Die koptischen Christen Ägyptens sind eine Minderheit in einer überwiegend muslimischen Gesellschaft. Ihr Programm für Entwicklung und Sozialdienste BLESS (Bishopric of Public, Ecumenical and Social Services), ein Partner des EED, leistet Entwicklungsarbeit in gemischten Dörfern und Stadtvierteln. Dies fördert auch den Religionsdialog in Ägypten, erklärt Bischof Youannes, der Direktor von BLESS. Er hat vor seinem Studium der Theologie eine Ausbildung als Mediziner absolviert und vertritt auch die koptische Kirche im staatlichen Beirat für Entwicklungsplanung und Bevölkerungsfragen.
Gespräch mit Bischof Youannes, Direktor von BLESS
Das Besondere an BLESS ist, dass es Entwicklungsprojekte an der Basis gemeinsam für Christen und Muslime durchführt?
Ja. In 31 Gemeinden haben wir integrierte Entwicklungsprogramme. Dort findet in vielen Zusammenkünften auch ein Alltags-Dialog der Religionen statt. BLESS unterhält sieben Programme zu folgenden Bereichen: Gemeinschaftsorganisation, Gesundheit und Umwelt, Wirtschaft, ländliche Entwicklung, Erziehung, Kinder sowie Jugend.
Sind die 31 Gemeinden auf bestimmte Teile Ägyptens konzentriert?
Nein, sie sind über das ganze Land verteilt. Neun liegen in Oberägypten, acht im Zentrum, acht in Kairo und Umgebung und der Rest in Unterägypten. BLESS wählt Orte aus, die erstens sehr arm sind und zweitens recht klein - die meisten haben unter 5000 Einwohner. Drittens ist in den meisten die Mehrheit christlich und viertens sind die staatlichen Strukturen und Dienstleistungen schwach.
Wenn die Initiative für ein Projekt von BLESS ausgeht, wie bauen Sie dann den Kontakt zur lokalen Bevölkerung auf?
Wenn BLESS einen Ort ausgewählt hat, schulen wir zuerst die fieldworker dort und erheben dann die lokalen Bedürfnisse unter Beteiligung der Bevölkerung. Wir halten ein Treffen mit den entscheidenden Führungspersonen ab, danach ein öffentliches Treffen, wo wir unser Ziel und unser Vorgehen erklären. Für jeden unserer sieben Programmbereiche - Gesundheit, Bildung, Kinder und so weiter - wird dann eine spezialisierte Gruppe aus etwa sieben Personen gebildet. Deren Moderatoren bilden zusammen das Entwicklungskomitee des Dorfes.
Wie reagiert der muslimische Teil eines Dorfes, wenn die Kirche ein solches Programm beginnt?
In allen Dörfern, in denen wir arbeiten, leben Muslime - seien es 20, 30 oder 40 Prozent der Bevölkerung. In der Regel kann man bei ihnen mehrere Phasen der Reaktion feststellen. Die erste ist geprägt von Skepsis. In der zweiten wird das Eis gebrochen. Wichtig dafür ist, dass BLESS sein Vorhaben transparent macht und die Entwicklungsarbeit unparteiisch angelegt ist. Wir stellen Kontakte zu lokalen Führern her und erreichen Klarheit über die Planung und die Umsetzung des Programms. Am Ende steht echte Zusammenarbeit. Das ist eine schwierige Aufgabe, aber wir haben es bisher immer geschafft.
Sie konnten die Skepsis auf Seiten der Muslime immer überwinden?
Ja, immer. Aber es hat in manchen Dörfer zwei Monate gedauert, in anderen fünf und in noch anderen zehn.
Treffen Sie manchmal auf Widerstand von Seiten muslimischer Scheichs?
Manchmal. Sie nehmen am Anfang oft an, dass es uns um Bekehrung und Mission ginge. Wenn sie begreifen, dass Entwicklung das Ziel ist, dann arbeiten sie auch mit uns zusammen.
Wird BLESS von den Wohlfahrtsorganisationen der Muslimbrüder als Konkurrenz empfunden?
Nein. Die Muslimbrüder geben Hilfe in Form von milden Gaben und folgen nicht wie wir dem Konzept der Entwicklung. In einigen der Dörfer, wo wir arbeiten, verteilen sie Wohlfahrtsleistungen, so wie die Kirche auch. Aber sie machen keine Entwicklungsprogramme.
Gibt es in der koptischen Kirche Bestrebungen, Hilfe vorwiegend an Christen zu leisten?
Natürlich erhalten die Christen Priorität. Aber wenn wir in einer Gemeinschaft arbeiten, in denen Christen und Muslime leben, dann muss man beiden helfen. Sonst spaltet man die Gemeinschaft.
Werden Ihre Projekte von lokalen Behörden unterstützt?
Ja, mit denen arbeiten wir sehr gut zusammen. Wenn wir die Entwicklung eines Gebietes fördern, ist das ja für die Regierenden dort von Vorteil. Schwierigkeiten mit manchen Behörden hat die koptische Kirche, wenn es um den Bau von Kirchen geht, aber nicht bei der Entwicklungsarbeit.
Welchen Beitrag leistet von BLESS zum christlich-muslimischen Dialog in Ägypten?
Wir unterscheiden vier Ebenen dieses Dialogs: erstens den "des Lebens", das heißt dass Menschen verschiedener Religion im Alltag miteinander auskommen; zweitens den offiziellen Dialog von Religionsführern über das gegenseitige Verhältnis; drittens das Gespräch über gemeinsame nationale Anliegen, auch gegenüber dem Staat; und viertens den Dialog mit Intellektuellen, mit moderaten islamischen Denkern. BLESS arbeitet vor allem auf der ersten Ebene, der des Dialogs im Alltag. Er erleichtert und verbessert den Dialog auf den anderen Ebenen. Daneben nehmen wir teil am offiziellen Dialog zwischen Seiner Heiligkeit Papst Shenuda III. und den Bischöfen auf christlicher Seite sowie dem Großscheich und den Scheichs auf islamischer Seite; mit den beteiligten Bischöfen tauschen wir uns aus. Und wir beteiligen uns am Dialog über gemeinsame Anliegen wie Genitalverstümmelung oder Bevölkerungsplanung. Zum Beispiel repräsentiert BLESS die Sicht der Kopten in nationalen Foren wie dem Rat zu Bevölkerungsfragen.
Welches sind die wichtigsten Hindernisse eines Religionsdialogs in Ägypten?
Das Haupthindernis ist der Fanatismus. Unter ägyptischen Muslimen hat er in den vergangenen drei Jahrzehnten zugenommen. Die Muslimbrüder sind im Unterschied zu moderaten Muslimen gegen die Kopten, gegen die Demokratie und gegen Frauen. Auch die internationale Debatte über den Konflikt zwischen Christentum und Islam wirkt sich auf das Verhältnis zwischen Kopten und Muslimen bis in die Dörfer hinein aus. Die Äußerungen von Papst Bendedikt XVI. im September haben dort unmittelbar Folgen gehabt.
Der Papst hat in einer akademischen Vorlesung ein islamkritisches Zitat aus dem Mittelalter angeführt. Das hat unter einfachen Leuten für Aufregung gesorgt?
Oh ja, das können Sie sich gar nicht vorstellen. In jedem Büro, in jedem Dorf und in jedem Haus wurde diskutiert: Der Papst hat den Islam angegriffen. Die Muslime sind hier sehr empfindlich. Es behindert den Dialog, wenn sie das Gefühl haben, sich ständig gegen den Gewaltvorwurf verteidigen zu müssen. Ein weiteres Problem ist, wenn sich Muslime und Christen auf ihre je eigene Gemeinschaft zurückziehen; das erschwert den Dialog im Alltag.
Wenn der Fanatismus unter ägyptischen Muslimen zugenommen hat, ist das dann nicht ein Zeichen dafür, dass der Dialog wenig erreicht hat?
Der Fanatismus hat seit den 1970er Jahren zugenommen, aber in den vergangenen fünf oder sechs Jahren hat sich die Situation der Kopten stabilisiert und verbessert.
Ist das ein Ergebnis des Dialogs?
Es ist ein Ergebnis von vielen Faktoren. Die Lage der Kopten ist aus drei Gründen günstiger geworden. Erstens hat ihre Zahl seit 1970 von 6 auf 12 Millionen zugenommen; sie hat sich wie die Zahl der Gesamtbevölkerung in 35 Jahren etwa verdoppelt.
Der Anteil an der Bevölkerung ist also gleich geblieben?
Mehr oder weniger, ja. Zweitens stehen die Kopten wirtschaftlich besser da. Zwar leben weiter 30 Prozent von ihnen unter der Armutsgrenze, aber die Situation der übrigen hat sich etwas verbessert. Drittens sind zahlreiche Kopten in westliche Länder ausgewandert. In den USA und Europa leben über eine Million Kopten. Sie haben eine ausgezeichnete Anwaltschafts-Arbeit gemacht und uns international eine Stimme gegeben. Diese drei Entwicklungen haben unsere Lage verbessert. Hinzu kommt das sehr gute Verhältnis zwischen Seiner Heiligkeit Papst Shenuda, dem Großscheich der ägyptischen Muslime sowie Hosni Mubarak, dem Staatspräsidenten. Dieser ist sehr weise und schätzt die Christen sehr. Wir sind aber politisch, etwa im Parlament, stark unterrepräsentiert.
Das Problem ist nicht, dass der Staat und die Justiz die Kirche nicht ausreichend schützen?
Nein. Das Problem ist nicht der Staat, sondern der Fanatismus. Die Mehrheit in der Führung Ägyptens sind moderate Muslime. Sie wünschen Frieden. Der Anteil der Fanatiker ist erheblich, aber eher an der Basis, nicht in den Führungsgruppen.
Hat der Krieg im Libanon im Sommer die Spannungen zwischen Christen und Muslimen erhöht?
Wir hatten diese Sorge, als Israel die Hisbullah angegriffen hat. Denn wenn Israel angreift, werden dafür schnell die USA verantwortlich gemacht, und das wird mit dem Christentum gleichgesetzt. Die Hisbullah repräsentiert dagegen den Islam, die Muslime standen auf ihrer Seite. Trotzdem blieb es Gott sei Dank in Ägypten friedlich.
Wie steht die koptische Kirche zur Trennung von Staat und Kirche?
Jesus hat gesagt: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist." Daher sind wir nicht gegen eine Trennung von Kirche und Staat. Aber der Staat sollte Gott im Herzen tragen, und die Religion muss den Staat respektieren. Sie sollten also weder dasselbe sein noch völlig voneinander getrennt; es muss eine Verbindung bestehen.
aus: der überblick 04/2006, Seite 84
AUTOR(EN):
Die Fragen stellte Bernd Ludermann.