Meditation zur Jahreslosung 2007
Gott spricht: Siehe, ich will ein
Neues schaffen, jetzt wächst es auf,
erkennt ihr's denn nicht?
(Jesaja 43, 19 a)
von Eberhard le Coutre
Mit der Jahreslosung 2007, der Zuspitzung eines Satzes aus einem zweieinhalb Jahrtausende alten Zusammenhang, wird uns Heutigen einiges zugemutet. Bei noch nicht allzu gründlicher erster Betrachtung kann man sich angesichts dieser Losung zu zwei einander teilweise ergänzenden Emotionen bewegt sehen.
I.
Zunächst reagiert das naive Gemüt mit Fragen und Klagen: Ach, Du mein lieber Gott... in welche Schwierigkeiten bringt uns hier dein Verkünder aus der Zeit des babylonischen Exils, einer der größten unter deinen Propheten. Zwar erkennen wir, dass es sich um eine frohe Heilsbotschaft handelt, die eine bessere Zukunft nicht nur für Israel, sondern für alle Völker und für alle Menschen aller Zeiten ankündigt. Aber, wenn wir die uns präsentierte rhetorische Frage "...erkennt ihr's denn nicht?" ...als uns heute gesagt ernst nehmen wollen, können wir nur feststellen: Nein, du großer Prophet, wir sehen nichts, auch jetzt, Jahrtausende später stellen wir fest: Noch immer erschließt sich uns nichts von dem, was du nicht müde werdend wortreich und in gewaltigen Bildern ausbreitest.
Kurzum: Auch wenn wir uns wirklich anstrengen, wir erkennen nicht, dass sich Friedfertigkeit, Gerechtigkeit, freundliche Zukunft nicht nur für alle Völker, sondern auch für die Tiere und die trockenen Wüsten als auf uns zukommend zu erkennen geben. Allerdings Deine Analysen und Beschreibungen zur aktuellen Lage, Du interessanter Prophet, die kennen wir gut und sind beeindruckt von ihrer nachhaltigen Bildhaftigkeit:
Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie
eine Blume auf dem Felde.
Siehe, die Völker sind geachtet wie Tropfen am Eimer
und wie ein Sandkorn auf der Waage.
Alle Völker sind vor IHM wie nichts und gelten,
IHM als nichtig und eitel.
Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen?
ER thront über dem Kreis der Erde, und die darauf
wohnen, sind wie Heuschrecken...
... ER gibt die Fürsten preis, dass sie nichts sind und
die Richter auf Erden macht ER zunichte: Kaum
sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät, kaum hat
ihr Stamm eine Wurzel in der Erde, da lässt ER einen
Wind unter sie wehen, dass sie verdorren, und
ein Wirbelsturm führt sie weg wie Spreu.
(Jesaja 40, 6-24)
Wie Tropfen am Eimer. Würdenträger, die zunichte werden. Bedeutungslos werdende Richter. Zerblasene Anpflanzungen und andere Machwerke. Das alles können wir jeden Tag in der Zeitung lesen. Nichts hat sich geändert, stellen wir fest. Aber wirksam was dagegen tun, das können wir auch nicht. Das macht uns traurig, hilflos und wütend. Also, was sollen die hoffnungsvollen Botschaften, dass uns Neues sozusagen als bereits in Erfüllung begriffen und als solches auch erkennbar entgegen kommt...? Wohin wir auch blicken, nur Fortsetzung des Alten und bis zur Unerträglichkeit Bekannten. Tut uns leid, lieber Gott, unerwartet Neues sehen wir nicht.
So weit also ein Klagelied. Das andere ist in einer eher sowohl erleichternd-ironischen als auch kindlich-fromme Akzente enthaltenden Tonart vorzusingen. Wir stellen sozusagen legitimierte Entwarnung und Beruhigung fest. Wir müssen uns nicht mehr immer wieder selbst so entnervend abstrampeln, sondern können erleichtert zur Kenntnis nehmen: Emsigkeiten sind das Gegenteil von dem, was uns verheißen ist. Warum seid Ihr so unleidig und unruhig? Wenn es denn also wirklich so sein sollte, dass alles, was neu werden muss, von Gott kommt und bereits von ihm auf den Weg gebracht worden ist, dann könnten wir doch eigentlich aufatmen. Wozu dann noch die ganze Hektik von Reform- und Strukturkommissionen?... die im übrigen sowieso immer wieder wirkliche einleuchtende Neuansätze verfehlen und sich viel zu oft eher beim Dritt- bis Viertrangigen festbeißen.
Pause. Die skizzierten, möglichen und nicht ganz abwegigen emotionalen Betrachtungen brechen wir nun erst einmal ab und versuchen, eine inhaltliche und historische Einordnung der Texte aus dem Jesajabuch.
II.
Wer war dieser Jesaja? Das zu beantworten ist im einzelnen etwas kompliziert. Im Alten Testament gibt es das Jesajabuch mit 66 Kapiteln. Aber nur den Verfasser der ersten 39 Kapitel kennen wir namentlich, er hieß Jesaja (übersetzt etwa: Jahwe ist Heil), und lebte im 8. Jahrhundert v. Chr. in Jerusalem, also lange vor den Jahren des babylonischen Exils (597 bis 538 v. Chr.). Die Kapitel 40- 55 bilden ein eigenes Buch von einem Verfasser, der während des Exils unter den nach Babylon vertrieben Judäern gelebt und gepredigt hat, also gut 200 Jahre nach dem namentlich bekannten Jesaja in Jerusalem. Weil die Überlieferungen dieses Propheten aus dem babylonischen Exil später Bestandteil des Jesajabuches geworden sind, aber nichts Biografisches von ihm oder über ihn erfahrbar ist, gab man ihm in der alttestamentlichen Wissenschaft den literarischen Namen Deuterojesaja, also zweiter (griechisch: deuteros) Jesaja.
Was eigentlich sind Propheten? Sehr einfach zu sagen ist, was sie nicht sind: Propheten sind keine Wahrsager. Auch nicht antike Vorläufer heutiger Berufsoptimisten, Kommentatoren, Redenschreiber oder Sprüchemacher der Fun-Szene, die nicht müde werden, die Botschaft "Alles wird gut" zu variieren. In der Bibel ist zu unterscheiden zwischen Gerichts-, also Unheilspropheten und Heilspropheten. Manche sind je nach Lage der Dinge sowohl erst das eine, dann das andere. Propheten lassen in der Regel erkennen und geben Auskunft darüber, dass sie und wie sie sich von Gott dazu gerufen und oft gegen ihren Willen dazu beauftragt sahen, im Namen Gottes zu reden. Was Propheten zu sagen haben, ist Deutung der erfahrenen Geschichte, der erlebten Gegenwart und des demnächst zu Erwartenden. Propheten sind also Leute, die aus von ihnen erfahrener Vollmacht im Namen Gottes erklären, was und mit welchen Folgen geschehen ist, was gerade geschieht und was sich abzeichnet. Propheten zeigen an, womit zu rechnen ist, wenn man an eingeschlagenen falschen Wegen festhält und worauf man hoffen darf, wenn man Buße tut, also umkehrt.
Im Laufe der Geschichte sind die Propheten Israels zu außerordentlich eindrucksvollen und geachteten religiösen Leitfiguren für Juden, Christen und Muslime geworden. Ihre Botschaften wurden und werden sorgfältig tradiert und immer wieder zitiert. Auch in durchaus ernst zu nehmenden aktuellen kirchlichen Äußerungen ist bis heute vom prophetischen Amt oder vom Wächteramt der Kirchen die Rede.
Bis in unsere Tage wurden und werden Leute in den Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften dazu motiviert sei es bewusst oder auf eine Weise, die sie selbst gar nicht wollen und bemerken , sich prophetisch zu präsentieren. Aber auch in der so genannten säkularen Sphäre, bei Politikern, Poeten, Künstlern, Journalisten und anderen Deutungshoheitsträgern hat sich prophetischer Habitus inzwischen etabliert und breit gemacht. Oft mit beachtlichem Echo. Mitunter wirken die gerade aktuellen Propheten jedoch gefährlich, und sind es wohl auch. Oft aber sind und wirken sie nur lächerlich. Wie es auch sei, Propheten sind uns nicht fremd und machen immer wieder von sich reden.
Zurück zu Deuterojesaja. Er war also der Heilsprophet gegen Ende der Exilszeit. Aber er hatte eine für das Volk Israel in der Gefangenschaft neue Botschaft. Was seine Vorgänger, die Gerichtspropheten vorausgesagt hatten, das kannte er genau, und er ging davon aus, dass deren Ankündigung, die als Strafe Gottes verstandene Eroberung Jerusalems und Wegführung seiner Eliten nach Babylon ins Exil eingetroffen war. Genau hier setzt die Botschaft des Deuterojesaja ein, die Botschaft von dem Neuen, das schon angebrochen ist. Gleich am Anfang seines Buches ist zu lesen (40,2): "Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden."
Aber eine neue politisch bedeutende Rolle für Israel ist in Zukunft nicht mehr zu erwarten. Das Neue an der Botschaft des Deuterojesa ist vielmehr: Gott will sein Volk gerade auch in dieser nach außen bedeutungslos gewordenen Lage erhalten und ihm die Treue bewahren. Kein Zweifel also, der politische Sieger in den aktuellen Konflikten ist Kyros, der Perserkönig, der nicht an den Gott der Juden glaubt. Genau diesen fremden Herrscher aber macht Gott zum politischen Werkzeug um den Bestand seines Volkes zu sichern:
So spricht der Herr zu Kyros... Um Jacobs, meines Knechts, und um Israels, meines Auserwählten, willen rief ich dich bei deinem Namen... Ich habe dich gerüstet, obgleich du mich nicht kanntest... Damit man erfahre in Ost und West, daß außer mir nichts ist. Ich bin der Herr und sonst keiner mehr... (Jesaja 45, 1-6)
Deuterojesaja verkündet somit eine neue Form der Gottesherrschaft. Israel soll erkennen, dass gerade der Gott, der die Welt geschaffen hat, der Mächtige an die Macht bringt ebenso wie er sie von ihren Thronen stürzt, beständig und unverbrüchlich an seinem Volk festhält. Es ist ein und derselbe Gott, der die Geschicke der Welt und aller ihrer guten wie bösen Mächtigen lenkt wie der, der an diesem einen, nicht mehr zu den Siegern gehörenden Volk unverbrüchlich festhält.
III.
An dieser Stelle ist eine Anmerkung nötig zur Beschreibung Israels als "Gottes auserwähltes Volk". Die Gerichtspropheten hatten Israels Wegführung in die babylonische Gefangenschaft zunächst als Strafe interpretiert. Aber Gott hatte sich wieder zur Barmherzigkeit gewendet. Für die zweite, dritte Exilsgeneration und alle weiteren Generationen sollte Exil als Strafe nicht mehr gelten. Ein neues Verstehen des eigenen Schicksals wird verkündet. Das im Exil neu Gewordene muss sichtbar und verstehbar gemacht werden: Die seinerzeit sozusagen vertrocknete und bedeutungslos gewordene provinzielle Religiosität der regionalen Metropole Jerusalem entwickelte nach der Vertreibung vom traditionellen Kultzentrum im Exil eine eigenständige neue Kraft für ein erneuertes Zeugnis von dem einen und einzigen Gott. Ein Zeugnis um dessentwillen eben dieses Volk künftig von Gott bewahrt werden soll, was immer ihm auch zustoßen möge. Und zwar deshalb und darauf kommt nun Entscheidendes an weil an diesem politisch bedeutungslos, aber religiös zum globalen Hoffnungsträger gewordenen Volk abgelesen und von ihm gelernt werden kann, was der eine, ewige Gott mit allen Völkern auf Erden vorhat. "...ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde" (Jesaja 49, 6).
Allerdings ist das Wissen um die Bedeutung der Erwählung Israels bei den Kirchen im Laufe der Geschichte verkümmert und verdrängt worden bis es schließlich nahezu völlig verschwunden war.
Das also ist das Neue: Großmächte erweisen sich als Papiertiger und ihre Götter als unwirksame Kopfgeburten. Das entmutigte, in seinen babylonischen Flüchtlingsquartieren Klagelieder anstimmende jüdische Volk wird dagegen als das eigentlich die Weltgeschichte vorantreibende Element erkannt und verkündet. An diesem Volk soll und kann die Welt erkennen, was Gott mit allen Völkern vorhat: Frieden, Heil, Gerechtigkeit. Vergesst das Alte, seht nicht länger zurück, erkennt die Zeichen der Zeit, seht nach vorn. Die Existenz des jüdischen Volkes ist fortdauernder Bestandteil der Heilsbotschaft Gottes an die Welt. Es gibt somit genau gesagt nicht eine von den Juden bewahrte und tradierte Heilsbotschaft, sondern: Ein entscheidender Bestandteil der Botschaft vom Heil für die Welt ist die Tatsache, dass es Juden gibt.
Nach den knappen Anmerkungen über die konkrete Situation Deuterojesajas und seiner historischen Einordnung Theologen reden hier gern vom "Sitz im Leben" seiner Verkündigung ist also festzuhalten, dass die eingangs skizzierten emotionalen Zugänge mindestens ergänzungsbedürftig sind. Die Jahreslosung 2007 lässt sich somit nicht plakativ verstehen und erschließt ihre Bedeutung nicht spontan und gefällig, sondern erst bei näherer Betrachtung der Zusammenhänge. Das passt nur mühsam in die heutige Landschaft. Heute kommt es auf schnelles Begreifen knapper Botschaften an: Don't worry, be happy. "Du bist Deutschland." "Wir sind das Volk."
Religionsgemeinschaften müssen auf solchen schnellen Wellen nicht mitsurfen. Sie profilieren sich deutlicher, wenn sie Herausforderungen für Glauben und Denken präsentieren, Losungen und Leitworte also, über die man sich erst einmal näher informieren und ruhig darüber nachdenken muss.
Die ersten Christen hatten die für sie immerhin auch schon gut 500 Jahre alte Botschaft Deuterojesajas übrigens sehr genau verstanden und zum zentralen Bestandteil ihrer Überzeugungen werden lassen. Nicht zufällig ist das Jesajabuch der am häufigsten im Neuen Testament zitierten Teil des Alten Testaments geworden. Johannes der Täufer und Jesus von Nazareth haben an dem festen Wissen um den Anbruch der neuen Erkenntnis Gottes angeknüpft. Ihre Verkündigung bestimmte die Botschaft von dem nahe gekommenen und in der Mitte der Menschen bereits anwesenden Reich Gottes. Die Christen und Kirchen hören nicht auf, zu beten: Dein Reich komme...
IV.
Denken wir also getrost und voller Zuversicht noch ein bisschen weiter nach über Deuterojesaja und seine Verkündigung. Die biblische Botschaft von dem Gott, der selbst neue Ordnung in die Geschichte der Menschen bringen will und bringen wird, ist in der jüngsten Kirchengeschichte vor allem zweimal durch die Ökumenische Bewegung thematisiert worden. Zum ersten Mal bei der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Amsterdam 1948 unter dem Motto:
Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan.
Ein zweites Mal wurde ein Hinweis auf den Anbruch der neuen Zukunft Gottes für die Welt aufgegriffen nicht ganz so weitreichend und genial wie in Amsterdam, aber mit sehr starken Folgen, insbesondere auch für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit dem Leitwort für die vierte ÖRK-Vollversammlung in Uppsala 1968 aus der Offenbarung des Johannes (21, 5):
Siehe ich mache alles neu.
Es bleibt wichtig, gerade an diese beiden Ökumenischen Weltkonferenzen immer wieder zu erinnern. In aller Kürze also zunächst Amsterdam 1948. Das Motto von Amsterdam ist eine bisher nicht übertroffene moderne Beschreibung des theologischen ebenso wie des geografischen Ortes, an dem Christen und Kirchen ihre Aufgaben finden und definieren müssen. In das Thema eingeführt wurde durch zwei bedeutende Theologen.
Zunächst sprach einer der prägenden Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Barth aus Basel, mit großer Leidenschaft davon, dass Gottes Heilsplan für die Welt eben wirklich Gottes Plan ist, der nicht mit "irgendeiner Art von christlichem Marshallplan, den wir etwa ersinnen, verwechselt werden darf". Und weiter: "Wir sollten den Gedanken gleich an diesem ersten Tag unserer Beratungen gänzlich fahren lassen, als ob die Sorge für die Kirche und für die Welt unsere Sorge sein müsse Denn eben das ist schließlich die Wurzel und der Grund aller menschlichen Unordnung: die schreckliche, die gottlose, die lächerliche Meinung als sei der Mensch der Atlas, dem das Himmelsgewölbe zu tragen verordnet sei... In unseren Betrachtungen der Evangelisation... dürfen wir nicht versuchen, Gottes Verwaltungsdirektoren zu sein, sondern nur seine bescheidenen Zeugen. In unserem Ringen mit sozialen und internationalen Problemen müssen wir uns daran erinnern: Wir werden es nicht sein, die diese böse Welt in eine gute verwandeln. Alles, was wir tun können, ist Gottes Reich anzeigen nicht ein irdisches Reich...".
Das zweite Grundsatzreferat zum Thema der Konferenz in Amsterdam hielt Prof. C. H. Dodd/Cambridge, er sprach darüber, wie Gottes Heilsplan in der Bibel entfaltet wird: "Wenn das Wort, das wir sprechen, das Wort Gottes für unsere Zeit sein soll, wird es ein Wort des Gerichtes sein, in das wir alle einbegriffen sind; es wird aber auch ein Wort der Verheißung sein. Aus Gericht und Verheißung setzt sich das ganze Gespräch zwischen Gott und den Menschen in der Bibel zusammen; sie sind an das Volk Gottes gerichtet, sind aber für die ganze Welt bestimmt". Die von Deuterojesaja angezeigte Denkrichtung für seine Zeit und die von ihm präsentierte Deutung der Weltgeschichte und des Raumes, in dem sie sich ereignet, wurden also in Amsterdam 1948 als aktuelle Positionsbestimmung verstanden.
Die Spannungen der ersten ÖRK-Vollversammlung in Amsterdam waren insbesondere dadurch vorgegeben, dass hier die Vertreter von Kirchen aus Ländern der Täter wie der Opfer, somit Vertreter aus den Ländern der Sieger ebenso wie der Verlierer des letzten furchtbaren Krieges sich in versöhnlicher Absicht begegneten und neue Wege in die Zukunft suchten.
V.
Zwanzig Jahre später, 1968 in Uppsala, war ein anderer Widerspruch beherrschend geworden: Das Missverhältnis zwischen den reicher werdenden reichen und den ärmer werdenden armen Ländern und der in ihnen lebenden Kirchen und Christen. Die in Uppsala Versammelten erkannten und bekannten, dass sie auf ihnen als unerträglich erscheinende Weisen in diese fatalen Widersprüche verwickelt sind und suchten nach Auswegen und neuen Orientierungen. Konkrete Erwartungen an die reichen Kirchen wurden ausgesprochen. Es wurde nach Möglichkeiten und Zielen für das Handeln der Kirchen gesucht.
Das mit dem Motto von Uppsala "Siehe ich mache alles neu" (Offenbarung 21, 5) an Deuterojesaja erinnernde Thema der Vierten ÖRK-Vollversammlung in Uppsala hat die damit anvisierte Grundsatzfrage ins Zentrum ihrer Beratungen gerückt: Das Wissen um und der Glaube an das von Gott angekündigte Neue muss in Beziehung gebracht werden können zum eigenen Handeln der Christen und der Kirchen. "Kirche für die anderen", "Kritische Solidarität mit der Welt", vor allem aber die durch Einzelbeispiele konkret und erkennbar werdende beispielhafte Vorwegnahme der neuen Welt wurden Leitbilder für neue Orientierungen. Eine originelle Formulierung brachte den neuen Denkansatz von Uppsala auf den Punkt: "Auch das Neue bedarf der Erneuerung" (New things also need to be made new). "Im Vertrauen auf Gottes erneuernde Kraft rufen wir euch auf: Beteiligt euch an dieser Vorwegnahme des Reiches Gottes und lasst heute schon etwas von der Neuschöpfung sichtbar werden, die Christus an seinem Tag vollenden wird;" hieß es in der Botschaft der Vierten ÖRKVollversammlung an die Christen und Kirchen in der Welt. Und ganz konkret: "Wir sind bereit, uns selbst eine Abgabe aufzuerlegen, um damit ein weltweites Steuersystem vorzubereiten".
In Uppsala wurde somit die spontane Dialektik des Deuterojesaja in eine inzwischen komplexer gewordene Weltgeschichte und ausgedehnter bekannte Geografie hinein weiter gedacht und fortgesetzt. Intensiv wurde nachgedacht und diskutiert über die Frage: Wie kann unser, nicht zuletzt bei Deuterojesaja gelerntes, Wissen und Hoffen auf das von Gott und nur von IHM allein zu erwartende, aber noch nicht voll erschienene Neue die Gemeinschaft aller derer, die darauf warten, schon jetzt dazu motivieren und befähigen, aller Welt erkennbar werdende Zeichen aufzurichten. Also: Wie können durch die Kirchen und Christen Leuchtfeuer installiert werden, die nicht nur in der eigenen Landschaft etwas anzuzeigen haben, sondern die von den Rändern der reichen Regionen über die Armutsgrenzen hinweg Signale von Solidarität und Hoffnung zu vermitteln vermögen?
Vor allem der ökumenische Aufruf in Uppsala an die Kirchen, bereit zu werden zum Teilen war es, der bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ein überraschend intensives und außergewöhnlich schnelles Echo gefunden hat (ausführliche Berichte in "der überblick" 1/1969). Die Konferenz in Uppsala war im Juli 1968 und bereits im Oktober des gleichen Jahres hat die EKD-Synode in Spandau u. a. mit zwei sehr weitreichenden Grundsatzbeschlüssen Anregungen aus Uppsala aufgegriffen und konkretisiert. Das muss nun noch etwas näher erläutert werden.
VI.
Bis 1945 waren die evangelischen Kirchen in Deutschland über Jahrhunderte provinzialistisch, weitgehend deutschnational, Kaiser- bis teilweise führertreu orientiert. Die geografische Welt außerhalb Deutschlands existierte für die Kirchen allenfalls als Missionsfeld oder als pastorale Betreuungsexklave für die so genannten Auslandsdeutschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erst begann die eigentliche Entdeckung der Geografie durch die evangelischen Kirchen in Deutschland. In deren Folge gab es zum Teil außerordentlich bemerkenswerte und eindrucksvolle Aufbrüche mit großem personellem Engagement bei den Kirchen hier zu Hause und ihren ökumenischen Partnern.
Zur Erinnerung: Insgesamt viermal hat die EKD sich bisher an ihre Kirchen und Gemeindeglieder mit konkreten Anregungen und Initiativen zu verstärkter Weltverantwortung gewandt.
1. 1959 gemeinsam mit den Freikirchen mit dem Spendenaufruf "Brot für die Welt";
2. ebenfalls gemeinsam mit den Freikirchen 1960 Gründung des Entwicklungshelferdienstes "Dienste in Übersee".
Das waren zwei Aufrufe zum Spenden und zur persönlichen Mitwirkung in Übersee an einzelne Gemeindeglieder. Als Antwort auf Uppsala 1968 kamen dann neu hinzu:
3. Aufruf der EKD-Synode an die Mitgliedskirchen zur Bereitstellung von Haushaltsmitteln (mindestens zwei Prozent, mit Perspektive fünf Prozent) für die Gemeinschaftsaufgabe Kirchlicher Entwicklungsdienst (KED), also Mitwirkung an Entwicklungsaufgaben der Kirchen in Übersee und Aufnahme dieser Aufgabe in die wichtigste Prioritätenliste aller Kirchen, nämlich ihre Haushaltspläne.
4. Bitte der EKD-Synode an alle Gemeindeglieder, Mittel in Höhe von mindestens 1 Prozent ihres Einkommens zum Richtsatz für ihre persönlichen Spenden an Brot für die Welt und damit vergleichbare Zwecke zu machen; haupt- und nebenamtliche Mitarbeiter der Kirchen sollten dabei mit gutem Beispiel vorangehen.
"Brot für die Welt" und "Dienste in Übersee", das waren Aufrufe zum Helfen. Die Aufrufe an die Kirchen, zwei bis fünf Prozent der Kirchensteuern für Aufgaben der Armutsbekämpfung bereitzustellen sowie an die einzelnen Gemeindeglieder, ein Prozent ihrer Einkünfte zum Maßstab werden zu lassen für einen freiwilligen weltweiten Solidarbeitrag, das waren Ermutigungen zum Teilen. Der Schritt vom Helfen zum Teilen ist von qualitativer Art. Die wirklich Reichweite eines solchen Schrittes wurde und wird in den Kirchen und von den Werken ihrer ökumenischen Diakonie allerdings von Anfang an nicht kreativ und einladend verbreitet und als besondere Herausforderung an die kirchliche Publizistik und Öffentlichkeitsarbeit verstanden.
Aus mindestens zwei Gründen ist unter den vier bisherigen Initiativen der EKD zur Wahrnehmung konkreter Weltverantwortung der Ein- Prozent-Beschluss der interessanteste. Zunächst deshalb, weil er das Gewissen jedes einzelnen Christen unmittelbar anspricht. Ist er auch deshalb am erfolgreichsten verdrängt worden und wird weiterhin von der EKD und ihren Hilfswerken nicht mehr ins Gespräch gebracht? Sodann ist er aber auch deshalb besonders interessant, weil er genau in das Modell passen würde, das heute politisch und gesellschaftlich favorisiert wird: Abbau von kollektiven Verpflichtungen und Förderung von Eigeninitiativen.
Mehr als andere innerkirchliche Gruppen hat im Laufe der Jahre immer wieder "der überblick" an den vergessenen Ein-Prozent-Beschluss erinnert. Als die Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst (AGKED) Ende 1999 abgeschafft und der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) gegründet worden war, haben ehemalige leitende Mitarbeiter aus Werken der AGKED (alle zugleich "der überblick"-Autoren) mit Spitzenleuten der inzwischen für die Fortführung der Spandauer Verpflichtungen zuständigen Werke mehrfach über eine diesbezügliche Initiative gesprochen. Dabei ging es um Vorschläge, auf der Basis der Gemeinschaft von Leserinnen und Lesern von "der überblick" ein Pilotprojekt zur Ein-Prozent-Initiative in Bewegung zu bringen.
Ein entscheidendes Element war dabei die behutsame, das schnelle Handeln nicht einengende Demokratisierung der Mitverantwortung für einstweilen ausschließlich Gremien vorbehaltene Entscheidungen über Richtlinien und Verwendungszwecke. Den Spendern sollten also handhabbare Möglichkeiten dafür eingeräumt werden, Prioritäten zu artikulieren für Mitwirkung an der Verwendung ihrer Spenden, inzwischen in anderen Zusammenhängen ein durchaus bewährtes Modell. Nach zweieinhalb Jahren verliefen die Gespräche erfolglos im Sande.
VII.
Noch einmal ein Blick auf Deuterojesaja. Propheten sind keine Systematiker. Sie reden über Gott und die Welt, weil es jeweils konkrete Anlässe gibt, die solches Reden und Rufen als notwendig erscheinen lassen. Sie sind also keine Philosophen und keine Theologen, die im Kopf und durch Dialog mit anderen erst etwas sortieren, klären, verstehen und dann auch noch lehren und aufklären müssen. Was sie zu sagen haben, gilt sofort und unmittelbar. Sie sind von ihrer Botschaft ebenso überrascht wie die von ihnen Angesprochenen. Darüber diskutiert man nicht. Dogmatik ist für sie kein Thema und kein Streitgegenstand.
Das macht resistent gegen Eitelkeiten und anpasserische oder liebedienerische Versuchungen. Glaubensgehorsam als spontan, undogmatisch aber überzeugend und mit erkennbarer Ausstrahlung gelebte Existenz. Das erscheint heute als zeitgemäß. Moderne Religiosität für den postmodernen Menschen. Deuterojesaja ein zu uns passender Weggefährte und Hoffnungsträger.
aus: der überblick 04/2006, Seite 104
AUTOR(EN):
Eberhard le Coutre
Eberhard le Coutre
ist Pastor em. der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche.
Von September 1968 bis zur Emeritierung 1990 war
er Mitarbeiter bei Dienste in Übersee e.V., von Heft
1/1969 bis Heft 2/1990 Leiter der Redaktion von "der
überblick.