Volkes Stimme ist noch sprachlos
Für Staaten mit einer großen sprachlichen Vielfalt, ist die Frage, welche Sprache(n) offiziellen Status erhalten soll(en), ein Politikum. Soll eine einzige Nationalsprache die Einheit der Nation widerspiegeln oder die Wahl verschiedener Sprachen der kulturellen und sprachlichen Vielfalt des Landes Rechnung tragen? Die südafrikanische Regierung hat sich für die Anerkennung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt des Landes entschieden, indem sie elf Sprachen zu Nationalsprachen erklärt hat. Was bedeutet das aber für die Praxis?
von Johannes Harnischfeger
Als in Südafrika über eine neue, demokratische Verfassung verhandelt wurde, war kaum eine Frage so umstritten wie die Entscheidung über die Nationalsprache(n). Statt für eine grundsätzlich neue Sprachpolitik zu votieren, endeten die Verhandlungen mit einer Kompromissregelung, die wenig praktikabel ist. Danach besitzt das Land nun elf Nationalsprachen, die alle grundsätzlich gleichberechtigt sind: Zulu, Xhosa, Afrikaans, Pedi (Northern Sotho), Englisch, Tswana, Southern Sotho, Tsonga, Swati, Venda, Ndebele (Reihenfolge nach Anzahl der Muttersprachler). Die Regierung kann freilich, wenn sie eine effektive Verwaltung aufrecht erhalten will, nicht alle elf Sprachen gleich behandeln. Ein Großteil der Bürger wünscht sich Englisch als gemeinsame Lingua franca (Verkehrssprache); und diese Präferenz ist gerade unter der schwarzen Bevölkerung stark ausgeprägt. Unter dem Apartheid-Regime, mit seiner "Bantu-Erziehung", blieben die Schwarzen in den Grundschulen von einer englischsprachigen Erziehung weitgehend ausgeschlossen. Viele Eltern, die damals keine akzeptable Ausbildung erhielten, drängen heute darauf, dass wenigstens ihre Kinder auf Englisch unterrichtet werden. Nur durch eine gute Kompetenz im Englischen können die ehemals Benachteiligten darauf hoffen, im modernen Sektor der Gesellschaft den sozialen Aufstieg zu schaffen.
Viele Linguisten empfinden aber den Trend zu einer einzigen Nationalsprache als ein Problem: Falls die Regierung nicht der drohenden Dominanz des Englischen entgegenwirke, sei die sprachliche und kulturelle Vielfalt des Landes gefährdet. Eine Expertenkommission, die vom Erziehungsministerium gleich nach dem Übergang zur Demokratie eingesetzt wurde, forderte daher einschneidende Maßnahmen, um die staatliche Verwaltung und das Bildungswesen zu "afrikanisieren". In den Grundschulen sollte verstärkt in Tswana, Zulu und den anderen indigenen Sprachen unterrichtet werden, mit dem Ziel, diese Sprachen auf längere Sicht auch im Sekundar- und Hochschulbereich zu benutzen. Schon jetzt fordern manche Dozenten, den Unterricht an ihren Universitäten auf afrikanische Sprachen umzustellen.
Im Hinblick auf eine künftige Sprachpolitik stehen sich nun zwei rivalisierende Modelle gegenüber: Ein Teil der Linguisten plädiert dafür, die Kommunikationsbarrieren innerhalb der südafrikanischen Bevölkerung zu überwinden, indem man in allen Teilen des Landes die Englischausbildung verbessert. Die große Mehrheit der Experten jedoch drängt darauf, den Gebrauch afrikanischer Sprachen zu fördern, um auf diese Weise dem Trend zur Angleichung entgegenzuwirken und die traditionellen ethnischen Identitäten zu bewahren. Nachdem sich die neun 'schwarzen' Sprachen zu Verwaltungs- und Wissenschaftssprachen entwickelt hätten, könnte man dann eine von ihnen auswählen, um Englisch als Lingua franca und (de facto) Amtssprache zu ersetzen. Oder aber man sollte ganz darauf verzichten, Verständigungsprobleme unter Angehörigen verschiedener Ethnien durch eine offiziell geförderte Lingua franca zu überbrücken und stattdessen die Mehrsprachigkeit fördern. Alle Südafrikaner könnten sich auch ohne eine einzige Nationalsprache miteinander verständigen, wenn nur jeder von ihnen drei oder vier der jetzt offiziell anerkannten Sprachen beherrschen würde.
Gegen die dominante Stellung des Englischen werden im Wesentlichen zwei Argumente angeführt: Erstens könne eine nationale Identität nur durch 'authentisch' afrikanische Sprachen entstehen, nicht aber durch ein fremdes Medium, das westliche Wertvorstellungen mit sich trägt.
Zweitens würden europäische Sprachen überall in Afrika nur von den Eliten gesprochen. Die staatliche Begünstigung der ehemaligen Kolonialsprachen schaffe daher Sprachbarrieren, welche die Mehrheit der Bevölkerung von den Institutionen des Staates ausschlössen. Eine solche Ausgrenzung hindere die Menschen daran, an Südafrikas neuer Demokratie zu partizipieren und den schroffen Gegensatz zwischen Arm und Reich zu überwinden.
Als die britische Kolonialmacht Ende des 19. Jahrhunderts damit begann, für das ganze Land eine einheitliche Verwaltung aufzubauen, war sie daran interessiert, die Amtssprache Englisch zu verbreiten. Die Erziehungsbehörden hielten es freilich für sinnvoll, dass schwarze Kinder zunächst in ihrer Muttersprache Lesen, Schreiben und Rechnen lernen, bevor einige wenige weitergehendes Wissen auf Englisch erwerben durften.
Zu einer grundsätzlichen Umorientierung in der Sprachpolitik kam es erst, als die National Party 1948 die Wahlen gewann und ihre Apartheid-Gesetze einführte. Nach dem Willen der burischen Nationalisten sollten alle Bevölkerungsgruppen sich getrennt entwickeln, mit eigenen Schulen und Universitäten, in denen die jeweiligen Volkssprachen gepflegt werden. Das Gesetz zur "Bantu-Erziehung" legte daher 1953 fest, dass schwarze Schüler soweit wie möglich afrikanische Sprachen benutzen sollten. Unterricht in Xhosa oder Zulu galt nicht mehr als eine transitorische, überbrückende Maßnahme, um den schwierigen Übergang zum Englischen zu bewältigen; der Unterricht in der Muttersprache musste vielmehr - per Dekret - für die gesamte achtjährige Primarschulerziehung beibehalten werden. Nur jener kleine Teil der schwarzen Schüler, der Zugang zu einer Sekundarschule bekam, sollte die weiterführende Ausbildung (zunächst noch) in einer europäischen Sprache erhalten: allerdings nicht mehr in Englisch, wie bisher, sondern in einer Kombination von Englisch und Afrikaans, der Sprache der Buren und vieler Farbiger.
Gegen diese so genannte Reform regte sich sogleich eine Welle des Protests. Die so genannte Bantu-Erziehung erschien den Betroffenen nur als ein Trick des Apartheid-Regimes, um ihnen eine qualifizierte Ausbildung vorzuenthalten. Dieser Verdacht bestätigte sich, als Präsident Verwoerd erklärte, dass eine englischsprachige Erziehung unter Afrikanern nur die "ungesunde Erwartung" wecke, besser dotierte Jobs zu erhalten. Als die Regierung Mitte der siebziger Jahre energisch darauf drängte, das weithin verhasste Afrikaans als zweite Unterrichtssprache im gleichen Anteil wie Englisch durchzusetzen, kam es zu Massenboykotts und gewaltsamen Protestaktionen: dem berühmten Aufstand von Soweto im Jahr 1976, der das Ende der Apartheid einleitete. Die Regierung sah sich schließlich gezwungen, einzulenken und ein neues Bildungsgesetz vorzulegen, das den Unterricht in den Bantu-Sprachen auf die ersten vier Jahre begrenzte. Für die restliche Schulzeit wurde es Schülern und Eltern freigestellt, die Unterrichtssprache selbst zu wählen, mit dem Ergebnis, dass überall wieder Englisch eingeführt wurde. Nur eine einzige schwarze Schule im gesamten Land bot 1989 noch Afrikaans-sprachigen Unterricht an.
Seit dem Ende der Apartheid-Gesetze haben alle Bürger ein Anrecht darauf, auf Englisch unterrichtet zu werden; doch viele schwarze Jugendliche - besonders in den ländlichen Gebieten - erhalten de facto nur einen sehr begrenzten Zugang zur wichtigsten Sprache des Landes. Zu Beginn ihrer Schulzeit beschränkt sich der Fremdsprachenunterricht auf 30 Minuten am Tag; und diese Zeit lässt sich nicht effektiv nutzen, denn die Schulanfänger finden sich in Klassen von bis zu 100 Schülern zusammengepfercht, und ihnen gegenüber stehen Lehrer, die selber Mühe haben, mit der fremden Sprache umzugehen. Wenn dann mit Beginn des fünften Schuljahrs die meisten Fächer auf Englisch unterrichtet werden, haben fast alle große Schwierigkeiten, dem Unterricht zu folgen, so dass die Lehrer sich immer wieder genötigt sehen, den Stoff in einer afrikanischen Sprache zu erklären. Die dringlichste Aufgabe in der Schulpolitik dürfte also sein, mehr Lehrer einzustellen und ihre Englischkenntnisse zu verbessern. Nur auf diese Weise könnten die marginalisierten Teile der Bevölkerung Gelegenheit erhalten, sich jene Kenntnisse anzueignen, von denen sie seit Generationen ausgeschlossen wurden.
Die Chance, Englisch zu einer gemeinsamen Sprache zu entwickeln, die alle Bürger des Landes miteinander verbindet, ist besser als in anderen Teilen Afrikas. Seit 1994, als der ANC die Macht übernahm, wurde Afrikaans weitgehend aus der öffentlichen Verwaltung verdrängt, so dass wichtige Dokumente, Gesetzesentwürfe und Aktenvermerke in der Regel nur noch auf Englisch vorliegen. In anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, besonders bei Banken und in der Industrie, ist es ohnehin seit langem üblich, sich auf Englisch zu verständigen. Da Südafrika den größten Teil seines Außenhandels mit Europa und Nordamerika abwickelt, müssen große Firmen von ihren Mitarbeitern gute Englischkenntnisse verlangen. Wer sich nicht sicher im Englischen bewegt, ist automatisch von den wichtigsten und lukrativsten Bereichen der Wirtschaft ausgeschlossen. Das überwältigende Prestige des Englischen gründet auch darauf, dass es als "Sprache der Befreiung" gilt. Denn der African National Congress konnte die verschiedenen Segmente der schwarzen Bevölkerung nur deshalb unter seiner Führung vereinen, weil er Englisch zu seiner Organisationssprache gewählt hatte.
Trotz der günstigen Ausgangsbedingungen ist nicht sicher, ob sich Englisch als Lingua franca durchsetzen wird. Denn unter Politikern - und mehr noch unter Intellektuellen - ist es politisch nicht korrekt, eine europäische Sprache zu fördern. Dass Englisch für fast alle Teile der Bevölkerung so attraktiv ist, verleihe der Sprache eine gefährliche Macht: Es könnte die Afrikaner dazu verleiten, ihre eigenen Sprachen zu vernachlässigen, ja vielleicht sogar aufzugeben - und damit erschiene die sprachliche und kulturelle Vielfalt des Landes bedroht: "Englisch", so Vic Webb, Linguistik-Professor an der Universität Pretoria, "kann leicht ein Instrument im Prozess der kulturellen Angleichung und Vermischung werden. Da diese Sprache international sehr mächtig ist und eine starke sozio-psychologische Unterstützung für sie in diesem Land besteht, ... könnte es eine schnell zunehmende Abkehr von afrikanischen Sprachen geben."
Viele schwarze Eltern plädieren aber dafür, auf afrikanische Sprachen als Unterrichtsmedium ganz zu verzichten. Eine Strategie, im Unterricht gleich mit Englisch zu beginnen, funktioniert am besten im städtischen Milieu, besonders unter Kindern der neuen schwarzen Mittelschicht, die auch außerhalb der Schule vielen englischsprachigen Einflüssen ausgesetzt sind. In ländlichen Gebieten hingegen lassen sich die kognitiven Fähigkeiten der Schüler wahrscheinlich besser entwickeln, wenn elementares Wissen zunächst in der Muttersprache erworben wird. Der Unterricht in einer afrikanischen Sprache könnte hier ganz allmählich durch Englisch ersetzt werden.
Die Linguisten der staatlichen Language Plan Task Group halten einen graduellen Übergang zum Unterrichtsmedium Englisch jedoch für nicht akzeptabel, weil er "die ideologische und kulturelle Hegemonie des Englischen" nicht in Frage stelle. Eine Sprachpolitik, die zur "Assimilation an die dominante Kultur" beitrage, würde einfach "koloniale" Traditionen fortsetzen und wäre im Kern "rassistisch". Gerade in Südafrika könne Englisch ebenso wenig wie Afrikaans für sich beanspruchen, eine "unschuldige Sprache" zu sein. Indem das Apartheid-Regime die europäischen Sprachen bevorzugte, habe es die Mehrheit der Bevölkerung gezwungen, ihre eigenen Sprachen als minderwertig anzusehen. Deshalb sollte eine demokratische Regierung nun alles daran setzen, sie zu gleichberechtigten Nationalsprachen auszubauen, den Sprechern afrikanischer Sprachen ihre "Würde" zurückzugeben.
Es ist freilich nicht klar, warum die Regierung durch eine radikal neue Sprachpolitik verhindern soll, dass westliche Wertvorstellungen Legitimität gewinnen. Die Bürger Südafrikas haben mit überwältigender Mehrheit entschieden, sich eine westliche Verfassung zu geben, mit staatlichen Institutionen, die im Kontext der europäischen Aufklärung entstanden sind. Auch andere Elemente des modernen Südafrika wie Schulen und Krankenhäuser, Banken und Industrieunternehmen, öffentliches und privates Recht sind durch die europäische Kultur ins Land gelangt. Angesichts moderner Wirtschaftsbeziehungen und der Migration in die Städte sind die herkömmlichen Identitäten ohnehin einem raschen Wandel unterworfen. In Regionen wie Transvaal, wo besonders viele Kulturen aufeinander treffen, gibt es bereits eine Reihe vielsprachiger Verwaltungsdistrikte. Es dürfte also eine Illusion sein zu glauben, dass sich durch eine radikale Umkehr in der Sprachpolitik die traditionelle Vielfalt afrikanischer Kulturen konservieren lässt. Schwarze Südafrikaner, die nach dem Ende der Rassentrennung zu Millionen in die großen Ballungsgebiete ziehen, sind auch wenig daran interessiert, ihre überlieferten Lebensweisen zu bewahren. Sie hoffen vielmehr, dass ihnen der Prozess der Modernisierung die Chance gibt, einem Leben in Unsicherheit und Armut zu entgehen. Die Frage ist nur: Können die Menschen, wenn sie sich aus ihrem traditionellen Milieu lösen, den Gang der Entwicklung selbst bestimmen, oder wird ihnen mittels der fremden Sprache eine fremde Kultur aufgezwungen? Manche Linguisten nehmen an, dass die Ausbreitung des Englischen automatisch einen intellektuellen Konformismus nach sich zieht: Wenn man Englisch als Lingua franca akzeptiere, akzeptiere man - meistens unabsichtlich - auch eine spezielle Weltanschauung.
Aber Sprecher des Englischen - sei es in Kanada oder Jamaika, Singapur oder KwaZulu-Natal - leben in ganz unterschiedlichen Kulturen und Subkulturen, die sich ständig weiterentwickeln, ohne dass die Kreativität der Menschen erlahmen würde. Die Angst vor kultureller "Uniformität" ist daher kaum nachvollziehbar, ähnlich wie die Warnung vor einer sprachlichen Gleichschaltung. Solange selbst Studenten nur mit Mühe Englisch sprechen, ist Südafrika weit entfernt von einem möglichen "Monolingualismus". Und selbst wenn sich Englisch als Lingua franca durchsetzen sollte, besteht kein Grund, "desaströse" Konsequenzen für die kulturelle Vielfalt oder gar den "kulturellen Tod" vorauszusagen. Moderne Territorialstaaten, die in ihrer Verwaltung nur eine einzige Nationalsprache gelten lassen, zwingen ihren Bürgern damit nicht automatisch eine einheitliche Kultur auf. Vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Sprache und Geschichte, gleicher Rechte und Bildungschancen für alle kann sich auch eine Fülle von sozialen Milieus und Lebensstilen ausdifferenzieren. Staaten mit nur einer Amtssprache wie die Bundesrepublik oder die USA bieten ihren Bürgern eine sehr viel größere kulturelle Vielfalt - und damit Wahlmöglichkeiten - als etwa das multilinguale Tansania mit seinen mehr als 100 verschiedenen Hackbauernkulturen.
Die Kritik am Sprachimperialismus ging davon aus, dass die Dominanz des Englischen zum Aussterben afrikanischer Sprachen und Kulturen führen könne. Dieselben Linguisten versichern nun aber zugleich, dass Englisch gar nicht in der Lage sei, die Masse der Bevölkerung zu erreichen. Nirgendwo in Afrika sei es gelungen, mit Hilfe der ehemaligen Kolonialsprachen die verschiedenen ethnischen Gruppen zu integrieren und sie am öffentlichen Leben zu beteiligen. Solange die Mehrheit der Bürger die Sprache der Herrschenden nicht verstehe, werde sie kaum Gelegenheit haben, die Regierung einer öffentlichen Kontrolle zu unterwerfen. Viele Linguisten befürchten daher, dass der Versuch, Englisch als Amtssprache beizubehalten, nur den Interessen der Privilegierten dient.
Sie fordern deshalb eine radikal neue Sprachpolitik, welche die Reichen und Mächtigen zwingen soll, die Sprache der einfachen Leute zu sprechen. Nur wenn es gelänge, afrikanische Sprachen in allen Sphären des öffentlichen Lebens in ihre legitimen Rechte einzusetzen, könnten die Unterdrückten sich artikulieren und Zugang erhalten zu den Zentren der politischen und wirtschaftlichen Macht. Damit würden die Herrschenden zugleich an Privilegien verlieren, denn ihr Einfluss gründe gerade darauf, dass sie mit Hilfe der Sprachpolitik die Kontrolle über den Staatsapparat monopolisierten.
Ob sich durch die Förderung afrikanischer Sprachen Wissen und Macht "demokratisieren" lassen, ist jedoch mehr als zweifelhaft, wenn man sich die Erfahrungen in anderen afrikanischen Staaten vor Augen führt. Nur in drei Staaten Schwarzafrikas, nämlich in Äthiopien, Somalia und Tansania, wurden die ehemaligen Kolonialsprachen systematisch zurückgedrängt und durch eine indigene Amtssprache ersetzt. Aber auch in diesen Ländern finden sich keine Hinweise, dass die Afrikanisierung dazu beigetragen hätte, die Partizipationsmöglichkeiten der Bevölkerung zu erhöhen: In Äthiopien und Somalia haben die Militärherrscher ihre Bevölkerung in jahrelange Bürgerkriege getrieben, und in Tansania konnte nur massiver Druck aus dem westlichen Ausland das Einparteienregime dazu zwingen, den Bürgern ein Minimum an demokratischen Rechten zuzugestehen. Auch die Annahme, dass die Wahl einer indigenen Amtssprache die kreativen und ökonomischen Kräfte des Volkes freisetzen würde, ist offenbar ein Mythos. Die Vorreiter einer neuen afrikanischen Sprachpolitik sind zugleich die ärmsten Länder der Erde. Und was die Bildungschancen der Bürger betrifft, so gibt es ebenfalls keine Erfolge zu melden: Die Standards der Ausbildung sind in Tansania deutlich schlechter als im Nachbarland Kenia, wo weiterhin Englisch als Unterrichtssprache dient. Ähnlich sieht es im Norden Nigerias aus, wo an den Schulen verstärkt auf Hausa unterrichtet wird. Die Rate der Analphabeten liegt hier doppelt so hoch wie in den eher anglophonen Bundesstaaten Südnigerias, nämlich bei 70 Prozent unter der männlichen Bevölkerung und zwischen 80 und 90 Prozent unter den Frauen.
Die Erwartung, dass die westlich-gebildeten Eliten ihre Privilegien verlieren, sobald lokale afrikanische Sprachen gefördert werden, hat sich in Nigeria wie in anderen Staaten als Illusion erwiesen. Afrikas Machthaber schließen die Mehrheit der Bürger in der Tat von politischen Entscheidungsprozessen aus - aber nicht, weil sie in den meisten Ländern Englisch oder Französisch zur Amtssprache erklärt haben, sondern weil sie der Bevölkerung nicht die Chance geben, ausreichende Englisch- oder Französischkenntnisse zu erwerben. Nkonko M. Kamwangamalu, Direktor des Linguistikprogramms der Universität von Natal in Durban, klagt darüber, dass nur jeder 25. Bürger im Kongo die Amtssprache Französisch beherrscht; doch er vergisst hinzuzufügen, dass Präsident Mobutu in seinen letzten Amtsjahren nur 0,5 Prozent des Staatsbudgets dem Erziehungssektor gewidmet hat.
Für die Opfer einer verfehlten Bildungspolitik ist es wenig tröstlich, wenn Linguisten und patriotisch gesinnte Politiker ihnen empfehlen, sich auf die Würde afrikanischer Sprachen und Kulturen zu besinnen. Die Bevölkerung betrachtet solche "Aufklärungskampagnen" mit Misstrauen, besonders wenn sie von Leuten betrieben werden, die die Vorzüge der afrikanischen Kultur propagieren, während sie ihre Kinder auf weiße Privatschulen und Universitäten schicken. Jene multilingualism awareness campaign (Sensibilisierungskampagne für die Mehrsprachigkeit), die 1998 auf Geheiß der südafrikanischen Regierung durchgeführt wurde, konnte die Bürger jedenfalls nicht umstimmen. Kein einziger Schüler oder Student ließ sich bewegen, für sich das Recht einzuklagen, in einer afrikanischen Sprache unterrichtet zu werden.
Anfang der neunziger Jahre, als der Übergang zur Demokratie begann, sah es noch so aus, als würde im neuen Südafrika - ähnlich wie kurz zuvor in Namibia - Englisch zur einzigen Nationalsprache erklärt. Für den ANC, der Politiker verschiedenster Ethnien im Kampf gegen die Apartheid zusammengeführt hatte, schien es die sinnvollste Option zu sein. Denn selbst die schwarzen Mitglieder des ANC konnten sich über ethnische Grenzen hinweg nur in der "Sprache der Weißen" miteinander verständigen. Doch bei den Verhandlungen über die künftige Verfassung drängte die National Party darauf, dass Afrikaans, das mit seinen 6 Millionen Muttersprachlern unter Weißen und Farbigen weiter verbreitet ist als Englisch, seinen offiziellen Status behält. So kam es zu einem Kompromiss, der verschiedene Interessen zu versöhnen suchte: Die Sprache der Buren (und Farbigen) blieb als Nationalsprache erhalten, und gleichzeitig wurden die bislang vernachlässigten afrikanischen Sprachen aufgewertet. Gegen den Versuch, Englisch als gemeinsame Amtssprache zu benutzen, hat sich seitdem eine ungewöhnliche Allianz herausgebildet. Sie reicht von konservativen und rechtsradikalen Weißen über linksliberale Vertreter des Multikulturalismus bis hin zu Zulu-Nationalisten und dem ehemals maoistischen Pan-Africanist Congress (PAC).
Vertreter der burischen Minderheit hatten gehofft, dass die neue Verfassung ihnen die Möglichkeit gibt, in Schulen und Universitäten ihre Sprache und Kultur zu bewahren. Denn laut Paragraph 29 der Verfassung hat jeder Bürger einen Anspruch darauf, in seiner Muttersprache unterrichtet zu werden. Indem der Gesetzgeber den elf größten Sprachgemeinschaften einen offiziellen Status gegeben und ihnen Gruppenrechte eingeräumt hat, sichert er ihnen die Möglichkeit zu, sich mit Hilfe eben dieser Rechte von anderen ethnisch-linguistischen Gruppen abzugrenzen. Schwarze wären de facto weitgehend von Afrikaans-sprachigen Schulen ausgeschlossen. Falls in Zukunft Zulu-sprachige Schulen und Universitäten entstehen sollten, würden diese Institutionen Angehörige fremder Ethnien nicht weniger ausschließen.
Ähnlich wie an den Schulen ist die Sprachpolitik an den Universitäten umstritten. Vertreter der burischen Minderheit forderten im Parlament, dass ihnen von den 21 Universitäten des Landes wenigstens zwei kleinere Provinzuniversitäten in Afrikaans-sprachigen Regionen erhalten bleiben, nämlich Potchefstroom und Stellenbosch. Doch der Studentenverband des ANC hält es für "rassistisch", wenn Sprachanforderungen gestellt werden, die den Anteil schwarzer Studenten beschränken; und das Erziehungsministerium verlangt von jeder der ehemals weißen Universitäten, sich so lange zu transformieren, bis das Zahlenverhältnis von weißen zu schwarzen Studenten die ethnisch-rassische Zusammensetzung der Gesamtbevölkerung widerspiegelt. Wenn man es für wünschenswert hält, dass Studenten jeder Hautfarbe sich miteinander mischen, ist es in der Tat sinnvoll, die Sprachbarrieren zwischen ihnen aufzuheben. An allen Universitäten und Schulen sollte dann in nur einer Sprache unterrichtet werden, also in Englisch.
Doch die Regierung hat es bislang vermieden, sich in Fragen der Sprachpolitik auf eine eindeutige Position festzulegen. Ein Teil der ANC-Politiker und -Intellektuellen plädiert dafür, Xhosa- oder Zulu-sprachige Universitäten aufzubauen, weil jede Ethnie einen Anspruch darauf habe, die eigene Sprache und Kultur zu pflegen. Wenn jedoch die burische Minderheit versucht, ihre kulturelle Autonomie zu verteidigen, ist gleich der Vorwurf des Rassismus zur Hand. Jener Verfassungsgrundsatz, der den Sprachgemeinschaften gleiche Rechte zuspricht, wird also nur herangezogen, wenn es ANC-Politikern opportun erscheint. In einem Strategiepapier des ANC vom Juli 1997 heißt es, dass die Partei einen "unermüdlichen Kampf" führen müsse, um eine "afrikanische Hegemonie" sicherzustellen. Unter ANC-Anhängern ist freilich umstritten, wie weit man die westliche Kultur zurückdrängen soll. Präsident Mbeki gibt sich als ein Vertreter der afrikanischen Renaissance, und einer seiner Vertrauten, Professor Malegapuru Makgoba, spricht unverhohlen davon, dass sich die Weißen, wenn sie in Südafrika bleiben wollen, von ihrer ideologischen Bindung an Europa befreien müssen.
Das Bestreben, die westliche Kultur zurückzudrängen, schließt nicht notwendig ein, dass man auch gegen die Dominanz des Englischen ankämpfen will. Es mag opportun sein, die Vergabe von Jobs oder Regierungsaufträgen an die Kenntnis afrikanischer Sprachen zu binden, um auf diese Art weiße Konkurrenten auszuschalten. Doch die privilegierte Position, die sich die Europäer an den Universitäten und im Wirtschaftsleben bewahrt haben, lässt sich auch durch andere Maßnahmen beseitigen, etwa durch Affirmative Action (Benachteiligtenförderung). Es kommt hinzu, dass der ANC mit seiner zentralistischen Tradition nie sonderlich daran interessiert war, sich zum Anwalt sprachlich-kultureller Sonderrechte zu machen. Und die jetzige Machtkonstellation in der Partei spricht dafür, dass es - trotz aller Proklamationen über die Würde indigener Sprachen - weiterhin bei bloßen Lippenbekenntnissen bleibt. Gerade weil der Parteiapparat von Xhosa-Politikern beherrscht wird, müssen die Parteiführer verhindern, dass Zulu- oder Sotho-Nationalisten mit Hilfe einer afrikanistischen Sprachpolitik in ihren Heimatprovinzen Autonomie gewinnen.
Südafrikas Oberschicht, ob schwarz oder weiß, wird auch in Zukunft Englisch sprechen. Die Frage ist nur, ob die Masse der Bevölkerung die Chance erhält, sich die Sprache der wirtschaftlichen und politischen Elite anzueignen. Die ehemals weißen Universitäten haben sich mittlerweile den schwarzen Studenten geöffnet; doch viele aus der neuen Studentengeneration sprechen nur gebrochen Englisch, und es ist wenig wahrscheinlich, dass sich die Ausbildung an den Schulen verbessern wird, denn seit 1996 hat die Regierung Tausende von Lehrern entlassen. Falls der Verfall des Bildungswesens weiter voranschreitet (vergl. "der überblick" 4/2002), wird genau das eintreten, was die Mitglieder der staatlichen Sprachkommission zu Recht beklagen: dass die Fremdsprache Englisch wie ein Filter wirkt, der die marginalisierten Teile der Bevölkerung am sozialen Aufstieg hindert. Die Gefahr ist also nicht, dass die sprachliche und kulturelle Vielfalt des Landes verloren geht. Es steht eher zu befürchten, dass Südafrika die desaströse Bildungs- und Sprachpolitik anderer afrikanischer Staaten wiederholt, weil es die Chance versäumt, jene gemeinsame Sprache, die von der großen Mehrheit der Schwarzen, Weißen und Farbigen gewünscht wird, allen Bürgern zugänglich zu machen.
aus: der überblick 04/2003, Seite 113
AUTOR(EN):
Johannes Harnischfeger:
Dr. Johannes Harnischfeger arbeitet als Ethnologe an der Universität Frankfurt im Sonderforschungsbereich "Westafrikanische Savanne". Er hat an mehreren afrikanischen Universitäten unterrichtet, darunter von 1996 bis 1999 an der "University of Natal" in Durben, Südafrika