Wie der amerikanische Entwicklungsdienst Afghanistan demokratisiert
Vom Bazillus des rechtschaffenen Idealismus befallen ritten die Angestellten von Voice for Humanity sechs Stunden lang auf Eseln und Pferden durch die entlegensten Gegenden des afghanischen Hinterlandes. Sie waren in einer Mission unterwegs: das zu liefern, was ihrer Ansicht nach ein unschätzbares Demokratisierung für die Afghanen ist. Rosa für Frauen, silber für die Männer.
von Fariba Nawa
Es handelte sich um speziell angefertigte digitale Audio-Abspielgeräte, die ähnlich wie die modischen iPods funktionieren, obwohl sie eher wie gewöhnliche Radios oder Anrufbeantworter aussehen. Sie werden in China hergestellt und sind mit Chips aus den USA ausgestattet, die Informationen zu Menschenrechten, Frauenrechten, afghanischem Wahlkampf und Gesundheit enthalten. Die Entwicklungshelfer haben 65.800 Abspielgeräte im Wert von jeweils 50 US-Dollar in entlegenen Dörfern und einigen der gefährlichsten Gegenden des Landes verteilt. Voice for Humanity ist eine gemeinnützige Entwicklungshilfeorganisation, die sich nach eigenen Angaben weltweit für die Förderung von Demokratisierung einsetzt. Ihr Personal sagt, es habe Clanchefs und örtliche Respektspersonen darin ausgebildet, die Geräte zu benutzen und sie dann an Einzelpersonen und Familien weiterzugeben.
Die Pseudo-iPods wurden von einer Gruppe USamerikanischer Geldgeber finanziert, darunter die US-Entwicklungsbehörde (USAID). Mehr als 8,3 Millionen US-Dollar wurden an die in Kentucky ansässige Voice for Humanity vergeben, eine kleine Gruppe, die von zwei Geschäftsleuten aus Lexington betrieben wird. Diese sollte mit dem Geld Abspielgeräte vertreiben, um im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen in Afghanistan von 2004 und für ähnliche Projekte in Nigeria "die Demokratie zu fördern".
Die Frage, wie Voice for Humanity an den Vertrag gekommen ist, hat in der Entwicklungshilfegemeinschaft skeptisches Stirnrunzeln hervorgerufen. Als die beiden Organisationsgründer ihre Idee der US-Regierung verkaufen wollten, wandten sie sich an eine von Hunter Bates geführte Lobbygruppe. Bates ist der frühere Personalchef von Senator Mitch McConnell. Und McConnell, so zeigte sich, sitzt dem Unterkomitee des USSenates vor, welches das USAID zugewiesene Geld kontrolliert. Kritiker behaupten, dass diese Verbindungen dazu geführt haben, dass Millionen von Steuergeldern in ein ineffektives und lächerliches Programm gingen, das mit modischer Technologie auf ernsthafte internationale Probleme antwortet.
"Das zeigt, wie töricht Menschen sein können, wenn sie keinen Sinn für praktisches Denken haben", sagt Patricia Omidian, eine Entwicklungshelferin des American Friends Service Committee, einer Organisation der Quäker. Es wurde auch bemängelt, dass es nicht in Ordnung sei, dass die US-Regierung "Bürger Informationen" zu einer Wahl verbreitet, in der sie offen einen Kandidaten bevorzugt. Voice for Humanity hat sich sehr bemüht zu versichern, dass die Abspielgeräte "keinen US-Fußabdruck" besäßen, trotz der Tatsache, dass sie von der US-Regierung bezahlt und von einer US-amerikanischen nichtstaatlichen Organisation (NGO) verteilt werden.
Auch wenn man davon ausgeht, dass der Inhalt der aufgenommenen Audiobotschaften auf den Abspielgeräten reine Information für die Bildung und als Demokratisierungswerkzeug wertvoll war, dann wäre es billiger und effektiver gewesen, den Gemeinden Rundfunk-Relaysender zur Verfügung zu stellen, die insgesamt etwa 500 US-Dollar gekostet hätten. Rundfunkprogramme hätten weit mehr Menschen erreicht. Über sie erhalten die meisten Afghanen ohnehin bereits ihre Informationen. Zudem könnte die Information bei der Übertragung aktualisiert werden, wohingegen die Abspielgeräte von Voice for Humanity erst eingesammelt, mit anderen Chips, auf denen neue Informationen gespeichert sind, versehen und dann wieder verteilt werden müssten. Jeder neue Chip kostet 10 US-Dollar zuzüglich der Arbeits- und Reisekosten.
"Warum keine Radios?" fragte ein Entwicklungshelfer, der den Vertrag kritisiert, und kommentierte: "So etwas kann man immer wieder beobachten, wenn Politiker etwas für politisch sinnvoll erachten und dabei die Durchführbarkeit nicht erwägen."
Doch Pete McLain, der Direktor von Voice for Humanity, meinte, die Befragungen und Erhebungen in Afghanistan hätten gezeigt, dass die Abspielgeräte der Öffentlichkeit Informationen zugänglich gemacht hätten, die ihr bis dahin verschlossen waren. "Ein Teil der Arbeit kann mit Rundfunk gemacht werden, erklärt McLain. "Wir unterscheiden uns davon durch den Tiefgang der Informationen und der Tatsache, dass man jederzeit die Information wieder abspielen kann, etwa in der Küche oder auf dem Feld. Man kann dem Ganzen als Gruppe zuhören und es wieder zurückspulen. Ein Radio ist gut für markante Sprüche, doch hier geht es um Schulung. Wir wollen mit dem Rundfunk gar nicht konkurrieren. Das sind Äpfel und Birnen. Dieses Medium hat eine ergänzende Funktion. Wir sehen da einige Synergieeffekte." Voice for Humanity hat Altai Consulting beauftragt, das Projekt auf Nutzwert und Wirksamkeit hin zu überprüfen. Die Ergebnisse sollen dann USAID präsentiert werden, um die Behauptung von Voice for Humanity zu untermauern, dass das Programm erfolgreich sei.
Das 40-köpfige Personal von Voice for Humanity in Kabul besteht allein aus Afghanen. Der Büroleiter Abdul Wakil glaubt fest an das Produkt und seine Nützlichkeit. Er erinnerte sich an einen Fall, wo das Gerät vor 500 Frauen auf einer Hochzeit in der Logar-Provinz abgespielt wurde. In dem Programm ging es auch um das Wahlrecht für Frauen und es wurden Instruktionen gegeben, wie damit umgegangen werden soll. Obwohl die Frauen von Traditionalisten gewarnt wurden, nicht wählen zu gehen, hätten doch viele, nachdem sie die Botschaft gehört hätten, aus Überzeugung den Mut gehabt, sich registrieren zu lassen, sagte Wakil und fügte hinzu: "Das ist für sie wie eine Schule."
Die Abteilung für Frauenangelegenheiten in Logar bestätigte, dass die Geräte nützliche Informationen vor den Wahlen geliefert hätten, sie wären aber nicht geeignet gewesen, um ihre Gemeinden zu informieren. In einem ihrer Büros spielte ein Kind mit solch einem Audio-Gerät und drückte dabei auf die verschiedenen Tasten. In Khoshi, einem der Distrikte in Logar, in dem die Geräte vor den Wahlen verteilt wurden, sagten Männer in Läden, dass sie sich das Material auf dem Abspielgerät angehört und einiges über den Wahlprozess erfahren hätten, doch hinterher hätten ihre Kinder die Digitalgeräte als Spielzeug genutzt.
Die Idee mit der Farbkennzeichnung für die Geräte entstand, nachdem Voice for Humanity erfahren hatte, dass die Männer die Geräte den Frauen weggenommen hatten, um sie selbst zu nutzen. Daraufhin schlug das Ministerium für Frauenangelegenheiten vor, die Farbe einiger der silbernen Geräte in Rosa zu verwandeln, so dass die Männer sich schämen würden, die Geräte mit sich herumzutragen. Also bestellte Voice for Humanity noch mehr Exemplare, dieses Mal in Rosa.
Wie solch ein Gerät funktioniert, erklärte mir Wakil in seinem Gästehaus, in seinem aufgebügelten schwarzen Anzug geradezu feierlich gekleidet. Es handelt sich um ein Set mit einem Solarladegerät und einer Handkurbel. Zum Programm gehören heute Informationsberichte und Hörspiele, die in den afghanischen Sprachen Dari und Pushto gesprochen werden. Laut Wakil macht Voice for Humanity nun Lobbyarbeit, um noch mehr Zuschüsse zu erhalten, damit es auch weiterhin neue Chips mit zusätzlichen Informationen zu Gesundheit, gegen Drogenmissbrauch und über Kinder herstellen und schließlich eine Datenbank aufbauen kann.
Doch viele bei USAID sehen das anders. "Wir haben aus politischen Gründen etwas Geld gegeben. Aber zu mehr werden wir uns nicht hinreißen lassen", heißt es aus einer anderen USAID-Quelle.
aus: der überblick 04/2006, Seite 56
AUTOR(EN):
Fariba Nawa
Fariba Nawa
ist freiberufliche Journalistin und lebt in San Francisco,
USA.
Sie hat nach einem längeren Aufenthalt
in Afghanistan für die US-amerikanische NGO
"CorpWatch" (www.corpwatch.org) den Bericht
"Afghanistan, INC." verfasst, aus dem wir diesen
Auszug mit freundlicher Genehmigung der Organisation
entnommen haben.