Bauern aus armen Regionen versuchen, sich Ehefrauen oder Erben zu kaufen
In China ist ein riesiger Schwarzmarkt für Frauen, Jungen und Mädchen entstanden. Das Geschäft der organisierten Menschenhändler blüht, weil in Armutsregionen viele Männer keine Frau finden, die sie heiraten will. Und viele Familien ohne Söhne sehnen sich nach einem männlichen Erben und jemandem, der sie im Alter versorgen kann. Schließlich hat sich mit der Lockerung staatlicher Kontrollen auch die Sexindustrie im ganzen Land ausgebreitet.
von Jutta Lietsch
Luo Huamei weiß selbst nicht recht, wie sie in der Provinz Fujian im Südosten Chinas gelandet ist. Nur dar-an kann sie sich noch erinnern: Ihre Entführerin, die sich "Ältere Schwester Li" nannte, hatte sie betäubt. Als die 20-jährige Luo wieder aufwacht, findet sie sich am Rande eines Bergdorfes wieder, rund Tausend Kilometer von ihrer Heimat entfernt. In der Morgendämmerung warten die Kidnapper auf das verabredete Signal. Sogleich taucht der Mann auf, der sich bei dieser Bande eine Frau bestellt hat. Er nimmt die noch benommene Luo mit zu sich nach Hause.
Luo ist arglos in die Falle gegangen. Die "Ältere Schwester Li" hat der jungen Arbeiterin einen Job in ihrem Gemüsegroßhandel in Guiyang in der Südwestprovinz Guizhou angeboten, und Luo ist ihr gefolgt. Das muss sie jetzt bitter bereuen. Denn die Gemüsehändlerin Li hat, wie sich bald herausstellt, noch einen lukrativen Nebenerwerb: Sie gehört zur wachsenden Schar von Menschenhändlern, die in den letzten Jahren Zehntausende Frauen und Kinder entführt und verkauft haben. In China ist inzwischen ein riesiger Schwarzmarkt für Frauen, Jungen und Mädchen entstanden, die Beute organisierter Banden sind. Wie hoch die Zahl der Opfer ist, weiß niemand, es könnten mehrere Zehntausend oder sogar Hunderttausende sein, schätzen Experten.
Der wuchernde Menschenhandel hat verschiedene Hintergründe: Da ist zum einen der Frauenmangel in Armutsregionen, wo viele Männer niemanden finden, der sie heiraten will, weil Frauen in die Städte abwandern, wo sie sich leichtere Arbeit und besseren Verdienst erhoffen. Dann gibt es Familien, die keine eigenen Söhne haben und sich nach männlichen Nachwuchs sehnen, denn sie wünschen sich einen Erben und jemanden, der sie im Alter versorgen kann. Schließlich blüht das Geschäft mit der Prostitution - die Sexindustrie breitet sich im ganzen Land aus.
Dies hängt eng mit dem drastischen Wandel zusammen, der China seit den achtziger Jahren überrollt. Er brachte nicht nur unerhörten wirtschaftlichen Aufschwung in den Küstenregionen und Metropolen wie Kanton, Shanghai oder Peking mit sich, sondern auch große Armut in weiten Teilen des Landes sowie die Auflösung traditioneller moralischer Werte. Verschärft wird diese Entwicklung durch die Folgen der rigiden Ein-Kind-Politik, die viele Bauern ohne ersehnten männlichen Nachwuchs zurückgelassen hat. Gleichzeitig schwand in den letzten Jahren die enge soziale Kontrolle, die zu Maos Zeiten das Leben der Chinesen bestimmte.
So vergeht inzwischen kaum ein Tag ohne Nachrichten über verschwundene Babies, gekidnappte Kinder oder verkaufte Frauen: "Polizisten verhafteten 24 Personen in der Provinz Hubei. Ihnen wird vorgeworfen, 15 Babies gestohlen und verkauft zu haben, die meisten davon an Familien im Kreis Zhou, die insgesamt 100.000 Yuan (etwa 14.000 Euro) für die Kinder bezahlt haben", meldete die chinesische juristische Tageszeitung Fazhi Ribao zum Beispiel im Januar.
Gegen Ende des Jahres 2001 hob die Polizei einen Verbrecherring aus, der sich über neun Provinzen erstreckte. Die Bande, deren Chef ein Hotelbesitzer aus Shiyan in der Zentralprovinz Hubei war, "vermietete" arme Frauen vom Lande als Prostituierte an Restaurants am Rande der Überlandstraßen und verdiente damit 200.000 Yuan (rund 28.000 Euro) im Jahr 2001. Die Polizisten retteten 300 Mädchen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren, die von dem Zuhälterring von Ort zu Ort geschleppt worden waren - bis nach Tibet im fernen Westen des Landes. Die Mädchen waren misshandelt worden, viele hatten Geschlechtskrankheiten, einige waren schwanger. Außer dem Bandenchef wurden 150 weitere Personen festgenommen, berichtete die Zeitung Beijing Chenbao (Pekinger Morgenpost). 42 Restaurants, die mit den Diensten der Prostituierten ihre Einnahmen aufgebessert hatten, wurden geschlossen.
Die dramatische Entwicklung hat die chinesische Regierung aufgeschreckt. Seit zwei Jahren behandelt sie Menschenhandel als Kapitalverbrechen und ahndet ihn - wie Drogenhandel oder Vergewaltigung - mit der Todesstrafe. In einem besonderes Aufsehen erregenden Fall hat ein Gericht in der Provinzhauptstadt Guiyang im August 2001 vier Mitglieder einer Kidnappertruppe zum Tode verurteilt. Die Gruppe hatte zwischen 1995 und Ende 1999 mindestens 60 Kinder entführt und die meisten von ihnen für mindestens 10.000 Yuan an Bauernfamilien in der Nachbarprovinz Guangdong verkauft. Der 37-Jährige Anführer der Bande, Chen Qifu, und drei seiner Kumpanen, zwei davon Frauen, wurden unmittelbar nach dem Urteil zur Hinrichtungsstätte gebracht und mit Schüssen ins Genick getötet. Sechzehn weitere Mitglieder erhielten Gefängnisstrafen von sechs Jahren bis lebenslänglich.
Als die Polizei versuchte, die rechtmäßigen Eltern der Kinder zu finden und die Fotos der Opfer in den lokalen Zeitungen veröffentlichte, meldeten sich über sechshundert Familien aus ganz Südchina, die ihr Baby wiederzuerkennen glaubten. Inzwischen hat sich in Guangxi eine Gruppe von Eltern Verschwundener zusammengeschlossen, um nach ihren Kindern zu suchen. Da die meisten Entführten zur Zeit ihrer Verschleppung noch zu klein waren, um ihren ursprünglichen Namen zu wissen, beschlossen die Behörden, mit DNA-Tests die Verwandtschaft zu bestimmen.
Oft sind aber die leiblichen Eltern nicht mehr aufzuspüren, weil sie ihre Heimat verlassen haben. Viele von ihnen gehören - so glaubt die Polizei - zu den über 100 Millionen Menschen, die auf der Suche nach einem Job durchs Land ziehen. Manche dieser Wanderarbeiter wagen es nicht, den Verlust ihres Kindes zu melden. Sie haben keine gültigen Papiere, oder das Verschwundene ist ihr zweites oder drittes Kind, das sie entgegen der Ein-Kind-Politik bekommen haben. Diese Wanderarbeiter fallen den Menschenhändlern besonders leicht zum Opfer. Sie haben wenig Chancen, sich zu wehren, wenn ihre Kinder verschwinden. Andere verkaufen ihre Kinder sogar selbst aus Armut, Verzweiflung oder Gleichgültigkeit, wie Zhongguo Qingnian Bao, die Chinesische Jugendzeitung, berichtete: In einem Fall erhielten die Eltern für zwei Jungen je 4200 und 5000 Yuan, für die Tochter erzielten sie nur 300 Yuan.
So kann es vorkommen, dass die Jungen in ein besseres Leben geraten als zuvor, weil sie ein Stück Land oder ein Geschäft erben. Die Mädchen aber geraten nicht selten ins tiefe Elend. Sie werden als Sklavinnen im Haushalt oder in Hinterhoffabriken gehalten, in denen China das billige Spielzeug oder Textilien für die ganze Welt produziert.
Die meisten Mädchen und Frauen enden jedoch in der Prostitution, hinter den Fassaden unzähliger Massage- und Frisiersalons, Karaoke-Bars, Restaurants und Hotels, wo das Sexgeschäft in den letzten Jahren enorme Ausmaße erreicht hat. Immer mehr Chinesinnen landen inzwischen auch in den Bars von Thailand, in Japan oder Malaysia. Einige Frauen bleiben freiwillig, viele werden aber mit Gewalt gezwungen, ihren "Kaufpreis" abzuarbeiten. Das bedeutet für sie, jahrelang in Leibeigenschaft von Zuhältern und Barbesitzern zu leben. Die anderen werden wie die junge Luo zwangsverheiratet. Denn das traditionelle Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern hat sich in China in den letzten Jahren drastisch verschärft: Weil viele Frauen aus den ärmsten Regionen flüchten, um in der Stadt eine Arbeit zu finden oder sich in weniger kargen Gegenden zu verheiraten, ist der traditionelle Brautpreis, den die Familien nach wie vor für ihre Töchter verlangen, vielerorts auf unerschwingliche Höhen gestiegen, die mehrere Tausend Euro erreichen können. Für arme Bauern mit Jahreseinkommen von wenigen Hundert Euro ist das unerschwinglich.
Auf dem Schwarzmarkt der Menschenhändler ist eine Frau schon für den Bruchteil dieses Preises zu haben. Deshalb halten die Nachbarn des Käufers oft zu dem Mann und sorgen dafür, dass die zwangsverheirateten Frauen nicht weglaufen können. Der chinesische Privatdetektiv Zhu Wenguang aus Chengdu, der sich auf die Rettung verschwundener Frauen spezialisiert hat, hat daher immer Handschellen dabei, um zu verhindern, dass eine Entführte, die er retten will, ihm von der Dorfbevölkerung entrissen wird.
Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Denn die Generation, die jetzt ins heiratsfähige Alter kommt, wird den Männerüberschuss noch weit schärfer spüren als alle Generationen zuvor - eine Folge der Ein-Kind-Familienpolitik, die in den achtziger Jahren begann. Der übermächtige Wunsch nach Söhnen hat nämlich zu einer grausamen Erscheinung geführt: Millionen Töchter wurden nach der Geburt getötet, ausgesetzt oder so vernachlässigt, dass sie starben. Das ist besonders in den ärmsten Regionen der Fall, wo inzwischen ein Fünftel mehr Jungen als Mädchen leben - in manchen Gegenden ist der Anteil der Mädchen sogar noch geringer. Niemand kennt bislang eine Lösung für den riesigen Frauenmangel in China. Nur die Menschenhändler wissen, dass deshalb ihr Geschäft auch in Zukunft blühen wird.
Luo Huamei ist ein Jahr nach ihrer Entführung befreit worden. Da hatte sie bereits einen Sohn. Die Polizei holte sie aus dem Dorf, in das sie verschleppt worden war, und setzte sie in den Zug nach Hause. Doch "der Weg zurück ist kein glücklicher Weg", wie Nan fang zhou mo, die Wochenzeitung des Südens, über das Schicksal der geretteten Frauen schrieb. Ihren Sohn musste Luo zurücklassen. Und in ihrem Heimatdorf, vor dessen Armut sie einst geflohen war, wird Luo nicht leben können. Einen Mann wird sie schwer finden, denn sie gilt schon als verheiratet. So überlegt sie, ob sie am Ende nicht doch zurückgeht, um wenigstens bei ihrem Kind zu sein.
aus: der überblick 01/2002, Seite 56
AUTOR(EN):
Jutta Lietsch:
Jutta Lietsch ist freie Journalistin und lebt als Auslandskorrespondentin in Peking, Volksrepublik China.