Ein akademischer Vortrag des Papstes löste im September Entrüstung unter vielen Muslimen aus. Das ist bezeichnend für eine Gereiztheit, die den Dialog zwischen Christen und Muslimen ebenso erschwert wie die Arbeit kirchlicher Hilfswerke in vorwiegend islamischen Gesellschaften.
von Bernd Ludermann
Der Stein des Anstoßes war ein Zitat aus einem Dialog des byzantinischen Kaisers Manuel II. mit einem persischen Gelehrten von Ende des 14. Jahrhunderts. Dort sagt der christliche Kaiser, der Prophet Mohammed habe nur Inhumanes in die Welt gebracht wie die Anweisung, den Glauben (das heißt den Islam) mit Gewalt zu verbreiten. Dies widerspreche der Vernunft und dem Wesen Gottes. Papst Benedikt XVI. zitierte das als Ausgangspunkt für Überlegungen über das Verhältnis von Glauben und Vernunft. Viele Muslime - nicht nur gelehrte - verstanden es als Angriff auf ihre Religion. In den ägyptischen Dörfern wurde erregt debattiert, dass der Papst den Islam beleidigt habe, berichtet Bischof Youannes von der koptischen Kirche Ägyptens.
Das sagt viel über die heiklen Umstände des Dialogs zwischen den Religionen in einem Land wie Ägypten. Die koptische Kirche fördert diesen Dialog unter anderem mit Entwicklungsprojekten, die sich an Mitglieder beider Religionen richten und vom EED unterstützt werden. Doch das Gespräch scheint belastet von einer Art doppeltem Belagerungszustand: Die christliche Minderheit in Ägypten fühlt sich von der starken islamistischen Strömung bedroht. Zugleich ist in der muslimischen Mehrheit das Gefühl verbreitet, Opfer eines neuen Kreuzzugs aus dem Westen zu sein. Das Vordringen "westlicher" Sitten trägt dazu ebenso bei wie der Krieg gegen den Terror und ein Gefühl der kulturellen und politischen Zurücksetzung auf der Weltbühne. Obwohl das mit Religion wenig zu tun hat, fördert es in Ägypten das Misstrauen gegen die einheimischen Christen.
Bischof Youannes erläutert, dass die Entwicklungsarbeit der koptischen Kirche und ihre Dialogprogramme die Spannungen entschärfen helfen. Ihre Wirkung auf das geistige Klima ist aber begrenzt, schreibt Jochen Kramm. Und als Modell für das Gespräch mit der muslimischen Minderheit in Deutschland taugt das Beispiel nicht. Denn in Ägypten wird der Dialog zwischen verschiedenen Religionen innerhalb einer Kultur und einer Nation geführt. Der historisch-kritische Umgang mit eigenen Glaubenstraditionen und die Trennung von Staat und Religion sind für die koptische Kirche - ähnlich wie für Ägyptens Muslime - nicht selbstverständlich. Hier ist auch der Dialog der Kulturen in der christlichen Ökumene gefragt.
aus: der überblick 04/2006, Seite 83
AUTOR(EN):
Bernd Ludermann