Amerikanische Stiftungen engagieren sich auch international
Sie kommen aus der Geschäftswelt und verfügen über viel Geld: Die gemeinnützigen Stiftungen in den USA. Sie halten sich dabei weniger an die Außenpolitik ihrer Regierung als an europäische Konzepte von Mittelvergabe.
von Benoît Chervalier und Joseph Zimet
Die gemeinnützigen Stiftungen der Vereinigten Staaten engagieren sich immer mehr im Ausland: Das Finanzierungsvolumen stieg von 1,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 1998 auf 3,3 Milliarden US-Dollar im Jahr 2001 und hat sich somit fast verdoppelt. Inzwischen hat es sich bei 3 Milliarden USDollar eingependelt. Diese Zunahme ist auf die Gründung neuer Stiftungen zurückzuführen, die einen wesentlichen Teil ihrer Etats für internationale Programme zur Verfügung stellen. So hat zum Beispiel die Bill und Melinda Gates-Stiftung seit ihrer Gründung 1998 10 Milliarden Dollar für das Gesundheitswesen bereitgestellt, von denen bisher 5,8 Milliarden in das Programm Global Health geflossen sind.
Die neu ins Leben gerufene Gordon and Betty Moore-Stiftung bewilligte seit 2001 eine Milliarde US-Dollar, einen Großteil davon für den Umweltschutz. Immer mehr Stiftungen sind zudem länderübergreifend tätig oder bauen ihre internationalen Aktivitäten aus. 2004 hat das Foundation Center das Spendenaufkommen der tausend wichtigsten amerikanischen Stiftungen analysiert, die zusammen 50 Prozent des amerikanischen Spendenaufkommens ausmachen. Danach wurden im Jahr 2003 schon 15,4 Prozent aller Zuwendungen für internationale Aufgaben ausgegeben.
Der größte Teil dieses Geldes wird allerdings an amerikanische Institutionen gezahlt. Er ist in den letzten zehn Jahren stark gestiegen, 1994 waren es noch nur 5 Prozent, im Jahr 2004 dann schon 13 Prozent. Dagegen bekamen ausländische Einrichtungen im gleichen Zeitraum nur 1 Prozent mehr, ihr Anteil lag 2005 bei 5 Prozent. Allerdings ist seit 2003 ein Wiederanstieg der Finanzierungen ausländischer Organisationen zu verzeichnen. Der Rockefeller Brothers Fonds zum Beispiel hat seine internationalen Beiträge für ausländische Institutionen zwischen 2003 und 2004 verdreifacht.
Die Analyse des Geldflusses von zwölf der größten Stiftungen* zeigt, dass diejenigen, die amerikanische Partner für ihre internationalen Programme bevorzugen, bestrebt sind, Organisationen in den entwickelten Ländern Westeuropas, in Kanada oder Australien zu fördern. Umgekehrt sind die Stiftungen, die den geringsten Prozentsatz ihrer Beiträge amerikanischen Partnern zukommen lassen, auch diejenigen, die mehr direkte Finanzierungen in den Entwicklungsländern selbst einbringen. Insgesamt wenden die ausgewählten Stiftungen ungefähr 850 Millionen US-Dollar für internationale Programme auf, die von nicht-amerikanischen Organisationen umgesetzt werden. Die Ford-Stiftung fördert die höchste Anzahl an Programmen (1005) über ausländische Organisationen. Die Rockefeller-Stiftung, die älteste auf internationaler Ebene tätige Stiftung, ist gleichzeitig auch die "internationalistischste" der amerikanischen Stiftungen. 40,9 Prozent ihrer Finanzmittel kommen Organisationen außerhalb der Vereinigten Staaten zugute.
Zu dem direkt für das Ausland vorgesehenen Geld muss man noch die Beträge zählen, die von den Stiftungen für multilaterale internationale Aufgaben bewilligt werden. Die Stiftungen Bill und Melinda Gates, Ford und Rockefeller tragen am meisten zu dieser Art von Tätigkeiten bei. Die Finanzierungen seitens der Gates-Stiftung sind zwischen 2003 und 2004 von 103 auf 843 Millionen US-Dollar gewachsen. Diese Steigerung erklärt sich weitgehend durch die Spende von 753 Millionen US-Dollar, die der Global Alliance for Vaccine and Immunisation (GAVI) und ihrem Vaccine Fund mit Sitz in Washington DC gewährt wurde.
Erziehung, Gesundheit und soziale Grunddienste erhalten die meiste Förderung. Zwischen 1998 und 2002 hat sich der Anteil der Finanzierungen, die für Gesundheit aufgewendet wurden, verdoppelt. 31 Prozent der internationalen Beiträge der amerikanischen Stiftungen kommen heute der Gesundheit zugute. An zweiter Stelle folgen Erziehung und Umweltschutz mit jeweils acht Prozent der Gesamtsumme der internationalen Beiträge amerikanischer Stiftungen. Trotz dieser Schwerpunktsetzung und der Betrachtung der Entwicklungshilfe als Priorität für zwei Drittel dieser Stiftungen, dienen die Millennium Development Goals (MDG) der UN für die Mehrheit der Stiftungen nicht als Orientierung (vergl. "der überblick" 1/2004).
Die Hilfe amerikanischer Stiftungen konzentriert sich hauptsächlich auf vier geografische Gebiete: Asien/Pazifik (23 Prozent), Westeuropa (22 Prozent), Lateinamerika (18 Prozent) und Schwarzafrika (18 Prozent). 71 Prozent der im Jahr 2002 gewährten Finanzmittel in Westeuropa waren für Modellprojekte internationaler Organisationen oder Forschungseinrichtungen mit Sitz in Europa bestimmt, die aber Entwicklungsländern zugute kamen. Somit bietet Westeuropa eine Basis und vermittelnde Einrichtungen, die von den amerikanischen Stiftungen geschätzt werden, um ihre Entwicklungsaktivitäten im Süden zu befördern.
Stiftungen wie die von Gates, Hewlett, Packard und Rockefeller Brothers Fonds geben Partnern im Norden den Vorzug. Sie suchen die Expertise und das Know-How dieser Organisationen zu Bewerkstelligung ganz spezieller Programme, beispielsweise medizinischer oder pharmazeutischer Forschung.
Andere Stiftungen wie die von Ford, Kellogg, Rockefeller, MacArthur, Mott, Carnegie und Soros bevorzugen direkte Partnerschaften mit den Institutionen des Südens. So verteilte sich die Hilfe der Kellogg-Stiftung in den Jahren 2003 und 2004 zu 90 Prozent auf die beiden Regionen Afrika und Lateinamerika. Die Carnegie Corporation of New York und die Mellon Stiftung gaben Schwarzafrika den Vorzug.
Ein Teil der Stiftungen verfolgt mit ihren Finanzierungen "politische" Ziele (Demokratisierung, Unterstützung der Zivilgesellschaft), die anderen sind bestrebt, die grundlegenden Dienstleistungen und die Bereitstellung von öffentlichen Gütern wie Bildung und Gesundheitswesen oder auch Umweltschutz zu fördern.
Die zehn wichtigsten Empfängerländer erhalten mehr als 60 Prozent der internationalen Förderung der hier untersuchten Stiftungen. Dabei steht die Schweiz an erster Stelle und verdeutlicht damit die Neigung der Stiftungen mit internationalen Organisationen oder Entwicklungshilfeorganisationen der nördlichen Halbkugel zusammenzuarbeiten. Die finanziellen Hilfen, die die Gates-Stiftung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und verschiedener anderer medizinischer Forschungseinrichtungen gewährt, stellen 95 Prozent der von amerikanischen Stiftungen für die Schweiz bereitgestellten Geldmittel dar. Mit einem Spendenaufkommen von 50 Millionen US-Dollar stand Südafrika 2004 an zweiter Stelle der von den Stiftungen ausgewählten Länder, das sind 8,6 Prozent der Stiftungsfördermittel.
Schwellenländer wie China, Südafrika, Indien, Mexiko erscheinen als bevorzugte Zielgruppe der internationalen Stiftungsprogramme. Unter den zehn wichtigsten Kandidaten für diese Förderungen ist kein Land zu finden, das zu den ärmsten Ländern der Welt gehört. Nur fünf dieser Staaten stehen auf der Liste der 50 wichtigsten Hilfeempfänger. Der geringe Anteil, der für die ärmsten Länder bereitsteht, macht die Scheu der Stiftungen deutlich, sich in unsichere Gebiete vorzuwagen und erklären ihre Neigung, lieber über nichtstaatliche oder internationale Organisationen zu agieren.
Man kann die internationalen Finanzierungen der Stiftungen (in Höhe von 3 Milliarden US-Dollar im Jahr 2004) mit "realer" staatlicher Entwicklungshilfe nur vergleichen, wenn man dabei die frei zur Verfügung stehenden Nettobeiträge der staatlichen Beihilfen betrachtet. Wenngleich die staatliche Entwicklungshilfe der Länder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Jahr 2005 um 30 Prozent aufgestockt wurde und ungefähr 100 Milliarden US-Dollar erreichte, ist doch ihre "reale" staatliche Entwicklungshilfe (wenn man den Schuldenerlass und andere Budgetprozesse, die in die Rechnung der Entwicklungshilfe eingehen, nicht mitrechnet) weit geringer und macht die Gesamtsumme der von Stiftungen bereitgestellten Mittel signifikanter.
Die staatliche Entwicklungshilfe der wichtigsten OECD-Länder unterliegt dem Einfluss wirtschaftlicher und politischer Faktoren, die private Hilfe humanitärer amerikanischer Stiftungen hingegen hängt in ihrer Höhe lediglich an rein ökonomischen Faktoren. Die Beiträge amerikanischer Stiftungen schwanken stark mit den Gewinnen und Verlusten an den Finanzmärkten, während die staatliche Hilfe der wichtigsten Geberländer der OECD eher Haushaltsfaktoren gehorcht. Außerdem scheint die staatliche Entwicklungshilfe der Vereinigten Staaten eher mit Belangen der nationalen Sicherheit zu korrelieren, während die Hilfe der anderen OECD-Länder und die "private" Hilfe der für diese Studie ausgewählten Stiftungen an globale Probleme und an die internationale Agenda gebunden zu sein scheint. Bei aller strategischen Übereinstimmung mit den Millenniumszielen wollen die Stiftungen doch selbst bestimmen, wo sie sich wie engagieren.
Die amerikanischen Stiftungen scheinen sich insgesamt nicht an die geopolitischen Prioritäten zu halten, die von der staatlichen Entwicklungshilfe der USA vorgegebenen werden. Das bezeugen die äußerst geringen Zahlungen, die nach Nordafrika und in den Mittleren Osten fließen (nur 1,5 Prozent der Mittel der hier ausgewählten Stiftungen), wohingegen diese Regionen momentan für die staatliche amerikanische Entwicklungshilfe an oberster Stelle stehen. Auch das Interesse der Stiftungen an der Stärkung der Kapazitäten "fragiler Staaten" ist recht schwach, während dies für die Entwicklungshilfe der amerikanischen Regierung vorrangig ist. Dagegen zeigt sich im Gesundheitswesen eine starke Übereinstimmung der amerikanischen Stiftungen mit der amerikanischen Entwicklungshilfe.
Doch sind die Motivationen unterschiedlich. Für die Vereinigten Staaten gehört der Kampf gegen die HIV/Aids-Pandemie, gegen andere Infektionskrankheiten und gegen neue infektiöse Gefahren in den Rahmen der Wahrung ihrer nationalen Sicherheit. Für die Stiftungen scheint die vorrangige Finanzierung internationaler Aktivitäten im Gesundheitswesen eher als Unterstützung eines globalen öffentlichen Gutes gedacht zu sein, oder sie orientieren sich an den Prioritäten der internationalen Agenda. Wenn also die staatliche und die private Hilfe sich in gleich hohem Maße im Kampf gegen HIV/Aids engagieren, darf man diese unterschiedliche Perspektive nicht vergessen, die die jeweiligen Akteure leitet. Das gleiche gilt für Afrika südlich der Sahara, für das die amerikanische Entwicklungshilfe seit dem 11 . September 2001 neues Interesse zeigt. Auch für die Stiftungen ist dieses Gebiet die vorrangige Region für direkte Hilfe. Wenngleich es hier wiederum eine starke Übereinstimmung gibt, ist die klar bekundete Priorität der Stiftungen zur Finanzierung von Entwicklungsprogrammen in Afrika südlich der Sahara weniger von Fragen der nationalen Sicherheit (fragile Staaten, postkonflikt- Staaten, zerfallene Staaten, usw.) bestimmt als vom Kampf gegen die Armut.
Für die OECD-Länder außer den Vereinigten Staaten, insbesondere für die bilateralen Geldgeber Europas, scheint das Festhalten an globalen Fragen und vor allem an den Millennium Entwicklungszielen die Entwicklungspolitik mehr zu bestimmen als die Belange der nationalen Sicherheit, wie bei den USA und in geringerem Maße bei Japan. So gesehen operieren die amerikanischen Stiftungen in diesem Punkt in strategischer Übereinstimmung mit den europäischen bilateralen Gebern. Ein erheblicher Teil der Stiftungsgelder fließt durch Europa, ein Indiz für das hohe Maß an Offenheit der amerikanischen Stiftungen gegenüber operationellen Partnerschaften mit den europäischen Entwicklungsinstitutionen und -organisationen. Im Einklang mit Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Japan unterstützen die Stiftungen die großen internationalen Organisationen der Vereinten Nationen (WHO, UNESCO, UNEP, UNPD UNCTAD), aber auch regionale Organisationen, die Entwicklungsarbeit leisten, wie die "Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung" (NEPAD). Man kann davon ausgehen, dass die Stiftungen auch weiterhin gerne mit europäischen Organisationen zusammenarbeiten werden. Mehr als 65 Prozent der befragten Stiftungen haben hierzu ihre Bereitschaft bekundet.
Im Rahmen der jüngsten Erhöhungen ihrer Beiträge zur internationalen Entwicklung treten die amerikanischen philanthropischen Stiftungen als neue einflussreiche Akteure in der internationalen Landschaft der Entwicklungshilfe hervor. Sie sind aber singuläre Akteure, die von einer ausgeprägten Kultur der Unabhängigkeit und der Innovation geleitet werden.
* Ford-Stiftung, William und Flora Hewlett-Stiftung, Lucile und David Packard-Stiftung,
Rockefeller-Stiftung, Bill und Melinda Gates-Stiftung, Andrew W. Mellon-Stiftung,
W. K. Kellogg-Stiftung, Charles Stewart Mott-Stiftung, Open Society Institute, Rockefeller
Brothers Fonds, Carnegie Corporation of New York, MacArthur-Stiftung.
Bevorzugte Empfänger von Mitteln der amerikanischen philantropischen Stiftungen im Jahr 2004
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aus: der überblick 04/2006, Seite 36
AUTOR(EN):
Benoît Chervalier und Joseph Zimet
Benoît Chervalier ist "Transatlantic Fellow" des "German Marshall Fund of the
United States".
Joseph Zimet arbeitet für die französische Entwicklungsbehörde "Agence Française de
Développement" in Paris, Frankreich.
Dieser Artikel ist eine gekürzte Version der im Juli 2006 von "Agence Française de
Développement" veröffentlichen Studie "Document de travail Nr.22".