Probleme und Grenzen des Religionsdialogs in Ägypten
Der Dialog der koptisch-orthodoxen Kirche mit Vertretern der Muslime in Ägypten trägt zur Entspannung des gegenseitigen Verhältnisses bei. Das kann aber nicht über seine Grenzen hinwegtäuschen. Zum Beispiel sind islamistische Gruppen nicht daran beteiligt. Und nicht nur Muslime, sondern auch Kopten haben Vorbehalte gegen eine historisch-kritische Betrachtung der eigenen Traditionen.
von Jochen Kramm
Die koptisch-orthodoxe Kirche ist eine der ältesten christlichen Kirchen. Sie führt sich auf den Evangelisten Markus zurück, der nach einer Legende als ein Schüler des Apostels Petrus das Land missioniert haben soll. Das Oberhaupt der Kirche, der Patriarch von Alexandrien, der auch den Titel "Papst" führt, erhebt neben dem Bischof von Rom und dem Patriarchen von Konstantinopel einen Führungsanspruch innerhalb der Christenheit. Die koptische Kirche gehört zu den so genannten altorientalischen Kirchen, die seit dem Jahr 451, dem Konzil von Chalcedon, eine andere christologische Lehrformel über das Verhältnis von Gott und Mensch in der Person Jesu vertreten als die Katholiken und Protestanten.
Die koptische Kirche ist besonders vom Mönchtum geprägt, das auf ägyptischen Boden seinen Ursprung hat. Die Bischöfe sind zugleich Mönche, während einem Priester vor seiner Weihe eine Heirat möglich ist. Der gegenwärtige und sehr beliebte Papst Shenuda III, der die Kirche mit charismatischer Autorität in eine neue Zeit geführt hat, hat mit der Reform des Mönchtums und der Sonntagsschulbewegung eine Erneuerung des kirchlichen Lebens bewirkt. Die Mehrzahl der Kopten lebt in Mittel- und Oberägypten südlich von Kairo.
Im 7. Jahrhundert kam Ägypten unter die Herrschaft muslimischer Eroberer; die Mehrheit der Bevölkerung bekennt sich heute zum Islam. Bereits die Zahl der Mitglieder der koptisch-orthodoxen Kirche ist in Ägypten, einem Land ohne funktionierendes Meldewesen, ein Politikum. Die Angaben reichen von 3,5 Millionen, das sind weniger als 5 Prozent der Bevölkerung, bis 15 Millionen, das entspricht etwa 20 Prozent. Islamische Quellen nennen oft andere Zahlen als die koptische Kirche oder ihre Mitglieder.
Das Gerangel um die Zahl, die man eigentlich objektiv erheben könnte, ist Ausdruck einer verdeckt geführten Auseinandersetzung um die politische und gesellschaftliche Bedeutung der christlichen Minderheit in Ägypten. Im Verhältnis der beiden ägyptischen Bevölkerungsgruppen scheint es noch nicht einmal eine schmale gemeinsame Basis gesicherter Ausgangsdaten zu geben. Es ist auch keine öffentliche Debatte zur Minderheitenfrage im Land selbst zu erkennen. Eine öffentliche Kontroverse über die Lage der christlichen Minderheit wird nur unter Kopten im Ausland geführt. Der Begriff der koptischen Minderheit steht auf dem politischen Index, wobei die Kopten es auch selbst ablehnen, sich so zu bezeichnen.
Ihre 1400 Jahre währende Nachbarschaft mit den Muslimen sieht die koptische Kirche als andauernde Herausforderung. Auf Fragen nach dem gegenseitigen Verhältnis verweisen beide Seiten spontan auf eine etablierte und bewährte Praxis des guten Miteinanders. Dazu steht freilich in Spannung, dass man häufig Klagen von koptischer Seite hören kann, dass sie bei der gesellschaftlichen Teilhabe benachteiligt sind. Ihre politische Vertretung entspricht nicht ihrem Anteil an der Bevölkerung und in führenden öffentlichen Ämtern sehen sie sich unterrepräsentiert. Zudem kommen gewalttätige Ausschreitungen zwischen Anhängern beider Religionsgruppen nicht selten vor; der Bau neuer und die Renovierung bestehender Kirchen werden vielfach stark behindert.
Der Dialog zwischen der koptisch-orthodoxen Kirche und den Muslimen in Ägypten kann trotz einer grundsätzlich optimistischen Bilanz kein Modell sein für den christlich-islamischen Dialog in Deutschland, weil die Ausgangsbedingungen grundsätzlich andere sind. In Deutschland kommen Christen und Muslime nicht aus demselben Kulturraum, sie gehören oft auch nicht zur selben Nation und sprechen nicht dieselbe Sprache. Der Dialog hat vielmehr seinen Platz in einem multikulturellen und multinationalen Umfeld.
In Ägypten handelt es sich dagegen um einen Dialog innerhalb einer Kultur. Für den außenstehenden Beobachter gehören die muslimische und die christliche Bevölkerung Ägyptens demselben Kulturraum an, da sie die arabische Sprache, die Geschichte, das kulturelle Leben und den Lebensstil teilen. Das entspricht allerdings nicht der häufig anzutreffenden Selbstdarstellung der Kopten. Sie stellen sich als eine ethnisch unterscheidbare Gruppe, als eine Art Ureinwohner Ägyptens dar, führen sich auf die ägyptische Bevölkerung vor der islamischen Eroberung zurück und sehen sich als die "Erben der Pharaonen". Daraus leiten sie ihr Existenzrecht im islamischen Staat ab. Diesem Selbstverständnis ist wahrscheinlich auch eine politische Eskalation des Verhältnisses in den 1970er Jahre zuzuschreiben. In Ägypten erzählt man sich, dass Papst Shenuda III, der Patriarch von Alexandrien und das Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche, den Vorschlag gemacht habe, den Kopten die Region Oberägypten als eigenen Staat zur Verfügung zu stellen. Die Antwort des damaligen Staatspräsidenten Anwar al-Saddat war der Hausarrest für das kirchliche Oberhaupt in der westlichen Wüste, in den Klöstern des Wadi Natrun; Saddat fürchtete eine politische Destabilisierung Ägyptens.
Der Umkehrschluss, die große Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung sei auf eine arabische Einwanderung in das Land seit dem 7. Jahrhundert zurückzuführen, hat kaum eine Basis in den historischen Fakten und wird auch nicht vertreten. Der latenten Tendenz, die Nation in zwei Gruppen zu trennen, steht die starke Gegenkraft des Nationalismus gegenüber: Die Liebe zur Heimat und zum Vaterland ist ein Band, das Muslime und Christen verbindet. Dahinter soll die religiöse Trennung zurückstehen.
Dass die koptische Kirche und die islamischen Gemeinschaften einander näher stehen, als es auf den ersten Blick scheint, zeigt sich an ihrer gemeinsamen Ablehnung eines säkularen Staatsmodells. Die Trennung zwischen Religion und Staat als mögliche Lösung der religiösen Spannung wird von beiden nicht angestrebt. Dies wird unter den gegenwärtigen politischen Bedingungen freilich nicht sichtbar, sondern lässt sich nur indirekt aus der Selbstverständlichkeit ablesen, mit der beide Seiten die religiöse Prägung ihrer Gesellschaft fordern und fördern. Sie teilen das tiefe Misstrauen gegen einen Säkularismus westeuropäischer Prägung.
Ein weiterer Unterschied zwischen dem christlich-muslimischen Dialog in Ägypten und in Deutschland ist, dass in Ägypten Spannungen zwischen beiden Religionen gar nicht direkt zum Gegenstand des Gesprächs gemacht werden. Hier liegt der Schwerpunkt des interreligiösen Dialogs vielmehr auf der Frage, was die beiden Gruppen gemeinsam für bessere Lebensbedingungen im Land tun können. Dagegen begreifen Muslime in Deutschland den Dialog in erster Linie als ein Mittel, die Bedingungen für die praktische Ausübung ihrer Religion in der deutschen Gesellschaft zu verbessern, und bringen diese Erwartung auch in das Gespräch ein. Für die koptische Kirche ist die Verbesserung ihrer Ausgangssituation sicher auch ein Motiv des Dialogs, die aber nicht formuliert und im Dialog selbst zum Thema gemacht wird.
Die Ausbreitung des Islamismus durch die Organisation der Muslim-Brüder in Ägypten und die Gewaltakte mit islamistischem Hintergrund werfen die Frage auf, ob der Dialog etwas für die friedliche Entwicklung der ägyptischen Gesellschaft leistet. Aus deutscher Perspektive ist dies kaum zu beantworten, denn die Maßstäbe für innere Sicherheit und sozialen Frieden zwischen beiden Ländern sind sehr verschieden. Es scheint allerdings nicht, als würde der Islamismus in Ägypten an Stärke und an Anhängern verlieren.
Die begrenzte Wirkung des Dialogs lässt sich aufzeigen, wenn man von dem vierstufigen Modell ausgeht, das die Kopten selbst häufig verwenden. Danach steht auf der ersten Stufe des Dialogs das alltägliche Miteinander, auf der zweiten Stufe die Begegnung der religiösen Repräsentanten, auf der dritten Stufe die Orientierung an gemeinsamen Zielen und auf der vierten Stufe die intellektuelle Auseinandersetzung. Gerade die letztere ist jedoch nach Aussagen von am Dialog beteiligten Personen am schwächsten ausgeprägt. Wenn Papst Shenuda und Scheich Tantawi, der höchste sunnitische Repräsentant in Ägypten, während des Ramadan zur Bestätigung des guten Verhältnisses gemeinsam im Fernsehen auftreten, hat dies in Ägypten sehr hohen Symbolwert. Doch der deutsche Beobachter wird die inhaltliche und intellektuelle Auseinandersetzung vermissen.
Die koptische Kirche führt keine direkte Auseinandersetzung mit dem Islamismus als einer politischen Ideologie, die nur intellektuell geführt werden könnte. Islamistische Gruppierungen sind derzeit auch keine Gesprächspartner im Dialog, so dass eine direkte Einflussnahme auf sie nicht möglich ist. Stattdessen müssen die Kopten indirekt die moderaten islamischen Kräfte stärken, damit diese einer Ausbreitung des Islamismus entgegenwirken können.
Die Stärke des Dialogs liegt dort, wo sich die koptische Kirche mit den Ursachen des Islamismus auseinandersetzt, zum Beispiel mit Armut sowie Mangel an Bildung und medizinischer Versorgung. Wache Köpfe haben erkannt, dass es darum gehen muss, die Lebensbedingungen der muslimischen Bevölkerung zu verbessern, um dem Islamismus die Grundlage zu nehmen. Darum leistet die Kirche diakonische Arbeit ungeachtet der Religionszugehörigkeit.
Dagegen ist es nicht die Stärke dieses Dialogs, ein geistiges Klima der kritischen Reflexion zu erzeugen, in dem starre ideologisch Strömungen nur schlecht gedeihen können. Die koptische Kirche selbst hat kaum Gelegenheit, einen intellektuellen Diskurs zu entwickeln, der sich kritisch zu überlieferten Traditionen verhält. Dem Außenstehenden erscheint sie auf spirituelle Fragen beschränkt, was auch ihrer eigenen Tradition entspricht. Außerdem wird christliche Kritik am Islamismus rasch als Kritik am Islam gedeutet. Wenn dies schon in der deutschen Gesellschaft ein Problem ist, dürfte dies noch mehr für die christliche Minderheit in Ägypten gelten.
Nicht zuletzt unter dem Druck des Islamismus steht die koptische Kirche aber in der Versuchung einer eigenen Form von "Fundamentalismus". Die in Europa in der Theologie weit verbreitete historische Kritik, die die eigene Tradition einer kritischen Revision unterzieht, kann unter Kopten auf heftige Abwehr stoßen. Ein Lieblingsmotiv der Ikonographie ist der Heilige Antonius in der ägyptischen Wüste, der von allen möglichen Teufeln arg bedrängt wird.
Die ägyptische Kirche hat sich vorsichtig für die geistigen Bewegungen der Moderne geöffnet, die auch eine Form von Religionskritik mit einschließen. Die Menschenrechtsdebatte ist zum Beispiel ohne Anerkennung der Religionsfreiheit, der sexuellen Selbstbestimmung und der Geschlechterfrage nicht angemessen zu führen. Der Islamismus entzieht sich dem und setzt mit seinem Absolutheitsanspruch auch andere Gruppen unter Druck, keinen öffentlichen, selbstkritischen Diskurs in den eigenen Reihen zuzulassen. Um ihrem Ziel gerecht zu werden, als Brücke zwischen dem islamischen und dem christlichen Kulturraum zu dienen, muss die koptische Kirche eine schwierigen Mittelweg in diesem Spannungsfeld finden. Es bleibt zu hoffen, dass sie nicht ihrerseits der Versuchung erliegt, ihre kirchliche Tradition zu verabsolutieren, und sich am Ende auf der Seite der Gegner der geistigen Moderne befindet.
aus: der überblick 04/2006, Seite 86
AUTOR(EN):
Jochen Kramm
Jochen Kramm ist evangelischer Pfarrer und zur Zeit Leiter des Zentrums Ökumene der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau. Von August 2001 bis August 2002 hat er an der Al Azhar-Universität in Kairo an einer Qualifikationsmaßnahme "Christlich-islamischer Dialog
teilgenommen sowie an der germanistischen Fakultät Islam studiert.