Kampf um die Sympathie der Libanesen
Beim Wiederaufbau zeigt sich, wie gespalten der Libanon ist und wie politisch die Hilfe ausgerichtet ist. Die schiitische Partei-Miliz "Hizb Allah" unterstützt die Geschädigten schnell und unbürokratisch, während die staatliche Hilfe für die Menschen, deren Häuser teilweise oder komplett zerstört wurden, nur langsam anläuft.
von Stephan Rosiny
33 Tage dauerte der Krieg im Libanon. Am 14. August 2006 um 8.00 Uhr Ortszeit endeten die unmittelbaren Kampfhandlungen so wie es die UN-Resolution 1701 vorgesehen hatte. Noch in derselben Stunde machte sich ein Treck aus fast einer Million Flüchtlingen auf den Rückweg in ihre Heimat. Das Interesse zu erfahren, was aus dem eigenen Hab und Gut geworden war, und das Bedürfnis, das Verbliebene zu retten und wieder herzurichten, besiegte die Furcht vor der noch prekären Waffenruhe. Dies war auch eine Demonstration des zivilen Widerstands gegen den Krieg und der daraus folgenden massiven Zerstörung. Man wollte sich nicht mehr länger einschüchtern, demütigen und vertreiben lassen.
Vielen Rückkehrern bot sich indes ein katastrophales Bild. 10.000 bis 15.000 Wohneinheiten sollen nach Angaben des Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) allein im Süden des Landes zerstört worden sein. Das entspricht 8 Prozent der dortigen Wohnfläche. Weitere 23 Prozent sind schwer beschädigt. Manche Ortschaften blieben nahezu unversehrt, während andere fast komplett verwüstet wurden. In Zarifa, Ghanduriya, Taibe und Aita al-Scha'b waren 80 Prozent zerstört, in Bint Jubayil muss die Altstadt komplett abgerissen werden. Die Wasser- und Stromversorgung war in vielen Dörfern zusammengebrochen.
Viele Bewohner kamen deshalb zunächst in behelfsmäßigen Unterkünften und in gemieteten Wohnungen unter. Die Versorgung mit Trinkwasser, Nahrungsmitteln und Medikamenten war bald wiederhergestellt. Durch die Zerstörung von Verkehrswegen und durch die Seeblockade, die Israel erst Ende September aufhob, wurden humanitäre Hilfslieferungen jedoch weiter behindert. Eine besondere Gefahr geht von Blindgängern und Clusterbomben aus.
Die israelische Armee hatte noch in den letzten 72 Stunden des Krieges viele Streubomben verschossen. Sie liegen zwischen Trümmern und im Gras, hängen in Bäumen und machen die Ernte zu einem gefährlichen Unterfangen.
Bestand während des Krieges noch eine nationale Übereinkunft gegen den gemeinsamen Feind Israel, so tun sich seit dessen Ende tiefe Gräben in der Bewertung der Hizb Allah, der staatlichen Wiederaufbauhilfe und der politischen Konsequenzen auf. Dabei stehen sich die beiden politischen Blöcke der Vorkriegszeit gegenüber. Die Bewegung des 8. März und des 14. März sind nach zwei Großkundgebungen aus dem Jahre 2005 benannt. Erstere besteht vorwiegend aus der Hizb Allah und den Anhängern des christlichen Ex-Generals Michel Aoun, der sich Hoffnungen macht, 2007 Präsident des Libanon zu werden. Seine Strömung der Freien Patrioten, kurz Tayyar, hatte bei den letzten Parlamentswahlen zwei Drittel der christlichen Wählerstimmen gewonnen, ist aber nicht an der Regierung beteiligt. In der Bewegung des 14. März sind die sunnitischen, christlichen und drusischen Politiker der Regierungsmehrheit vereint, die als syrienkritisch und proamerikanisch gelten.
Zwischen diesen Blöcken besteht eine tiefe Kluft in der Bewertung des "Islamischen Widerstands" der Hizb Allah. Seine Befürworter betonen, er habe den Libanon erfolgreich verteidigt und dem israelischen Aggressor eine demütigende Niederlage beigebracht. Die ungenügend ausgerüstete libanesische Armee sei hierzu nicht in der Lage gewesen. Dies sehen die Gegner der Hizb Allah ebenso. Sie werfen ihr jedoch vor, den Krieg mit Israel unnötig provoziert und so die wirtschaftliche Entwicklung behindert zu haben. Die peripheren Regionen im Süden und Osten des Landes, in denen Schiiten die Bevölkerungsmehrheit bilden, haben aber bislang ohnehin recht wenig vom Wirtschaftswachstum profitiert. Sie klagen seit Jahrzehnten, der libanesische Staat kümmere sich nicht um ihre Belange. Gegen keine der israelischen Invasionen von 1978, 1982, 1993, 1996 und nun im Jahre 2006 wurden die Menschen von der libanesischen Armee verteidigt. Erst die Hizb Allah habe ein äquivalentes Drohpotenzial aufgebaut, um der israelischen Militärmacht Paroli zu bieten.
Weiter beklagen sich viele Schiiten über die zögerliche und mangelnde Hilfe des Staates. Vorwürfe gegen Mitglieder der "korrupten Regierung", die internationale Hilfsgelder in die eigene Tasche steckten und Hilfslieferungen auf dem Schwarzmarkt verkaufen ließen, sind allenthalben zu vernehmen. Geschäftsleute müssen viele Formulare ausfüllen und verschiedene Ämter aufsuchen, um sich ihren Schaden ordnungsgemäß bestätigen zu lassen, es sei denn, sie bestechen gleich den richtigen Beamten und sparen sich damit die Behördengänge. Die Hizb Allah operiert hier professioneller, sie besucht die Geschädigten und nimmt den Schaden vor Ort auf. Sie zahlte unmittelbar nach Kriegsende für jede zerstörte Wohnung 12.000 US-Dollar als Soforthilfe in bar aus, um die Miete für ein Jahr und notwendige Anschaffungen zu ersetzen. Der Staat brauchte bis Mitte Oktober, um eine Wiederaufbauhilfe in Höhe von 53.000 US-Dollar pro zerstörter Wohnung zuzusagen. Der Ministerpräsident Fuad Siniora ließ sich erst zwei Wochen nach Kriegsende im zerstörten Südbeirut blicken, und den Süden des Landes hat noch kein führendes nichtschiitisches Kabinettsmitglied besucht. Das Verhalten des Staates erinnert an den Wettlauf zwischen Hase und Igel. Mit deutlich weniger Geld aber hoch motivierten Fachleuten und Helfern ist die Hizb Allah längst vor Ort, ehe die schwerfälligen staatlichen Institutionen reagieren.
Von den langfristigen Schäden völlig zerstörter Wohngebiete sind fast ausschließlich Schiiten betroffen. Offensichtlich wollte die israelische Kriegsführung sie, die rund 35 Prozent der Gesamtbevölkerung des Libanon ausmachen, für ihre Unterstützung der schiitischen Hizb Allah abstrafen.
Die Erwartung, diese Sympathie zu brechen, verkehrte sich indes ins Gegenteil: Ähnlich wie nach den Kriegen von 1993 und 1996 stiegen auch diesmal die Zustimmungswerte für die Hizb Allah anstatt zu fallen. Viele Libanesen, die noch die 22-jährige israelische Besatzung von 1978 bis 2000 in Erinnerung haben, sehen es als einen Sieg an, die Bodenoffensive abgewehrt und eine erneute Besatzung des Südlibanon erfolgreich verhindert zu haben. Fast jeder hat eine legendäre Heldentat der Guerillakämpfer zu berichten, wie sie die israelischen Bodentruppen an der Nase herumführten und ihnen schwere Verluste beibrachten. Immer wieder hört man die Vorstellung, Gott habe helfend in den Krieg eingegriffen.
Die Hizb Allah baut auf diesem volksreligiösen Empfinden auf und interpretiert den Ausgang des Krieges als einen "Sieg von Gott" (Nasr min Allah). Dies ist zugleich ein Wortspiel mit dem Nachnamen ihres Generalsekretärs, Hassan Nasrallah. Seine Anhänger nennen ihn huldigend as-Sayyid Hassan; der Sayyid-Titel kennzeichnet ihn als Nachkommen des Propheten Muhammad und der schiitischen Imame. Sein mittlerweile graumelierter Rauschebart und sein gütiges Lächeln verleihen dem 1960 geborenen Geistlichen eine schon fast großväterliche Aura. Sein Brillenmodell ist hingegen deutlich modischer als die bei schiitischen Geistlichen sonst üblichen dicken Hornbrillen. So wirkt er wie eine Mischung aus jugendlich rebellischer Popikone und Segen spendendem Heiligen. Sein Bildnis hängt an Hauswänden und in den meisten Geschäften der Hizb Allah-Hochburgen. Seine Anhänger kleben es sich auf die Windschutzscheibe ihrer Autos, tragen es auf T-Shirts und als Schlüsselanhänger mit sich. Propagandistische Großplakate bedecken ganze Häuserfronten.
Hinter der Ikonografie des Sayyid und der Vergöttlichung des Sieges steckt aber auch ein handfestes politisches Kalkül. Denn der Sayyid hat die Waffen des Widerstands für heilig erklärt, die den Feind Israel so erfolgreich geschlagen haben. Keine Frage also, dass sie nicht an eine libanesische Regierung abgegeben werden können, die als korrupt und Amerika-hörig gilt.
Auffälligerweise halten diese Poster und die Flaggen der Hizb Allah aber auch Einzug in das Milieu der Amal-Bewegung, jener schiitischen Konkurrenzpartei, mit der sich die Hizb Allah noch Ende der 1980er Jahre einen blutigen Bruderkrieg geliefert hatte. Ob das Bekenntnis zur Hizb Allah und deren charismatischem Generalsekretär aufrechter Verehrung oder aber ökonomischem Kalkül entspringt, eine höhere Entschädigung von der Hizb Allah zu erhalten, lässt sich freilich nicht immer beurteilen. Diese Art der klientelistischen Sympathiebekundung für den Segen und Geld spendenden Politmäzen ist gang und gäbe im Libanon.
Die innenpolitischen Gegner der Hizb Allah versuchen ebenfalls, durch die gezielte Lieferung (oder das Vorenthalten) von Hilfe, Sympathie von der Gottespartei abzuziehen. So soll die milliardenschwere Aufbauhilfe der sunnitischen arabischen Golfstaaten ein Gegengewicht zur omnipräsenten Hizb Allah schaffen. Die im Süden vor Ort geleistete Hilfe aus Qatar und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist dabei effizient und kommt in der Bevölkerung gut an. Die Zahlungen des saudischen Königshauses werden hingegen eher kritisch gesehen, da das Regime als antischiitisch und als enger Verbündeter des regierenden sunnitischen Establishments gilt.
Die meisten Schiiten sind glühende Verfechter des libanesischen Nationalismus. Sie fordern die Stärkung des Staates, der sich überkonfessionell für alle Regionen gleichermaßen verantwortlich fühlen müsse. Aus ihrer Sicht ist die Hizb Allah kein "Staat im Staate", sondern eine patriotische Bewegung, die das Vakuum des desinteressierten Staates ausfülle. Längst hat die Partei die iranische gegen die libanesische Fahne ausgetauscht, um diesem Sentiment ihrer Anhänger Rechnung zu tragen. In ihrem Programm finden sich Forderungen nach einem Ausbau des Sozialsystems, der Wirtschaftsförderung, der Gewährung innerer und äußerer Sicherheit, der Gleichbehandlung aller Bürger unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit und der Rechenschaftspflicht der Politiker.
Diese Forderungen decken sich mit dem Programm des Tayyar, der streng säkularen Bewegung von Michel Aoun. Gemeinsam richten sie sich gegen die proamerikanische Außenpolitik, die Laisser-faire Wirtschaftspolitik, Korruption und Klientelismus des politischen Establishments, das sie in dem 2005 ermordeten ehemaligen Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri und seinen politischen Erben der momentanen Regierung verkörpert sehen. Die schiitische Hizb Allah und der christliche Tayyar fordern deshalb die Bildung einer neuen Regierung der nationalen Einheit, da sie sich, obwohl jeweils stärkste Vertreter ihrer Religionsgemeinschaft, nicht in der momentanen Politik vertreten sehen.
Der patriotische Stolz, sich durch den israelischen Feind nicht klein kriegen zu lassen, begünstigt den Wiederaufbau. Vielerorts ist zu hören, man wolle das Land nun noch schöner herrichten als vor den Kämpfen. Und tatsächlich waren bereits im Oktober vielen Straßenzügen die Zerstörungen kaum noch anzusehen. Geschäfte und Wohnungen in den geringer beschädigten Häusern sind neu renoviert und frisch gestrichen, und die Straßen waren für den Fastenmonat Ramadan festlich geschmückt. Die erste Euphorie über den "göttlichen Sieg" ist allerdings mittlerweile verflogen. Die schiitischen Viertel in Südbeirut hatten vor dem Krieg, auch dank der sozialen und infrastrukturellen Einrichtungen der Hizb Allah, bedeutende wirtschaftliche Fortschritte erzielt. Nun sind sie um Jahre zurückgeworfen, während die nichtschiitischen Regionen des Landes von dauerhaften Zerstörungen weitgehend verschont geblieben sind. Die ersten Brücken sind dort schon wieder repariert, während in Südbeirut noch riesige Baulücken klaffen. Drei Monate nach Kriegsende fahren täglich Dutzende von Lastwagen Trümmer aus der Gegend: Beton und Stahlträger, durchmischt mit Kleidern, Möbeln und Matratzen, dazwischen persönliche Habseligkeiten wie Fotos, Bücher und Spielsachen. Südlich des Flughafens türmen sich gigantische Schuttberge.
Dennoch beschweren sich die Bewohner anderer Regionen eifersüchtig über die Höhe der Entschädigungszahlungen und verlangen, ebenfalls etwas von den westlichen und arabischen Hilfsgeldern zu erhalten für Schäden aus dem Bürgerkrieg von 1975-1990, die ihnen noch nicht erstattet worden seien. Von manchen Sunniten und Christen ist auch eine klammheimliche Freude darüber zu vernehmen, dass die übermächtige Hizb Allah endlich in die Schranken gewiesen worden sei. So hat der Sommerkrieg das gefährliche Potenzial, die konfessionellen Animositäten im Land zu verstärken. Neben der Sorge vor einem Wiederaufflammen der Kämpfe zwischen Israel und der Hizb Allah ist allenthalben die Furcht vor einem sunnitisch-schiitischen und einem innerchristlichen Bürgerkrieg zu vernehmen.
aus: der überblick 04/2006, Seite 46
AUTOR(EN):
Stephan Rosiny
Stephan Rosiny
ist Politik- und Islamwissenschafter mit den Spezialgebieten
Libanon, arabische Schia und Islamismus.
Er unterrichtete bis 2006 am Institut für Islamwissenschaft
der Freien Universität Berlin.