Wider die große Erwartung
Afrika ist auch bei der Versorgung mit modernen Kommunikationsmitteln das Schlusslicht in der Welt. Doch in einigen Ländern ist es bereits gelungen, den digitalen Graben zu verkleinern. Und im Vorfeld des Gipfels hat man sich auf dem Kontinent auf eine Reihe von Zielen verständigt.
von Olaf Nielinger
Der Spagat zwischen Tradition und Moderne ist in Afrika weit. Trommeln als Kommunikationsmittel stehen neben Radio und Print und zunehmend verbreiten sich Handy, Computer und Internet. Besonders der Mobilfunk erlebt einen regelrechten Boom. Auch die Zahl der Festnetztelefonanschlüsse ist beachtlich gewachsen, es gibt erheblich mehr Internetnutzer nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land. Und schließlich wächst die Zahl der Internetdienste und der verfügbaren Soft- und Hardware.
Mit dem Weltgipfel der Vereinten Nationen (UN) besteht die Chance, die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) auszuweiten und in geordnete Bahnen zu lenken. Afrika hat auf dem Weg zur Informationsgesellschaft noch einiges zu bewältigen: Es gilt nicht nur, erhebliche Mittel in den Ausbau der Infrastruktur und Zugang zu den Technologien zu investieren, sondern auch ein politisches Umfeld zu schaffen, das die Verbreitung der neuen Technologien fördert und einen verlässlichen Rahmen für Wirtschaft und Politik setzt. Vor allem aber müssen Anwendungen entwickelt werden, die dazu beitragen, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Dazu muss die neue Technologie zu allererst von den Menschen akzeptiert werden.
Bisher hat es noch kein Land Afrikas geschafft von der Ausnahme Südafrika und den Sonderfällen Mauritius und Seychellen einmal abgesehen auch nur annähernd mit der globalen Dynamik der Technologieanwendung Schritt zu halten. Die meisten afrikanischen Länder südlich der Sahara mussten mit der IKT-Entwicklung noch vor wenigen Jahren praktisch bei Null anfangen von ein paar maroden Telefonleitungen einmal abgesehen. Seitdem ist viel geschehen und modernste Telekommunikationstechnik hat Einzug gehalten: Zwar nicht flächendeckend, aber Glasfaserkabel, digitale Telefonnetze, drahtlose Breitbandlösungen, Satellitentechnologie und leistungsfähige Computer als Knotenrechner für das Internet bilden Bausteine einer wachsenden technologischen Infrastruktur. Aus dieser Perspektive erscheint das, was inzwischen geschaffen worden ist, in einem freundlicheren Licht.
Zusammen mit einigen Ländern Südasiens und des Mittleren Ostens bildet Afrika aber immer noch das Schlusslicht in der internationalen Rangfolge bei der IKT-Nutzung. Nach Angaben der International Telecommunications Union (ITU) entfallen nur 1 Prozent der weltweiten Internetnutzer, 0,2 Prozent der Internethosts (die Rechner, Software und Dienstleistungen für Internetadressen wie www.der-ueberblick.de zur Verfügung stellen) oder 4,4 Prozent der Mobilfunknutzer auf den Kontinent. Das ist auch im Vergleich zu anderen Entwicklungsregionen sehr wenig. Dennoch es gibt auch Positives zu vermelden. So ist die Anzahl der Internetnutzer zwischen 1995 und 2002 von 0,5 Millionen auf 8 Millionen angestiegen, in einigen Ländern, wie Kenia und Tansania, mit beachtlichen Steigerungsraten von weit über 200 Prozent im Zeitraum von 1999 bis 2001. Eindrucksvoll sind aber vor allem die Zahlen zum Mobilfunk, der von bescheidenen 2 Millionen Nutzern im Jahr 1998 bis Mitte 2003 auf imposante 36 Millionen angestiegen ist.
Das Entwicklungsgefälle zwischen einzelnen Ländern und innerhalb einzelner Länder ist jedoch erheblich. Wenn man die afrikanischen Länder mit guter IKT-Bilanz herausgreift, kann man jedoch ein Erfolgsrezept erkennen: gute Politik, Liberalisierung und Wettbewerb. Wo das Monopol staatlicher Telefonanbieter aufgebrochen und das Kerngeschäft kunden- und nachfrageorientiert gestaltet wurde, stiegen die Nutzerzahlen und sanken die Preise. Der Markteintritt neuer Wettbewerber setzte Impulse für weiteres Wachstum und war Ausgangspunkt zahlreicher unternehmerischer Erfolgsgeschichten. Gleichzeitig musste die Politik derartige Öffnungsprozesse in eine kohärente Gesamtstrategie überführen. Als Instrument gewannen Regulierungsbehörden an Bedeutung: Sie begannen Lizenzen für Telekommunikationsdienste zu vergeben, erließen und überwachten Regeln, formulierten Auflagen, wie bestimmte Regionen zu versorgen sind, und sanktionierten Fehlverhalten sowie Nicht-Erfüllung der Lizenzvereinbarung.
Neben Südafrika dem Motor bei der afrikanischen IKT-Entwicklung haben Botswana, Namibia und Simbabwe im südlichen Afrika, Kenia, Tansania und Uganda im östlichen Afrika sowie Nigeria, Senegal, Ghana und Côte d'Ivoire in Westafrika eine recht gute IKT-Bilanz aufzuweisen. Dabei waren jeweils unterschiedliche Faktoren ausschlaggebend: Kenia, Simbabwe oder Nigeria sind dynamische Wachstumsmärkte, obwohl sie zum Teil ohne oder sogar mit kontraproduktiven Impulsen aus der Politik zurechtkommen mussten. Risikobereite Unternehmen oder lukrative Märkte können Schwächen der Politik offenbar kompensieren. Umgekehrt kann eine kohärente Politik allein wenig bewirken. Das zeigen Tansania, Ghana und Mosambik, wo die kaum vorhandene Infrastruktur oder Fachkräftemangel die Möglichkeiten für nachhaltiges IKT-Wachstum begrenzen.
Dennoch sind IKT in Afrika bereits heute ein wichtiger Standortfaktor im internationalen Wettbewerb. Ebenso bieten sie vor allem der Jugend in den Städten ein attraktives Unterhaltungsprogramm. Wenn jedoch die IKT einen Beitrag zur menschlichen Entwicklung leisten sollen, muss in nicht allzu ferner Zukunft ein Quantensprung gelingen: die Versorgung des ländlichen Raums in dem rund 70 Prozent der afrikanischen Bevölkerung lebt mit bezahlbaren Zugangsmöglichkeiten und für sie wichtigen Inhalten.
Die Politik hat verschiedene Möglichkeiten, darauf Einfluss zu nehmen: indem sie Lizenzen für den Betrieb von IKT-Diensten in lukrativen Marktsegmenten an Versorgungsauflagen im ländlichen Raum koppelt oder den Telekommunikationsanbietern eine Abgabe für ländliche Infrastrukturentwicklungsfonds auferlegt. Bisher konnten in dieser Hinsicht nur Südafrika und Uganda nennenswerte Fortschritte vorweisen. Der Spielraum, Impulse für den ländlichen Raum zu setzen, ist noch lange nicht ausgeschöpft. Man sollte deshalb auch nicht vorschnell und an falscher Stelle nach internationaler Hilfe rufen.
Afrika geht nicht unvorbereitet zum Gipfel in Genf. Schon 1996 war die African Information Society Initiative (AISI) gegründet worden. Auch erste Ansätze zur Verringerung des digitalen Grabens hat es bereits gegeben, etwa von der Economic Commission for Africa (ECA) und im Rahmen der New Partnership for Africa's Development (NEPAD). Die Vorbereitung für Genf kam allerdings nur schleppend in Gang.
Wie anderswo auch, war in Afrika eine gewisse Gipfelmüdigkeit zu verspüren, die sich erst mit dem Näherrücken des Gipfeltermins langsam auflöste. Ende Mai 2002 gab es bei der Regionalkonferenz in Malis Hauptstadt eine Art Aufbruch. Das Treffen in Bamako hat sich am bekannten Gipfel-Procedere orientiert. Regierungsvertreter, Repräsentanten unterschiedlicher Regionalorganisationen, der Zivilgesellschaft und des Privatsektors haben eine Erklärung verabschiedet, die auf insgesamt 13 offiziellen Vorbereitungsveranstaltungen entworfen wurde. Auf einer Reihe von Nachfolgeveranstaltungen wurden Ergänzungen, Reaktionen auf die thematischen Zuspitzungen im Vorfeld des Genfer Gipfels sowie mögliche Alternativen vorgelegt. Inhaltlich und organisatorisch waren die Beratungen in Bamako aber überzeugender als die Regionalkonferenzen für Nahost, Lateinamerika und Asien.
Die Erklärung von Bamako ist eine breite Themensammlung, die den wesentlichen Handlungsbedarf der afrikanischen Staaten beim Aufbau der Informationsgesellschaft umreißt. Kernaussagen beziehen sich auf Fragen des Zugangs und entsprechenden Strategien zur Ausgestaltung von Universaldienstverpflichtungen. Eng damit verknüpft wird die Forderung, Angebote zu entwickeln, die für die Menschen in ihrem Lebensumfeld von Bedeutung sind und etwa im Bildungs- und Gesundheitswesen oder in der öffentlichen Verwaltung entwicklungspolitische Impulse setzen. Mit Blick auf die zu erwartenden Diskussionen in Genf sind weitere Punkte formuliert worden: die Forderung nach einem globalen Fonds zur Finanzierung von IKT, die Verankerung eines Rechts auf Information und Kommunikation, die Notwendigkeit der Förderung von Open Source Software (offener Quellcode, der Nutzung und Weiterentwicklung erlaubt ohne Eigentumsrechte zu verletzen. Der Quellcode ist der Bauplan eines Programms, das heißt, eine Folge von Befehlen, nach denen der Computer den Ablauf des Programms ausführt) sowie die Forderung nach einheitlichen Standards bei der Vergabe von Internetadressen und die Schaffung einer demokratisch legitimierten Organisation zur globalen Steuerung des Internets. Das ist grob zusammengefasst die Position der afrikanischen Länder für den Gipfel; sie wird von nichtstaatlichen Gruppen und Organisationen mit getragen, in etlichen Fragen freilich etwas pointierter.
Darüber hinaus gingen die afrikanischen Länder auch in Vorleistung. Was in Genf erst noch gelingen muss, haben die afrikanischen Staaten auf einer Regierungskonferenz im April 2003 auf Mauritius erfolgreich vorexerziert: Sie haben eine Erklärung zur afrikanischen Informationsgesellschaft und einen Aktionsplan zu ihrer Umsetzung verabschiedet. Das steht zwar zunächst nur auf dem Papier, dennoch liegen für die meisten Länder nunmehr erstmals Ziele auf dem Tisch: unter anderem die Anbindung aller Dörfer an das globale Datennetz bis 2010. Ferner sollen bis zum Jahr 2005, spätestens bis 2010 alle Universitäten, Schulen, Krankenhäuser und Distriktverwaltungen einen Internetzugang erhalten.
So gehen die Afrikaner gut vorbereitet nach Genf. Aber unabhängig vom Ausgang des Gipfels und die bislang kompromisslose Haltung etlicher Teilnehmerstaaten in einer Zahl von Sachfragen lassen aus afrikanischer Sicht kaum mehr als bescheidene Ergebnisse erwarten sind entscheidende Ziele schon erreicht: International bleibt das Thema der digitalen Spaltung auf der Tagesordnung. Auf dem Kontinent selbst hat es bereits einen neuen Schub der Diskussionen gegeben, Erwartungen und Ziele wurden präzisiert. Afrika hat eine eigene Agenda, das ist die Botschaft, die an den UN-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft gerichtet ist.
aus: der überblick 04/2003, Seite 55
AUTOR(EN):
Olaf Nielinger:
Olaf Nielinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Afrika-Kunde, Hamburg, und arbeitet gegenwärtig am Forschungsprojekt "Information and Communication Technologies for Development: The Case of Tanzania", das von der Fritz Thyssen-Stiftung finanziert wird.