Quasseln ohne Strippe
Wenn die Fischermannschaften an der senegalischen Küste in See stechen, haben sie neuerdings stets Handys dabei. Ist der Fang eingebracht, dann wählt der Bootsführer die Nummer seines Fischaufkäufers und teilt ihm mit, wo er zu welcher Uhrzeit an Land gehen wird, und auf welche Menge und Qualität man sich einstellen kann. Das macht sich auch für die Fischeinkäufer bezahlt: Sie wissen, wie viele Lastwagen an diesem Tag benötigt werden, und welche Menge Eis zum Kühlen der Fracht mitgeführt werden muss.
von Thomas Veser
Netzprobleme gibt es an der Küste so gut wie nie, seit Alizé, der Mobiltelefondienst des nationalen Telekommunikationsunternehmens Sonatel auch außerhalb der Hauptstadt die nötigen Vorkehrungen getroffen hat.
Aber auch in anderen Teilen Afrikas hat sich das Mobiltelefon, vor einigen Jahren noch die Ausnahme, stark verbreitet, seit die Regierungen den Telefonmarkt zunehmend liberalisieren. Der "digitale Graben" ist etwas schmaler geworden. Da große Gebiete des Erdteils mit Festanschlüssen nach wie vor kümmerlich ausgestattet sind, greifen immer mehr Afrikaner zum Mobiltelefon. Selbst hohe Gebühren können da nicht abschrecken: Wird in Deutschland ein Mobiltelefon im Schnitt 88 Minuten pro Woche und in Frankreich 154 Minuten genützt, liegt die mittlere Nutzungsdauer in Nigeria, Schwarzafrikas bevölkerungsreichstem Land, bei 200 Minuten, wobei meistens mehrere Personen ein Handy gemeinsam nutzen.
Besonders in Nigeria bilden gemeinsam genutzte Mobiltelefone heute die Grundlage für einen schwunghaften Telefondienst nach dem Motto "Ein Besitzer viele Nutzer". Wer zwischen Kairo und Kapstadt eine der begehrten Mobiltelefonnummern erwerben kann, lässt andere gegen Rechnung telefonieren oder gibt die Nummer weiter und empfängt dann, ebenfalls gebührenpflichtig, Anrufe für die Nutzer dieses Vermittlungsdienstes.
Inzwischen besteht nach Experteneinschätzung kein Zweifel mehr daran, dass der Aufschwung im afrikanischen Telekommunikationsmarkt nicht nur zur wirtschaftlichen Entwicklung sondern auch zur Vertiefung sozialer Kontakte beiträgt. Auch die Zahl der Internet-Nutzer ist spürbar angestiegen: Waren vor fünf Jahren nur wenige Hauptstädte Schwarzafrikas an das Netz angeschlossen, haben heute alle 55 Hauptstädte einen Anschluss, allerdings bieten gegenwärtig nur 18 Länder auf dem Gesamtterritorium Netzzugang zum Ortstarif. Weiterhin völlig isoliert bleiben die zentralafrikanischen Regionen und Länder, in denen Bürgerkrieg oder politische Wirren herrschen.
Die meisten Internet-Surfer leben in Nordafrika und den wirtschaftlich weniger labilen Ländern südlich der Sahara. Registrierten die Vereinten Nationen (UN) dort insgesamt 1,2 Millionen Anschlüsse, bringen es 40 weitere Staaten Schwarzafrikas hingegen zusammen nur auf eine halbe Million.
Als Kommunikationsmittel bleibt das Internet in Afrika allerdings den Eliten vorbehalten. In Guinea sind 30 Prozent der Surfer Ausländer, und in Südafrika bezieht der typische Internet-Nutzer statistisch ein siebenmal höheres Gehalt als der Durchschnittsbürger. Die kostspielige Ausrüstung können sich nur wenige leisten, da sie sieben bis fünfzehn durchschnittliche Jahresgehälter verschlingt. Nach UN-Schätzungen kann gegenwärtig nur einer von 130 Afrikanern einen Computer sein eigen nennen. Wer sich allerdings als erfolgreicher Geschäftsmann und Unternehmer Internet und Handy leistet, kann mit seinen Partnern weltweit kommunizieren und spart viel Zeit, die er früher in Reisen investieren musste.
Wie man die Vorteile des weltweiten Netzes auch für ideologische Anliegen nützen kann, beweist die Religionsgemeinschaft der senegalesischen Mourabiden, die im Landesinneren rund um die Heilige Stadt Touba leben. So preisen sie weltweit die Vorzüge ihrer Religion an und halten permanent Kontakt mit der Mourabiden-Diaspora außerhalb Afrikas.
Bedeutendstes Massenkommunikationsmittel bleibt jedoch auch für den Schwarzen Kontinent weiterhin das Radio. Dort schätzen die Vereinten Nationen die Zahl der Radiobesitzer auf rund 200 Millionen: Immerhin 216 von tausend Einwohnern besaßen nach der neuesten Gesamtstatistik von 1997 ein Rundfunkgerät, ein Fernsehgerät dagegen nur 60 von tausend. In Madagaskar etwa findet man in den meisten Dörfern sofern sie überhaupt einen Stromanschluss haben selten mehr als ein einziges Fernsehgerät. Vor diesem versammelt sich dann bei beliebten Sendungen das ganze Dorf.
Dass Zeitungen und Zeitschriften in den meisten afrikanischen Ländern nur bedingt als Grundlage für öffentliche Debatten und Meinungsbildung dienen können, ist allerdings nicht nur auf die hohe Analphabetenquote und geringe Kaufkraft eines Großteils der Bevölkerung zurückzuführen: In der traditionellen afrikanischen Kultur liegt der Schwerpunkt auf mündlicher Überlieferung und Darstellung. Und deshalb erweisen sich in diesen Ländern Theaterstücke zu bestimmten Themengebieten als besonders erfolgreich: Werden wichtige Informationen, wie über die Gesundheit oder öffentlich tabuisierte Themen, wozu die Sexualität und Aids zählt, auf diese Weise übermittelt, stoßen sie erfahrungsgemäß auf größere Akzeptanz.
Besonders sinnfällig wird der ungebrochene Stellenwert des direkten Gesprächs auf dem Land, wo Printmedien, aber auch Rundfunkgeräte, noch weit weniger verbreitet sind als in den Städten. Wenn lokale Neuigkeiten berichtet und Sachverhalte diskutiert werden müssen, treffen sich die Angehörigen eines jeden Familienclans unter Leitung der Dorfelite zu einem festgesetzten Zeitpunkt.
Bei größeren Verbänden, wie im Königreich Swasiland, stellt jeder der 300 Häuptlinge einen Laufburschen an. Als Verbindungsmann des Häuptlings zu seinen Untertanen spricht dieser nach landläufiger Einschätzung "mit der Stimme des Volkes".
Auch der Laufbursche sollte nach Ansicht der Häuptlinge von den Segnungen der Informationstechnologie profitieren. Und daher hatten die Chiefs vor kurzem ihre Regierung aufgefordert, alle Laufburschen mit Mobiltelefonen auszustatten.
aus: der überblick 04/2003, Seite 58
AUTOR(EN):
Thomas Veser:
Thomas Veser ist freier Journalist und schreibt für mehrere Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er ist spezialisiert auf Afrika.