Lehren aus den USA
Die Entwicklungspolitik ist aus dem außenpolitischen Engagement der USA entstanden. Doch heute gelten die USA bei der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit als knauserig, ihre Vergabepolitik gilt als von eigenen Interessen dominiert. Doch umgekehrt stellen amerikanische Entwicklungspolitiker auch Fragen an die europäische Praxis.
von Andrew S. Natsios
In Europa bewegt sich die Debatte über entwicklungspolitische Herausforderungen weitgehend fernab von der Außenpolitik und von nationalen Sicherheitserwägungen. Wie lange wird es noch möglich sein, eine solche Haltung beizubehalten? In Zeiten des globalen Terrors werden auch die Europäer irgendwann anfangen, ihre Regierungen zu fragen, wie sich die europäischen Entwicklungshilfeprogramme zu der erlebten Bedrohung verhalten. Diese Bedrohungen können in Gestalt von Terrornetzwerken, Epidemien wie der Vogelgrippe, dem Drogenhandel oder dem organisierten Verbrechen, das das Welthandelssystem unterwandert, auftreten.
Die "reine" Entwicklungspolitik, bei der Entwicklung losgelöst von den Anliegen der Außenpolitik und den auf sie zukommenden Herausforderungen stattfinden soll, ist langfristig wohl nicht nachhaltig. Das belegt die Geschichte von über fünfzig Jahren US-amerikanischer Auslandshilfe. Mit zunehmender Bedrohung der nationalen Sicherheit steigen die Hilfsleistungen so etwa im Europa der Nachkriegsjahre mit dem Marshall-Plan und zu Zeiten des Kalten Krieges mit der "Allianz für den Fortschritt", dem Programm Kennedys zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Lateinamerika. Dagegen sinken die bereitgestellten Mittel in stabileren Phasen, wie etwa während der Entspannungsphase des Kalten Krieges, oder nach dem Fall der Berliner Mauer, als man glaubte "Urlaub von der Geschichte" nehmen zu können.
Die US-amerikanische Entwicklungsbehörde USAID hat immer noch mit diesen schädlichen Nachwirkungen der 1990er Jahre zu tun: Meiner Meinung nach lag der Hauptgrund für den Rückgang der öffentlichen Entwicklungshilfe und die institutionelle Schädigung von USAID darin, dass es keine eindeutig zu identifizierende ausländische Bedrohung der westlichen Interessen gab, der man mit der Auslandshilfe hätte entgegentreten können.
Das Erbe der 1990er Jahre prägt die erste Dekade des neuen Jahrhunderts einer Ära des globalen Terrors und erneutem Bekenntnis zu Entwicklung. Wir erleben zur Zeit eine historische Neuorientierung der nationalen Sicherheitsstruktur innerhalb der amerikanischen Regierung USAID eingeschlossen , mit dramatischen Veränderungen sowohl im Hinblick auf die Höhe der Hilfszahlungen als auch auf interne Umstrukturierungen.
Der globale Terrorismus hat die Beziehung der USA zu den Entwicklungsländern strategisch entscheidend verändert. Zu Zeiten des Kalten Krieges hat uns die Dynamik der Teilung der Welt in zwei Blöcke und die Konkurrenzsituation mit der Sowjetunion dazu gezwungen, unsere Bündnissysteme zu pflegen und auszubauen. In diplomatischer Hinsicht bedeutete das auch die Unterhaltung freundschaftlicher Beziehungen zu einigen zwielichtigen Staatsführern und Regimen. Militärisch gesehen, hat uns die Politik des atomaren Rüstungswettlaufs äußerste Vorsicht bei außenpolitischen Überlegungen auferlegt und unseren politischen Spielraum stark eingeschränkt. Auch die Programme zur Auslandshilfe waren diesen Imperativen unterworfen. Alles drehte sich um Stabilität, nicht um transformierende Entwicklung.
Heute ist die Situation anders. Wir erleben jetzt, dass zivilisiertes Leben entscheidend davon abhängt, dass die Unruheherde dieser Welt umgestaltet werden. Anders als zu Zeiten des Kalten Krieges sind wir nun mehr von "fragilen als von erobernden Staaten" bedroht, wie Präsident Bush es 2002 in seiner Nationalen Sicherheitsstrategie ausdrückte. Für unsere eigene nationale Sicherheit ist es jetzt überlebensnotwendig, den Entwicklungsländern wirtschaftliche Chancen zu eröffnen und das Lager der demokratischen Staaten zu vergrößern. Diese Ziele machen das aus, was kommende Generationen vielleicht einmal die Bush-Doktrin nennen werden, und sie sind schon heute zentrale Aufgabe von USAID.
Die Entwicklungsländer verstehen diese neue Dynamik unter Umständen wahrscheinlich besser als gewisse Länder der nördlichen Hemisphäre. Von den afrikanischen Präsidenten und Premierministern habe ich im persönlichen Gespräch immer wieder die gleiche Botschaft vernommen: "Wir möchten nicht auf Dauer von den Industrieländern bevormundet werden." Sie möchten lieber geostrategische Verbündete der USA sein als nur Objekte der wohltätigen Aktivitäten der reichen Länder. Entwickeln sie erst einmal ein Gespür für den strategischen Wert ihrer Länder für das Überleben und Wohlergehen der Vereinigten Staaten, dann wissen sie, dass diese sich gar nicht erlauben können, sie fallen zu lassen. Die Beziehung, die diesen Ländern angeboten wird, ist eine Partnerschaft, kein Abhängigkeitsverhältnis. Und diese Art von Beziehung bevorzugen sie eindeutig.
Die Millennium-Entwicklungsziele spielen zur Zeit eine große Rolle in der Debatte. Der größte Streit ist über das Versprechen entbrannt, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE früher Bruttosozialprodukt BSP) für Entwicklungshilfe bereit zu stellen. Dazu zwei Anmerkungen: Erstens ist das Volumen der Hilfe, wonach man es auch immer bemessen will, hier und andernorts beträchtlich gestiegen, aber auch die Art der Hilfe hat sich drastisch geändert. Zweitens kann es durchaus sein, dass die staatliche Entwicklungshilfe als Messlatte für die Beziehung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern eine Reihe von viel wichtigeren Dingen gar nicht erfasst. In der offeneren und dynamischeren Welt von heute gibt es ein ganzes Spektrum von Beziehungen, die Entwicklung fördern. In den 1970er Jahren war die Regierung der USA der größte Geber im Bereich der Entwicklungshilfe. Es sah gewöhnlich so aus, dass USAID ein Entwicklungsproblem feststellte, eine Lösung plante und die Projekte durch Zahlung von Zuschüssen und über Verträge abwickelte. Heute sind etwa 80 Prozent der Finanzmittel "privater" Herkunft, das heißt, es handelt sich um ausländische Direktinvestitionen, Kredite und Anlagen von internationalen Banken, Rücküberweisungen von Migranten, Spenden von Unternehmen und ihren Stiftungen, Stipendien von Universitäten und Akademien, Spenden von kirchlichen Gruppen und Spenden von US-amerikanischen Familienstiftungen.
Gar nicht zur Debatte steht, dass einige der Millennium-Entwicklungsziele für den Entwicklungsprozess viel wichtiger sind als andere. Stattdessen werden sie alle als gleichwertig behandelt. Darüber hinaus enthält diese Liste mit noch so wünschenswerten Zielen keine Strategie, um diese zu erreichen. Selbst das Ziel der Bereitstellung von 0,7 Prozent des BNE birgt keine echte Garantie, dass das Angestrebte damit rasch bewirkt wird. Natürlich ist es nötig, für die Entwicklung genügend Geld bereitzustellen, aber das allein ist noch lange keine Grundlage für den Erfolg. Es kommt sogar vor, dass großzügige Hilfsleistungen, die fehlgeleitet oder unterschlagen werden, die transformierende Entwicklung in den Empfängerländern geradezu behindern (vergl. den Beitrag von Robert Calderisi in "der überblick" 3/2006).
Die Millennium-Entwicklungsziele legen das Schwergewicht auf soziale Leistungen. Ein Land kann aber alle Sozialleistungen dieser Welt bieten und trotzdem ein Ort furchtbarer Unterdrückung und bitterer Armut sein. In Kuba beispielsweise gibt es nahezu kein Analphabetentum. Und es hat weltweit die höchste Versorgungsdichte mit Ärzten. Gleichzeitig hat es Probleme, seine Bevölkerung zu ernähren und das, wie man nicht vergessen sollte, trotz seiner üppig reichen tropischen Böden.
Wenn sich in den nächsten zehn Jahren alle Energien nur auf die Umsetzung der Millennium- Entwicklungszielen richten, werden wir bei der viel weiter gehenden Aufgabe der Entwicklung unweigerlich Schiffbruch erleiden. Durch eine Überbewertung dieser Sonderziele laufen wir Gefahr, die Bedeutung eines gerechten Wirtschaftswachstums, guter Regierungsführung und von Demokratie aus den Augen zu verlieren, ohne die es uns nie gelingen kann, das Steueraufkommen zu sichern, das die Sozialleistungen der Millennium- Entwicklungsziele überhaupt erst auf Dauer finanzierbar macht. Es muss vielmehr umgekehrt Wert auf ausreichend wirtschaftliches Wachstum als notwendiger Voraussetzung von Sozialleistungen gelegt werden. In der Debatte über die Höhe von Hilfsleistungen ist der Aspekt der Effizienz der Hilfe nahezu untergegangen. Dass beide gleich wichtig sind, sollte klar sein.
Beschäftigen wir uns zunächst mit der kontinentaleuropäischen Kritik an der US-amerikanischen Auslandshilfe. Das hört sich in der Regel so an: Auslandshilfe fände in den Vereinigten Staaten innerhalb eines politischen Kontexts statt, der ihre Effizienz untergrabe. Sowohl die Höhe der Hilfszahlungen als auch der Zuschnitt der Programme würden stärker vom Einfluss nationaler Gruppierungen und der Außenpolitik bestimmt als von den Bedürfnissen der Empfängerländer. Gemeint sind hauptsächlich der Kongress und insbesondere die Ausschüsse mit außenpolitischen Entscheidungsbefugnissen, Interessengruppen, Myriaden von nichtstaatlichen Organisationen (NGOs), Universitäten und Unternehmen, die um Gelder für Entwicklungshilfeprojekte konkurrieren, und der eigentliche Apparat der Entwicklungszusammenarbeit.
Den Kritikern zufolge schließt das auch die Chefs einer Behörde wie USAID mit ein, deren verschiedene Referate und Büros letztendlich wie alle Bürokratieapparate auch auf den Selbsterhalt bedacht sind.
Ehrlicherweise muss man sagen, dass die Kritik nicht völlig unbegründet ist. Es gehört aber zum einen zu der Pflicht eines guten Verwaltungsbeamten, in seinem politischen Umfeld darauf zu achten, dass die Integrität der entwicklungspolitischen Arbeit gewahrt bleibt und ihre "Vereinnahmung" verhindert wird. Mit anderen Worten, eine effiziente Führung der Behörde ist das Mittel gegen die von den Kritikern beschriebenen Zentrifugalkräfte. Das ist eine ständige Herausforderung. Zum zweiten gerät die Auslandshilfe durch ihre zunehmende Bedeutung für die nationale Sicherheit stärker ins Visier der Öffentlichkeit. Dadurch entzieht sie sich der Kontrolle der politischen Untergruppen.
Die Theorie der "Vereinnahmung" war demnach zu manchen Zeiten in der Vergangenheit eher berechtigt als heute. Zum dritten hat USAID 75 Prozent seines Personals in über 80 Ländern vor Ort im Einsatz. Sie sind am Puls der Bedürfnisse der Empfängerländer. Sie sind die wahren Entwicklungsexperten. Und ihre Stellungnahmen zur Strategie dienen als Gegengewicht für die Politik in Washington.
USAID weiß um die bedeutenden Stärken multilateraler Organisationen, ist sich aber auch ihrer beträchtlichen Schwächen bewusst. So wendet sich USAID zum Beispiel nicht an die Vereinten Nationen (UN), wenn schnelle und kurzentschlossene Aktionen vonnöten sind. Wo immer eine komplexe Institution mit unterschiedlichen Akteuren in verschiedenen Teilen der Welt einen Konsens finden muss, sind Zeit und Gespräche unerlässlich. Die Unterstützung multilateraler Organisationen ist nicht schon an sich ein besonderer Beweis von Wirksamkeit. Hat sich eine UN-Organisation bei der praktischen Arbeit vor Ort bewährt aber nur dann , erhält sie Unterstützung von USAID.
In Europa spiegelt der Schwerpunkt auf Sozialleistungen in der Auslandshilfe die innenpolitische Tendenz der Nationalstaaten zum sozialen Wohlfahrtsstaat wider. Man könnte sagen, dass auch die europäische Auslandshilfe genau wie die US-amerikanische von der nationalen Politik "vereinnahmt" wird. Sie ist ebenfalls gezwungen, innerhalb von der Politik abgesteckter Spielräume zu operieren.
Auch die allgemeine Budgethilfe verdient ein paar kritische Anmerkungen, gerade weil sie als lauter oder besonders effektiv daherkommt. Im Rahmen einer derartigen Regelung können entwicklungspolitische Ziele mit dem Kaufen von Einfluss zusammenfallen. Offen gesagt wurde ein Großteil der Auslandshilfe während des Kalten Krieges in dieser Form geleistet, in einer Zeit, als bilaterale Hilfen für die Regierungen ausgewählter Länder Priorität hatten. Von allen Formen der Entwicklungszusammenarbeit ist die direkte Budgethilfe am anfälligsten für die Zweckentfremdung von Mitteln und blockiert sogar möglicherweise Reformen, weil sie den Status quo der Bürokratie stärkt.
Tatsache ist, dass alle Formen der Entwicklungshilfe ihre Schwächen und Stärken haben. Es gibt keine "perfekte" oder optimale Methode. Immer sind Kompromisse zu machen. Ich bin der Auffassung, dass die Debatte über die Effizienz der Hilfe diese inhärenten Spannungen und Widersprüche nur unzureichend aufgreift. Das Problem der heutigen Entwicklungshilfe besteht darin, mit der Komplexität umzugehen. Wie es bei der Auslandshilfe vielfältige Aufgaben und Ziele gibt, muss sich dies auch in einer Vielfalt der Hilfsansätze widerspiegeln. Die Hilfsformen müssen auch die jeweilige Entwicklungsphase eines Landes berücksichtigen. Sektorale Budgethilfe, die an Reformen geknüpft ist, mag für Ghana passend sein, nicht aber für Liberia.
Wichtig ist, dass wir auf die Stärken der verschiedenen Partner in den Empfängerländern eingehen. Einige davon aber längst nicht alle finden sich in den Reihen der Regierung. Viele sind in der Zivilgesellschaft anzutreffen, in kirchlichen Einrichtungen, bäuerlichen Kooperativen und NGOs.
In Europa sind die Behörden für Entwicklungszusammenarbeit in der Regel stark zentralisiert. Die Entscheidungsfindung konzentriert sich auf die Hauptstädte, wo sich auch die Mehrzahl der Mitarbeiter in der Entwicklungszusammenarbeit befindet. USAID dagegen hat seine meisten Mitarbeiter vor Ort, die meisten sind nicht einmal Amerikaner und arbeiten teilweise schon seit Jahrzehnten für die Organisation. Im Großen und Ganzen sind es hochqualifizierte Fachleute, die häufig anschließend in ihren Ländern wichtige Aufgaben übernehmen. Auch so können neue Fertigkeiten vermittelt und Institutionen gestärkt werden. Mit der Durchführung amerikanischer Programme in ihren Herkunftsländern lernen sie, den Anforderungen einer modernen Verwaltung gerecht zu werden. Es sind vor allem Leute aus Entwicklungsländern und keine Funktionäre aus Washington , die die amerikanischen Hilfsprogramme vor Ort betreuen. Das System ist in hohem Maße dezentralisiert und so ist es auch gewünscht.
Jede Debatte über die angemessene Höhe von Hilfen muss auch die Frage der Aufnahmefähigkeit der Empfängerländer berücksichtigen. Üblicherweise wird nur ein Bruchteil der verfügbaren Mittel in einem bestimmten Jahr auch ausgegeben. Die Art des internen Managements in den Geberorganisationen hat einen entscheidenden Einfluss auf den Absorptionsgrad. Je mehr Entscheidungen aus den Zentralen der Geldgeber in die kleinen Büros vor Ort delegiert werden, umso höher ist die Aufnahmefähigkeit für die bereitgestellte Geldsumme. Entwicklungshilfeorganisationen, die Entscheidungen weitgehend delegieren, erzielen die höchsten Auszahlungsquoten (75 bis 87 Prozent verglichen mit 7 bis 12 Prozent im Falle von Organisationen, die kaum delegieren). Die Aufnahmefähigkeit stößt aber auch an ihre Grenzen, wenn versucht wird, zu viel Geld in Strukturen von fragilen Staaten zu stecken, ohne begleitend umfassende Personal- und Organisationsentwicklung zu betreiben.
Auf der UN-Konferenz in Monterrey 2002 hat Präsident Bush versprochen, die US-Entwicklungshilfe bis 2006 um 50 Prozent zu steigern. Aber es gibt in der Debatte im Anschluss an Monterrey eine gewisse Schieflage. Damals war man davon ausgegangen, dass im Gegenzug für eine bedeutende Erhöhung der Hilfe Reformen in Angriff genommen würden. Bei dem Finanzierungstreffen in New York im November 2005 drehte sich die Debatte dagegen fast ausschließlich ums Geld; der zentrale Stellenwert der Reformen war in Vergessenheit geraten, und der ergebnisorientierte Ansatz wurde aufgegeben. Es wird weitere Rückschläge in der Entwicklungspolitik geben, wenn hier das Gleichgewicht nicht wiederhergestellt wird. 2004 gründeten die Vereinigten Staaten die Millennium Challenge Corporation (MCC).
Das ist möglicherweise die aussichtsreichste Entwicklungsinitiative der letzten Generation, aber sie ist auch bemerkenswert, weil sie vom wahren "Geist von Monterrey" geprägt ist. In den kommenden Jahren werden dadurch Milliarden Dollar an Hilfsgeldern für Länder bereitgestellt, die eine gerechte Politik verfolgen, in ihre Bevölkerung investieren und mit ihren politischen Strategien und Institutionen ein marktorientiertes Wachstum unterstützen. Vereinbarungen mit Madagaskar, Honduras, Kap Verde und Nicaragua sind unterschiedlich weit fortgeschritten. Die MCC dient nicht nur den Ländern, die unmittelbar von den Hilfsgeldern profitieren, sondern hat auch in allen anderen Entwicklungsländern nützliche Auswirkungen, weil die Schwellenländer versuchen, sich für die Hilfe zu qualifizieren, und sich um positive Veränderungen im Hinblick auf die Auswahlkriterien bemühen. USAID hilft diesen Ländern, ihre Institutionen, Strukturen und Verfahren anzupassen, um so in den Kreis der Förderberechtigten aufgenommen zu werden. Länder werden dabei nicht deshalb ausgewählt, weil sie versprechen, in Zukunft ein "positives Verhalten" an den Tag zu legen sozusagen unter Vorbehalt , sondern sie erhalten eine Belohnung für etwas, was sie schon erreicht haben (vergl. Beitrag von Larry Nowels in "der überblick" 3/2004).
Beim Finanzierungstreffen im November 2005 versprachen die Vereinigten Staaten, 18 Staaten die meisten davon in Afrika mehr als 40 Milliarden US-Dollar an Schulden bei der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds und anderen internationalen Kreditgebern zu erlassen. In dieser Debatte sollte aber ein wesentlicher Aspekt nicht außer Acht gelassen werden. Wenn wir die Geschäftsmodelle der Banken für die am wenigsten entwickelten Länder nicht hinreichend reformieren, werden wir uns in wenigen Jahrzehnten einer neuen Schuldenkrise gegenüber sehen.
Das gesamte Konstrukt der Kredite fußt auf angenommenen hohen Wachstumsraten, die sich nicht einstellen werden, wenn nicht innerhalb der Finanzinstitute und in den ärmsten Entwicklungsländern selber grundlegende Reformen durchgeführt werden. USAID hat vor 25 Jahren von staatlich garantierten Kreditprogrammen Abstand genommen. Eine Anzahl anderer Geberorganisationen verleiht immer noch Geld an Länder, die keine Möglichkeit haben, es zurückzuzahlen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Ziel ist nicht die Abschaffung von Kreditaufnahme insgesamt, die ein wertvolles Instrument zur Finanzierung der Entwicklung sein kann, sondern die Sicherung ihrer Nachhaltigkeit. Im Hinblick auf dieses Thema ist wie in der gesamten Debatte seit Monterrey der Teil der Gleichung heruntergespielt worden, der sich auf die Reformen bezieht.
Schließlich müssen sich die Begrifflichkeiten in der entwicklungspolitischen Debatte ändern. USAID hat sich statt des Begriffes der "nachhaltigen Entwicklung" für den Terminus "transformierende Entwicklung" als Ziel ihrer Programme entschieden. Dabei geht es nicht um Wortklauberei. Schon weiter oben wurde darauf hingewiesen, dass Politik fester Bestandteil der Hilfe aller Geberländer ist in Europa wie in Amerika. Die politische Stimmung in den unterschiedlichen Ländern und ebenso in den internationalen Organisationen beeinflusst die Planung der Auslandshilfe.
Politik ist auch einer der wichtigsten Faktoren, den Geber- wie Empfängerländer im Auge haben sollten. Es gibt einen Grund, warum manche Länder eine schlechte Politik verfolgen. Das ist keine Frage von Rückständigkeit. Und es ist auch keine Frage eines beschränkten Geistes in den Entwicklungsländern, der der Aufklärung bedarf durch eine plötzliche Erhellung in Form eines vernünftigen Argumentes. Vielmehr geht es um tief verwurzelte Interessen, die mit Aspekten wie Eigentum, Ideen, sozialen Vorteilen, Prestige und traditionellen Handlungsweisen verflochten sind. Im Norden wie im Süden ist es extrem schwer, politische Veränderungen zu erreichen, wenn derartige Interessen im Spiel sind.
Entwicklungsfachleute sollten versuchen, innerhalb des politischen Systems Druckbewegungen zu institutionalisieren, die auf das gleiche Ziel hinauslaufen und so den Reformkräften in die Hände zu arbeiten und die Bewahrer des Status quo zu isolieren. Vor ein paar Jahren wurde die Theorie der öffentlichen Verwaltung dominiert vom Ansatz der so genannten quantitativen Analyse staatlichen Handelns. Auf der Basis empirischer Studien und Untersuchungen wurden gewisse "optimale" Schlussfolgerungen für die verschiedenen Bereiche staatlichen Handelns ermittelt, allesamt einwandfrei recherchiert und bis ins Letzte beweisbar. Richard Neustadt war einer derjenigen, der an der Kennedy School of Government gegen diesen Ansatz revoltierte. Er stellte die Relevanz dieser Überlegungen in Frage. Nötig sei vielmehr eine politische Analyse, um zu entscheiden, ob eine optimale Reform in einem gegebenen politischen Kontext möglich ist. Die wirklich relevante Forschung, so seine Vorstellung, gehe über das hinaus, was empirische Daten erfassen können. Ich weiß nicht, wie oft ich mit so genannten Entwicklungsexperten gesprochen und debattiert habe, die ungefähr Folgendes sagten: "Ich habe nichts mit Politik zu tun. Ich arbeite in der Entwicklungshilfe." Das ist eine häufig anzutreffende Vorstellung, die Entwicklung zu ihrem Nachteil künstlich abtrennt und sie damit weitgehend aus jeglichem strategischen Kontext herausnimmt.
Für viele ist es überraschend zu erfahren, dass Abraham Lincoln der amerikanische Präsident war, der sich am meisten um die Entwicklung verdient gemacht hat. Noch heute ist es sehr aufschlussreich, sich mit seiner Vision und Entwicklungsstrategie zu beschäftigen. Er hat durch Gewährung von Landeigentum das Eigeninteresse der Landbesitzer an der Entwicklung des amerikanischen Westens gefördert. Mit Bildung und Ausbildung für die sozialökonomisch untere Klasse hat er zur Entstehung einer großen Mittelschicht beigetragen. Durch Gründung der National Academy of Science hat er den wissenschaftlich-technischen Fortschritt des Landes beflügelt und mit dem Bau der transkontinentalen Eisenbahn das Zusammengehörigkeitsgefühl und den Prozess der Nationenbildung gestärkt. Auch können andere Länder, die eine Phase des Krieges und ethnisch motivierter Gewalt überstanden haben, viel von unseren Erfahrungen aus dem Bürgerkrieg und der Zeit des Wiederaufbaus lernen.
Das Thema Entwicklung kann auch von religionssoziologischen Studien von der Art profitieren, wie sie David Martin von der London School of Economics vorgelegt hat (vergl. "der überblick" 2/2006). Auf den Spuren der "Explosion des Protestantismus in Lateinamerika" öffnet er seinen Lesern die Augen für eine "Revolution", die aus einer gewissen Distanz betrachtet für die Entwicklung der Region wahrscheinlich von tief greifender und dauerhafter Bedeutung sein wird (vergl. auch "der überblick" 1/2005). Professor Martins Arbeit ist so bedeutend, weil sie sich gegen eine mehr als hundertjährige Tendenz der akademischen Sozialanalyse stellt, die die Religion in der modernen Gesellschaft als schwindende Kraft oder wie die Marxisten lediglich als Begleiterscheinung der zugrunde liegenden wirtschaftlichen Strukturen betrachtet.
Entgegen solchen akademischen Ansichten zeigt Martin auf, wie es gerade die Religion ist, die wirtschaftliche Strukturen formt, und wie insbesondere der evangelikale Einfluss dabei ist, die südliche Hemisphäre zu verändern. Kernaussage ist, dass eine Sozialwissenschaft, die von ihrem methodischen Ansatz her die Religion aus ihrem Blickfeld verbannt, ihren eigenen Bankrott erklärt und die in der heutigen Welt stärkste transformative Kraft einfach ignoriert.
Entwicklungsstudien können aber auch von klassischen Texten inspiriert werden. Angesichts des zentralen Stellenwertes der Demokratie in der Außenpolitik meines Landes, kenne ich keinen Text, der besser geeignet wäre als die Federalist Papers einer Schriftenreihe der Väter der amerikanischen Verfassung zu deren Rechtfertigung , um uns das Wesen der liberalen Verfassung und die Institutionen einer demokratischen Regierung nahe zu bringen.
Auch kenne ich keinen Text, der mehr als "Über die Demokratie in Amerika" von Alexis de Tocqueville geeignet wäre, uns einen Einblick in die sozialen Grundlagen gesunder Demokratien zu geben sowie über die grundlegende Bedeutung lokaler Verwaltungsorgane und eines regen zivilgesellschaftlichen Lebens für eine demokratische Entwicklung aufzuklären. Der verstorbene Edward Banfield, Autor des Buches The Unheavenly City, hat Theorien über Zeithorizonte aufgestellt, die die verschiedenen Klassen der modernen Gesellschaft charakterisieren: von der unmittelbaren Befriedigung, die den Zeithorizont der Unterschicht definiert, bis zu den längerfristigen Interessen der Oberschichten, die sich häufig über mehrere Generationen erstrecken.
In jüngerer Vergangenheit hat Francis Fukuyama den Aspekt des Vertrauens in den Vordergrund gestellt, um tiefsinnige Wahrheiten über unterschiedliche Gesellschaften und Kulturen herauszuarbeiten. Zu diesen Studien möchte ich selbst noch eine kleine Anmerkung machen. Eine Wirtschaftsgesellschaft ist nicht einfach eine Maschine, die einen nie da gewesenen materiellen Wohlstand produziert. Genauso stark wie das demokratische Zusammenleben formt auch sie Aspekte des menschlichen Geistes. Unter anderem erweitert sie die Zeithorizonte. Außerdem gibt sie der Gesellschaft Antrieb und schafft gleichzeitig Vertrauen.
Alexander Hamilton (einer der Autoren der Federalist Papers), der wahrscheinlich Amerikas größter Denker in Sachen Entwicklung war, hat das verstanden. Was Gelehrte wie Fukuyama und Banfield sagen, ist von direkter Relevanz und praktischer Bedeutung, wenn wir die am wenigsten entwickelten Gesellschaften verstehen wollen, in denen wir aktiv sind, und wenn wir versuchen, ihnen bei der Ausarbeitung von Entwicklungsstrategien zu helfen. Ihre Einsichten basieren allerdings nicht auf der Analyse von Statistiken oder der Untersuchung von Einkommensniveaus. Sie beschäftigen sich auf einer unkonventionellen Ebene mit Fragen der Entwicklungshilfe, berühren aber wohl genau den Kern dessen, was ich mit einer wahrhaft transformierenden und nicht bloß nachhaltigen Entwicklungsstrategie meine. Es wäre zu begrüßen, wenn die Debatte über die Entwicklungspolitik auf eine breitere Basis gestellt und durch Hinzuziehung einer größeren Zahl an akademischen Quellen und Denkschulen vertieft und bereichert werden würde.
aus: der überblick 04/2006, Seite 14
AUTOR(EN):
Andrew S. Natsios
Andrew S. Natsios
war Leiter der US-amerikanischen Entwicklungsbehörde
USAID. Seit Januar 2006 ist er "Distinguished
Professor in the Practice of Diplomacy" an
der "Edmund A. Walsh School of Foreign Service" der
"Georgetown University" in Washington, D.C. Im
September 2006 wurde er zum Sondergesandten des
US-Präsidenten für den Sudan ernannt.
Der Originaltext dieses von der Redaktion gekürzten
Artikels erschien in der Zeitschrift "Development
Policy Review", Ausgabe 24 (2).
(www.blackwell-synergy.com/toc/dpr/24/2)