Ein Professioneller mit Visionen
Die Mitarbeitenden des Diakonischen Werkes der EKD und von “Brot für die Welt” trauern um Werner Lottje. Der langjährige Menschenrechtsreferent im Diakonischen Werk der EKD ist im Oktober gestorben. Er war 2002 schwer erkrankt, kurz nachdem er die Leitung der Abteilung “Politik und Kampagnen” von “Brot für die Welt” übernommen hatte.
von Klaus Rieth
Werner Lottje ist tot. Er ist im Alter von 58 Jahren in Stuttgart verstorben. Lottje war Menschenrechtsreferent des Diakonischen Werks der EKD. Er hatte keinen großen Stab, wie man das für eine solche Stelle erwarten würde. Er tat seine Arbeit mit wenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von einem kleinen Bürozimmer aus. Doch er war nie Einzelkämpfer, im Gegenteil, er war ein begnadeter Netzwerker. Lottje war organisiert und er dachte langfristig. Wer die Gelegenheit hatte, ihn in seinem kleinen Zimmer im Diakonischen Werk zu besuchen, der bekam einen Stuhl angeboten und wusste, jetzt hört mir einer zu, jetzt hat jemand Zeit.
Werner Lottje war eigentlich permanent dabei, etwas aufzubauen. Der Jurist hat das 1977 neu geschaffene Menschenrechtsreferat im Diakonischen Werk der EKD mit Leben gefüllt. Er hat gut und konstruktiv mit den entsprechenden Stellen bei der EKD zusammengearbeitet. Und er hatte immer neue Ideen zur Hand, wie man die Menschenrechte noch besser durchsetzen könnte.
Ich habe ihn einmal gefragt, warum er nicht Rechtsanwalt oder Richter geworden ist, und da meinte er nur, wenn man einmal mit dem Thema “Menschenrechte” in Berührung gekommen sei, dann bleibe man dran, egal auf welchem Posten. Und für ihn sei dieses Referat der richtige Posten gewesen. Damit war für ihn alles gesagt.
Werner Lottje war einer mit Visionen. Die lokalen Menschenrechtsorganisationen kannte er fast alle - und das weltweit. Mit viel Geduld und einem langen Atem hat er gearbeitet. Manchem in den kirchlichen oder diakonischen Gremien ist er mit seiner Beharrlichkeit kräftig auf die Nerven gegangen. Aber er hat nicht aufgegeben und weiter für mehr Stellen bei der Menschenrechtsarbeit und bessere finanzielle Ausstattung für diese Aufgabe gekämpft.
Schon bald hatte er festgestellt, dass er allein nicht alles bewirken kann in diesem riesigen Themenbereich. Deshalb ist er auf Partner zugegangen und hat Netzwerke mit geknüpft. Das “Forum Menschenrechte”, die “Plattform Zivile Konfliktbearbeitung” und das “Deutsche Institut für Menschenrechte” waren solche Arbeitsfelder. Besonders am Herzen lag ihm der Martin-Ennals-Preis, eine Würdigung für Menschenrechtsverteidiger weltweit, die seit zehn Jahren von mehren internationalen Menschenrechtsorganisationen gemeinsam verliehen wird. Lottje gehörte zu den Gründungsmitgliedern dieses Preises.
Werner Lottje war mit ganzem Herzen bei seiner Arbeit. Einmal hat er die Fassung verloren. Es ging um die angekündigte Ermordung eines Menschenrechtlers in einem afrikanischen Land. Werner Lottje hatte noch spät abends seinen ganzen ihm zur Verfügung stehenden Apparat in Bewegung gesetzt, um Einsprachen zu machen, Gerichte anzurufen, Verantwortliche an den Hörer zu bekommen. Doch alle Bemühungen hatten nicht gefruchtet: Die Hinrichtung fand statt. Er war so enttäuscht und am Boden zerstört, dass ihn seine Mitarbeiter wieder aufrichten mussten.
Zugleich war Werner Lottje ein Professioneller. Vor allen anderen hatte er im Diakonischen Werk eine E-Mail-Adresse. Er hat nicht lange gewartet, bis die Einrichtung soweit war für alle Mitarbeitenden, denn dafür hatte er keine Zeit. So war es oft: Lottje hatte meist die beste Technik, um schnell und effizient arbeiten zu können. Er hat lange vor anderen eine moderne Büroorganisation eingeführt und in seinem Arbeitsbereich eine exzellente interne Kommunikation eingerichtet.
Weil Werner Lottje in seinem Arbeitsbereich immer der Beste sein wollte - auch als er die Leitung der Abteilung “Politik und Kampagnen” übernahm, zu der das Referat Menschenrechte gehört -, ist es für ihn sehr schwer gewesen, die sich abzeichnende Krankheit zu akzeptieren. Er hatte noch so viel vor und war dankbar für die neuen Chancen seiner Position. Aber er hatte auf seinem Lebensweg auch gelernt, mit Defiziten umzugehen. Damit, dass nicht immer nur Wachstum herrschen kann, sondern auch abnehmen, aufhören und hergeben. Gleichwohl hat er die Hoffnung nie aufgegeben. In jedem seiner E-Mails an Freunde und Kolleginnen ist diese Hoffnung aufgeschienen.
Werner Lottje war ein liebenswerter Kollege, der stets die Achtung vor der Arbeit der anderen bewahrt hat, und er war ein ganz loyaler und erfolgreicher Mitarbeiter der Diakonie weltweit. Sein Tod hinterlässt eine Lücke, die nicht leicht zu füllen ist.
aus: der überblick 04/2004, Seite 133
AUTOR(EN):
Klaus Rieth :
Klaus Rieth ist Pressesprecher und Leiter des Amts für Information der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in Stuttgart.
Er war langjährig Pressesprecher von "Brot für die Welt".