Für die Aufarbeitung der Vergangenheit in Liberia gibt es kein schlüssiges Rezept
Die Verbrechen des Bürgerkriegs in Liberia, der 2003 beendet wurde, belasten das Land weiter schwer. Sie aufzuarbeiten ist schmerzhaft und sehr schwierig - auch für die Kirchen. Doch das Beispiel der Stadt Sanoyea zeigt: Damit Recht und Unrecht wieder unterschieden werden können, muss sich die Gesellschaft dem Trauma stellen.
von Sabine Förster
Mein Besuch in Sanoyea im Sommer 2006 hatte einen traurigen Anlass: die Geschichte einer ganzen Stadt, die versucht, mit den Schatten ihrer Vergangenheit umzugehen. Bis heute leidet sie unter einem Trauma, das den Ort spaltet und einen Neubeginn nach den ersten demokratischen Wahlen in Liberia 2005 schwer möglich macht.
Sanoyea ist keine große Stadt. Von der Hauptstadt Monrovia fährt man dorthin etwa vier Stunden, vorbei an brachliegenden Reisfeldern, durch Schlammlöcher in einer Straße, die während des Krieges der Busch zurückerobert hat. Plötzlich trifft man auf eine helle Lichtung: ein kleiner Markt, eine wunderschöne Kirche aus der "Gründerzeit" von 1917, eine Schule, ganz aus Holz gebaut. Sanoyea war die zweite lutherische Missionsstation, die in Liberia gegründet wurde - mitten im Busch, während die meisten Nachfahren der freigelassenen Sklaven aus Amerika sich an der Küste niederließen und dort den Staat Liberia ausriefen.
Der traumatische Vorfall geschah 1997. Damals hielten sich in Sanoyea viele Flüchtlinge vor den Kämpfen im Norden des Landes auf, vor allem vor Charles Taylors Truppen der NPFL (National Patriotic Front of Liberia). Diese vormaligen Rebellentruppe, die soeben, nach der Wahl Taylors zum Staatspräsidenten, zur Regierungsarmee geworden war, nutzte Sanoyea als Basis. Die Soldaten holten sich von den Leuten, was immer sie gebrauchen konnten: Matratzen, frisch geerntetes Gemüse, Reis, Decken, Geschirr. Sie nahmen sich die Frauen und zwangen die Jungen aus dem Ort, ihnen die Munition zu tragen und mit ihnen zu kämpfen.
Immer wieder fürchtete man in Sanoyea Angriffe von Rebellen aus dem Norden des Landes, die Taylors Regierung nicht akzeptierten. Als wieder einmal ein solcher Angriff befürchtet wurde, schleppten Soldaten einen Jungen in die Stadt. Sie hatten ihn im Busch aufgegriffen, wo er etwas zu essen suchte, und beschuldigten ihn, für die Rebellen zu spionieren. Sein Name war John Kerla. In der Ortsmitte, auf dem höchsten Punkt der Straße, zwangen sie ihn, ein Loch zu graben. Immer wieder musste er sich hineinstellen, bis das Loch tief genug war. Obwohl der gerade 16-jährige Junge bei Gott schwor, dass er kein Spion war, begruben sie ihn dort bei lebendigem Leib. Bewohner der Stadt wurden gezwungen, zuzusehen. Einige versuchten mit dem General zu verhandeln und sich für den Jungen einzusetzen. Ihnen wurde ebenfalls mit dem Tode gedroht. Da verstummten sie.
Die Soldaten glaubten, so erzählt mir der Pastor des Ortes, Edwin Flomo, sie könnten mit diesem Verbrechen ihre Feinde davon abhalten, in den Ort einzudringen. Sie erhofften sich davon Kraft und Stärke. Doch nach dem Verbrechen konnten sie nicht mehr im Ort bleiben. Sie flohen alle. Jeder in Sanoyea kennt ihre Namen. Bis heute lebt der General, der den Mord befehligt hat, unbehelligt in der Nähe.
Die Mutter und die Schwester des Jungen treffe ich im Jahre 2005 in einem der großen Flüchtlingslager. Der Vater, so erzählen sie, ist aus Kummer über den grausamen Verlust seines Sohnes im Flüchtlingslager gestorben. Für beide Frauen ist es unvorstellbar, wieder nach Sanoyea zu gehen.
Auch den Augenzeugen fällt es schwer, über das Geschehen hinwegzukommen. Das grausame Kindsopfer zur Abschreckung der Rebellen und ihrer potentiellen Unterstützer im Ort hat sich wie ein schmerzhafter Schatten auf die ganze Stadt gelegt, der einen Neubeginn, eine Heilung der Wunden bis heute kaum möglich macht. Ein Stück weiter oben am Hügel, so erzählt der Pastor, wurde eine schwangere Frau auf ähnliche Weise lebendig begraben. Ihre Verwandten leben noch immer im Ort. Sie sind zutiefst verbittert. Die Rebellen, so erzählt der Pastor, drangen trotzdem in Sanoyea ein.
Wie kann eine Stadt, wie können die Betroffenen mit solch einem belastenden Geschehen leben? Die Geschichte zeigt, dass es dafür kein überall gleich angemessenes Konzept geben kann. Dennoch ist es für Liberia nach den Zerstörungen von Land und Infrastruktur, von Gefühlen und Werten unerlässlich, einen gemeinsamen Weg zu finden, mit der Geschichte umzugehen. Mit Worten wie Friede und Versöhnung, Einheit, Vergebung und Gebet ist es nicht getan. Auch Begriffe wie Heilung erfassen nicht die Spannung zwischen schmerzhafter Erinnerung und Verlust einerseits und dem Aufbau einer tragfähigen Lebensgrundlage sowie dem Ringen um Gerechtigkeit andererseits.
Im Februar 2006 wurde in Liberia die Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission, TRC) beauftragt, die Menschenrechtsverletzungen während des langen Bürgerkriegs zu dokumentieren. Das Gremium unter Vorsitz des Anwaltes für Menschenrechte Jerome Verdier ist mit neun liberianischen und drei internationalen Mitgliedern besetzt. Vor kurzem sind Mitarbeitende geschult worden, wie sie Gespräche mit den Betroffenen führen sollten.
Die TRC will Friedensgruppen bilden, die in die Dörfer gehen und helfen, dort einen Versöhnungsprozess zwischen Opfern und Tätern in Gang zu setzen. Dieser Weg ist gewählt worden, weil es vorrangig darum gehen muss, die Nation nicht noch weiter zu spalten. Der Ansatz wird vom Trauma Healing and Reconciliation Programme der lutherischen Kirche bereits erfolgreich praktiziert.
Doch vor allem jene, die in besonderer Weise Opfer von Krieg und Gewalt wurden, erwarten, dass die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden. Sie wünschen eine strafrechtliche Verfolgung und Bestrafung der Täter und, wo möglich, Wiedergutmachung. Informelle Mediationsgruppen, wie die TRC sie plant, Schlichtungsausschüsse vor Ort können das nicht leisten. Menschenrechtsgruppen in Liberia bemängeln besonders, dass die TRC keine Kriegsverbrechen verfolgen kann.
" Wenn die Wahrheit ausgesprochen wird, wird auch die Menschlichkeit befreit aus dem Bann der Gewalt", sagte die im Jahr 2005 gewählte Staatspräsidentin Ellen Johnson-Sirleaf zur Eröffnung der Arbeit der TRC. Liberia könne so "zur Wahrheit befreit werden". Dazu muss aber auch endlich aufgedeckt werden, wer Massaker begangen hat wie etwa das in der lutherischen Kirche St. Peters in Monrovia 1991, wo Hunderte Zuflucht gesucht hatten und blindwütig ermordet wurden.
Das wird nicht leicht werden. Denn noch immer haben Kriegsverbrecher großen Einfluss im Land, einige haben mächtige Posten inne. So wie Prince Johnson, der den früheren Diktator Samuel Doe 1980 grausam folterte und vor laufender Kamera tötete. Jetzt sitzt er wieder im Parlament. Wie können die, die ihre Geschichte öffentlich erzählen, vor ihnen geschützt werden? Wie kann man die Kultur des Schweigens durchbrechen? Und was geschieht, wenn jemand zu Unrecht beschuldigt wird?
Die Mutter und die Schwester von John Kerla wollen sich nicht an die TRC wenden. "Was soll mir das bringen?", sagt die Mutter. "Ein Prozess würde alles wieder aufwühlen und meinen Sohn nicht wieder lebendig machen. Jetzt geht es um mein Überleben. Wo kann ich hin? Wovon werde ich leben können?"
Die wichtigste Hilfe für die beiden Frauen wäre eine Unterstützung für den Bau eines Hauses sowie ein Stück Land zum Bewirtschaften. Ohne Existenzsicherung, ohne eine sichere Grundlage für ihr eigenes Leben, erscheint ihnen das Weiterleben sinnlos. Denn dann werden sie immer an den Verlust des Mannes und des Sohnes erinnert und an die Grauen des Krieges, der sie äußerlich und innerlich entwurzelt hat. Einer inneren Entwurzelung lässt sich zunächst nur mit einer stabilen Existenz begegnen, an der auch die Seele und die Gefühle sich wieder anbinden können. Sonst können sie jederzeit wieder ausbrechen, auch durch Verführung zu Rache und Gewalt, wenn jemand dazu aufruft, oder Gewalt gegen sich selbst.
Die beiden Frauen haben sich den Friedensfrauen (Peace Women) angeschlossen, den "Frauen in Weiß". Diese setzen sich mutig und für alle sichtbar schon seit 2002 für Frieden im Land ein. Sie gehen aufs freie Feld, singen, beten und fordern Frieden und Wiedergutmachung. Es sind Tausende inzwischen, über das ganze Land verteilt. Die Friedensfrauen sprechen etwas aus und fordern zugleich etwas ein, wozu die Einzelnen nicht oder nur sehr schwer in der Lage sind. Sie übernehmen sozusagen die Rolle der Fürsprecherinnen, der Zuhörerinnen, der spirituellen Wegbegleiterinnen und machen den individuellen Schmerz zu einem gemeinsamen Anliegen. Die Erinnerung wird so in einen größeren sozialen und politischen Zusammenhang gestellt; das hilft, den Schmerz auf mehrere Schultern zu verteilen und erträglicher zu machen.
Manchen Tätern tut bis heute nicht leid, was sie getan haben, sagt Pastor Flomo. Ihr Verhalten ist noch immer dasselbe. Seine Mutter wurde von Soldaten verschleppt und monatelang festgehalten, damit sie für die Männer kochte; mehr möchte sie darüber nicht sagen. Niemand will die früheren Kämpfer in der Stadt aufnehmen - selbst deren eigene Eltern nicht. Dennoch wird die Zukunft Liberias entscheidend davon abhängen, wie diese Ex-Kämpfer wieder in die Gemeinschaft integriert werden können. Manche von ihnen engagieren sich in der Kirche, andere bleiben ihr deswegen fern. Die Kirchen, die ja selbst bis ins Innerste erschüttert wurden und erst wieder eine Orientierung finden müssen, stehen da vor schwierigen Aufgaben.
Unterstützung bekommen sie von Partnerkirchen, vom EED, der Diakonie Katastrophenhilfe und dem Lutherischen Weltbund bzw. seinem Weltdienst. Sie geben finanzielle Aufbauhilfe für Kirchen und Schulen und fördern Projekte, die den Menschen helfen, wieder eine Lebensgrundlage aufzubauen. Programme für die Handwerksausbildung von früheren Kämpfern sind besonders hilfreich, um sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren.
Doch auch in den Kirchen hat der Krieg seine Spuren hinterlassen, Neid und Spaltungen erzeugt. Auch hier müssten demokratische Abläufe eingeübt werden, bei denen einfache Mitglieder der Kirche eine Stimme haben. Im Bereich der Seelsorge benötigten die Pastoren Unterstützung, damit Worte wie Wahrheit und Versöhnung auch glaubwürdige Vertreter und Vertreterinnen finden. Viele der Pastoren, so erzählt mir der Bischof der lutherischen Kirche, Summoward Harris, sind jedoch nicht bereit, für diese Aufgabe in eine Gemeinde ins Landesinnere zu gehen, wo sie dringend gebraucht würden. Die meisten möchten lieber in der Hauptstadt bleiben und Projekte leiten, die von auswärtigen Geldgebern unterstützt werden. Es wird mehr als eine Generation brauchen, bis wieder eine offene Begegnung zwischen den Menschen möglich ist - auch in den Kirchen.
Der Umgang der Einzelnen mit traumatischen Erlebnissen ist individuell sehr unterschiedlich und etwas anderes als der Umgang mit den Folgen des Krieges für einen ganzen Ort. Hier geht es auch darum, das soziale Gefüge neu zu konstituieren. Der Krieg hat Familien auseinandergerissen und, da jeder ums eigene Überleben kämpfen musste, den Gemeinschaftssinn untergraben. Gewalt gegen Frauen und Kinder ist zum Alltag geworden. Jugendliche respektieren nicht mehr die Alten im Ort, sondern haben im Krieg gelernt, dass man nur mit Gewalt zu etwas kommt. Die alten Regeln gelten häufig nicht mehr.
In Sanoyea zum Beispiel fordert man, die Mörder vor Gericht zu stellen - auch um in der Stadt wieder eine moralische und ethische Ordnung herzustellen, die seitdem verschwommen ist. Bis solche Prozesse in Gang kommen, wird es aber noch lange dauern. Daher haben die Town Chiefs und traditionellen Würdenträger in Sanoyea selbst einen Weg gesucht, den lähmenden Schatten zu vertreiben. Im Frühjahr 2006, nach vielen Gesprächen zwischen dem Pastor, den Town Chiefs und den traditionellen Würdenträgern, wurde beschlossen, den toten Jungen nicht länger mitten auf der Straße unter der Erde zu lassen. Die Straße sollte erneuert werden, aber das war nur der Anlass. Die Ältesten wollten, dass die ganze Stadt gemeinsam sich auf diese Weise an das Verbrechen erinnert und dem Jungen seine Würde wiedergegeben würde.
Alle Männer der Stadt, allen voran die Ältesten und Vorsteher, versammelten sich in einer Nacht, um die sterblichen Überreste des Jungen auszugraben und an einem anderen Ort zu beerdigen. Es dauerte eine Weile, bis sie die genaue Stelle ausmachen konnten, sie mussten Augenzeugen von damals hinzuziehen. An einer anderen Stelle wurde die Leiche eines weiteren Jungen exhumiert. Auch der Körper der Frau auf dem Hügel fand in dieser Nacht endlich eine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof.
Dabei, so berichtet mir der Pastor, waren nur die Männer des Ortes zugegen. Am nächsten Tag versammelten sie sich zusammen mit den Frauen und Kindern und brachten ein paar Kühe, Schafe und Ziegen als Versöhnungsgabe für die Opfer des Verbrechens - ein Sühneopfer, um die Stadt vom Fluch des Geschehens zu befreien. Wie üblich bei Trauerfeiern, schlachteten sie die Tiere und bereiteten ein Mahl. Es wurde gesungen, gebetet, geweint. Den Kindern wurde erklärt, was damals geschehen war und was die Männer in der Nacht gemacht hatten.
Auch wenn nicht alle im Ort damit einverstanden waren, so ist doch der erste Schritt gemacht, das Unrecht nicht länger unter der Erde zu halten. Die Versöhnungsfeier hat zugleich für alle sichtbar gemacht, dass Recht und Unrecht wieder unterschieden werden können. Pastor Flomo möchte, dass dieser Weg, den die Stadt Sanoyea gegangen ist, zu einem Beispiel wird für das ganze Land.
Vielleicht kann in Sanoyea nun endlich die Trauer einsetzen und ein Prozess des Erzählens und Zuhörens, des Anklagens und Verurteilens, des Recht Sprechens, der Versöhnung und der gemeinsamen Verantwortung für die Geschichte und die Zukunft. Vielleicht wird so der Weg bereitet, auf dem auch die Mutter und die Schwester von John Kerla eines Tages an das Grab gehen werden, um zu singen und zu beten, und ihre Trauer mit den Menschen des Ortes teilen. Vielleicht aber braucht es weiter die Begleitung der mutigen Friedensfrauen, die für die Toten und die Lebenden nicht aufhören, sich für ein friedliches Zusammenleben einzusetzen.
aus: der überblick 04/2006, Seite 96
AUTOR(EN):
Sabine Förster
Sabine Förster ist Studienleiterin an der Missionsakademie in Hamburg. Sie hat
von 2001 bis 2005 in Liberia für die lutherische Kirche in der
Erwachsenenbildung gearbeitet und zusammen mit Flüchtlingen das
Friedensprogramm "Under the Tree" für Kinder und Jugendliche aufgebaut.