Südafrikas Gesellschaft und Politik in der moralischen Krise
Gerade ein Dutzend Jahre nach dem Ende der Apartheid verleitet eine gefährliche Mischung aus Populismus, Nativismus und messianischem Denken die Südafrikaner dazu, politischen Selbstmord zu begehen.
von Achille Mbembe
Vor kurzem stellte Moeletsi Mbeki, stellvertretender Vorsitzender des südafrikanischen Instituts für Internationale Beziehungen, in einem Vortrag an der Witwatersrand-Universität einen interessanten Vergleich an: die gegenwärtige Situation in Südafrika erinnere an die Zeit der Viehtötungen der Xhosa im Jahr 1856.
Es war die Zeit, in der die Xhosa fast ein halbes Jahrhundert lang an den Ost-Grenzen ihres Landes in blutige, nicht enden wollende Kriege mit den kolonialen Siedlern verwickelt waren. Nachdem die Grundlagen für ihr Überleben von den britischen Kolonialherren bewusst zerstört, ihr Vieh beschlagnahmt und die Politik der verbrannten Erde eingeführt worden war, hatten die Xhosa einen großen Teil ihres Territoriums verloren und Hunderttausende ihrer Leute waren vertrieben worden.
Als sich im Jahr 1854 eine Lungenerkrankung über das Land ausbreitete, tauchten Propheten auf, die verkündeten, die Kühe wieder zum Leben erwecken zu können. Es begab sich, dass ein 16-jähriges Mädchen Nongqawuse eine Erscheinung hatte, als sie an den Ufern des Gxarha-Flusses stand. Ihr erschienen die Geister der Ahnen und taten ihr kund, dass die Toten auferstehen und alle Weißen ins Meer gestürzt würden, wenn das Volk sein Vieh tötete. Diese Botschaft wurde den Xhosa von Nongqawuses Onkel Mhalakaza überbracht. Obwohl zutiefst gespalten in der Frage, was zu tun sei, begannen die Xhosa im Februar 1856 ihr Vieh zu schlachten. Sie vernichteten all ihre Nahrungsmittel und bereiteten keine neue Ernte mehr vor. Das gelagerte Getreide warfen sie weg. Jede Arbeit kam zum Stillstand. Die Tage und die Nächte vergingen, aber die Wiederauferstehung der Xhosa-Krieger fand niemals statt.
In seinem Buch: "Die Toten werden auferstehen: Nongquawuse und die Begebenheit der großen Vieh-Schlachtung von 1856/57" geht der Autor J.B. Peires davon aus, dass bis zum Mai 1857 etwa 400.000 Stück Vieh geschlachtet und 40.000 Xhosa am Hunger gestorben waren. Mindestens 40.000 Menschen hatten ihre Häuser verlassen und irrten auf der Suche nach Nahrung umher. Nach dem Bericht von Dr. John Fitzgerald, dem Gründer eines Krankenhauses für Einheimische, der Zeuge der Ereignisse war, konnte man in Orten wie King Williamstown Tausende solcher "ausgemergelten lebenden Skelette von einem Haus zum anderen irren sehen". Verzweifelt in ihrer Suche nach Nahrung, hielten sie sich mit nichts anderem am Leben als mit "Wurzeln und mit den Rinden der Mimose, deren Geruch aus allen Poren ihres Körpers auszudünsten schien." Als über dem ganzen Land der Geruch des Todes lag, war die Unabhängigkeit der Xhosa und ihre Herrschaft über das eigene Land beendet.
Es ist nicht lange her, da dachten viele, dass Südafrika mit dem Ende des institutionalisierten Rassismus und seinem Versuch, eine wahrhaft nicht-rassische, moderne und kosmopolitische Gesellschaft aufzubauen, der Welt ein Geschenk gemacht hatte, das besser war als alles, was Afrika ihr je gegeben hatte. Weniger als 15 Jahre nach der Befreiung jedoch ist nicht länger klar, ob das Land die moralische und intellektuelle Kapazität hat, um ein wichtiges Zentrum des globalen Südens zu werden oder eine Alternative zu sein, wie unsere Welt beschaffen sein könnte.
Während die ehemalige nationale Befreiungsbewegung, der Afrikanische Nationalkongress (ANC), in sich zusammenfällt, spitzt sich die Lage zu. Das Nongqawuse-Syndrom die Bezeichnung für die politische Verwirrung und die kulturelle Entfremdung, die Südafrika zu beherrschen scheint , führt das Land wieder einmal an den Abgrund. Es ist die Krankheit, unter der Südafrika immer gelitten hat in Zeiten moralischen Verfalls und kritischer sozialer und geistiger Verunsicherung.
Das Nongqawuse-Syndrom speist sich aus populistischer Rhetorik, verbunden mit einer von Endzeiterwartung (Millenarismus) geprägten Politik; eine Politik, die in Selbstzerstörung oder nationalen Selbstmord führt, ihr Vorgehen aber als Weg zur Erlösung benutzt und legitimiert. Unter dieser Krankheit haben viele afrikanische Länder in der postkolonialen Phase gelitten (Liberia, Sierra Leone, Ruanda, Burundi, Kongo, Sudan), mit tragischen Folgen über 50 Jahre hinweg.
Es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass die gegenwärtig in Südafrika herrschende politische Verwirrung eng dem Muster des Nongqawuse-Syndrom folgt, und es gibt drei Merkmale, an denen man das erkennen kann. Zunächst taucht ein maprofeti, ein falscher Prophet, auf, im Allgemeinen eine Person von bescheidener Herkunft. Unterstützt von einem gewissen Maß an Massenhysterie verkündet der Prophet die nahende große Auferstehung. Wann immer er befragt wird nach Grund und Quelle seiner Handlungen und seiner Autorität, wird er sich unweigerlich auf die Autorität seiner "Ahnen", seiner "Tradition" oder seiner "Kultur" beziehen.
Zweitens legt der Prophet für gewöhnlich ein unbändiges Verhalten an den Tag. Indirekt, meist unausgesprochen, neigt er dazu, den Mob gewähren zu lassen und schließt auch Gewalt als Katalysator der großen Auferstehung nicht aus. Drittens tritt die Elite dieser Herausforderung nicht entgegen, sondern weicht feige zurück. Während sich die Botschaft des Propheten fieberhaft unter der Masse der benachteiligten und unzufriedenen Armen ausbreitet, macht die Elite sich über ihn lustig und verspottet ihn. Sie lebt in dem Bewusstsein, dass sie jederzeit ihre Koffer packen und das Land verlassen könnte, wenn die Situation wirklich brenzlig werden sollte.
Zwölf Jahre einer unvollkommenen Demokratie, zwölf Jahre des ziellosen Anhäufens von Reichtum und die nicht beendete gesellschaftliche Transformation haben im heutigen Südafrika den Boden für alle möglichen Propheten, Heiler und Scharlatane bereitet. Unter den Millionen benachteiligten und armen schwarzen jungen Männern, von denen viele fest an Hexerei und übersinnliche Mächte glauben, wächst ein immer stärker werdender Chor der Unzufriedenheit. Wie könnte es auch anders sein? Ihre Lebenserwartung nimmt rasch ab. Sie haben wenig Vertrauen in die Verfassung. Die neuen Rechte für Frauen lehnen sie erbittert ab. Vergewaltigung dient ihnen oft als Instrument der Disziplinierung der Frauen, gleichzeitig aber auch als Kompensation für das, was sie als Verlust der eigenen Macht wahrnehmen. Dass sie nichts zu verlieren haben, macht es vielen von ihnen leicht, sich von der Politik abzuwenden und das Leben eines Gangsters zu führen.
Von allen Seiten sind sie von Tod umgeben. Tatsächlich ist die heutige HIV/Aids-Pandemie der Lungenerkrankung im Jahr 1854, die der Vieh-Schlachtung im Jahr der Xhosa vorausging, nicht unähnlich. Wie damals, so sterben auch heute die armen Schwarzen auf besonders entwürdigende Weise. Sie husten und ringen nach Luft. Flüssigkeit steigt langsam in ihren Lungen an und während sich die Krankheit über den Körper ausbreitet, verwesen sie von innen heraus. Nicht einmal mehr fähig zu essen, siechen sie dahin und sterben, verfallen zum Skelett. Im ganzen Land sind die Friedhöfe überfüllt. Wer könnte vernünftigerweise bestreiten, dass so erschreckend viel Tod, so viel rassisch bedingtes Sterben radikale Konsequenzen für Politik und Kultur haben?
Das ist der Kontext, in dem ein klassenorientierter Millenarismus zusammen mit einem wiederbelebten ethnischen Bewusstsein die Desillusionierung der Massen, wenn nicht gar ihre unumwundene Unzufriedenheit, anheizt. An der Spitze dieser Welle der Unzufriedenheit stehen die Gewerkschaften, die ANC-Jugendliga und die Südafrikanische Kommunistische Partei (SACP). Obwohl diese Verbindung von Millenarismus und wiederbelebtem Nativismus einen säkularen Charakter hat, wird die eschatologische Sprache der "Wiederkunft der Revolution" benutzt, um einen der weltmännischsten, kosmopolitischsten und kultiviertesten politischen Führer des modernen Afrika zum Inbegriff des Anti-Christen abzustempeln. Auch wenn die Gefolgsleute des falschen Propheten nicht einmal an die Moral der christlichen Kirche glauben besonders dann nicht, wenn es um Ehebruch geht drohen sie Präsident Mbeki mit Gottes Zorn.
Sie wollen Rache nehmen, ihn demütigen und für seine angeblichen politischen Sünden bestrafen diesen, wie sie meinen, neoliberalen, unnahbaren, geheimniskrämerischen und paranoiden Intellektuellen, der, so wird suggeriert, darauf aus ist, die Macht zu zentralisieren und Südafrika in eine Diktatur simbabweschen Stils zu treiben.
In diesem Prozess nehmen sie in einem immer bösartiger und zügelloser werdenden Machtkampf nicht nur die ganze Nation in Geiselhaft. Sie rühren auch das dunkelste Gebräu des südafrikanischen kulturellen Erbes auf: seinen Hang zu Prophetentum, zur Aufrechnung und zu Wunderglauben; sein sowohl von Schwarzen wie auch von Weißen zutiefst verinnerlichtes phallokratisches Ethos; die zerstörerische Gewalt, die das gesellschaftliche Gefüge auseinanderreißt; seine Fremdenfeindlichkeit und sein besonders unter Schwarzen tief verwurzelter Glaube an Hexerei und böse Mächte. Dass diese populistische, säkulare Bewegung einen evangelikalen Beigeschmack hat, während sie doch zutiefst antichristlich ist, wird durch die zunehmende Bösartigkeit ihrer Rhetorik noch betont, die sich aus den Scherben der Kultur eines konservativen, in die Städte zugewanderten Lumpenproletariats speist, dessen Eskapaden Länder wie Ruanda, Sierra Leone, Liberia, Kongo, Elfenbeinküste oder den Sudan haben zu Tode bluten lassen.
Die Verbindung von Millenarismus mit wiederbelebtem ethnischen Bewusstsein und Politik ist nicht neu in Südafrika. Für lange Zeit war das der Rückhalt weißer Herrschaft in diesem Land. Die gegenwärtige Herausbildung eines "demokratischen Mob", angeführt von selbsternannten Helden der Armen, die behaupteten, für den "einfachen Mann" zu sprechen, ist Folge einer seismischen Verschiebung in der politischen Kultur Südafrikas.
Die Jahre der Gewalt zur Zeit der Apartheid und eher in der jüngeren Vergangenheit der Verfall des öffentlichen Lebens in den Städten hatten verheerende Folgen für die Rechtskultur von Gesetz und Anständigkeit; Armut, Kriminalität, Krankheit, Hunger und Seuchen schwächen Staat und bürgerliche Institutionen, indem sie die moralischen Wurzeln eines Lebens zerstören, das sich an bürgerlichen und ethischen Maßstäben orientiert. Besonders die Kriminalität höhlt schnell die so hart erkämpften Freiheiten aus. Sie lässt die Lebensqualität in den größeren Städten empfindlich absinken, schafft ein Klima von Angst und Misstrauen und beschädigt das bürgerlich-moralische Gefüge der Gesellschaft in einem Ausmaß, über das sich die gegenwärtige Regierung nicht klar zu sein scheint.
Gewalttätige Proteste sind zunehmend an der Tagesordnung, ebenso wie die Tendenz vieler Menschen, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen. Eine Kultur von Korruption, Straflosigkeit und Unverantwortlichkeit hat sich schnell zur Norm entwickelt. Im Nachhall der Wahrheits- und Versöhnungskommission tut man so, als sei Vergebung ein unveräußerliches Recht, und zwar sowohl im öffentlichen wie auch im privaten Bereich des Lebens. Niemand fühlt sich verantwortlich für sein Verhalten. Jeder gilt als unschuldig, solange sein Schuldigsein nicht bewiesen ist. Und selbst wenn es bewiesen ist, wird Strafe als illegitim betrachtet und Reue ist unnötig, solange man der Ansicht ist, dass das Verbrechen, das man begangen hat, Folge einer nicht selbst verschuldeten Entfremdung oder ganz einfach Teil der eigenen "Kultur" oder "Tradition" ist.
Noch gefährlicher ist die Abkehr vom Projekt einer Gesellschaft ohne Ansehen der Hautfarbe und das Wiedererstarken der Rassentrennung im öffentlichen Leben. Auf die fortgesetzte Leugnung weißer Privilegien reagieren viele Schwarze mit einem erbitterten Gefühl des Opferseins und der Machtlosigkeit. Im Namen des "Rechts auf Selbstdefinition" erschaffen sie paradoxerweise erneut ein geistiges Ghetto ein tödliches Mittel, das weiße Herrschaft so wirkungsvoll benutzt hat, um den Schwarzen während der Zeit ihrer Unterwerfung größtmöglichen psychischen Schaden zuzufügen.
Die kürzliche Gründung des Native Club oder die schrillen Aufforderungen an schwarze Intellektuelle, sich auf den "Traditionalismus" zu besinnen, sind nur zwei Beispiele für das Wiederaufleben des Nativismus, der das Land überschwemmt. Nach dem Verlust ihrer politischen Macht haben sich viele Weiße in sichere Enklaven zurückgezogen, in der Hoffnung eines Tages in Richtung Australien auszureisen, anstatt die Rechte und Pflichten ihrer Staatsbürgerschaft voll auszuschöpfen und die Bedingungen ihrer Zugehörigkeit zu der neuen Nation mit Kreativität auszuhandeln. Ein weiteres Indiz für die erneute Betonung ethnischer Selbstvergewisserung sind die andauernden Kontroversen um den Gebrauch der afrikaansen Sprache an der Universität von Stellenbosch und der Widerstand einschließlich von seiten weißer Liberaler gegen jede Art von ökonomischer Wiedergutmachung nach so vielen Jahrhunderten der Ausplünderung, der Ausbeutung und des Diebstahls.
Ethnisches Bewusstsein der Weißen hatte historisch immer zu tun mit Herrschaft und der Verteidigung amoralischer Privilegien, das der Schwarzen dagegen war immer geprägt von der Erfahrung der Enteignung. Als eine Form kulturellen und politischen Protestes hat Nativismus im allgemeinen die Funktion, eine gemeinsame Sprache für den Groll über Missstände zu schaffen. Weil der Rückzug auf Nativismus niemals mit einem konkreten sozialen oder politischen Programm oder einer Reform verbunden ist, kann er niemals eine progressive Kraft sein. In der Praxis neigt er dazu, die traurige Geschichte zu wiederholen, von der er behauptet, dass er sie zurechtrücken will.
Eine wirkliche Gefahr für das heutige Südafrika besteht darin, dass das Land in eine Situation zurückgleiten könnte, in der wieder einmal der Begriff des rassisch bedingten Schicksals so allumfassend wird, dass er andere Formen des Zusammenhalts der in Fragmente zerfallenen Nation unmöglich macht. Die überwältigende Präsenz von Tod und Vergewaltigung besonders im täglichen Leben der schwarzen Bevölkerung akzentuiert dieses Dilemma nur noch. Schwarzes Leben ist in Südafrika fast ebenso billig wie es das seit den frühen Jahren der Eroberung immer gewesen ist. Die wöchentlichen Beerdigungen sind zum beherrschenden Merkmal der Zeitrechnung geworden der Aids-Tod, der Tod auf der Straße und der in den Zügen, der wahllose Tod durch die Hand von Verbrechern, der Tod durch Tuberkulose und Unterernährung und immer häufiger sogar schlicht und einfach der Freitod in Townships und Squattercamps.
Im Zentrum der neuen Verquickung von Millenarismus, Nativismus und Politik herrscht eine dunkle Sehnsucht nach Selbstmord das Nongqawuse-Syndrom. Es ist diese destruktive Sehnsucht, die sich manifestiert, wenn einer nach einer sexuellen Begegnung mit einer HIV-infizierten Person eine Dusche nimmt und mit diesem Akt das Risiko einer Ansteckung zu vermindern hofft. Das gleiche selbstmörderische Verhalten legt unsere Regierung an den Tag, durch die Art, wie sie mit der HIV/Aids-Pandemie umgeht.
Unter vielen armen Weißen wächst der Unwille. Weiße Fachleute, die sich aufrichtig wünschen, dieses Land zu ihrer Heimat zu machen, werden als "Siedler" bezeichnet. Aber auch viele junge Schwarzen sind voller Zorn. Sie fühlen sich von ihrer eigenen Regierung abgeschrieben und im Stich gelassen. Noch immer bekommen sie nicht einmal ein paar Krumen von dem gefräßigen Festmahl ab, das um sie herum stattfindet eine Wirtschaft mit einem Wachstum von mehr als drei Prozent in diesem Jahr; ein Finanzminister, der triumphierend Steuerermäßigungen verkündet; ein Vorstandsvorsitzender der Reserve-Bank, der sich an der niedrigen Inflationsrate freut. Inmitten dieses überwältigenden kommerziellen Warenhauses, zu dem Südafrika geworden ist, ist die Erfahrung der jungen Schwarzen immer noch geprägt von Arbeitslosigkeit, Hunger, Seuche und Krankheit. Wer könnte es ihnen übelnehmen, wenn sie innerlich den Verdacht hegen, dass letztendlich die Befreiung ein zynischer Trick gewesen sein könnte, um sie dort festzuhalten, wo sie schon immer gewesen sind?
Dieser Kontext ist es, der die verzweifelte Erlösungssehnsucht hervorgebracht hat Erlösung durch heldenhafte maprofeti, die begierig sind, das Maschinengewehr wieder in die Hand zu nehmen und das zu einer Zeit, in der andere Nationen in Wissenschaft und Technologie wetteifern. Wir sind deshalb an einer sehr gefährlichen Wegscheide angelangt. Südafrika ist allerdings noch immer eine Demokratie. Es gibt noch Handlungsspielraum und Wahlmöglichkeiten. Für viele ist jedoch alarmierend, dass der Spielraum für Entscheidungen nach und nach durch jene Kräfte ausgehöhlt wird, die eine erneute Spaltung des öffentlichen Lebens anstreben und die Bedeutung dessen einengen wollen, was es heißt, in der heutigen Welt Südafrikaner und Afrikaner zu sein.
Die Fragen, die sich daraus ergeben, sind daher dringend: Wie fördert man eine echte Verpflichtung auf die Grundvoraussetzung jeder Demokratie, dass alle Männer und Frauen bei der Herausbildung der öffentlichen Meinung einen wertvollen Beitrag leisten können? Wie gelingt es, Populismus durch die Kanalisierung auf dem sichereren Weg einer durch Wahlen legitimierten Politik im Zaum zu halten? Wie ist es möglich, das Ideal einer Gesellschaft ohne Rassenbewusstsein zurückzugewinnen und für alle südafrikanischen Bürger, für schwarze und weiße zu sorgen, in dem entschlossenen Bemühen, zum ersten Mal in der Geschichte dieses Kontinents eine wahrhaft moderne und kosmopolitische Gesellschaft aufzubauen?
Die gegenwärtig in Südafrika herrschende politische Ordnung dient nicht mehr diesem Ziel. Die so genannte tripartite alliance, die Drei-Parteien-Allianz aus ANC, SACP und dem Kongress Südafrikanischer Gewerkschaften (COSATU) hat sich verbraucht und ihren Sinn verloren. Sie wird jetzt eher zu einem bedeutenden Faktor für die Instabilität im Land und ihre Auflösung wäre im nationalen Interesse Südafrikas. Teile der Kommunistischen Partei, der Gewerkschaften und der ANC-Jugendliga sollten zusammen eine eigene Partei gründen und sich in selbstständiger Verantwortung zur Wahl stellen. Eine neue politische Mitte sollte entstehen, die sich der liberalen Verfassung, einer explizit sozialdemokratischen Agenda und einer afro-politischen Kultur verpflichtet fühlt.
Als nächster Schritt müssten Verfassungsreformen eingeführt werden und zwar mit dem Ziel, dass das Volk den Präsidenten wählen kann und dieser nicht von der Partei bestimmt wird. Wie in jeder anderen größeren Demokratie sollten die Abgeordneten des Parlaments und anderer repräsentativer Gremien von ihrem Wahlkreis gewählt werden und ihm gegenüber auch rechenschaftspflichtig sein.
Die Weißen sollten, mehr als bisher, ihren Rückzug aus dem politischen Leben aufgeben und ihre Rechte als volle Bürger eines demokratischen Gemeinwesens ausüben als rechtmäßige "Afrikaner". Nur so kann sich Südafrika aus dem millenaristischen Denken, dem Denken in Endzeit-Kategorien, befreien und beginnen, eine neue demokratische Zukunft zu gestalten.
aus: der überblick 03/2006, Seite 58
AUTOR(EN):
Achille Mbembe
Achille Mbembe ist geboren in Kamerun und Senior Research Fellow am "Wits Institute for Social and Economic Research" der Universität Witwatersrand in Johannesburg, Südafrika.