Wer bleiben will, muss lernen
"Sie sprechen aber sehr gut Deutsch!" "Danke, Sie auch!" entgegnet Danica Nesawil selbstbewusst. Danica Nesawil ist eine junge Frau, die in der neuen Zeitschrift "Gazelle" von ihren Erfahrungen als Mischlingskind in Deutschland berichtet. Diese seit Juli 2006 erscheinende Zeitschrift versteht sich als modernes Medium einer multikulturellen deutschen Gesellschaft. Das Cover bildet eine in Deutschland studierende Iranerin ab, eine "echte Gazelle", so die Zeitschrift. Für die nächste Ausgabe wird eine neue Gazelle gesucht. Das heißt eine Frau, die sich in der multikulturellen deutschen Gesellschaft zu Hause fühlt durch die eigene Herkunft oder durch Kontakte zu Migranten. Das freundlich gemeinte Kompliment pariert Danica selbstbewusst: "Natürlich spreche ich gut Deutsch. In welchem Land befinden wie uns denn hier, bitteschön?"
von Patricia von Hahn
Eine Haltung, die für nicht alle Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland selbstverständlich ist. Das zeigen auch die seit Anfang 2005 bestehenden Integrationskurse, deren Teilnehmer trotz langjährigen Aufenthalts in Deutschland oft nur über rudimentäre Deutschkenntnisse verfügen. Die Gründe sind vielfältig: das Leben in der Familie und unter Landsleuten, die heute unkomplizierte elektronische Kommunikation mit der fernen Heimat (vgl. Ibrahim Gueye, "der überblick" 2/2006), das fehlende eigene Bemühen und das Desinteresse der deutschen Umgebung. Aber Sprache, da ist man sich in der politischen Debatte parteiübergreifend einig, ist der Schlüssel zur Integration. Im Visier steht die sprachliche Integration von Migranten, die einen Großteil der gerade neu entdeckten deutschen Unterschicht bilden.
Mit dem neuen Zuwanderungsgesetz vom 1. Januar 2005 wurde der Integrationskurs begründet, für dessen Konzeption und Durchführung das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zuständig ist. Der Integrationskurs besteht aus einem Sprach- und einem Orientierungskurs. Der insgesamt 600 Stunden umfassende Sprachkurs teilt sich in einzelne Module mit unterschiedlichen Niveaustufen, zu je 100 Stunden. Er soll eine bessere Bewältigung von Alltagssituationen wie Einkaufen, die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Kontakte mit Behörden, Wohnungssuche und Freizeitgestaltung ermöglichen. Kurz: Er soll Migranten helfen, sich im Alltag selbständig zu bewegen. Der Orientierungskurs, der in nur 30 Stunden zu absolvieren ist, soll Einblicke in die deutsche Rechtsordnung, Geschichte und Kultur geben. Dazu gehört auch die Vermittlung demokratischer Werte und Grundhaltungen wie Religionsfreiheit, Toleranz und Gleichberechtigung. Abgeschlossen wird der Integrationskurs mit dem "Zertifikat Deutsch".
Damit ist die Sprachförderung nicht mehr Bestandteil des Sozialrechts, sondern des Aufenthaltsrechts geworden. Rechtmäßig auf Dauer in Deutschland lebende Ausländer und Neuzuwanderer haben Anspruch auf einen Integrationskurs. Sie entrichten für eine Unterrichtsstunde einen Kostenbeitrag von einem Euro. Ebenfalls einen Euro pro Unterrichtsstunde zahlt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Neu an dem Zuwanderungsgesetz ist, dass in "begründeten Einzelfällen" neben der Teilnahmeberechtigung, eine Teilnahmeverpflichtung besteht: etwa wenn der Sprachkurs zur berufsintegrativen Maßnahme erklärt wurde. Ausländische Arbeitslosengeld II-Empfänger und Spätaussiedler sind von dem Kostenbeitrag befreit. Hier übernimmt das BAMF die Kosten für den Kurs. Nach der gesetzlichen Vorlage des neuen Zuwanderungsgesetzes verkürzt sich mit dem erfolgreichen Abschluss des Integrationskurses die Einbürgerungsfrist von acht auf sieben Jahre.
Sogar die türkische Regierung möchte bei der Integration türkischer Migranten in die deutsche Gesellschaft einen Beitrag leisten. Bei ihrem Treffen im September 2006 im Bundeskanzleramt beschlossen Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und Nimet Çubukçu, türkische Staatsministerin für Frauen, Kinder und Soziales, den Frauen und Müttern bei der Integration in die deutsche Gesellschaft Priorität einzuräumen. Denn auch in der Türkei gibt es die Erfahrung "Bildest Du einen Mann aus, hast Du eine Person ausgebildet. Bildest Du eine Frau aus, hast Du eine Familie, ja eine ganze Gesellschaft ausgebildet." Dazu sollen in Zukunft Deutschkurse schon in der Türkei angeboten werden.
In Deutschland gibt es bereits den Mütter- und Frauenkurs. Neben dem sprachlichen Zugewinn, den die Frau dabei selbst erfährt, zielt der Kurs darauf ab, sie als Mutter in die Lage zu versetzen, die sprachliche Entwicklung ihrer in Deutschland groß werdenden Kinder zu begleiten und im wahrsten Sinne des Wortes die sprachlichen Probleme ihrer Kinder besser zu verstehen. Ihre Integrationsbereitschaft am Integrationskurs gemessen scheint groß zu sein: Im Jahr 2005 haben mit 63 Prozent deutlich mehr Frauen als Männer an Integrationskursen teilgenommen. In der Regel handelt es sich dabei um schon länger in Deutschland lebende Migrantinnen.
Eine besondere Herausforderung für die Kursleitung eines Integrationskurses ist die Heterogenität seiner Teilnehmer. So auch im Frauenkurs an der Brüder-Grimm-Schule im Berliner Wedding. Der größte gemeinsame Nennen unter den Teilnehmerinnen ist hier, dass sie mehrheitlich Heiratsmigrantinnen sind, sie also ihren Ehemännern nach Deutschland hinterher gezogen sind. Unter den 21 Teilnehmerinnen im Alter von 20 bis 50 befinden sich fünf Nationalitäten, in der Mehrheit Araberinnen und Türkinnen. Neun Frauen haben eine Primärschulausbildung, sieben eine höhere Schulbildung und drei Teilnehmerinnen sind Akademikerinnen um nur einige der für die Kurspraxis relevanten Unterschiede zu nennen. Um den unterschiedlichen Lerngewohnheiten, Sprachen, Bildungsstandards und kulturellen Prägungen Rechnung zu tragen, ist es wichtig auf Binnendifferenzierung zu achten, was so viel heißt, wie auf jeden einzelnen Teilnehmer einzugehen und doch in der Gruppe zu arbeiten. Die eigens für Integrationskurse entwickelten Lehrwerke geben einem zum Beispiel durch den unterschiedlichen Schweregrad der Übungen Möglichkeiten der Binnendifferenzierung an die Hand. Im Rahmen von Gruppenarbeit kann man leistungsstärkere Teilnehmer dazu bringen, den leistungsschwächeren zu helfen oder man ernennt erstere zu Co-Lehrern. Ein wünschenswerter Effekt dabei ist, dass verschiedene Kulturen, Mentalitäten und Weltbilder in buchstäblichem wie übertragenem Sinne dabei einander näher rücken. Oder einfach gesagt: Kreativität ist gefragt, wenn die einzige Unterrichtssprache Deutsch ist, und doch manch eine(r) kaum ein Wort davon versteht. Hier muss man darauf achten, dass das häufige Übergewicht türkischer Teilnehmer in Integrationskursen nicht dazu führt, dass Türkisch zur zweiten Unterrichtssprache wird.
Behice Aykurt, seit einem Jahr Geschäftsführerin von "Bilim Integrationkurse" in Hamburg Billstedt hat die Erfahrung gemacht, dass der Frauenkurs eine wichtige Einrichtung ist, da Migrantinnen sich darin ungleich mehr entfalten können als in gemischten Kursen. Einer ihrer derzeit laufenden Kurse besteht vorwiegend aus Teilnehmerinnen, die von der Ausländerbehörde durch den Bezug von Arbeitslosengeld II dazu verpflichtet sind, innerhalb von einem oder zwei Jahren das Zertifikat Deutsch zu erlangen. Sonst kann es Komplikationen bei der gewünschten Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung geben. Frau Aykurt beklagt, dass das alles in so kurzer Zeit geschehen soll und das vor dem Hintergrund des hohen Anteils lernungewohnter Teilnehmerinnen, die gar nicht vertraut sind, grammatische Strukturen oder Rechtschreibung zu erlernen und oft nur die Grundschule besucht haben. Ganz zu schweigen von dem Orientierungskurs. In nur 30 Unterrichtsstunden sollen hier ganze Themenkomplexe wie das Dritte Reich, die deutsche Geschichte seit 1945 und der Kalte Krieg behandelt werden. Trotz des hohen Drucks auf Lehrer- und Schülerseite, ist die Stimmung im Billstedter Frauenkurs aufgelockert und lässt den Eindruck von einer guten Klassengemeinschaft entstehen. Aykurt sagt: "Es tut nicht so weh, wenn jemand mal was Falsches sagt, da man unter sich ist. Es wird viel gelacht. Hier werden Freundschaften geschlossen." Razia ist Afghanin und freiwillig in dem Kurs: Ich lebe in Deutschland, also muss ich Deutsch sprechen." Adile erklärt: "Ich will Deutsch lernen, um meinen Kindern bei ihren Schulaufgaben zu helfen." Beinahe alle Teilnehmerinnen sind mehrfache Mütter. Die meisten Kinder wurden in Deutschland geboren. Die Frauen möchten Deutsch lernen, um selbstbewusster zu werden, um eine Stelle zu finden und vor allem, um bei der Ausbildung ihrer Kinder in Deutschland im wörtlichen Sinn mitreden zu können.
Wie gut die Teilnehmerinnen indes in den Hamburger Alltag integriert sind, zeigt sich später auf der Straße. Gleich zweimal helfen sie einer angehenden Kursleiterin für Integrationskurse auf der Suche nach einer Sparkasse aus der Patsche. Wahrscheinlich würde sie heute noch suchen, wären da nicht Ludmilla, eine Wiegemeisterin aus Nowosibirsk, die in Hamburg als Busfahrerin gearbeitet hat und eine pakistanische Kursteilnehmerin, die den Master Degree of Economics hat.
aus: der überblick 04/2006, Seite 76
AUTOR(EN):
Patricia von Hahn
Patricia von Hahn
ist derzeit Hospitantin in der Redaktion von
"der überblick" und zugelassene Leiterin für
Integrationskurse.