von Renate Wilke-Launer
Wer heutzutage Aufmerksamkeit erregen will, muss sich schon etwas Schrilles einfallen lassen. Was einst nur für die Boulevardzeitungen galt, hat inzwischen fast alle Medien erfasst. Selbst manche Sachbücher von Professoren eines Berufsstands, der früher, von Ausnahmen abgesehen, jede Konzession an die Verkäuflichkeit weit von sich gewiesen hätte erscheinen unter simplifizierenden, oft reißerischen Titeln. Im Fall von Übersetzungen aus dem angelsächsischen Sprachraum, wo akademische Erkenntnisse schon länger in flotter Schreibe präsentiert werden, sind die deutschen Titel oft noch drastischer als die der Originale. Eleganz, Anspielungen und Ironie gehen bei der Übertragung ins Deutsche leicht verloren.
So auch bei William Easterlys Philippika gegen grundlegende Mängel der Entwicklungshilfe. Aus The White Man's Burden, eine Anspielung auf Rudyard Kiplings Rechtfertigung des imperialen Kolonialismus von 1899, wurde "Wir retten die Welt zu Tode", und statt des abwägenden englischen Untertitels: Why the West's Efforts to Aid the Rest have Done so much Ill and so Little Good heisst es technokratisch die Hauptaussage des Buches geradezu karikierend "Für ein professionelles Management im Kampf gegen die Armut". Was Aufmerksamkeit erheischen soll, kann auch abschrecken.
Das aber wäre schade, denn Easterlys Rundumschlag lohnt die Lektüre und die Auseinandersetzung. Er ist ein scharfer Kritiker, aber kein Gegner der Entwicklungszusammenarbeit, er ist weder Pessimist noch Zyniker, sondern hat Sympathie für die Menschen, die sich inmitten schwieriger Lebensumstände durchschlagen müssen. Ähnlich wie Robert Calderisi (vgl. "der überblick" 3/2006) erzählt Easterly nicht nur häufig mit Respekt von ihnen, er hat allen seinen Kapiteln Alltagsgeschichten von Personen und Projekten hinzugefügt. Viele stammen aus eigener Anschauung, andere hat er der dreibändigen Studie Voices of the Poor der Weltbank entnommen, für die Easterly 16 Jahre gearbeitet hat. Heute ist er Professor für Ökonomie und Afrikastudien an der New York University, deren Development Research Institute er leitet. In Deutschland sind solche Übergänge zwischen Praxis und Universität selten, in den USA ist das nichts Ungewöhnliches. Und so sind auch Bücher von dort oft weniger akademisch als die ihrer deutschen Kollegen.
Auch Easterly verbindet in seinem neuen Buch Erfahrungen aus der Praxis mit den Ergebnissen eigener und fremder wirtschaftswissenschaftlicher Forschung. Was er auf dieser Basis formuliert, ist nicht, wie bei Entwicklungsstrategen häufig, ein viel versprechender neuer Ansatz, sondern eine nüchterne Bilanz. Gezielte Hilfe könne etwas Positives bewirken, das konzediert er gern und mit vielen Beispielen. Aber sie habe kaum je zu Entwicklung geführt, sei oft nicht nötig oder manchmal gar kontraproduktiv. Gemessen am rhetorischen und finanziellen Aufwand sei sie eher ein Fehlschlag als ein Erfolg. Allen Lernprozessen und Strategiewechseln zum Trotz sei man ziemlich wenig vorangekommen.
Mit besonderem Spott bedenkt Easterly die jahrzehntealte Forderung nach mehr Koordination und Kohärenz. Gerade hat eine hochrangige Kommission (High Level-Panel) dem UN-Generalsekretär einen Reformvorschlag (Delivering as One, vgl. S.22) für die UN-Tätigkeit auf dem Gebiet der Entwicklung, der humanitären Hilfe und der Umwelt vorgelegt, der die Überlappungen und Koordinationsmängel mit drastischen Worten geißelt: "Ineffiziente und unwirksame Lenkungsstrukturen und eine unberechenbare Finanzierung haben zu einer widersprüchlichen Politik, zu Doppelarbeit und operativer Ineffektivität im gesamten System beigetragen. Die Zusammenarbeit zwischen den Organisationen wurde durch Konkurrenz um Finanzmittel, schleichende Aufgabenerweiterung und überholte Geschäftspraktiken behindert." Das sind harte, aber sehr berechtigte Worte. Die Kommission selbst beziffert die Einsparungsmöglichkeiten bei besserer Abstimmung und Organisation auf 20 Prozent.
Auch wenn die im Kern grundvernünftigen Vorschläge der Kommission aufgenommen und umgehend verwirklicht werden würden, wovon nicht mal Optimisten ausgehen, wäre nach Easterly aber noch nicht viel gewonnen. Seine Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit ist sehr viel grundsätzlicher. Er bezweifelt ganz einfach, dass sich durch Planung und Eingriffe von außen viel bewegen ließe und setzt eher auf Menschen, die in ihrem eigenen Umfeld etwas anpacken: "Ein Planer glaubt, die Antworten zu kennen. Er hält Armut für ein technisches Problem, dem mit seinen Methoden zu begegnen ist. Ein Sucher gibt zu, dass er zunächst keine Antworten kennt. Für ihn ist Armut ein komplexes Geflecht aus politischen, gesellschaftlichen, historischen, institutionellen und technischen Faktoren. Ein Sucher hofft, durch Versuch und Irrtum Lösungen für ganz konkrete Probleme zu finden. Ein Planer glaubt, dass Außenstehende wissen, wie Lösungen durchzusetzen sind, ein Sucher weiß, dass nur Insider über die nötigen Kenntnisse verfügen, um Lösungen zu finden, und dass die meisten Lösungen selbst entwickelt werden müssen."
Das ist natürlich eine grobe Vereinfachung, verdient (und gewinnt auf den weiteren Seiten des Buches) aber dennoch Sympathie: weil es genügend Beispiele gibt, dass Entwicklung von solchen Suchern lebt, wozu Unternehmer, Entwicklungsaktivisten und ganze Länder gleichermaßen gehören. Muhammad Yunus, ein Ökonomieprofessor wie William Easterly, hat für einen solchen Ansatz gerade den Friedensnobelpreis bekommen.
Anders als sein Fachkollege und Sparringspartner Jeffrey Sachs, der für Entwicklung durch einen big push trommelt ("Das Ende der Armut: Ein ökonomisches Programm für eine gerechte Welt") präsentiert Easterly kein neues Konzept. Seine Konsequenz ist schlicht, aber umwerfend: Der richtige Plan ist, auf einen Plan zu verzichten. Da müssen sich nicht nur Bürokraten in staatlichen Ämtern, sondern auch unruhigen Mitarbeitern von nichtstaatlichen Organisationen die Nackenhaare sträuben, machen sie doch alle Pläne und verbringen einen guten Teil ihrer Zeit damit, untereinander auf Tagungen und in Publikationen darüber zu streiten, welcher der richtige ist.
Das aber macht wiederum Easterlys Unterscheidung in Planer und Sucher so interessant, liegt sie doch quer zu fast allen Fronten. Er ist zudem konsequent genug, von seiner Kritik an den Planern auch Weltbank und IWF (und sich selbst) nicht auszunehmen. Das liest sich dann so: "Der IWF zeigt eines der klassischen Symptome der Planerkrankheit: Er tut in vielen Ländern immer wieder das Gleiche, um ein unerreichtes Ziel zu verfolgen. Allein in der Wiederholung zeigt sich schon, dass vorangegangene Versuche der ,kurzfristigen Stabilisierung' fehlgeschlagen sind." Bei der Analyse der innenpolitischen Einmischungen des IWF geht er sogar noch weiter: "So besteht auch ein Zusammenhang zwischen der Einmischung des IWF und dem extremsten politischen Ereignis: dem totalen Zusammenbruch eines Staates." Wer wissen möchte, wie falsch Planer liegen können, möge das Kapitel "Russische Nächte" lesen.
Wer nun meint, in die Absage an die Planer eine Verherrlichung des Marktes hineinlesen zu müssen, irrt gewaltig. Easterly ist nicht so dumm zu behaupten, dass der Markt es schon richten werde. Es müsse gesellschaftliche Normen und Institutionen geben, die Transaktionen zum Wohle aller Beteiligten ermöglichen: "Wird die Gier nicht wirkungsvoll kontrolliert, kann wirtschaftliche Entwicklung ebenso erstickt werden wie in Ermangelung von Märkten."
Aus Easterlys grundsätzlicher Skepsis gegenüber den Planern und seiner harschen Kritik an ebenso unfähigen wie korrupten Regierungen folgt, dass er kein Freund der Budgethilfe ist, von der sich manche Geberregierungen versprechen, dass sie die Staaten zu mehr Entwicklungsorientierung bewegt und bisherige Mängel der Hilfsgewährung auf der Geberseite beseitigt. In vielen Passagen des Buches unterscheidet sich Easterly aber nicht grundsätzlich vom entwicklungspolitischen Mainstream: Er übt Kritik am Kolonialismus und an neoimperialistischen Phantasien, er meldet Zweifel an friedenserhaltenden Missionen an (die "im Umgang mit Gangstern noch größere Probleme haben als die Entwicklungshilfe"), er zieht gekonnt und in aller Kürze für einzelne Länder Bilanz.
Aber er spricht eine andere und sehr direkte Sprache. Kein Wunder, dass ihm beschönigende Darstellungen von Hilfsbürokraten aufstoßen: Wenn Ländern, deren Präsidenten die Staatsschatulle plündern, "Probleme in der Regierungsführung" bescheinigt oder zwischen korrupten Beamten und Hilfsorganisationen noch "Unterschiede bei Prioritäten und Ansätzen" ausgemacht werden. Viel zu häufig seien schon Veränderungen zum Besseren propagiert und auch krampfhaft Anzeichen dafür ausgemacht worden. Wer regelmäßig einschlägige Publikationen liest, wird um Beispiele nicht verlegen sein.
Easterly dagegen liebt drastische Formulierungen, etwa die, dass "Schwerverbrecher bei Laune gehalten werden, die sich selbst als Regierung bezeichnen". Wer sich an dieser Ausdrucksweise und auch manchen unnötig polemischen Zuspitzungen stört, findet viele Argumente in seinem weniger aufgeregten ersten Buch The Elusive Quest for Growth. Dort hat er bereits grundlegend formuliert, dass vieles, was im Rahmen von Entwicklungszusammenarbeit propagiert und finanziert wird, Bildungsinvestitionen etwa, nur dann Entwicklung zur Folge haben wird, wenn sich das so gebildete "Humankapital" auch produktiv entfalten könne, wofür oft die Voraussetzungen fehlten. Es ist diese Nüchternheit des Ökonomen, die den beiden Büchern Gewicht verleiht.
Sieht man von manchen Vereinfachungen und schrägen Formulierungen ab, hat Easterly ein lesenswertes und streckenweise gut begründetes Plädoyer für mehr Ehrlichkeit und Effizienz vorgelegt: deutlich benennen, was das Problem ist, nicht dauernd etwas versprechen, was nicht zu leisten ist, Zielkonflikte offen legen und entscheiden, nicht mehr die Höhe des aufgebrachten Geldes als Erfolgsmaßstab anlegen, sondern dessen Wirksamkeit. Wird sie von einer internationalen unabhängigen Evaluierungsgruppe überprüft, kann man auch endlich besser Rechenschaft ablegen gegenüber Steuerzahlern und den Zielgruppen in den Entwicklungsländern.
Doch auch wer flott geschriebene Bücher, Mut zur Meinung und Anekdoten mag, wird gelegentlich irritiert sein und sich fragen, ob Easterly nicht von all dem zu viel in sein Buch gepackt hat. Das erste Kapitel über Planer und Sucher zum Beispiel krankt daran, dass er zu angestrengt drastische Formulierungen verwendet und aus der Gegenüberstellung zu viele Pointen gewinnen will. "Der richtige Plan ist, keinen Plan zu haben" das klingt eher nach einem Guru als nach einem Ökonomieprofessor. Mit der Titelwahl hat der deutsche Verlag die kreuzzüglerische Seite des Buches noch einmal hervorgehoben und damit dessen Autor und der Diskussion, die er anstoßen möchte, möglicherweise einen Bärendienst erwiesen.
aus: der überblick 04/2006, Seite 4
AUTOR(EN):
Renate Wilke-Launer
ist Chefredakteurin des "überblick".