Von den Schwierigkeiten, persönlich zu helfen
Sie ist zu klein, um sich auf den Sitz zu setzen, deshalb steckt sie beim Fahren ein Bein durch den Rahmen des altmodischen Fahrrads, hält vor mir an und versperrt mir den Weg. Sie grüßt mich mit voller afrikanischer Feierlichkeit, sieht mir gerade in die Augen und sagt: "Bitte, Sah (Sir), helfen Sie mir."
von Richard Dowden
Ihr langer grüner Rock und helles weißes Hemd lassen sie als Schülerin erkennen, doch es ist später Vormittag, und sie ist nicht in der Schule. Ich kann mir schon denken, was als nächstes kommt: "Bitte, Sah, helfen Sie mir, mein Schulgeld zu zahlen."
Ich bin gerade aus den elenden, krankheitsverseuchten Lagern gekommen, in denen rund zwei Millionen Menschen im Norden Ugandas seit Anfang der neunziger Jahre leben müssen. Aus der Ferne sehen sie seltsam schön aus, doch bestehen sie aus Hunderten von traditionell gebauten Rundhütten aus Lehm und Stroh. Sie stehen eng zusammen, ohne sanitäre Einrichtungen, und sind Stätten des Elends und Brutstätten von Seuchen und Hoffnungslosigkeit. Diese von nichtstaatlichen Organisationen als "Entwurzeltenlager" bezeichneten Unterkünfte sind das Zuhause einer Bevölkerung, die in Abhängigkeit und zu sinnlosem Nichtstun gezwungen wurde einige seit fast 20 Jahren.
Die Menschen werden dort gehalten, um sie vor der Lord's Resistance Army (LRA), der Widerstandsarmee des Herrn, zu schützen, einer heimtückischen Rebellengruppe, die diese Region seit zwei Jahrzehnten heimsucht. Doch nach Angaben eines Berichts der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es in den Lagern 1000 Tote mehr pro Woche, als für die Region normal wäre. Selbst in ihren mörderischsten Zeiten hat die LRA nicht so viele Menschen umgebracht. Die Hilfe tötet mehr Menschen als das Übel, gegen das sie helfen soll. Ein Ende dieses Krieges ist erneut greifbar nahe wie schon so oft in den letzten 20 Jahren. Beim Verlassen des Lagers weiß ich nicht, ob ich weinen oder wütend sein soll jedenfalls fühle ich mich eher dazu aufgelegt, auf jemanden einzuschlagen, als jemandes Schulgeld zu zahlen.
Ich gehe umher, um mich zu beruhigen und so meine beiden letzten Stunden in dem Ort Kitgum zu verbringen, da mein letztes Gespräch abgesagt worden ist.
"Bitte, Sah, Sie können mir helfen", sagt dieses kleine dunkle Kind mit großen feierlichen Augen. "Wie heißt du?", frage ich und gehe um sie herum. "Akello Corine." Sie wirft das Fahrrad herum und folgt mir. "Und was ist mit deiner Familie?" "Ich lebe mit meiner Großmutter und meinen Brüdern. Unsere Eltern sind an Aids gestorben." "Und andere Verwandte?" "Mein anderer Bruder wurde vor sechs Jahren von der LRA mitgenommen. Seither haben wir ihn nicht mehr gesehen." "Hast du noch andere Verwandte?" "Sie leben weit weg."
Ich habe im Lager Tausende von Mädchen wie Akello Corine gesehen. Und es gibt viele Lager in Norduganda. Sie sagt, dass sie 15 ist obwohl sie eher wie 10 aussieht und dass sie in der Hauptschule war, bis sie von der Schule verwiesen wurde, weil sie das Schulgeld nicht zahlen konnte. Ihre einzige Einkommensquelle ist das alte Fahrrad, das ihr älterer Bruder als Taxi benutzt. Das bringt etwa 1000 Schillinge am Tag, rund 0,45 Euro. Das Schulgeld beträgt 148.000 Schillinge pro Trimester.
Ich habe früher schon Schulgeld in Afrika gezahlt, doch nur für Kinder von Familien, die ich gut kenne und mit denen ich in Kontakt bleiben kann. Ich werde diesem Mädchen nicht auf der Straße ihr Schulgeld in die Hand drücken. Zorn angesichts des Leides, das ein sinnloser Krieg geschaffen hat, hat mein Herz verschlossen. Doch mir kommt eine Idee. Ich bin unlängst gebeten worden, als Treuhänder eines kleinen karitativen Verbandes für Bildung in Uganda zu fungieren, der Stipendien vergibt, und zwar an Kinder, überwiegend Mädchen, die in der Grundschule gut waren, sich aber die Hauptschule nicht leisten können. Falls Akello so gute Zensuren hatte, wie sie behauptet, würde sie dafür in Frage kommen. Vielleicht kann ich gute Fee spielen und dieses Mädchen los werden.
Ich schlage Akello vor, dass sie in meinem Notizbuch Näheres über sich, den Namen ihrer Schule und des Schulleiters und die Klasse aufschreibt. Doch so leicht komme ich nicht davon. Sie schreibt alles auf, sagt dann aber entschlossen: "Es wäre besser, wenn Sie jetzt mit mir kommen."
Ich sage ihr, dass ich in Eile bin und kein Geld habe. Ich schlage vor, dass ich dem Schulleiter eine Notiz schreibe, die sie ihm bringen kann, in der ich ihm sage, dass ich jemanden finden werde, der ihr Schulgeld zahlen könnte. Doch sie besteht darauf, dass ich mit ihr komme.
Ihre direkten Forderungen durchlöchern meine unehrlichen Antworten. Ich hasse es, in Afrika als "eine Brieftasche auf Beinen" gesehen zu werden, wie Paul Theroux es ausgedrückt hat, doch ich fühle mich schuldig, denn es war gelogen zu sagen, ich hätte kein Geld bei mir. Vor allem bin ich von ihrer Entschlossenheit beeindruckt.
Wir gehen zu der Schule, die etwa anderthalb Kilometer entfernt ist, durch ein weiteres Squatter- Lager hindurch. Die Menschen werfen uns wissende Blicke zu, als sie einen Weißen in mittleren Jahren sehen, der ein kleines Schulkind begleitet.
Akello bekümmert das nicht, sie sagt, sie wolle nichts anderes als lernen. Sie erzählt mir das schlimme Schicksal ihrer Familie. Ich werfe einen Blick auf die untätigen Menschen in dem Lager. Mädchen in ihrer Lage können nur auf zweierlei Art Geld für Schulgeld oder auch nur um zu überleben verdienen: durch Bierbrauen oder durch Prostitution.
Am Schultor werden wir von einer Wache angehalten die nicht etwa die Schule vor Angreifern schützen, sondern Dutzende Kinder fernhalten soll, die unbedingt lernen wollen. Während wir in der glühenden Sonne über das Schulgelände gehen, sehen uns viele Augen aus dunklen überfüllten Klassenzimmern an. Nur die Stimmen der Lehrer sind zu hören.
Als wir in das Büro des Schulleiters geleitet werden, läuft Akello vor und kniet mit abgewandten Augen vor seinem Schreibtisch nieder. Ihre Stimme, die so klar und stark war, als sie mit mir sprach, wird zu einem kaum hörbaren Flüstern. Dieses Mädchen ist gescheit. Es weiß, dass es, wenn es mit Weißen spricht, diesen in die Augen blicken und frei heraus reden muss. Man braucht ihnen gegenüber keine Unterwürfigkeit zu zeigen wie gegenüber den Ältesten der Acholi.
Der Leiter des Kitgum Town College ist überrascht, dass ein Weißer mit einer ausgeschlossenen Schülerin kommt. Er ist ein freundlicher junger Mann mit dem gleichen Namen wie Ugandas berühmtester Dichter Okot p' Bitek und hat die Schule vor einigen Jahren mit einigen anderen Lehrern gegründet. Sie kauften ein Stück Land am Rande der Stadt und bauten zwei einstöckige Blocks von Klassenzimmern und Schlafsälen. Das Wissenschaftslabor ist unvollendet und hat keine Ausrüstung, und es gibt keine Bibliothek. Die Schule hat 800 Schüler, davon 360 Mädchen, doch viele Mädchen scheiden vorzeitig aus, wie Bitek erklärt.
Er prüft ihre Geschichte und ihren Platz in der Klasse. Sie hatte nicht gelogen oder auch nur übertrieben. Ich frage, ob sie jemand vor Ort unterstützen könnte. Er zuckt mit den Schultern: "Es gibt Tausende wie sie. Wir können nur die hier behalten, die zahlen können."
Ich erkläre, wie wir uns getroffen und dass mich ihr Mut und ihre Entschlossenheit beeindruckt haben. Sein Gesichtsausdruck lässt erkennen, dass er meine Bewunderung nicht unbedingt teilt. Er meint, sie hätte mich nicht belästigen sollen, sie sei bereits mehrmals von der Schule verwiesen worden. Ich beschreibe die Stiftung und wie sie seiner Schule helfen könnte. Wir würden Schüler finanzieren und eine Bibliothek und ein Labor bauen. Schließlich überreiche ich ihm einen 100-Dollar-Schein: Schulgeld für mehr als ein Trimester.
Den Ausdruck auf Akellos Gesicht kann ich nicht beschreiben. Kein Lotteriegewinner macht eine solche Wandlung durch. Plötzlich ist ihr Name im Buch des Lebens geschrieben. 40 Millionen afrikanische Kinder gehen nicht zur Schule, steht im letztjährigen Bericht der Kommission für Afrika. Eines ist nun gerettet vor einem Leben reinen Überlebens in einem Meer erdrückender Armut, dank einer glücklichen Fügung und einer verzweifelten Entschlossenheit. Sie ließ nicht locker von dem Augenblick an, als sie mich ansprach. Mein Zorn und meine gedrückte Stimmung machen sogleich einem Gefühl der Freude Platz. Ich habe gute Fee gespielt. Es scheint so leicht.
Jahrelang hatte ich den Gedanken, wenn ich Afrika etwas geben könnte, dann Ausbildung für Mädchen. Das wäre ein Geschenk, das sich vervielfältigt. Wenn Frauen ausgebildet sind und lesen und schreiben können, beginnt die Ausbildung für die nächste Generation, bevor sie zur Schule geht.
Nach meiner Rückkehr nach London Anfang März sende ich Caroline, der Leiterin der Stiftung in Kampala, eine Email: "Es war eine außergewöhnliche Erfahrung für mich, dieses Mädchen auf der Straße zu treffen, seine Angaben zu prüfen und dann zu erkennen, dass ich die Macht hatte, sein Leben völlig zu ändern. Ich engagiere mich in der Regel nicht, außer wenn ich jemanden gut kenne, und ich werde wegen Afrika nicht sentimental, doch alle ihre Angaben trafen zu, und sie scheint genau die Art von Mädchen zu sein, die wir erreichen wollen. Es war ein bewegendes Gefühl, ihre Reaktion zu sehen, als sie erkannte, dass dies der glücklichste Tag ihres Lebens war."
Caroline nimmt Akello daraufhin in die Liste der Stipendiaten auf, warnt aber, dass, wenn Akellos Eltern an Aids gestorben sind, auch sie HIV-positiv sein könnte. Dann um mich an die grundlegenden Existenzprobleme in Afrika zu erinnern fügt sie beiläufig hinzu: "Ich musste die letzte Email vor der Stromabschaltung senden und habe sie verloren. Da der Wasserstand im Victoria-See so niedrig ist, haben wir jetzt Stromausfälle von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends."
Uganda gehört angeblich zu den besser gestellten Ländern Afrikas, doch aufgrund der Dürre und der Tatsache, dass dem Victoria-See Wasser entnommen wird, liefert das Kraftwerk in Jinja nur zwei Drittel des Energiebedarfs des Landes.
Bildungsarbeit in Afrika ist nicht so leicht, wie es scheint. Trotz des großen Bildungshungers wird der Kontinent das Millenniumsentwicklungsziel von allgemeiner Grundausbildung bis 2015 nicht erreichen. Es braucht nicht viel, um in Afrika eine Grundschule zu bauen, doch die einzigen Institutionen, die Menschen vor Ort für den Bau einer Schule in einem Dorf organisieren können, sind die Kirchen. Auf Ortsebene besteht häufig ein beunruhigender Mangel an Initiative. Die Menschen warten einfach, bis ein Außenstehender Schulen, Kliniken oder Straßen bringt. Doch in Uganda hat die Regierung Tausende von neuen Grundschulen gebaut, und kirchliche Schulen werden immer noch von der Regierung beaufsichtigt und beliefert, und diese bezahlt auch die Lehrer der größte Kostenpunkt im Bildungsbereich.
Ich habe noch nie von einem afrikanischen Kind gehört, das nicht zur Schule gehen will. Doch Kinder haben Aufgaben in ihrer Familie sie müssen das Feld umgraben, ernten, Vieh bewachen, und Mädchen müssen ihre jüngeren Geschwister beaufsichtigen. In einigen Familien sind diese Aufgaben wichtiger als die Schule, obwohl der Grundschulbesuch in Uganda seit 1997 kostenlos ist. Schulen sind überfüllt, Kinder müssen kilometerweit laufen und bekommen häufig den ganzen Tag nichts zu essen und zu trinken. Ein weiteres Problem ist, dass der Unterricht auf Englisch stattfindet in Uganda werden mindestens 30 Sprachen gesprochen. Kindern fällt es schwer, in einer Fremdsprache oder rein mechanisch zu lernen. Häufig werden sie geschlagen, wenn sie die falsche Antwort geben. Viele scheiden vorzeitig aus, vor allem Mädchen. Nur die Hälfte der ugandischen Kinder beendet die Grundschule, und nur ein Viertel geht dann auf die teure Sekundarschule, die nur etwa vier Prozent aller Schüler abschließen.
Selbst wenn Kinder die Schule abschließen, bleiben Probleme bestehen. Die meisten Menschen in Uganda leben noch auf dem Land, doch wie anderswo in Afrika ist die Schule ein Weg, vom Land in die Stadt zu kommen und zu einem Arbeitsplatz mit Anzug, Krawatte und Schreibtisch. Doch solche Arbeitsplätze sind selten, und die meisten Schulabgänger driften in die Städte und machen Gelegenheitsarbeiten oder lungern untätig herum. Ohne Geld ins Dorf zurückzukehren, wäre eine Schande. Ausbildung integriert nicht alte und neue Wege, sondern vertieft die Spaltungen.
Im ländlichen Afrika bleibt die Eisenzeit intakt, doch das Industriezeitalter ist durch das Kommunikationszeitalter übersprungen worden. Menschen tragen immer noch Wasser auf dem Kopf von Quellen, die kilometerweit von ihren Häusern entfernt sind, doch Mobiltelefone und das Internet sind überallhin vorgedrungen. Eine Woche nach meiner Rückkehr nach London erhalte ich von Akello eine Email aus einem Internet-Café in Kitgum. Ich zitiere wörtlich:
"Ich möchte dem allmächtigen Gott meinen Dank für seine Führung von uns allen aussprechen. Wie geht es Ihnen dort drüben? Hier in Uganda geht es so. Ich möchte Ihnen danken für das, was Sie für mich getan haben, und ich glaube, dass ich jetzt zur Schule gehen werde, da Ihre gesegnete Hand mich berührt hat. Richard, ich persönlich habe viele Probleme, so dass ich nicht tun kann, was Sie von mir erwarten, z. B. ein Konto mit etwas Geld eröffnen. Da die Verbindung zwischen uns schlecht ist und unser Schulleiter mir nicht sagen konnte, was Sie ihm sagen.
Deshalb, wenn Sie können, senden Sie mir etwas
Geld, um ein Konto zu eröffnen, für das ich
20.000 ugandische Schillinge benötige, wenn
möglich kaufen sie mir auch ein Telefon zur
leichten Kommunikation zwischen uns. Wie ich
Ihnen gesagt habe, habe ich einen Bruder, und
er hat seine Studien letztes Jahr wegen finanzieller
Probleme aufgegeben. Er ist der, der jetzt
für mich Verantwortung übernimmt, obwohl er
sehr wenig verdient. Deshalb appelliere ich auch
an Sie, wenn Sie ihm helfen oder ihn mit jemandem
wie Sie in Verbindung bringen können,
würden wir sehr dankbar sein. Der Schulleiter
von Kitgum Town College ist nicht tüchtig. Schlimmer
noch, er hat mir nichts von dem gegeben,
was Sie für mich da gelassen haben. Er hat mich
auch nicht den Brief lesen lassen, den Sie mir geschickt
haben. Sie können diese Email-Anschrift
benutzen, wenn Sie etwas schicken wollen.
Bitte antworten Sie mir bald.
Gott segne Sie.
Hochachtungsvoll
Akello Corine."
Die Bitte um Geld für ihren Bruder lässt mich kalt. Es ist menschlich durchaus verständlich, dass sie versucht, für ihn zu bekommen, was sie für sich selbst erhalten hat. Ich schreibe ihr, dass ich erst den weiteren Verlauf der Dinge bei ihr abwarten wolle, bevor ich etwas für ihren Bruder tun würde, und frage, ob sie mehr Geld für Essen, Bücher und die Uniform braucht. Ich sage ihr, dass ich Herrn Bitek gebeten habe, ihr zu geben, was von den 100 US-Dollar übrig ist. Ich sage ihr auch, dass Bitek einen Besuch von Vertretern der Stiftung erhalten wird, um über sie und die Schule Nachforschungen anzustellen. Einige Tage später erhalte ich diese Email:
"Kitgum Town College als Ihr großer Freund in Uganda ist so dankbar für Ihren Beitrag zur Unterstützung der Ausbildung der verwundbaren Mädchen, insbesondere in dieser kriegszerrütteten Subregion Acholi. Hier ist die Liste der ausgewählten Mädchen, die Ihre Unterstützung benötigen."
Es folgt eine Liste von 20 Mädchennamen. Die Email ist von Herrn Bitek unterzeichnet. Sein Schreiben lässt Zweifel an der Fähigkeit der Schule aufkommen, richtiges Englisch zu lehren. Ich antworte ihm, dass die Stiftung die Auswahl vornehmen wird, nicht die Schule. Wir sind gewarnt worden, wenn wir das den Schulen überlassen, werden die Kinder der Lehrer alle eine kostenlose Ausbildung erhalten. Ich rufe ihn auf seinem Mobiltelefon an, um die gleichen Punkte vorzubringen. Er erwidert:
"Lieber Richard Dowden,
ich habe Ihre beiden Botschaften erhalten,
konnte aber wegen unzuverlässiger Stromversorgung
in unserem Distrikt nicht sofort
antworten. Doch ich bin so dankbar für das
Vertrauen, dass Sie in unsere Schule gesetzt haben.
Ja, Sie sind ein großer Freund von Kitgum
Town College geworden. Akello Corine ist wieder
in der Schule, und wir werden alles Mögliche
tun, damit sie lernt, wie Sie versprochen haben.
Worum Sie gebeten haben, das habe ich ihr gegeben.
Denken Sie daran, dass ich die Namen
der zwanzig Mädchen geschickt habe, doch Sie
können jetzt auswählen, da wir uns telefonisch
verständigt haben, auf zehn zu reduzieren. Gott
segne Sie."
Einige Tage später teilt Akello mir in einer Email mit, dass sie das Geld nicht erhalten hat, und sie kommt erneut auf ihren Bruder zurück:
"Richard, mein Bruder heißt Ochola James, er ist 17 Jahre alt und war Schüler in der 4. Oberklasse, doch leider hat er wegen finanzieller Probleme die Prüfung nicht gemacht. Das wurde noch verschlimmert durch den Tod unserer Eltern im Jahre 2000, so dass drei von uns von Verwandten übernommen wurden, nämlich Ochola James, Akello Corine und unser Letztgeborener Odong Phillips in der fünften Primärstufe. Obwohl er jung ist, kann er wegen obiger Probleme keine Ausbildung erhalten. Ich will ihn nicht loben, doch er ist ein guter Mensch, gottesfürchtig und liebenswert, deshalb bringt er normalerweise unsere Probleme dem Kirchenältesten vor. Ich glaube Gottes Barmherzigkeit arbeitet durch Sie. Wenn es möglich ist, sorgen Sie dafür, dass er dieses Jahr seine Prüfung machen kann, der letzte Termin für die Anmeldung ist der 30. 3. 2006, er benötigt 8000 ugandische Schillinge für 10 Fächer und Schulgeld."
Kurz darauf teilt mir Akello in einer weiteren Email betrübt mit, dass Bitek ihr das Geld immer noch nicht gegeben hat, das sie für Röcke, Polohemden, Schuhe, eine Bibel, Bücher und Schreibzeug braucht. Da ich das Geld nicht über die Western Union schicken möchte die nimmt 24 Prozent Gebühren bei 50 britischen Pfund , frage ich sie, ob es eine andere Möglichkeit gibt, ihr das Geld zukommen zu lassen. Bitek bitte ich erneut, ihr das Geld und, was sie sonst noch braucht, zu geben, und verspreche, ihm dies zu erstatten. Eine Woche später schreibt Akello, dass Bitek ihr das Geld immer noch nicht geben will und ihr mit einem Verweis von der Schule droht.
Sagt sie die Wahrheit? Oder versucht sie, mehr Geld von mir zu bekommen, damit ihr Bruder wieder zur Schule gehen kann? Wem soll ich glauben? Ich weiß aus eigener Erfahrung als Lehrer in Uganda, dass der Lehrberuf so ziemlich das Letzte ist, was ein Schulabgänger anstrebt. Er wird schlecht bezahlt, und nach der Ausbildung werden Lehrer häufig vom Bildungsministerium in ländliche Gebiete weit weg von Freunden und Familie geschickt. Männliche Lehrer haben bei weiblichen Schülern keinen guten Ruf. In Schulen gibt es HIV-Aids-Poster, auf denen Mädchen davor gewarnt werden, zu Häusern von Lehrern zu gehen, die Sonderunterricht anbieten. Als ich in Uganda unterrichtete, war es so, dass ein schwanger gewordenes Mädchen die Schule zu verlassen hatte, nicht jedoch der Lehrer, der sie geschwängert hatte.
Das Kitgum Town College macht jedoch einen gut organisierten und seriösen Eindruck, und die Lehrer scheinen sehr motiviert zu sein. Doch was halten sie von mir? Ein weißer Mann kommt aus dem Nichts in ihre Schule mit einer ehemaligen Schülerin, übergibt Dollars und bietet eine Bibliothek und ein Wissenschaftslabor an. Dann verschwindet er wieder. Warum sollten sie glauben, was ich sage? Und welche Motive habe ich überhaupt, dieses fremde Mädchen zu unterstützen?
Ich rufe die Schule an, doch gibt es keine Antwort, deshalb sende ich eine weitere Email an Bitek. Ich sage offen heraus, welche Vorteile es für die Schule hat, wenn sie sich um Akello kümmert. Am 11 . April erhalte ich dann eine Email von Owot Fred, einem Direktor des College. Er sagt, er habe Akellos Fall gemeinsam mit dem Schulleiter verfolgt, und sie scheine jetzt verschwunden zu sein. Die Lehrer "vermuten, dass sie mit einem Mann weggelaufen ist".
Ich verlasse mich auf Akellos Ehrlichkeit und schreibe zurück, dass Akello nicht verschwunden sei, sondern aufgrund fehlender Finanzmittel die Schule zu verlassen gezwungen gewesen sei. Ich bitte ihn, sie zu finden und wieder in die Schule aufzunehmen und ihr zu geben, was sie benötigt, bis die Stiftung ihr weitere Mittel übergeben könne.
Doch da ist noch ein Problem. Owot erwidert, dass Akellos Bruder zur Schule gekommen sei, um ihre Habe abzuholen. Dieser habe ihm mitgeteilt, dass ihre Großmutter gestorben sei und dass Akello psychische Probleme entwickelt habe. Sie habe in einer anderen Stadt behandelt werden müssen. Owot verspricht, mich auf dem Laufenden zu halten. Bald darauf setzt sich Ochola James mit mir in Verbindung und sagt, Akello habe darum gebeten. "Seither halten wir sie zu Hause unter Kontrolle, denn sie könnte weglaufen, wenn wir nicht aufpassen, doch jetzt ist ihr Zustand schlimmer. Das fing einige Tage nach dem Tod unserer Großmutter im letzten Monat an. Wir beten zu Gott, dass er ihr in ihrer Krankheit hilft."
Wieder die Fragen: Gibt es Ochola James wirklich, oder hat jemand Akellos Email gelesen und versucht nun, aus mir Geld herauszupressen? Ich schicke eine Email und frage, was die Ärzte genau gesagt haben und welche Medizin erforderlich ist. In einer weiteren Botschaft erfahre ich, dass sie zu einem Krankenhaus gebracht, jedoch abgewiesen wurde, weil sie kein Geld hatte. Dann kommt eine Botschaft von Owot. Er teilt mir mit, dass er Akello gefunden habe, die ihm mitgeteilt habe, sie leide nach dem Tod ihrer Großmutter unter psychischen Problemen und sei zu einem Medizinmann gebracht worden. Sie wolle im Mai zur Schule zurückkehren, und Owot sagte mir zu, dass er sie mit Geld versorgen und sie mit Rat begleiten werde.
Der Medizinmann macht mir Sorge. Bestenfalls würde er Schnitte in Akellos Kopf vornehmen und irgendeine Flüssigkeit einreiben. Schlimmstenfalls würde sie allen möglichen unsäglichen Riten unterworfen. Doch wenigstens hat jemand sie gesehen und versucht, sich um sie zu kümmern. Diese Erleichterung erhält jedoch erneut einen Dämpfer durch Akellos nächste Botschaft. Sie sagt, sie sei immer noch krank und müsse über 300 Kilometer weit reisen, um Arzneimittel zu bekommen. Mit knirschenden Zähnen telefoniere ich bei der Western Union und schicke 50 britische Pfund. Diese hat ein einfaches Code-System, um den Empfänger zu identifizieren: Man stellt eine geheime Frage und gibt ihr und der Person, die das Geld abholt, die Antwort.
Drei Tage später erhalte ich eine Email von Akellos Bruder:
"Ich habe das Geld abgeholt, das Sie geschickt haben, doch ich musste lange darum kämpfen, denn sie erkannten meinen Ausweis nicht an. Was Akello Corine angeht, hat sie ein geistiges Problem Phsiotheraphie , wie der Arzt uns sagte, und sie sollte zweimal täglich eine Medizin einnehmen, die teuer war und jeweils 5000 Schillinge kostete und die sie vier Monate lang einnehmen sollte. Ihr Zustand ist noch nicht sehr gut, sie redet mit sich selbst, weint und läuft von zu Hause weg."
Eine nichtstaatliche Organisation, die ich gebeten hatte, Akello zu finden, weil ich mir ein richtiges Bild von der Situation machen wollte, teilt mir im Juni mit, dass Akello im dritten Monat schwanger sei und mit ihrem Freund in einem Flüchtlingslager lebe, nachdem sie die Teilnahme an Prüfungen in der Schule abgelehnt und diese verlassen habe.
Ich leite diese Botschaft sofort an Akello weiter. Ochola antwortet einige Tage später und entschuldigt sich, dass er wegen "Rebellenumtrieben" einige Tage nicht ins Internet-Café gehen konnte.
"Jetzt befürchte ich, dass die falsche Botschaft Sie entmutigen könnte, ihr bei ihrem Problem zu helfen, und wenn ich es ihr sage, könnte sie die Hoffnung in sich selbst verlieren, denn niemand wird ihr helfen, da das Geld, das Sie geschickt haben, ihr geholfen hat, mit der Dosis zu beginnen, und sie hofft auf weitere Unterstützung von Ihnen, um mehr Arzneimittel zu bekommen."
Ochola sagt, die Geschichte von der Schwangerschaft sei von der Schule erfunden worden, damit ich Akello fallen lasse und die Schülerliste der Schule übernehme. Er meint sogar, die Liste sei wahrscheinlich erfunden, und das Geld würde für andere Zwecke benutzt. Und spricht von "ugandischen Eifersüchteleien".
Ich bitte Caroline auch wenn mir klar ist, dass wir die Wahrheit vielleicht nie erfahren werden , das Ganze zu prüfen: "Sie machte auf mich den Eindruck großer Entschlossenheit und Direktheit, und was sie sagte, wurde in allen Punkten vom Schulleiter bestätigt. Deshalb vertraute ich ihr. Vertraue ich ihrem Bruder? Vertraue ich dem Schulleiter? Jemand lügt hier."
Dann kommt erneut eine Email von Akello:
"Gott sei Dank habe ich diese Chance, mit Ihnen zu sprechen. Hoffentlich geht es Ihnen gut. Dies ist es, was mir fehlt, und laut Krankenhausbericht bin ich immer noch nicht in Ordnung."
Es folgt die Krankenhausdiagnose und -behandlung. Sie stammt vom 12. März und besagt, dass ihre Krankheit mit einem plötzlichen Anfall zwei Tage zuvor begann. Der Arzt hatte Epilepsie und Malaria diagnostiziert. Die Probleme hatten viel früher angefangen, als ich glaubte. Der Arzt verwies sie zur Nachbehandlung, und sie ging zum staatlichen Krankenhaus in Kitgum. Da sie kein Geld hatte ich hätte früher etwas schicken sollen , wurde sie entlassen und fuhr über 350 Kilometer weit nach Masindi zu einem traditionellen Heiler. Die Botschaft endete: "NB: Bitte, bin nicht schwanger, wie jemand Ihnen gesagt hat, aber krank."
Warum war sie zu einem traditionellen Heiler nach Masindi gefahren, wenn es viele gab, die viel näher waren? Anfang Juli kommt eine Gelegenheit, mehr zu erfahren. Josephine, eine Mitarbeiterin der Stiftung, besucht Kitgum. Ich schicke ihr alle Informationen und bitte sie um einen Bericht. Ich bin ziemlich sicher, dass Akello die Wahrheit gesagt hat, doch es bleiben viele unbeantwortete Fragen.
Am 6. Juli werde ich gebeten, ein Mobiltelefon in Uganda anzurufen. Es ist Josephine; sie sagt mir, sie habe Akello gesehen, und diese sei schwanger. Ochola James sei nicht ihr Bruder, sondern der Vater des Kindes, und sie lebten im Lager zusammen.
Meine erste Reaktion ist Zorn über meine Demütigung. Ich hatte ihr geglaubt, und ich hatte mich getäuscht. Jetzt muss ich mich bei der Schule entschuldigen, weil ich deren Angaben in Zweifel gezogen hatte. Doch auch ich habe sie belogen, und verglichen mit der Alles-oder-nichts-Welt, in der Akello lebt, hat meine Demütigung wenig Bedeutung.
Am gleichen Abend erhalte ich eine Email von Akello:
"Lieber Richard, ich bin wirklich von meinem
Problem befreit. Doch ich muss Ihnen sagen,
dass ich meines Förderers nicht wert bin. Ich und
James planten, Josephine zu treffen, weil wir ihr
das Richtige sagen wollten. Ich hatte Angst, Ihnen
die Wahrheit zu sagen, da ich befürchtete,
dass Sie mich aufgeben würden, weil ich Sie belogen
habe. Bitte vergeben Sie mir. Ich habe Josephine
jetzt die Wahrheit gesagt, und sie wird Ihnen
alles mitteilen. Vergeben Sie mir und James,
und suchen Sie einen Weg, wie Sie mir und James
helfen können.
Gott segne Sie."
Es kam auch eine Email von Caroline:
"Sie hat Sie vom ersten Tag an belogen, doch das heißt nicht, dass sie ein schlechtes Mädchen ist. Sie probt Verschiedenes aus, um zu überleben; dazu gehört auch, dass man lügt und einen Freund hat (dem sie möglicherweise mehr hilft als er ihr). Das passiert überall in Uganda. Dies ist eine Geschichte des Heranwachsens, und wie schwer es ist, Mädchen zu helfen. Josephine war traurig, aber nicht empört. Akello ist für eine Schwangerschaft sehr jung, obwohl frühe Schwangerschaften in Uganda nicht selten sind. Josephine möchte, dass wir ihr noch eine Chance geben, wenn das Baby geboren ist. Das könnte schwer für sie werden, da niemand da ist, um sich um das Baby zu kümmern. Auch ist die Schule schwer und langweilig und keine Garantie für künftigen Wohlstand, deshalb könnte sich Akello dafür entscheiden, Ehefrau und Mutter zu sein."
Akello hat noch eine Chance, wenn sie diese nutzen kann, und das kommt in Afrika nicht häufig vor. Vielleicht kann man sagen, dass Afrika durch die letztjährige Verpflichtung der G8 zum Schuldenerlass, zur Verdoppelung der Hilfe und zu etlichen anderen Maßnahmen eine weitere Chance erhalten hat. Doch nur wenn man an einem Ort wie Kitgum die Straße hinuntergeht und zu helfen versucht, erkennt man, wie hart am Rande die Menschen dort leben. Und auch, wie zäh die Menschen sind. Akello wird sicher einen Weg finden, um zur Schule zurückzukehren. Und dieses Mal wird sie diese Chance nutzen. Oder?
aus: der überblick 04/2006, Seite 6
AUTOR(EN):
Richard Dowden
Richard Dowden ist Direktor der "Londoner Royal African Society".
Richard Dowden hat
Uganda Anfang der siebziger Jahre als Lehrer kennen gelernt. Später hat er 20
Jahre als Journalist über Afrika berichtet, u.a. für "The Economist". Derzeit
ist er Direktor der Londoner "Royal African Society".
Ein selbstbewusstes
ugandisches Mädchen, das ihn überredete, sein Schulgeld zu übernehmen, hat
den erfahrenen Beobachter eine Menge darüber gelehrt, welche Fähigkeiten
jemand ausbildet, der unbedingt Geld braucht.
Dieser Text erschien erstmals im Magazin "Prospect",
Ausgabe August 2006.
(www.prospect-magazine.co.uk)