Eine globale Elite will die Welt verändern
Die Zahl der superreichen Menschen wächst und Philanthropie steht in voller Blüte. Aber die neuen Geber gehen in der Art, wie sie ihr Geld ausgeben, immer mehr wie Unternehmer vor.
von Matthew Bishop
Geld abzugeben war unter den Reichen und Berühmten nie so in Mode wie heute. Bill Gates, der Haupt-Philanthrop dieser Zeit, hat bereits mehr gespendet als je jemand zuvor. Er hat nämlich über 31 Milliarden Dollar in die Bill und Melinda Gates- Stiftung investiert, vor allem, um die Gesundheitsprobleme der Armen dieser Welt anzupacken. Diese Großzügigkeit hat dem Ehepaar gemeinsam mit dem Rock Star und Aktivisten Bono, dem Sänger der irischen Band U2, die Nominierung als "Menschen des Jahres 2005" des Time Magazins eingebracht.
Die nachfolgende Generation technologischer Pioniere folgt schon jetzt dem gleichen Ethos. Pierre Omidyar, der Gründer von eBay, und Jeff Skoll, der erste Generaldirektor des Online-Auktionshauses, sind dabei ihre Millionen dafür arbeiten zu lassen, dass "die Welt zu einem besseren Ort gemacht wird". Und als die Gründer von Google, Sergey Brin und Larry Page, ihre Firma an die Börse brachten, kündigten sie an, dass ein Teil des Kapitals und der Gewinne an Google.org gehen würde, einem philanthropischen Zweig, der, wie sie hoffen, eines Tages selbst Google verblassen lassen wird angesichts dessen, was Google.org anpackt, um die größten Probleme der Welt mit Hilfe von ehrgeizigem Einsatz von Innovation und Geld zu lösen.
Der neue Enthusiasmus für Wohltätigkeit ist zum großen Teil die Folge der schnellen Bildung von Reichtum in den jüngsten Jahren und seiner ungleichen Verteilung. Die Welt rühmt sich nach neuesten Zahlen der Forbes-Liste 793 Dollar-Milliardäre zu haben. 1996 waren es erst 423. Nicht alle diese zu neuem Reichtum gekommenen Leute werden wohltätig, und von denen, die es sind, geben manche ihr Geld vergleichsweise einfallslos an ihre alte alma mater und dergleichen. Aber der zusätzliche Reichtum schafft gewaltige neue Gelegenheiten. "Dieses ist ein historischer Augenblick in der Evolution der Philanthropie," sagt Katherine Fulton, Koautorin eines neuen Reports über die Sparte mit dem Titel Looking out for the Future. "Wenn nur fünf bis zehn Prozent der neuen Milliardäre ihre Spenden einfallsreich einsetzen, werden sie die Philanthropie in den nächsten 20 Jahren verwandeln."
Derzeit sieht es so aus, als ob jedermann vom Milliardär-Bürgermeister von New York, Michael Bloomberg, angefangen bis hin zu Hedge-Fonds- Magnaten und Filmstars ihre Brieftasche für einen guten Zweck öffnen. In Manhattan kann heutzutage ein Tisch für zehn Personen bei den besten Wohltätigkeits-Fund-raising-Dinners eine Million Dollar kosten. Prominente stecken ihr eigenes Geld zunehmend in gute Werke und spielen ihre verdienstvolle Rolle, indem sie ihre Berühmtheit dafür einsetzen, Spenden von anderen einzutreiben. Filmstar Angelina Jolie beispielsweise hat ihren Einsatz für die Interessen von Flüchtlingen mit substantiellen Spenden für Flüchtlingsorganisationen untermauert.
Die Medien, die früher den Spenden für wohltätige Zwecke wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben, stellen jetzt Ranglisten der Superreichen nach dem Grad ihrer Freigiebigkeit auf und schelten diejenigen, die sie als knauserig betrachten. Die Zeitschrift Business Week hat eine Liste der großzügigsten Geber in den Jahren 2001 bis 2005 aufgestellt, in welcher der Intel-Mitgründer Gordon Moore und seine Frau Betty Herrn und Frau Gates auf den zweiten Platz verdrängt haben. Warren Buffett, der zweitreichste Mann der Welt, verwendet immer noch alle seine Energie darauf, mehr Geld zu machen, anstatt einen Teil seines Reichtums wegzugeben. Aber er sagt, er werde alles für wohltätige Zwecke hinterlassen, wenn er stirbt.
Das modische Geben ist keineswegs auf die USA beschränkt, wo Philanthropen lange eine besonders bedeutende Rolle gespielt haben. Auch in Europa beginnen Unternehmer, die eine Menge Geld gemacht haben, einen Teil davon für wohltätige Zwecke auszugeben, darunter die britische Gründerin des Body Shop, Anita Roddick, und Arpad Busson, ein schillernder französischer Hedge- Fonds-Manager. Indiens neue Reiche wie Azim Premji und Nandan Nilekani beide sind Boss einer Technologiefirma in Bangalore , entpuppen sich als eifrige Philanthropen, und sogar die Neureichen von China und Russland werden von dem Virus infiziert. Der russische Öl-Oligarch Roman Abramowitsch, der berühmt wurde, als er den britischen Fußballclub Chelsea kaufte, hat viele Millionen dafür gegeben, die Lebensbedingungen auf der Kamschatka-Halbinsel im ostasiatischen Teil Russlands zu verbessern. Die Liste kann man beliebig verlängern.
Gut gemacht kann Philanthropie sehr nutzvolle Effekte haben. Man denke nur an das, was vergangene Giganten erreicht haben, beispielsweise Andrew Carnegie, John D. Rockefeller, Joseph Rowntree und William Wilberforce. Und wenn die neue Generation von Philanthropen es richtig anpackt, kann auch sie eine andere Welt möglich machen. Doch damit das passiert, muss die Philanthropie ihre amateurhafte Arbeitsweise ablegen, die noch weit verbreitet ist, und ein modernes, effizientes globales Geschäft werden. Über einen Großteil der vergangenen 50 Jahre hinweg schien Amerika in seinem Enthusiasmus für Philanthropie die Ausnahme zu sein.
Claire Gaudiani unterscheidet in ihrem Buch The Greater Good: How Philanthropy Drives the American Economy and can save Capitalism zwischen Wohltätigkeit, welche die Symptome von Elend lindert, und Philanthropie, welche in die Lösung der zugrunde liegenden Probleme investiert. Der "Investitions-Ansatz unterscheidet die bedeutendste Art der amerikanischen Freigiebigkeit von der 'Armenhaus- und Suppenküchen'-Methode und drückt unsere Werte von Freiheit, dem Individuum und Unternehmergeist aus", sagt sie. In der Realität sind die Grenzen zwischen beidem allerdings fließend.
Viele Jahre sind zahlreiche wohlhabenden Amerikaner im großen und ganzen der Blaupause von Andrew Carnegie gefolgt, die er in seinem 1889 erschienenen Buch Wealth dargelegt hat. Der Stahlbaron glaubte, dass die wachsende Ungleichheit der unvermeidliche Preis der Schaffung von Wohlstand war, welcher sozialen Fortschritt erst möglich mache. Um zu vermeiden, dass diese Ungleichheit das "Band der Brüderlichkeit" zerschneide, das "die Reichen und die Armen in harmonischer Beziehung miteinander verbindet", hätten seiner Argumentation zufolge die Wohlhabenden die Pflicht, ihr Vermögen der Philanthropie zu widmen. Das nicht zu tun, sei die übelste Form persönlichen Versagens. "Der Mann, der so reich stirbt, stirbt in Schande."
Als Folge dessen ist ein weit höherer Anteil an Krankenhäusern, Büchereien, Universitäten und Leistungen der Wohlfahrt in Amerika durch private Spenden finanziert als in anderen reichen Ländern, wo die Regierungen proportional mehr ausgeben und trotzdem noch damit zu kämpfen haben, die wachsenden Erwartungen der Bevölkerung zu erfüllen. Doch die Unterschiede sind vielleicht gar nicht so groß. Die Grundlagenforschung im Gesundheitswesen ist in Amerika weitgehend durch den Staat finanziert, während in Großbritannien ein Großteil vom Welcome Trust bezahlt wird, einer wohltätigen Stiftung mit Sitz in London, die allerdings von einem Amerikaner gegründet wurde.
Die britische Regierung hat unlängst versucht, den philanthropischen Geist zu beflügeln, und andere europäischen Länder beginnen, diesem Beispiel zu folgen. Selbst in China ist die Regierung offenbar sehr daran interessiert, einen gemeinnützigen Sektor aufzubauen, der sich um soziale Bedürfnisse kümmert, und lockert offenbar einige Vorschriften, um der Philanthropie zu erlauben, eine größere Rolle zu spielen. Die Ausnahme ist Russland, wo Präsident Wladimir Putin eine Konzentration von Macht außerhalb seiner Regierung unerträglich findet und gegen nichtstaatliche Organisationen vorgeht. Der frühere Chef des großen Ölkonzerns Yukos, Michael Chordorkowskij, war dem Vernehmen nach Russlands führender Philanthrop, bevor er nach einem Schaugerichtsprozess ins Gefängnis musste.
Doch just in dem Moment, in dem die Wohlhabenden der Welt die Freuden des Gebens entdecken, nimmt bei den Beobachtern des amerikanischen Modells der Philanthropie die Kritik an dessen Schwächen zu. Philanthropie ist nicht nur eine private Angelegenheit der Geber, sondern sie ist auch wegen der hohen Steuernachlässe für wohltätige Spenden in Amerika eine Sache genauer öffentlichen Überprüfung. Die Titelgeschichte einer neueren Ausgabe des Social Innovation Review der Stanford Universität lautet "Ein Versagen der Philanthropie". Darin wird argumentiert, dass diese amerikanischen Steuernachlässe vor allem Eliteschulen, Konzerthallen und religiösen Gemeinschaften zugute kommen. "Wir sollten aufhören, uns vorzumachen, dass Wohltätigkeit und Philanthropie viel dazu beitragen, den Armen zu helfen," schreibt der Autor Rob Reich.
Eine Serie von Skandalen in wohltätigen Stiftungen vor allem wegen überhöhter Gehälter, Jobbeschaffung für Familienmitglieder und anderer Extravaganzen hat den Zorn des Kongresses auf sich gezogen, der mit neuer, strenger Gesetzgebung droht. Staatsanwälte sind ebenfalls schon aufmerksam geworden.
Auch wohltätige Organisationen, die überwiegend auf Spenden der Bevölkerung bauen, sind in die Schusslinie geraten. Beim Roten Kreuz der USA wurde aufgedeckt, dass von Spenden für die Familien der Opfer der Terroranschläge vom 11 . September 2001 Geld für andere Zwecke abgezweigt worden war. Nach dem Tsunami in Asien und dem Hurrikan Katrina, mussten zwei Spenden einwerbende frühere Präsidenten, Bill Clinton und George Bush senior, der Öffentlichkeit zusichern, dass sie aufpassen würden, wie das Geld verwendet wird.
Eines der vielen Dinge, die beim Kollaps des Enron-Konzerns zutage kamen, war, dass die Philanthropie von Unternehmen oft recht anrüchig ist. Ein Mitglied der Geschäftsführung kann sich bei Geschäftspartnern beliebt machen, und sogar bei Mitgliedern des eigenen Vorstands, indem es deren Lieblingsprojekte mit Geld der wohltätigen Stiftung des eigenen Unternehmens unterstützt ohne dabei das Gesetz zu brechen.
Aber das Problem liegt viel tiefer. "Skandale bei Stiftungen betreffen meist Gehälter und Nebeneinkünfte, aber der wirkliche Skandal ist, wie viel Geld für Aktivitäten verschleudert wird, die keinerlei Wirkung zeigen. Milliarden werden durch ineffektive Philanthropie vergeudet," sagt Michael Porter, ein Management-Guru an der Business School der Harvard Universität. "Philanthropie liegt um Jahrzehnte zurück, wenn es darum geht, scharfe Maßstäbe beim Einsatz von Geld anzuwenden," Porter glaubt, dass die Welt des Gebens transformiert werden kann, wenn sie von der Welt der Wirtschaft lernt. Viele führenden Philanthropen der neuen Generation stimmen ihm zu, so dass "in den nächsten 20 Jahren eine große Chance besteht, herauszufinden, wie man Philanthropie effektiv machen kann."
Viele der neuen Philanthropen sind sich wohl bewusst, dass die traditionelle Philanthropie nicht genügend ergebnisorientiert arbeitet. Sie wollen eine Produktivitätsrevolution in die Branche hineintragen, indem sie die in der Geschäftswelt ihnen vertrauten, gut bewährten Verfahrensweisen anwenden. Das hat die Stiftungsbranche dazu angespornt, einen Teil des Jargons zu übernehmen und anzunehmen, der in der Unternehmenswelt vertraut ist. Philanthropen sprechen nun von "sozialen Investitionen", von "Venture-Philanthropie" und "sozialem Unternehmertum". Die neue Art, Philanthropie zu betreiben, ist "strategisch", "marktbewusst", "wissensbasiert" und oft "hoch engagiert", und sie schließt immer maximale Hebelwirkung durch die Spendengelder ein.
Hebelwirkung ist für die neuen Philanthropen besonders wichtig. Sie wissen, dass sie, wie groß auch immer ihr persönliches Vermögen ist, gegenüber den Summen, die Regierungen und gewinnorientierte Unternehmen auf dem Markt einsetzen können, wie ein Zwerg erscheinen. Deshalb müssen sie, um reale Veränderungen zu bewirken, ihr Geld auf Probleme konzentrieren, die von Regierungen und gewinnorientierten Organisationen nicht angegangen werden. Weil sie weder Wählern noch Aktionären verpflichtet sind, können sie Risiken eingehen, um als Pioniere neue Lösungen zu finden, die dann in größerem Maßstab von Regierungen und gewinnorientierten Firmen angewendet werden können.
Aber nicht alle sind davon überzeugt, dass Philanthropen sich mehr an Prinzipien der Wirtschaft orientieren müssen. "Wir müssen die wohlmeinende aber grundverkehrte Vorstellung zurückweisen, dass der vorrangige Weg zu bedeutenden Erfolgen im sozialen Bereich der ist, wie ein Wirtschaftsbetrieb zu werden," schreibt Jim Collins, ein Bestseller-Management-Autor, in seiner neuen Monographie Good to Great and the Social Sectors. Er argumentiert entwaffnend einfach: "Die meisten Firmen sind mittelmäßig."
Immerhin, selbst Collins stimmt zu, dass die Art, wie Geld von den Philanthropen zu Organisationen fließt, die es einsetzen, viel zu wünschen übrig lässt. In den letzten Jahren sind viele neue Firmen und Institutionen gegründet worden, die mit gutem Management und ein wenig Glück die Infrastruktur und vermittelnde Funktion für einen Kapitalmarkt der Philanthropie bereitstellen werden, also einen effizienten Weg für Philanthropen, ihr Geld zu den "sozialen Unternehmern" und anderen zu bringen, die es benötigen. Zu diesen Newcomern gehören Management-Berater, Forschungsunternehmen und eine Art philanthropische Investment-Bank.
Es kann trotzdem noch viel schief gehen. Es gibt keine Marktdisziplin, die Philanthropen zwingt, Innovationen zu übernehmen, wie wünschenswert sie auch sein mögen. Und die neuen Philanthropen gemeinsam mit den Innovatoren, die ihnen helfen möchten, effizienter zu werden könnten erkennen, dass das schwieriger ist als erwartet. "Die neuen Reichen haben ihr Geld oft sehr schnell gemacht und glauben, berauscht von ihrer eigenen Brillanz, ebenso schnelle Resultate im gemeinnützigen Bereich erzielen zu können. Sie vergessen, dass ihr Erfolg vielleicht auch ein Glücksfall war und dass der gemeinnützige Bereich weit komplexer sein kann als der Wirtschaftszweig, aus dem sie kommen," sagt Mario Morino, Mitgründer und Vorsitzender von Venture Philanthropy Partners, einem führenden Philanthropie-Beratungs- und Vermittlungsunternehmen in den USA.
Es könnte auch leicht politische Gegenreaktionen auf die neuen Reichen geben. Die neuen Philanthropen geben ja nicht nur Geld aus. Greg Dees, Professor für soziales Unternehmertum und gemeinnütziges Management an der Duke Universität, zufolge definiert man heutige Philanthropie am besten als "Mobilisierung und Einsatz privater Mittel einschließlich Geld, Zeit, Sozialkapital und Expertise, um die Welt, in der wir leben, zu verbessern."
Peggy Rockefeller Dulany, die den "Globalen Kreis der Philanthropen" leitet, betont ähnlich: "Zum Reichtum kommt Bildung, Entscheidungsmacht, Verbindung zu Eliten in anderen Ländern und enorme Machtbündelung hinzu." erläutert sie, "Wir helfen Philanthropen, von all diesen Vorteilen Gebrauch zu machen. Es ist der Einsatz von Geld und Verbindungen seien es persönliche, familiäre oder Geschäftskontakte zur Erzeugung von Gemeinwohl."
Eine globale Elite, welche die Welt verändern will, indem sie viel Geld mit Ideen, einschneidenden Management-Techniken, Medien- und Marketing Know how, der Mobilisierung von Bürgern und hilfreichen politischen Verbindungen kombiniert, all das ist geradezu prädestiniert, in einigen Lagern die Alarmglocken schrillen zu lassen, auch wenn es Hoffnung in anderen Lagern verbreitet. Schon George Soros, der berühmte Hedge-Fonds-Philanthrop (der Milliarden verdiente, als er mit seinen Spekulationen gegen das Pfund die Bank von England in die Knie zwang), ist verwickelt in Kontroversen über die Rolle einiger Organisationen, die er in verschiedenen ehemalig kommunistischen Ländern wie auch in Amerika selbst finanziert. Und im Jahr 2005 provozierte Bob Geldof, Bonos philanthropischer Partner in der Rock-Aktivisten-Szene, Demonstrationen in Uganda, als er vorschlug, dass der Präsident des Landes nicht zur Wiederwahl kandidieren sollte. Philanthropie wird offenbar zu einem immer heißeren Eisen in der Politik.
aus: der überblick 04/2006, Seite 30
AUTOR(EN):
Matthew Bishop
Matthew Bishop ist Redakteur für amerikanische Wirtschaft bei "The
Economist" am Standort New York.
Dieser Artikel ist
eine von der Redaktion aktualisierte Fassung eines
Artikels aus "The Economist" vom 25. Februar 2006.
Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von
"The Economist".