Kommunikation und Weltende
31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. 32 Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater. 33 Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. Markus 13,31-33
von Eberhard le Coutre
Den Kern der Verkündigung Jesu bildet die Predigt von der mit seinem Kommen angebrochenen Gottesherrschaft (Markus 1,14.15). Die damit zusammenhängenden grundlegenden Veränderungen der Welt werden in einer großen Rede Jesu über die angebrochene Endzeit näher erläutert. Populär gesagt geht es um den jederzeit zu erwartenden Weltuntergang, einige der Zeitgenossen sollten ihn noch erleben können. Diese Endzeitrede kommt in den drei synoptischen (d.h. weitgehend übereinstimmenden, zum Teil auf gleichen Quellen beruhenden) Evangelien, also bei Matthäus, Markus und Lukas an herausgehobener Stelle vor, unmittelbar vor den Kapiteln, die von Leiden, Sterben und Auferstehung Jesu handeln.
Wachsam sein angesichts des genahten Vergehens der Welt sowie Passion und Auferstehung Jesu, das sind Themen, die heutzutage nicht als besonders publikumswirksam innerhalb wie außerhalb kirchlicher Kreise angesehen werden können. So befremdet es denn zunächst etwas, dass die dafür zuständige Kommission den 31. Vers des 13. Kapitels bei Markus - ergänzt um ein hinzugefügtes "Jesus Christus spricht:" - zur Jahreslosung 2004 erklärt hat.
Beim ersten Hinsehen sieht diese Losung aus wie eine naive traditionell-pietistische Durchhalteparole für die wenigen, die es wirklich noch ernst meinen mit dem christlichen Glauben in einer immer gottloser werdenden Welt. Indessen, naiv ist gar nicht so verkehrt. Wer sich auf die Bibel einlässt, sollte ihrer inhaltlichen Vielfalt immer mit einer sozusagen doppelten Offenheit begegnen. Es geht auch für den modernen Menschen immer sowohl um das spontane, naive Hören und Lesen als auch zugleich um den Versuch einer historisch-kritischen, intellektuell redlichen Aneignung. Die Bemühung um das Zugleich ist wichtig, nur Naivität ist zu wenig für den Kopf und nur Rationalität ist nicht krisenfest für das Gemüt.
Es lohnt sich übrigens, das ganze 13. Kapitel bei Markus im Zusammenhang nachzulesen. Besonders in Kriegs- und Notzeiten haben unsere Eltern und Großeltern und die, die vor ihnen da waren, solches getan. Die Losung für das kommende Jahr ist also ein frommer, zentraler Satz des Neuen Testaments, in dem ein entscheidender Teil der Verkündigung Jesu aufbewahrt wird. So weit, so selbstverständlich. Sorgfältiges Überdenken des Textes und seines Umfeldes lässt allerdings erkennen, es ist auch ein Satz voller Tiefsinn, der weitreichende Zusammenhänge anspricht. Dem soll nun in ein paar Schritten nachgegangen werden. Wir stellen zunächst fest: Wer sein Wort, seine Botschaft, so konsequent und eindeutig zum allein und ausschließlich Bleibenden im Weltgeschehen erklärt wie Jesus in der neuen Jahreslosung, formuliert damit einen unüberbietbaren kommunikativen Alleinanspruch. Das muss näher erläutert werden.
Geradezu inflationär und stereotyp werden die Begriffe Kommunikation und Information in der gegenwärtigen Diskussion gebraucht - sei es über Kultur, Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und was sonst noch alles. Kommunikation und Information sind aber nicht dasselbe. Kommunikation ist die Organisation von Informationsvermittlung. Wo immer von Kommunikation die Rede ist, muss unterschieden werden zwischen gleichzeitiger Kommunikation, die oft über räumliche Grenzen hinweg geschieht und ungleichzeitiger Kommunikation, die zeitliche Begrenzungen überwindet. Mit gleichzeitiger Kommunikation werden heute enorme Gewinne gemacht und nicht weniger eindrucksvolle Pleiten präsentiert. Salopp gesagt ist Kommunikation zwischen Gleichzeitigen über Gleichzeitiges die Art von Kommunikation, die insbesondere viel Müll produziert.
Mit der ungleichzeitigen Kommunikation ist es komplizierter. Briefe unserer Vorfahren beispielsweise waren einmal Kommunikation zwischen Gleichzeitigen. Wenn sie aber aufgehoben wurden und wir sie heute lesen, sind sie zur Informationsvermittlung über eine Zeitbarriere hinweg geworden. Dabei wird eine Frage wichtig: Haben die Vorfahren uns ihre Briefe absichtlich hinterlassen, damit wir sie zur Kenntnis nehmen können, vielleicht sogar sollen, oder handelt es sich um Dokumente, die zufällig erhalten geblieben sind? Jeder weiß, dass es beides gibt, erstens absichtlich - also auch oder manchmal nur - für die Zukunft formulierte Texte, die vornehmlich in Bibliotheken und Archiven landen, Geschichtswerke, Belletristik, Poesie, Testamente, Gesetze, Verträge, Berichte, Protokolle usw. und andererseits Überlieferungen, Zeugnisse einst gleichzeitiger Kommunikation, die von der Nachwelt zufällig gefunden oder gezielt gesucht und ausgegraben sowie durch Forschung erschlossen und gedeutet werden.
Spätestens mit den Deutungen beginnen die Probleme. Und damit sind wir bei den Religionen. Vornehmlich diejenigen Religionen, deren Wahrheiten und Erfahrungen in Heiligen Schriften gesammelt worden sind, gehören zu den wichtigsten und erfolgreichsten Kommunikatoren, die es in der Menschheitsgeschichte gibt. Beispiel Neues Testament. Was zunächst mündlich weitergegeben wurde, weil es als wichtig und notwendig für alle Menschen erachtet wurde, die Botschaft vom angebrochenen Gottesreich, wurde bald nach den - heute im einzelnen nur noch annäherungsweise rekonstruierbaren - historischen Begegnungen mit Jesus von Nazareth schriftlich zusammengefasst und so der weiteren mündlichen Verbreitung vorgegeben. Weil knapp, verständlich und aufs wesentliche konzentriert formuliert, kann die Jahreslosung 2004 als ein besonders markantes Beispiel für eine über die Gleichzeitigkeit hinaus kommunizierte Botschaft mit einer großen Wirkungsgeschichte angesehen werden.
Für die Deutung dieser Jahreslosung ist aber auch noch Folgendes von Wichtigkeit. Das von Jesus und vielen seiner Zuhörer, aber zum Beispiel auch noch von Paulus, vorausgesetzte unmittelbar bevorstehende Weltende blieb aus. Die späteren Schriften des Neuen Testaments lassen erkennen, welch ein gravierendes Deutungsproblem ihre Verfasser deshalb mit dieser ihnen kommunizierten Botschaft bekamen. Wir Heutigen, knapp zwei Jahrtausende später, haben uns inzwischen an das Ausbleiben eines dramatisch nahenden Weltendes entweder gewöhnt, oder aber diese Dramatik wirksam verdrängt, weil wir das antike Weltbild in wichtigen Punkten nicht mehr teilen. Aber das entlässt nicht aus der Pflicht, uns wenigstens darum zu bemühen, die Unterschiede zwischen uns heute und den Zeitgenossen Jesu, so gut es noch möglich ist, zu begreifen.
Für die Antike waren "Himmel und Erde" vorgegebene Unveränderlichkeiten und als solche nicht dem erfahrbaren Werden und Sterben alles Lebendigen unterworfen. Auf der ersten Seite der Bibel lesen wir, wie Gott die von ihm selbst "Himmel" genannte "Feste" schuf, um die Wasser über der Feste von denen unter der Feste zu scheiden und er ließ das Wasser unter dem Himmel sich an besondere Orte sammeln, damit man das Trockene sehe. Nachdem das geschehen war, standen die Rahmenbedingungen für die Bewohnbarkeit der Erde fertig und dauerhaft da, das Leben konnte beginnen. Wann und von wem dieses theologische Konzept zum ersten Mal formuliert wurde, wissen wir nicht genau. Wie Sonne, Erde, Mond und die Planeten sich bewegen und zueinander verhalten, das wurde im Laufe der Jahre und Jahrhunderte allerdings immer wieder Gegenstand unterschiedlicher Beobachtungen, Berechnungen und Theorien. Vergleichsweise stabil blieb - bis über Kopernikus (1473-1543) hinaus - die Auffassung, dass Himmel und Erde, Sonne, Mond und Sterne, Wasser und Luft die unveränderliche Bühne bilden, auf der das große Weltgeschehen zwischen Gott und Mensch, Tod und Leben bis zum Ende der Welt abläuft, und wenn Himmel und Erde vergehen, dann sind die Zeit und die Schöpfung an ihr Ziel gekommen. Bis heute gibt es Menschen, die mit einem solchen Weltbild ganz gut leben können.
Aber es gibt eben auch die anderen, die beispielsweise eine Information wie "Himmel und Erde werden vergehen" vergleichsweise gelassen aufnehmen, weil für sie ein solcher Satz Teil der Erfahrung aufgeklärter Welthaftigkeit geworden ist. Zum modernen Weltbild gehört die Vorstellung von einem Geschichtsverlauf mit offenem Ausgang. Hier sind wir Nachgeborene und unterscheiden uns von den Zeitgenossen der Verkünder und Hörer biblischer Endzeitszenarien, so genannter Apokalypsen. Wir gehen davon aus: Das Ende unseres Lebensraums Sonnensystem ist mit der gleichen Gewissheit zu erwarten wie das Vergehen aller anderen großen und kleinen Werke, welche die Schöpfung hervorgebracht hat und ständig neu hervorbringt. Sogar eine ungefähr verbleibende Lebensdauer des Energiespenders Sonne kann errechnet werden - etwa noch sieben Milliarden Jahre. Ist das schon ewig?
Zwar werden auch modern und aufgeklärt Glaubende es ihrem Gott zutrauen, dass er seine Schöpfung jederzeit beenden kann, aber dass es so wie in den synoptischen Evangelien beschrieben geschieht, fällt doch sehr schwer, sich vorzustellen. Hinzu kommt: Was beispielsweise bei Markus im gleichen Kapitel, vor der Jahreslosung, als Anzeichen für das Weltende genannt wird, also etwa Hungersnöte, kein Stein, der auf dem anderen bleibt, falsche Propheten, Erdbeben, Kriege und Kriegsgeschrei, Verwüstungen, Verrat, Martyrien, Flucht im Winter, besondere Not für Schwangere, Machtmissbrauch der Statthalter und Könige, das alles ist schrecklich. Aber die Menschheit hat inzwischen alle solche Schrecklichkeiten und vielleicht auch noch schlimmere schon erlebt, und wir haben leider seriöse Gründe für die Befürchtung, dass wir es immer wieder erleben werden. Aber natürlich darf das eingangs Gesagte nicht relativiert werden, auch die naive Sicht behält ihr Recht und ihren Wahrheitsanspruch. Eingetretene Verzögerung heißt nicht, dass nie kommen kann, was woanders, zum Beispiel bei Markus, geschrieben steht. Der Imperativ "wachsam bleiben" darf nie hinweg interpretiert werden.
Betrachtungen wie die soeben beendete bleiben spekulativ. Es ist daher wichtiger, nun endlich von dem zu reden, was noch gar nicht richtig im Blick war, das Bleibende: "... meine Worte aber werden nicht vergehen". Versuchen wir, uns in die Lage der Zeitgenossen Jesu zu versetzen. Alles, was Sicherheit und Bestand zu garantieren schien, die Erde, der Himmel, das Meer und die Luft, das Feste und Unverrückbare, der ganze von Gott geschaffene Lebensraum soll vergehen. Nicht vergehen aber wird etwas Flüchtiges, Ungreifbares, gar nicht fassbar Wirkliches - nämlich Worte. Kann man, soll man sich, will ich mich auf so etwas Unsicheres verlassen? Was das für die Menschen vor 2000 Jahren existenziell bedeutete, ist heute schwer zu verstehen. Von ihnen musste der Gedanke an das Vergehen der Welt auf eine uns hier und heute kaum nachvollziehbare Weise als unmittelbar bevorstehende akute Bedrohung empfunden werden.
Wir haben es da vielleicht etwas leichter. Der - einstweilen noch - fest in einer Schriftkultur verwurzelte Zeitgenosse wird sofort hellhörig oder misstrauisch, jedenfalls aufmerksam, wenn von der Mächtigkeit des Wortes die Rede ist. Die Phantasie regt sich. Ja, natürlich. Das Eigentliche ist, was hinter den Dingen ist, die Ideen, die mathematischen Sätze und Beweise, die Naturgesetze, die vorgeschriebenen Bahnen. Alles, was es wirklich gibt, gibt es unabhängig davon, ob es jemanden gibt oder nicht, der es erkennt. Information ist zum entscheidenden Schlüsselwort von moderner Naturwissenschaft und Hightech geworden. Entscheidend sind die vernetzten Informationen, deren Orte, Strukturen, Substanzen und Geschwindigkeiten wir aber nie voll und alle gleichzeitig im Griff haben können. Das Seiende vernetzt sich aus eigenen Antrieben. Ist doch ganz klar, dass diese Welt der Ideen und abstrakten Zusammenhänge beständiger sein muss als das Geschaffene und deshalb so Vergängliche. Wie voraussschauend und modern dieser Jesus doch war. Oder? ...
In unserem Sinne modern und aufgeklärt sein wollte Jesus sicherlich nicht, dennoch werden wir es vielleicht mal so betrachten dürfen. Denn festgestellt werden muss, dass zugleich mit der Sonne auch der Mensch durch die nach Kopernikus benannte Wende aus dem Zentrum an die immer unendlicher werdenden Ränder des Universums verwiesen wurde. Von Nietzsche (1844-1900) wird das Zitat überliefert: "Seit Kopernikus rollt der Mensch aus dem Zentrum ins x." Jean Paul (1763-1825) blieb da noch etwas poetischer, als er schrieb, dass der "stille Geist gleichsam in die Riesenmühle des Weltalls geraten sei".
Was also bedeutet die Verheißung Jesu, dass seine Worte bleiben werden? Doch nichts anderes, als dass den Menschen, die Himmel und Erde - vielleicht sehr schnell - verlieren werden, die bewahrende Nähe Gottes erhalten bleibt. Ist es eine zu kühne Erwartung, dass der nach Kopernikus - nicht durch ihn - kosmisch entwurzelte Mensch, der Mensch also, dessen Epoche die neuzeitliche genannt wird, möglicherweise eine besondere Bereitschaft dafür aufbringen könnte, die Nähe Gottes nun gerade angesichts manifest gewordener räumlicher Verunsicherungen eher im Wort zu erkennen?
Jedenfalls ist zu konstatieren, die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Ideenwelt und materiellem Sein bleiben zentrales Thema für Philosophie und Theologie - auch wenn es heute manchmal so aussieht, als habe das Christsein nahezu ausschließlich etwas zu tun mit Ethik und sozialer Gerechtigkeit (wissen darüber nicht viele Nicht- oder Andersgläubige ebenso gut oder vielleicht sogar besser Bescheid als viele Kirchenleute?) und nicht zuerst mit den grundsätzlichen Orientierungen des von Werden und Vergehen bestimmten Menschen im Seienden. "Die anthropologische Kernfrage, diejenige nach der Stellung des Menschen im nachkopernikanischen Kosmos, lässt sich nicht 'ungestraft' und in beliebiger Dauer ausklammern oder eliminieren" (Jochen Kirchhoff: Kopernikus, Hamburg 1985, S. 21).
Das Entscheidende noch einmal kurz in drei Sätzen: Biblische Weltuntergangsbotschaften - Apokalypsen - sind keine Formen religiöser Kommunikation mehr, die von allen verstanden werden können. Aber jeder soll wissen und verstehen können, dass biblische Apokalypsen nicht isoliert tradiert werden, sondern immer zugleich mit der Botschaft von Hilfe, Rettung, Heil, Bewahrung und Nahesein der großen Wahrheiten Gottes. So kann das Bleibende, die Botschaft von Gott, dem Schöpfer und Erlöser, der uns als flüchtiges, uns nicht verfügbar werdendes Wort nahe geworden ist und nahe bleibt, Grund einer zuverlässigen Hoffnung werden, die Angst vor Welt- und anderen Untergängen überwinden hilft.
aus: der überblick 04/2003, Seite 118
AUTOR(EN):
Eberhard le Coutre:
Eberhard le Coutre ist ehemaliger Chefredakteur des "überblicks" und lebt jetzt im Ruhestand.