Der Aufstieg der neuen Philanthropen
Religion hat schon immer eine bedeutende Rolle beim Geben gespielt. Christen, Juden, Muslime und Sikhs zielen traditionell darauf ab, einen festgelegten Anteil ihres Einkommens zu spenden. In Amerika machen laut einer empirischen Studie des Centre on Philanthropy der Indiana Universität religiös motivierte Spenden satte 62 Prozent des gesamten Spendenaufkommens aus, und Spenden für religiöse Zwecke übertreffen in jeder Einkommensgruppe die für nicht-religiöse Zwecke.
von Matthew Bishop
In Europa ist das religiöse Spenden generell geringer. In Großbritannien, so fand die gemeinnützige Charities Aid Foundation in einer neuen Studie heraus, erhielten von dem Spendeneinnahmen der 500 größten wohltätigen Organisationen die auf Glauben basierenden 10 Prozent des Aufkommens. Unter den Superreichen der muslimischen Welt hat das islamische Verbot von Dingen wie Alkohol, Schweinefleisch, Spielen und Zinserhebung der Philanthropie eine Tür geöffnet: Wessen Einnahmen Einkommen aus solchen Aktivitäten einschließen, kann Absolution erhalten, wenn er die daraus stammenden Profite spendet.
"Die Reichen versuchen, sich eine moralische Biographie ihres Wohlstands zurechtzuschneidern, und Philanthropie kann zum Teil die Begründung dafür liefern, dass man die Absicht hat, ein gutes Leben zu führen," selbst wenn jemand nicht religiös ist, erläutert Paul Schervish, Direktor des Center on Wealth and Philanthropy am Boston College. Er hat eine Untersuchung unter dem Titel Today's Wealth Holders and Tomorrows Giving mit interessanten Schlussfolgerungen durchgeführt: Sehr reich zu werden, kann jemanden seines alten Ehrgeizes berauben und die Notwendigkeit für einen neuen Ehrgeiz ergeben. Warum wurde der schottische Einzelhandels-Unternehmer Sir Tom Hunter ein Philanthrop? "Im Alter von 37 erhielt ich ein riesiges Einkommen. Zu der Zeit hatte ich all meine Ziele erreicht. Deshalb begann ich daran zu denken, was soll ich jetzt noch tun?"
"Es gibt die Suche nach einer Erklärung, was im eigenen Leben anders werden könnte, die irgendwie religiös ist und in einem kribbelt," sagt Charles Handy, ein Management-Guru, der gerade ein Buch über Philanthropie in Großbritannien mit dem Titel The New Philanthropists veröffentlicht hat. Handy verweist auf Abraham Maslows Hierarchie der Bedürfnisse und stellt die These auf, dass heute mehr Menschen in das Stadium geraten, das Maslow als das Stadium mit "dem höchsten Bedürfnis nach einem Zweck jenseits von uns selbst" beschreibt. "Sie wollen eine bleibende Veränderung bewirken das geschah früher im Alter zwischen 60 und 80, heute ist es zwischen 30 und 50."
Konfrontiert mit den vielen dringenden Problemen der Welt fragen sich viele wohlhabende Menschen: Wenn ich helfen kann, warum tue ich es nicht? Bill Gates hatte den Weltentwicklungsbericht der Weltbank gelesen, und ihm wurde klar, dass er etwas tun könnte, um die allgemeine Gesundheit in den ärmsten Ländern der Welt zu verbessern. Das ließ es ihm absurd erscheinen, mit der Philanthropie bis ins hohe Alter zu warten, wie er es zuvor beabsichtigt hatte.
Viele Spenden werden durch persönliche Erlebnisse angestoßen. Reiche Menschen wollen Dankbarkeit zeigen für etwas, das ihnen geholfen hat, erfolgreich zu sein, etwa eine Schule oder eine sie unterstützende Gemeinde. Oder sie unterstützen, ähnlich motiviert, ein lebensrettendes Krankenhaus oder engagieren sich, eine Heilmethode für eine Krankheit zu finden, die jemanden befallen hat, der ihnen nahe steht. Wieder andere helfen einem armen Land, das sie besucht haben. Die neuen reichen Amerikaner geben oft für einen guten Zweck im Ausland, sagt Mary Duke, Chefin für Vermögensberatung bei der Bank HSBC. Bildung zu fördern, Krankheiten zu bekämpfen und die Armut in Afrika zu lindern, stehen derzeit hoch im Kurs. Der Nahe Osten steigt ebenfalls auf in der Agenda, in der Hoffnung, Amerikas beschädigtes Image in einem Großteil der Region zu verbessern. So genannte Diaspora-Philanthropie bei der Menschen aus, sagen wir, Mexiko oder Indien, die im Ausland ihr Glück gemacht haben, Geschenke an ihre Heimat machen werden ebenfalls populärer.
Viele reiche Menschen spüren, dass sie Glück gehabt haben und wollen "etwas zurückgeben". Aber eBay-Gründer Pierre Omidyar gefällt dieser Ausdruck nicht. "Der klassische Unternehmensmanager sagt, wenn er nahe 50 ist, er wolle etwas zurückgeben. Aber was glaubt er, was er bis dahin gemacht hat. Etwas genommen? Was für eine bemitleidenswerte Weise, über seine Karriere zu denken," betont er. Es ist schwer zu sagen, ob einige der neuen Reichen sich schuldig fühlen, aber gewiss denken viele wie Carnegie, dass Philanthropie Teil eines sozialen Vertrages ist: beides, eine Pflicht und eine Versicherung gegen populäre Wiederumverteilung.
Soziale Normen und Gruppendruck spielen eine Rolle dabei. Die Fund-Raising- Events in London mit der Bezeichnung Absolute Return for Kids (ARK), die Arpad Busson für seine Theodora-Stiftung veranstaltet die (unter anderem in Südafrika) Kinder im Krankenhaus aufmuntern will , scheinen die Brieftaschen vieler Manager von Hedge-Fonds zu öffnen, die bei anderen Methoden nicht gespendet hätten. Und nicht jedermanns Motive sind erhaben. Katherine Fulton, Koautorin eines neuen Reports über Philanthropie, argumentiert, dass ein Großteil der Philanthropie von dem Bedürfnis motiviert ist, sich gut zu fühlen Genugtuung fürs Ego und Stärkung der Reputation. Gute Beispiele können dazu beitragen, Großzügigkeit anzustoßen. In Großbritannien war der Beacon-Preis, im Jahr 2003 ins Leben gerufen, um Philanthropen zu feiern, ein Versuch, nach langer Stagnation der Spenden wieder einen Aufwärtstrend in die Wege zu leiten.
Es gibt Zeichen dafür, dass sich die britische Spendenkultur tatsächlich ändert, wenn auch langsam. "Es gibt jetzt eine Stimmungslage in Großbritannien, dass die Regierung nicht alle Nischen ausfüllt, und dass Du, wenn Du Talent, Geld und Zeit hast, Dich um diese Lücken kümmern solltest. Vor 30 Jahren würde ein Geschäftsmann gesagt haben, ,Ich zahle meine Steuern, das soll die Regierung machen'," sagt der Management-Guru Handy. "Es wird hier so wie in Amerika wenn Du wohlhabend bist, möchtest Du auf der Liste der Geber genauso stehen wie auf der Liste der Reichen."
Im kontinentalen Europa hat eine Tradition des anonymen Gebens (nicht zuletzt, um das Finanzamt nicht aufmerksam zu machen) zur Folge, dass es dort weniger Gruppendruck und auch weniger Vorbilder für potentielle Philanthropen gibt. Um dazu beizutragen, das zu ändern, schreibt Ise Bosch, ein Mitglied der Familie hinter dem Elektronik-Unternehmen, ein "Wie macht man"-Buch über Philanthropie. Sie hat ein Netzwerk mit dem Namen Pecunia für reiche deutsche Frauen geschaffen, die Interesse haben, zu spenden.
Viele Baby-Boomer fangen jetzt an nachdem ihre Kinder die Uni verlassen haben, ihre Häuser abgezahlt sind und genug Geld für den Ruhestand zurückgelegt ist , über ihr Vermächtnis nachzudenken, das oft Philanthropie einschließt. "In einem Zeitalter, wo alles zum Verkauf steht, kann durch philanthropisches Geben Transzendenz nach dem Tode erkauft werden," argumentiert ein Arbeitspapier mit dem Titel Strategic Legacy Creation: Toward a Novel Private Banking Proposition, ausgearbeitet von der Universität St. Gallen im Jahr 2004. "Zwar kann eine Bank Menschen nicht im wörtlichen Sinn unsterblich machen, doch sie kann... für ihre Kunden Vermächtnisse schaffen, die ihr Bedürfnis für Transzendenz befriedigen," erlärt der Autor Maximilian Martin, der jetzt Philanthropie- Berater bei der schweizerischen UBS-Bank ist.
Gewiss werden Menschen freigiebiger, wenn sie reicher werden, zu Lebzeiten und wenn sie gestorben sind. Schervish legt dar, dass zwischen 1992 und 1997 der Wert von Nachlässen um 65 Prozent anstieg, der Wert an Vermächtnissen für wohltätige Zwecke hingegen um 11 Prozent.
Gleichwohl, wenn die Baby-Boom-Generation stirbt, werden große Vermögen vererbt, und ein großer Teil davon scheint für philanthropische Zwecke reserviert zu sein, nicht zuletzt deswegen, weil Menschen glauben, wenn man Kinder und Großkinder dazu bringt, eine Stiftung zu managen, man ihnen einen Lebenssinn vermittelt und Familienwerte weitergibt.
Ein anderes Motiv mag der Wunsch sein, die vielen steuerlichen Anreize und andere Bestimmungen zu nutzen, die eine reiche Person zu attraktiv niedrigen Kosten tugendhaft aussehen lassen. Amerika hat die großzügigsten Regeln für wohltätige Spenden; man kann sie dort vom zu versteuernden Einkommen abziehen.
In Großbritannien ist das Steuersystem ebenfalls viel freundlicher in Bezug auf Philanthropie geworden. Andere Teile Europas folgen langsam nach. Das Europäische Stiftungszentrum betreibt Lobby-Arbeit für eine bessere Behandlung von Gemeinnützigkeit durch das Steuersystem. Besonders beklagt es die harte steuerliche Behandlung von Spenden ins Ausland.
In den USA plant Präsident George Bush, die Erbschaftssteuer zu streichen. Würde das die Spenden für wohltätige Zwecke treffen, weil eine der Hauptstrafen dafür beseitigt wäre, nicht zu geben? Urteilt man danach, welch heftige Lobbyarbeit wohltätige Organisationen gegen das Vorhaben gemacht haben, dann fürchten sie definitiv, dadurch zu verlieren. Aber John Whitehead, früherer Chef der Investment Bank Goldman Sachs und jetzt graue Eminenz bei der New York Philanthropy glaubt, dass, selbst wenn Spenden steuerlich weniger begünstigt werden, würden sie nicht so stark zurückgehen wie befürchtet, denn "das meiste davon kommt von Herzen, nicht aus der Brieftasche".
Für viele Menschen sind die Motive jedoch nebensächlich. "Warum sie geben, ist nicht so wichtig," sagt Vartan Gregorian, Präsident der Carnegie Corporation, "was zählt ist, dass sie geben und wie effektiv sie es tun."
aus: der überblick 04/2006, Seite 34
AUTOR(EN):
Matthew Bishop
Matthew Bishop ist Redakteur für amerikanische Wirtschaft bei "The
Economist" am Standort New York.