Malik Faye - ein Weltbürger aus Westafrika
Malik Faye betrachtet seine eigene Gesellschaft mit dem Blick des Forschers: Er studiert in Göttingen Ethnologie. Der Senegalese gehört zu den vielen jungen Menschen aus armen Ländern, die ohne Stipendium in Deutschland studieren und das Angebot des Studienbegleitprogramms STUBE nutzen.
von Bernd Ludermann
Malik Faye kann eine Party in Stimmung bringen. Der hochgewachsene Senegalese eilt mit leicht wiegendem Gang über die Tanzfläche und animiert die übrigen Studentinnen und Studenten wie ein erfahrener Conferencier. Nach der Reihe beordert er sie nach vorne und fordert sie auf, Lieder aus ihrer Heimat vorzutragen. Für die interkulturelle Party hat Malik das wadenlange blaue Hemd aus seiner Heimat angezogen. Er tritt so witzig auf, dass auch die eher Zurückhaltenden etwa die beiden aus dem Iran schließlich lachend mitmachen.
Gefeiert wird das zehnjährige Bestehen der Studienbegleitprogramme für ausländische Studierende, der STUBE (siehe Kasten), in Niedersachsen. Rund drei Dutzend junge Leute aus Asien, Afrika und Lateinamerika sind zu dem Seminar über den Nutzen und die Perspektiven des Programms nach Hildesheim gekommen. An den Seminaren der STUBE schätzen sie, so sagen mehrere, die solide Information, die intellektuelle Anregung und die Begegnung mit Studierenden, die aus ihnen fremden Ländern kommen, sich aber in Deutschland in einer ähnlichen Lage wiederfinden wie sie selbst. Doch auch die heitere Stimmung und die Chance zu feiern sind ihnen offenbar wichtig.
Malik bringt solche Feiern besonders charmant in Schwung. Dabei wirkt der Senegalese im Gespräch eher bedächtig, bescheiden, fast zurückhaltend. Nach Deutschland geführt, so erzählt er, hat ihn paradoxerweise sein Interesse an afrikanischer Philosophie. Schon auf dem Gymnasium hat er sich dafür interessiert. Dort wurde aber nur die klassische europäische Philosophie unterrichtet; afrikanische Philosophie kam erst an der Universität Dakar vor, wo Malik 1994 seinen Abschluss in diesem Fach gemacht hat mit Soziologie und Psychologie als Nebenfächern. Sein Professor riet ihm jedoch, wenn er sich für afrikanische Philosophie interessiere, solle er in Europa Ethnologie studieren (im Senegal war das nicht möglich). Dort könne er dann auch erfahren, welches Bild sich die Europäer von Afrika machen.
Ein Kurzstipendium eröffnete Malik die Chance, das zu verwirklichen. Schon auf dem Gymnasium hatte er Deutsch als zweite Fremdsprache gelernt (die erste war Englisch) und das während des Studiums am Goethe-Institut fortgeführt. Die Prüfung dort schloss er 1994 als Bester ab und erhielt ein Stipendium für zwei Monate Aufenthalt in Göttingen. "Den Sprachkurs dort habe ich während dieser zwei Monate etwas vernachlässigt", erzählt er nüchtern. "Ich bin herumgereist und habe mich nach Studienmöglichkeiten erkundigt." Seine Wahl fiel auf Göttingen; seit 1995 studiert er dort Ethnologie.
Für die ersten Monate hat ihm sein Bruder Geld gegeben. Seitdem finanziert er sein Studium selbst, ebenso übrigens wie die große Mehrheit der aus dem Süden stammenden Studierenden in Deutschland, an die sich die STUBE besonders wendet. Erst nahm Malik Gelegenheitsjobs an, dann arbeitete er auch im Sommer bei VW oder Mercedes. "Da konnte ich in den Semesterferien so viel verdienen, dass ich sechs bis sieben Monate davon leben konnte. Ich habe sehr sparsam gelebt", berichtet er. Inzwischen ist das allerdings schwieriger geworden. "Früher haben die Autofirmen, wenn wir in einem Jahr da gearbeitet hatten, uns im nächsten Jahr angeschrieben und gefragt, ob man wieder Lust hätte. Das hat sich geändert, sie beschäftigen jetzt weniger Studenten."
Dass Malik jetzt nicht mehr ein paar Monate pro Jahr am Band steht, hat aber vor allem damit zu tun, dass er Auslandsaufenthalte absolviert hat und nun seine Abschlussarbeit schreibt. 1999 hat er ein Praktikum bei einer nichtstaatlichen Organisation im Senegal gemacht, die Projekte in der biologischen Landwirtschaft durchführt; Malik hat aus Sicht eines Ethnologen Vorschläge erarbeitet, wie die Arbeitsweise bei der Betreuung der Bauern verbessert werden kann. Die STUBE Niedersachsen hat ihm dafür unter dem BSPA-Programm (Berufsvorbereitende Praktika und Studienaufenthalte im Ausland) die Reisekosten gezahlt. Anfang 2002 machte er dann fünf Monate Feldforschung für seine Magisterarbeit im Senegal über Einstellungen zu sozialem Wandel in je zwei Familien in der Stadt und auf dem Land. Während dieser Zeit wohnte Malik bei einem Bruder in Dakar und bei Verwandten auf dem Dorf.
Zudem ist Malik seit drei Jahren mit einer Deutschen verheiratet. Er hat sie in Göttingen kennen gelernt, wo sie Pädagogik studiert hat. Seit einem Jahr lebt sie in Berlin, und Malik bringt seine Abschlussarbeit nun überwiegend dort zu Papier.
Die STUBE hat Malik schon zu Beginn seines Studiums über einen senegalesischen Freund kennen gelernt. In den ersten Jahren in Deutschland hat er regelmäßig ihre Seminare besucht. "Das ist für mich ein Netz, über das ich mit Menschen zu tun habe und mit Themen, die mich betreffen. Nicht nur als Senegalese, sondern als Weltbürger", sagt er.
Ihm gefällt das selbstverständliche Miteinander verschiedener Kulturen und Religionen. Malik ist Muslim wie die große Mehrheit der Senegalesen. Dass die STUBE von christlichen Organisationen getragen ist, macht ihm aber keinerlei Bedenken. Schließlich hat er das Zusammenleben mit Christen im Senegal als unproblematisch erlebt, erzählt er: Zwei seiner Onkel sind Christen; Malik feierte christliche Feste mit ihnen, und sie nahmen an muslimischen Festen in der Familie teil. Auch andere STUBE-Teilnehmende loben, dass Religionen und Dialog Themen sind, bei der Anmeldung zu den Seminaren aber nicht nach der Religionszugehörigkeit der Beteiligten gefragt wird. "Das ist uns nicht wichtig. Wir erfahren das nebenbei beim Abendessen", sagt eine Afrikanerin.
Malik hat in Göttingen auch angefangen, Sendungen für das Radio zu machen. Eine Kommilitonin aus Schweden hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass das Stadtradio dort ausländische Studierende suchte, die über ihr Land erzählen wollen. Malik stellte seine Ideen für eine Sendung vor, und der Sender stimmte sofort zu, ihm eine halbe Stunde alle zwei Wochen zu geben. Malik erhielt eine kurze Schulung und konnte loslegen. In seinen Sendungen ging es um Afrika seine Musik, Kochrezepte, aber auch das soziale und politische Leben. "Ich habe meistens aber nur über den Senegal erzählt, weil ich darüber am meisten weiß", sagt er. Denn er hat die Sendung ähnlich gemacht wie seine Auftritte als Conferencier: Spontan und ohne große Recherche. "Und ich hatte das Gefühl, dass ich das als Einzelgänger besser gestalten kann", sagt er.
Live war er aber dann doch nicht auf dem Sender; die Sendungen wurden vorproduziert. "Man konnte also rausnehmen, wo ich mich versprochen oder gestottert habe", sagt Malik. Überraschenderweise neigt der ruhige und selbstbewusste Mann mit der leicht rauchigen Stimme tatsächlich zum Stottern. "Ich habe die Sendungen deshalb vor allem für mich selbst gemacht", sagt er. "Für mich war das eine Art Sprechtherapie."
Anscheinend war die erfolgreich. Auf der Bühne ist von seiner Sprechhemmung nichts zu bemerken. Die Auftritte als Conferencier "machen mir wirklich Spaß", sagt er. Ob er überlegt, aus seinem Talent und seinen Erfahrungen beim Radio einen Beruf zu machen, das behält er aber für sich: "Ich will grundsätzlich meine Ziele nicht verraten. Nicht aus Aberglaube - die Leute sollen erfahren, was ich will, wenn ich er erreicht habe oder nahe dran bin." Soviel darf man aber wissen: Er möchte gerne wieder nach Afrika zurück, am liebsten in ein französischsprachiges Land. Denn mit den Menschen fließend sprechen zu können, ist ihm wichtig.
StudienbegleitprogrammeEntwicklungspolitisches Engagement weckenStudienbegleitprogramme (STUBEN) bieten Studierenden aus Asien, Afrika und Lateinamerika in Deutschland ein entwicklungspolitisches Begleitprogramm an beispielsweise Wochenendseminare, Ferienakademien und Besuche bei deutschen Institutionen der Entwicklungspolitik. Ein Studium etwa von Sprachen oder Ingenieurwissenschaften in Deutschland vermittelt ja selten Kenntnisse, die besonders für die Arbeit in Entwicklungsländern wichtig sind. Die aber helfen jungen Menschen aus armen Ländern, ihr Fachwissen später zu Hause sinnvoll einzusetzen. STUBEN können auch Zuschüsse für berufsvorbereitende Praktika und Studienaufenthalte in der Heimatregion gewähren. Sie richten sich vorwiegend an Studierende ohne Stipendium, die frei eingereist sind und ihr Studium selbst finanzieren. Zur Zeit gibt es zehn regionale STUBEN; die älteste, die in Baden-Württemberg, wurde 1983 gegründet. An der Trägerschaft sind Evangelische Studierendengemeinden, Evangelische Akademien, Diakonische Werke, ökumenische Vereine und der World University Service beteiligt. Die STUBEN werden aus KED-Mitteln sowie von Landesregierungen bezuschusst; einige werben auch um Mittel von Stiftungen und Unternehmen. bl |
aus: der überblick 04/2003, Seite 142
AUTOR(EN):
Bernd Ludermann :
Bernd Ludermann war viele Jahre Redakteur beim "überblick". Er arbeitet jetzt als freier Journalist in Hamburg und betreut unter anderem als Redakteur die Forum-Seiten im "überblick".