser Tatbestand spricht sich langsam herum. Wie aber wirkt sich diese Entwicklung auf das Leben der einzelnen Menschen und auf die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche aus?
Meine Erfahrungen im kreolischen Milieu der Antillen und meine anthropologische Studie dieses neuen religiösen Aufbruchs lassen mich fragen, ob die Glaubensbekenntnisse und -praktiken dieser von radikalem Sektierertum geprägten Neoprotestantismen der richtige Weg sind, eine harmonische Entwicklung zu befördern. Ist diese Bewegung geeignet, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene eine Entwicklung in Gang zu setzen, die befreiend und erneuernd wäre, oder enthält sie nicht eher Abkapselungsund Vermeidungsstrategien, mit denen die Gläubigen eingeengt und ihre sozialen Beziehungen beschädigt werden? Sich diese Frage zu stellen, ist ein Gebot intellektueller Redlichkeit.
Diese fundamentalistisch neoprotestantischen kreolischen Kirchen evangelikaler oder pfingstlerischer Prägung rühmen sich, verdienstvolle Arbeit im Bereich der Evangelisierung zu leisten und "religiöse Erweckungen" auszulösen. Aber sie sind offensichtlich keine effektivere und bessere Alternative zur traditionell magischen Religiosität, von der die kreolischen Gesellschaften durchdrungen sind. Diese Gesellschaften werden von der Angst vor Hexereipraktiken beherrscht, die natürlich immer vom "Anderen" ausgehen. Folge ist oft der Rückzug in sich selbst, mit dem Ziel, sich vor eben diesem Anderen zu schützen. Im Kreis dieser neoprotestantischen Kirchen wird zu brüderlichem Austausch und gegenseitigem Vertrauen zwischen Brüdern und Schwestern gepredigt und ermahnt, es finden Fürbittegottesdienste, Heilungen und Exorzismen statt, die ihre Pfarrer durchführen, und Ähnliches. Man könnte nun erwarten, dass all das einen besseren zwischenmenschlichen Umgang fördern würde. Aus einer ganzen Reihe von Gründen ist das aber nicht unbedingt der Fall.
Zunächst einmal fällt vor allem bei den Pfingstkirchlern der autokratische und diktatorische Geist ihrer Prediger auf, die hinsichtlich Moral, Lehre, Finanzen und Organisation alle Macht innehaben. Es ist bezeichnend, dass diese Gemeinden in ihrer Struktur die ehemaligen Kolonialanwesen genau nachbilden. Ihre Geistlichen sind die allmächtigen Herren; die in ihrem Sold stehenden Ältesten sind vergleichbar mit den Verwaltern und Aufsehern der ehemaligen Plantagen; die Gläubigen werden über einen ganzen Katalog von Pflichten und Gehorsamsleistungen (unter Ausschlussdrohung) den Wünschen entsprechend gefügig gemacht; und es gibt die hermetisch abgesteckten Grenzen der Kirche, die keiner ohne Ausgeherlaubnis zu überschreiten wagt. Die Kontrolle, die manche Gemeinden ausüben, betrifft eben nicht nur das Privat-, Ehe- und Intimleben der Gläubigen. Ihre Mitglieder sind sogar verpflichtet, Abwesenheit, Tätigkeiten außerhalb der Gemeinde und Aufenthaltsorte (auch in Ferienzeiten) zu melden, da es dem Kirchenführer obliegt, diese zu billigen oder zu verbieten.
Wie können die Gläubigen solche erdrückenden vereinnehmenden Übergriffe ertragen? Zum großen Teil funktioniert dies über eine wirksame Instrumentalisierung des Prinzips der Schuld, das wohldosiert in den Katechismus einfließt, und über die Angst, keine göttlichen Segnungen zu erlangen, sollte man es wagen, den durch die Regeln der Gemeinde auferlegten rechten Weg zu verlassen.
Doch es gibt weitere charakteristische Eigenheiten, die diese Übergriffe und das sektiererische Verhalten noch verstärken. Zunächst sei die Fetischisierung der Bibel genannt. Nach diesem Glauben besteht sie aus unwandelbaren Worten, die alles, was ist und geschieht, zu erklären vermögen.
Ihre wörtliche Auslegung führt zur Konstruktion einer Art zweiten Sprache, die mit eigenen Codes die Sprachen der lokalen Kultur überlagert. Die Gläubigen verwenden pausenlos Bibelzitate. Die Bibel wird für sie zu einem Antwort-Buch auf alle Fragen und obendrein zu einer Art schützendem Talisman gegen die Schicksalsschläge des Lebens. Außerdem tragen ganze Kataloge von rigorosen, vereinfachenden, gesetzgebenden und moralistischen Lehrsätzen, aus denen sich beruhigende Gewissheiten destillieren lassen, dazu bei, das religiöse Ich in ein quasi sakrales Ideal-Ich zu mystifizieren. Die im strikten Sinne persönliche Entscheidung und der zugleich meist öffentlich verkündete Beitritt zum neoprotestantischen Glauben (und zur Gemeinde) wird dadurch einmal mehr betont.
Von großer Bedeutung sind ferner die individuelle emphatische und mit Übertreibungen arbeitende Erfahrung des prophetischen Worts, der spirituelle Sieg und die Theologie des Wunders als wesentliche Form, um Wohlergehen und Wohlstand zu erlangen. Man bekommt das so zusagen als Mehrwert, als Bonus zur Bekehrung. Als letztes seien die dämonologischen Erklärungen erwähnt, die für jedes Lebensproblem bereitliegen und in der die traditionellen magisch-religiösen Glaubensüberzeugungen und Praktiken ihr genaues Abbild finden.
Insbesondere dieser letztgenannte Punkt erklärt den momentanen Erfolg der verführerischen neoprotestantischen Pfingstkirchler. Das ergeben alle ethnologischen und soziologischen Untersuchungen. Denn die kreolische Bevölkerung der Antillen und Guyanas assoziiert Religion eng mit dem Kampf gegen okkulte Kräfte, und diese in hohem Maße in den Medien präsenten und spektakulären christlichen Glaubensrichtungen stellen für sie wahrhaft schützende magische Kreise dar. Der Soziologe Jean-Pierre Bastian spricht treffend von der "Verpfingstlichung" der religiösen Umwelt. Im übrigen haben einige namhafte Spezialisten für die kreolischen Antillen diese Mechanismen hervorragend beschrieben und entschlüsselt. Sie stellen zu recht fest, dass die Bekehrung hier dem Beitritt eines magisch-religiösen Systems gleichkommt, das, weil es christlich ist, als offiziell angesehen wird und daher anerkannter, akzeptabler, wertvoller und moderner ist als die vorchristlichen Glaubenswelten. Es gibt den Menschen die Möglichkeit, aus den obskuren, verborgenen Bezirken des traditionellen magischen Lebens herauszutreten, und ist dabei genauso wirksam. In diesem Sinne tauscht der Bekehrte einfach nur den Interpretationsrahmen der Mächte, ohne dass dieser Rahmen das Wesen seines Glaubens verändert.
Es liegt also offen auf der Hand, wie sehr diese Neoprotestantismen ohne sich dessen bewusst zu sein die Glaubenswahrheit des Magisch-Religiösen unterstützen, die sie zugleich mit ganz ähnlichen Glaubensüberzeugungen und Praktiken in Misskredit bringen. Der Nachdruck, mit dem die Glaubenszirkel auf den Schutz des Glaubens pochen, auf die Gemeinschaft, die Bibel, die religiösen Kampflieder, auf die Gebete um Erlösung vom Bösen und seinen Mächten, auf den Empfang des Heiligen Geistes, auf die religiöse Trance und die Riten der Segnung, bestätigt den Gläubigen letztlich nur die Allgegenwart unsichtbarer okkulter Kräfte, gegen die sie als Christen kämpfen. Da Satan und die bösen Geister allgegenwärtig sind, müssen sie aufgestöbert und demaskiert werden. Dieselbe Diagnostik macht auch der kreolische Schamane.
Exakt wie im magisch-religiösen Register, erlaubt die ritualisierte Lektüre der Bibel eine Umdeutung eigenen Unglücks in symbolisch signifikanten Begriffen wie der Prüfung. Und deshalb werden die Prediger mit den gleichen Machtbefugnissen und Funktionen ausgestattet wie die traditionellen Schamanen. Man hält sie für Vermittler, die Zutritt zur Welt der Geister haben, die sie erkennen und verjagen können. Sie spenden neue befreiende und heilende Kräfte. Diese wundertätige und therapeutische Äquivalenz ist nicht harmlos, rechtfertigt und autorisiert sie doch Inszenierungen spektakulärer Rituale, in denen manche Prediger brüllend und gestikulierend die Wirksamkeit und Macht ihrer exorzistischen Praktiken demonstrieren, was die Ähnlichkeit zum Magisch- Religiösen noch einmal verschärft.
Die vom Neoprotestantismus in biblischen Worten neu formulierte "Diabolisierung der Welt" tritt so in den Dienst eines konkreten und symbolischen Schutzsystems, das ebenso lückenlos funktioniert wie das magisch-religiöse. Der Gläubige wähnt sich in seinem Schutz, im richtigen magischen Kreis, sicher vor den Angriffen der profanen Welt. Doch zu welchem Preis! Der Schutz, der hier gewährt wird, impliziert nämlich im Gegenzug eine aufgezwungene radikale Trennung von allen so genannten weltlichen Dingen, die mit Sünde und Versuchung assoziiert und die von der lokalen Kultur transportiert werden. Das sind etwa das Tragen von Schmuck, Tanzveranstaltungen, Alkohol, Kino und Fernsehkonsum (wird streng kontrolliert), Sportclubs, politische Parteien, Karneval, Betriebsfeste und dergleichen. All diese zum Kern antillischer und guyanischer Identität gehörenden Dinge wandelt man zum Schutz und zur Reinigung der Gläubigen in Verbote um.
Da bleiben enorme Ambivalenzen nicht aus, denn diese christlichen Bewegungen, die schon mit den Elementen der lokalen religiösen Traditionen Kompromisse schließen, lassen sich auch ganz selbstverständlich mit der technologischen Kultur und der Logik des modernen Marktes ein, um sich mit medialer Selbstdarstellung zu profilieren. Sie nutzen riesige Veranstaltungssäle, spektakuläre Gottesdienste, Beschallungssysteme und Toneffekte, neueste audiovisuelle Medien, werbewirksame Musikgruppen, Rundfunk, Fernsehen.
Ein Großteil dessen, was sich seitens dieser neoprotestantischen Bewegungen dem Miteinander und dem sozialen Fortschritt in den Weg stellt, liegt in dem Bruch mit dem eigenen kulturellen Umfeld, der den Anhängern aufoktroyiert wird. Das bedeutet nicht nur eine gravierende Herabsetzung der lokalen Identität im Namen einer moralischen Kultur, sondern einen unleugbaren Prozess der sozialen Isolation, der Abkapselung, der Entfremdung und ist somit ein Abnehmen des soziopolitischen Engagements. Die Gläubigen sind von den verführerischen und letztlich sehr egoistischen Gewissheiten überwältigt und opfern ihre ganze Abend- und Wochenendfreizeit der Gemeinde. Denn aus der Sicht der Gläubigen dieses Kongregationstyps liegen die Ursachen aller politischen, ökonomischen und sozialen Probleme in einem: Die Welt ist von den Kräften des Bösen durchsetzt, welche die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten immer mehr vertiefen und die spirituell besiegt werden müssen. Ist da nicht das ganz eigene, persönliche Heil die befreiende Lösung? Alles Weitere nach einer Bibelweisheit gibt es noch als Dreingabe (Matthäus 6,33).
Gewiss, manche dieser Kirchen stellen beachtliche Hilfswerke auf die Beine. Doch auch in diesen Hilfswerken herrscht eine auffällig starke Tendenz, die Hilfe mit Werbung für den Übertritt zu ihrem Glauben zu verbinden, auch diese Gruppen arbeiten mit ködernden Versprechungen. Jeder Gläubige wird gemäß seiner Glaubensverpflichtung dazu angehalten, diese durch Aufrichtigkeit und Arbeitsdisziplin unter Beweis zu stellen, die diejenigen zufrieden stellen soll, die sich seelsorgerisch um ihn kümmern. Doch das Erschreckendste an diesen Strömungen ist ihre apolitische Haltung. In anderen Worten, die Ablösung der Gläubigen von jeglichem lokalen Engagement, die passive Ablehnung von Verantwortlichkeit, das Desinteresse an öffentlichen Angelegenheiten, und dies zuweilen sogar mit dem süffisanten Hinweis darauf, dass man ja dem Christentum angehöre.
Ein weiterer Aspekt sei noch erwähnt. Kulturell entfremdete, oft ohne intellektuelles Rüstzeug und theologisch schlecht ausgebildete Pfarrer lehren diese Theologie der Unterwerfung. Sie erzeugt Frustration, Schuldgefühle, zweideutige Starrheit denn die strengen Regeln lassen sich nur durch zahlreiche heimliche Verstöße ertragen und antisoziales Verhalten. Im Umgang mit diesen Gemeinden erfährt man etwas, was letztendlich nicht überrascht: In diesem innerkirchlichen Terrain halten vor dem Hintergrund der Aufwertung des individuellen spirituellen Erfolgs alle Formen von Misstrauen, Spannungen, Tratsch, Eifersucht, Konkurrenzkampf und andere Voreingenommenheiten zwischen "Brüdern und Schwestern" Einzug. Zudem sind diese christlichen, als geschlossene Kreise funktionierenden Mikrogesellschaften noch extrem ethnizistisch und anti-ökumenisch. Sie sind auf Abwerbung bedacht und betrachten andere christliche Gemeinden als Konkurrenz. Es ist offensichtlich und erschreckend, wie sehr in diesem isolierten, egotistischen und narzisstischen Kommunitarismus, der häufig aus Spaltungen hervorgeht, jede Gruppe in sich selbst zurückgezogen lebt und eine arrogante, ja sogar feindliche Haltung den anderen Gemeinden gegenüber einnimmt.
Religiöse Werte sollten immer für eine gewisse Beziehung des Einzelnen zu seiner Gesellschaft bürgen. Die Beobachtung der Neoprotestantismen der kreolischen Antillen und in Französisch- Guyana zeigt, dass diese Werte hier leider aus der Perspektive eines völlig in sich abgeschlossenen Individualismus erlebt werden, der ein verstärkt antisoziales Verhalten mit sich bringt, das gleichermaßen Exklusivität wie Ausschluss erzeugt. Diese geografisch kleinen, immer noch stark von den Stigmata des Kolonialismus und der Sklaverei geprägten kulturellen Gebiete befinden sich, wie seit jeher, in einem Zustand des Überlebens durch moralische und pathologische Einkreisung. Der Meeresgürtel der Inseln symbolisiert dies vortrefflich. Daher sind die vorherrschenden religiösen Mentalitäten alles andere als darauf bedacht, soziale und nationale Interessensbereiche zu tangieren. Unter sämtlichen, also auch unter dem religiösen Blickwinkel, muss man sehen, dass die Menschen hier bei einer Art Geisteshaltung der Subsistenzwirtschaft stehengeblieben sind, bei der individualistisch die Selbstversorgung im Vordergrund steht.
Diese kritische Hinterfragung lässt die kreolischen Neoprotestantismen in der Tat in einer beunruhigenden und pessimistischen Perspektive erscheinen. Es sei jedoch noch einmal deutlich gesagt, dass es sich eben um neoprotestantische Strömungen handelt. Diese Bewegungen lassen sich nicht ohne weiteres mit dem historischen, reformierten Protestantismus gleichsetzen, der schon im 17. Jahrhundert aus diesen kreolischen Ländern mit ausschließlich katholischer Kolonialvergangenheit vertrieben wurde. Ein Beweis dafür ist, dass diese neuen christlichen religiösen Strömungen mittels ihrer dirigistischen und oft selbsternannten Prediger die Allmacht der Geistlichkeit wiedereingeführt haben, also genau das, was die reformierte Kirche bekämpft hat. Ebenso knüpfen sie mittels einer körperorientierten, emotionellen und daher recht flüchtigen Theologie an eine Kultur des Imaginären an, womit Formen des Aberglaubens wiederbelebt werden, welche die Reformkirche ebenfalls bekämpft hat. Vielleicht erklären diese Missstände, warum all diese Kultstätten zwar voll sind, ihre Besucher aber über die Jahre nicht immer dieselben bleiben.
aus: der überblick 04/2006, Seite 78
AUTOR(EN):
Philippe Chanson
Philippe Chanson
ist Universitätsgeistlicher der Protestantisch-Reformierten
Kirche an der Universität von Genf. Er
forscht über die kulturelle und religiöse Anthropologie
und arbeitet als theologischer Koordinator
des "Centre Protestant d'Etudes de Genève" und als
Redakteur dessen Bulletins.