Lieber Gott, mach mich fromm …
von Eberhard le Coutre
4. Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.
5. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
20. Wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der HERR, unser Gott, geboten hat?,
21. so sollst du zu deinem Sohn sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der HERR führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand ...
Aus: 5. Mose, 6. Kapitel
Nach den Erfahrungen der Menschen fängt das religiöse Leben im Allgemeinen in der Kindheit an und mit Fragen, die von den Kindern gestellt werden. Für den diesjährigen 30. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hannover wurde daher aus guten Gründen mit dem Leitwort »Wenn dein Kind dich morgen fragt ...» (nach 5. Mose 6,20) eine Richtungsanzeige gewählt, die betont, wie wichtig es ist, mit den nachwachsenden Generationen rechtzeitig über die Ursprünge des Glaubens und über zukunftsfähige Hoffnungen zu reden. Es war und bleibt vor allem Sache der Eltern, dafür zu sorgen, dass und wie solches geschieht. Weil das in der Überschrift angefangene Kindergebet noch immer weit verbreitet zu sein scheint, ist auch noch vielen bekannt, wie es vollständig lautet, nämlich so: Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Amen.
Bei genauerer Betrachtung ist dieses Gebet allerdings keineswegs so einfältig, wie es klingt. Dazu ein paar Anmerkungen. Der, zu dem die Beter beten, ist selbst der, der Gebete überhaupt erst ermöglicht. Fromm werden, zum Glauben kommen, das ist also etwas, worum man beten kann, nichts was gefordert wird und was aus eigener Kraft geleistet werden muss. Das ist eine starke Entlastung für Religiositätsneurotiker, man muss nicht mit Angst auf nicht Erreichtes starren, sondern kann ergreifen und annehmen, was für mich schon geregelt ist.
Hier wird allerdings auch ein Widerspruch sichtbar: Ich wurde als Kind gelehrt, zu beten und will es darum auch immer wieder, aber inzwischen weiß ich, dass ich etwas will, was ich eigentlich gar nicht kann, sondern was nur geschieht, indem es mir zuteil wird. Dieser Widerspruch, der die Annäherung zwischen Gott und den Menschen begleitet, oder wie Theologen und Philosophen sagen diese Dialektik durchzieht die ganze jüdisch-christliche Glaubensgeschichte. Ein Vater, der sein krankes Kind mit der Bitte um Heilung zu Jesus brachte, schrie: »Ich glaube, hilf meinem Unglauben« (Markus 9,24). Und Paulus schreibt: »... wir wissen nicht, was wir beten sollen ...; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen« (Römerbrief 8,26). Dieser Widerspruch kann kreativ verarbeitet werden, denn wer als Kind naiv zu beten gelernt hat, dem wurde damit zugleich die Chance vermittelt, sich als Erwachsener aus kritischer Rückschau mit der kindlichen Einfalt zu befassen und das positive Potential der Spannung zwischen Naivität und Intellektualität zu entdecken. Wer in frühen Jahren den großen weiten Horizont an Bildern und Geschichten kennen gelernt hat, in denen Gott und die Welt, das Wissen und das Ahnen von Leben, Leiden und Sterben, Schöpfung und Ewigkeit ausgebreitet wird, kann es als Erwachsener einmal leichter haben, mit Hoffnung und Zuversicht zu leben.
Kirchentagsmotto 2005: »Wenn dein Kind dich morgen fragt ...«. Um die Reichweite dieses zunächst einmal konkret nichts sagenden Anfangs eines noch nicht vollständigen Satzes zu verstehen, müssen ein paar Erläuterungen skizziert werden. Das Fünfte Buch Mose (Deuteronomium) ist in weiten Teilen aufgebaut als eine Abfolge von Lehrpredigten, die Mose dem Volk gehalten hat, wir könnten auch von Denkschriften oder Hirtenbriefen reden. Inhaltlich ging es sowohl um das politische Leben und um Rechtsfragen in einer multikulturellen Umwelt als auch um Reformen und Begründungen von Neuansätzen für das kultische Leben angesichts einer religiös polytheistisch geprägten Umgebung.
Das wird konkret durch den Blick auf einige Schwerpunkte. »Höre, Israel ...«, hebräisch »Sch´ma Israel ...«, so beginnt einer der wichtigsten Sätze der ganzen Bibel. »Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein« (5. Mose 6,4) das ist der zentrale Satz über den Monotheismus, also Glauben und Anbetung für nur den einen Gott. Dieser Satz und der folgende Vers 5 bilden das grundlegende Bekenntnis des jüdischen Glaubens, sie werden in den Synagogen und im jüdischen Leben bis heute immer wieder und überall meditiert und gebetet. Das Sch´ma Israel gehört zu den ersten Texten der Bibel, die jüdische Kinder bis heute überall in der Welt in Hebräisch auswendig lernen. In den drei synoptischen (d. h. in großen Teilen weitgehend übereinstimmenden) Evangelien Matthäus, Markus und Lukas stellt Jesus in Gesprächen darüber, welches das höchste Gebot sei, einen festen Zusammenhang her zwischen dem Sch´ma Israel und dem Gebot der Nächstenliebe aus dem 3. Buch Mose (19,18) »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der Herr». Das alles sind überlieferte jüdische Texte. Jesus und die ihm folgten, haben die Gebote über Gottesliebe und Nächstenliebe vorgefunden, und nicht was oft und lange genug behauptet wurde sozusagen als Gegenprogramm oder Ergänzung zu sogenannter alttestamentlicher Gesetzesfrömmigkeit selbst in die Welt gebracht.
Es genügt allerdings nicht, nur dogmatisch richtige Sätze an die Kinder weiterzugeben. Die offen formulierte Kirchentagslosung weist deshalb noch auf einen anderen Aspekt hin, der für Juden wie für Christen unaufgebbar wichtig geworden ist. Wer überzeugende Antworten geben will, wenn die Kinder nach Gott fragen, muss auch erzählen können, was einzelne Menschen und was das ganze Volk mit diesem Gott erlebt hat. Diese beiden Elemente Glaubenszeugnis und Glaubenserfahrung sind es, durch die Juden wie Christen ihre Zugehörigkeit zu dem einen Gott zum Ausdruck bringen. Über Details und was sie jeweils heute bedeuten, darüber kann und darf kontrovers diskutiert werden, sowohl innerhalb der Glaubens- und Religionsgemeinschaften als auch zwischen ihren jeweiligen Angehörigen und Vertretern.
Riskieren wir also ein paar Betrachtungen darüber, was wir mit Gott und der Welt so alles erlebt haben, wir, die Christen und Kirchen in Deutschland in den hinter uns liegenden 60 Jahren, in der Zeit seit dem Ende des zweiten Weltkrieges. Zwischen 1933 und 1945 konnte man durch die hierzulande bestehenden Bildungsinstitutionen, einschließlich die der Kirchen, kaum was Vernünftiges darüber erfahren, wie Deutschlands Position in der Staaten- und Völkergemeinschaft einigermaßen realistisch einzuschätzen wäre und wie die Welt außerhalb Deutschlands vorurteilslos zu beurteilen sei. Und wenn überhaupt mal eine kritische Sicht jemanden erreichte, dann allenfalls in Ausnahmesituationen, hinter der vorgehaltenen Hand und nur so, dass zugleich immer auch deutlich wurde, darüber spricht man nicht offen, am besten überhaupt nicht.
Die Kirchen in unserem Lande haben in den ersten Jahren nach dem Kriege wertvolle und persönlich hilfreiche Impulse zur Neuorientierung vermittelt, vor allem weil sie schnell begonnen hatten, verschüttete ökumenische Kontakte wieder zu aktivieren und neue anzubahnen. So entstanden Möglichkeiten für Dialog und Austausch, die von vielen dankbar aufgegriffen und umgesetzt wurden. Man suchte den Kontakt zu den Kirchen und ihrer Botschaft, weil man sich dazu genötigt und motiviert sah, neu nach sich selbst zu fragen. Das theologische Binnenklima jener Jahre war bestimmt durch eine kreative Spannung zwischen einerseits mildem, aber vitalem Pietismus für das Gemüt und andererseits großer Offenheit für die historisch-kritische Erforschung der biblischen Schriften, welche die bis zum Kriegsende pädagogisch unterdrückten Bedürfnisse nach Entfaltung kritischer Intelligenz zu befriedigen vermochte. Gut zu beobachten war diese Grundorientierung zum Beispiel in den Studentengemeinden, bei Evangelischen Akademien, Kirchentagen oder beim Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt.
Das Schlagwort der ersten Jahre nach dem Krieg war »Wiederaufbau«. Für die Kirchen ging es dabei außer Angeboten zum Verständnis der eigenen Existenz und ihrer je besonderen Individualität um ein neues Verstehen von Zuwendung zur Welt, Welt sowohl geographisch, als auch im Sinne von säkularisiert verstanden. Wichtig war von Anfang an, dass damit ein neues Verständnis des persönlichen Christseins einhergehen musste. Ökumenisch zunehmend bedeutsam wurde in diesem Zusammenhang die Diskussion über Selbstverständnis und Rolle der Laien sowie ihre Beteiligung an Führungs- und Entscheidungsfunktionen in den Kirchen. Was die Kirchen, beispielsweise in Mission und Diakonie für die Welt tun können, hängt entscheidend davon ab, ob und wie es ihnen gelingt, Laien dafür zu gewinnen, ihr säkulares Lebens so zu führen, dass ihr Christsein dabei eine erkennbare Rolle spielt.
Die ersten bedeutenden Manifestationen eines neuen geografischen Weltverständnisses in den deutschen evangelischen Kirchen waren Aufrufe an ihre Mitglieder. Zuerst, im Juli 1959, der Aufruf zur 1. Aktion »Brot für die Welt« (BfdW) und ein Jahr später, im November 1960, die Gründung des evangelischen Entwicklungsdienstes »Dienste in Übersee« (DÜ), der sich erklärtermaßen als ökumenisch orientierte Laienbewegung verstand und darstellte.
Bei einer Rückschau auf BfdW und DÜ unter dem Aspekt »Wenn dein Kind dich morgen fragt ...« muss u. a. an heute kaum noch nachvollziehbare Details erinnert werden, die geeignet sind, die damals vorherrschende Aufbruchsstimmung zu charakterisieren. Zunächst ein heute wohl eher befremdlich klingendes Zitat aus dem Brief, mit dem die Bischöfe Dr. Dibelius für die EKD und Dr. Wunderlich für die evangelischen Freikirchen im Januar 1961 den Kirchen in Übersee das neue Programm »Dienste in Übersee« vorstellten, heute befremdlich, weil Dankbarkeit und Hilfe als bestimmende Motivationen genannt werden, wo später von »Mitwirkung im Entwicklungsprozess« geredet wurde:
In den Jahren des Hungers und der Flüchtlingsnot nach dem zweiten Weltkrieg haben gerade auch wir evangelischen Christen in Deutschland sehr viel Liebe und Hilfe von unseren Bruderkirchen in aller Welt erfahren...
Heute hört man in Deutschland viel von den schweren Problemen in Afrika und Asien. In Verfolg der Aktion »Brot für die Welt« haben nicht wenige junge Christen den Wunsch, durch ihre persönliche Arbeit dort mitzuhelfen, um auf diese Weise einen bescheidenen Dank abzustatten für die Hilfe, die wir selbst empfangen haben. Es handelt sich nicht um Missionare in bisherigen Sinn des Wortes, sondern um Fachleute aus den verschiedenen Berufen: Techniker, Ärzte, Landwirte, Lehrer, Dozenten, Handwerker, Kaufleute. Sie möchten ihren Dienst als Laien tun mit den Kenntnissen, die sie sich in ihrem eigenen Beruf erworben haben.
Ein weiteres Beispiel, das aufmerken lässt und das nach über vierzig Jahren nachdenklich stimmt: Im April 1961 wurde im Haus am Schüberg bei Hamburg der erste dreiwöchige Vorbereitungskurs von Dienste in Übersee für 16 Fachkräfte gehalten. An vier Tagen in jeder Woche begann die Arbeit des Tages mit Bibelarbeiten, Auslegung und anschließende Aussprache. Das war damals nicht außergewöhnlich. Bemerkenswert bleibt außerdem, dass bei diesem ersten Kurs in einer Woche die Bibelarbeiten von dem Lübecker Bischof Heinrich Meyer und in einer weiteren Woche vom Hamburger Bischof Karl Witte gehalten wurden. Das ist heute eine kaum nachvollziehbare Erfahrung: Bischöfe nehmen sich drei- bis viermal in der Woche einschließlich An- und Abreise einen ganzen Vormittag lang Zeit (die Stunden zur Vorbereitung noch gar nicht mitgezählt), um mit jungen Leuten, die sich darauf vorbereiten, als Fachkräfte in Übersee tätig zu werden, die Bibel zu lesen. Die Frage liegt auf der Hand: Haben Bischöfinnen und Bischöfe heute so viel wirklich Wichtigeres zu tun, als mit jungen Leuten über neue Aufgaben zu reden?
Ein wichtiger Neuanfang für die Kirchen kam im Jahre 1968. Bei der Jahrestagung der EKD-Synode in Berlin-Spandau im Herbst 1968 reagierten die evangelischen Kirchen in Deutschland außerordentlich schnell auf konkrete Empfehlungen der nur wenige Monate zurückliegenden 4. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Uppsala. Die Mitgliedskirchen des ÖRK wurden gebeten, sich selbst mit ihren eigenen Haushaltsmitteln für Entwicklungsaufgaben der Kirchen in den armen Ländern zu engagieren. Die EKD-Synode in Spandau 1968 fasste schnell überzeugende Beschlüsse. Insbesondere die Aufforderung an die Mitgliedskirchen der EKD, mindestens zwei Prozent ihrer Haushaltsmittel für kirchliche Entwicklungsaufgaben in Übersee zur Verfügung zu stellen, diesen Anteil aber auch möglichst schnell auf fünf Prozent zu steigern, fand große Aufmerksamkeit und wurde (wenn auch nie bis 5 %) umgehend wirksam.
Keine Frage, die Neuansätze für das ökumenische Engagement in Entwicklungfragen, die sich in der EKD aus den Spandauer Beschlüssen im Laufe der Zeit ergeben hatten, waren epochale und eindrucksvolle Weichenstellungen, die ihren Rang behalten werden. Aus der Rückschau werden aber auch Begleitumstände erkennbar, die nicht übersehen werden dürfen. Wie schon erläutert, Brot für Welt und Dienste in Übersee waren Aktivitäten, mit denen einzelne Menschen angesprochen wurden. Wenn aber die organisierten Kirchen, wie nun geschehen, neue Aufgaben in ihre Entscheidungsstrukturen, Organisationspläne und Haushalte aufnehmen, bekommt das personale Element einen anderen Stellenwert.
Natürlich haben die Kirchen und ihre führenden Persönlichkeiten die in Übersee Tätigen nicht plötzlich vergessen, aber sie entwickelten neue Prioritäten. Für Kirchenleitungen und Synoden ging es immer stärker darum, Erklärungen und öffentliche Stellungnahmen zu verfassen und auf Tagungen und Kongressen mit Wirtschaftsführern, Politikern und vor allem mit ökumenischen Organisationen und Partnern im Gespräch zu sein, und das alles sowohl im eigenen Lande als auch in Übersee und an den jeweiligen Orten der ökumenischen und internationalen Begegnungen.
Sicherlich musste das alles so kommen. Aber es bleiben Fragen: Was ist dabei aus der ökumenischen Diskussion über Dienste und über Laien geworden? Warum ist das personale Element schließlich immer mehr aus dem Blickfeld geraten? Und weiter: Sind bei der Institutionalisierung der Entwicklungsprogramme nicht auch zu überschwängliche Töne in die klerikale Rhetorik eingeflossen? Ein Beispiel: Die bisher eindrucksvollste kirchliche Positionsbestimmung zum Entwicklungsauftrag der Kirchen wurde in den Jahren 1977-1979 von einem gemeinsamen (ev. und kath.) Dialogprogramm mit dem Titel »Entwicklung als internationale soziale Frage« erarbeitet und auf einem abschließenden Kongress in Bad Godesberg präsentiert. Der Bericht davon wurde ohne Fragezeichen hinter dem gewaltigen Motto als Überschrift veröffentlicht, als ob die Kirchen dafür ein Programm anzubieten hätten. Inzwischen erleben wir, wie politische Kräfte aller Parteien und Verbände zwar nicht ohne kirchliche Begleitung, aber ohne überzeugende und deutlich erkennbare Fortschritte darum bemüht sind, wenigstens »nur« die nationale soziale Frage in den Griff zu bekommen. Also: Was sind unsere starken Formeln von gestern noch wert? Und warum wuchern die Kirchen so wenig mit den Pfunden, die sie und nur sie tatsächlich haben? Zum Beispiel die auch außerhalb der Kirchen vermittelbare Tatsache, dass der bedeutendste Beitrag, den Kirchen und Christen bisher zur Welt- und Menschheitsentwicklung geleistet haben, darin besteht, dass sie weltweit Kirchen gegründet haben und um deren Bestandspflege und Unterhalt inzwischen friedlich und nicht im Zusammenhang kolonialer Herrschaftsansprüche beizutragen bemüht sind?
Was soll das alles? Was hat die hier aufgeschriebene, systematisch kaum erkennbar strukturierte Mischung aus Erinnerungen an Kindergebete, an das mehr als zweieinhalb Jahrtausende zurückliegende deuteronomistische Reformwerk im alten Israel, an pietistische Restbestände in den Studentengemeinden und in den Kursen von Dienste in Übersee vor über 40 Jahren zu tun mit den entwicklungspolitischen Bemühungen der Kirchen heute? Ach ja, die frühen Jahre. Aber wo bleibt der neue Aufbruch für die Epoche der Globalisierung?
Der entscheidende Punkt ist knapp und deutlich zu benennen. Das Wichtigste, was die Kirchen der Welt anzubieten haben, sind nicht Geld und Projekte, Programme und Empfehlungen an Entscheidungsträger und Gremien in anderen Strukturen und Institutionen, auch nicht Unterstützung der Vorhaben sonstiger Anreger, anderer also, die es auch gut meinen mit dem Rest der Welt.
Nein. Das entscheidende und allein ausschlaggebende Angebot der Kirchen und Gemeinden an die Welt, im eigenen Umfeld ebenso wie in Übersee, sind von ihnen motivierte Menschen, Leute, die dafür eintreten, dass Glaube, Hoffnung und Liebe durch sie sichtbar werden sollen und die sich am kritischen Umgang mit der Vernunft und mit dem eigenen Gewissen orientieren. Um einen zeitlosen Wert davon ist heute ja so viel und so gern die Rede mit einem zeitgemäßen Begriff zu verbinden: Das ultimative Spitzenprodukt der Kirchen sind fromme Menschen und Gemeinden mit Trost, Zuversicht und Bereitschaft zum Handeln. In Kindergärten, Kindergottesdiensten und Konfirmandenstunden geschehen wichtigere und folgenreichere Weichenstellungen für die Zukunft der Kirchen und ihre Wirkungen in der Welt als auf Akademietagungen, Synoden oder bei Treffen kirchenleitender Persönlichkeiten mit den Hierarchen anderer gesellschaftlich relevanter Gruppen. Was offensichtlich immer mehr in Vergessenheit gerät, ist die Erinnerung daran, dass es sich bei den großen Neuanfängen vor dreißig, vierzig Jahren, also Brot für die Welt, Dienste in Übersee, kirchlicher Entwicklungsdienst um spirituelle Aufbrüche handelte, die beispielgebend auch für andere Kräfte wurden.
Förderung von Bildung, Gesundheit, sozialer Gerechtigkeit, Frieden, Entwicklung, Umwelt, Menschenrechten ... das alles sind keine kirchlichen Erbhöfe (mehr), andere können das auch und nicht selten besser. Angesichts der entstandenen Pluralität an organisierter Gemeinnützigkeit ist somit zu fragen: Wie gelingt es kirchlichen Diensten und Werken, überzeugend zu verdeutlichen, dass die geistliche und intellektuelle Kompetenz der zur Mitwirkung Eingeladenen ebenso wie der hauptamtlich Tätigen in den eigenen Reihen selbst langfristig das entscheidende Effizienzkriterium ist für die Qualität der eigenen Absichten und Bemühungen. Überall in den Kirchen hierzulande ist Sparen zur Zeit das beherrschende Thema. Dafür gibt es gute Gründe. Aber wesentlich gewichtiger als das finanzielle Problem ist seit geraumer Zeit das Akzeptanzproblem der Kirchen in unserer Gesellschaft geworden.
»Wenn dein Kind dich morgen fragt ...« mit Erzählungen über Finanzierungslücken, über Programme und Projekte kommst du dann nicht weit. Die Kinder wollen wissen, was wir wirklich getan und was wir versäumt haben. Die Kinder haben ein Recht darauf, etwas zu hören über unsere Visionen und unsere Hoffnungen, aber auch über unser Scheitern, über unsere wirklichen Beweggründe und unser Gewissen.
Lange genug hat die Rhetorik zum Thema Entwicklung von moralischen Forderungen an andere gelebt an die Kirchen, die Politik, die Wirtschaft und an alle, »die« sonst noch so mitmischen im großen Weltgeschehen. Dabei ist aus der Diskussion über Wesen und Auftrag der Kirchen die Bedeutung des unverwechselbar Einzelnen immer weiter verdrängt worden. Die Kinder aber haben noch den richtigen Instinkt für die richtigen Adressaten. Wenn Kinder fragen, sind einzelne Menschen gefragt nach ihren Erfahrungen, ihrem Glauben und ihrem Mut. Von Gremien, Strukturen und kollektiven Entscheidungsprozessen, den Lieblingen unserer Reformdiskussionen, haben die Kinder noch keine Ahnung. Solche konstruktive Ahnungslosigkeit bleibt ihnen hoffentlich recht lange erhalten.
Johann Paul Friedrich Richter, der sich Jean Paul nannte, einer der scharfsinnigsten und phantasievollsten Beobachter des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens seiner Zeit, hat bereits im Jahre 1803 den folgenden Satz geschrieben:
Oft hat weder die Majorität noch Minorität Recht,
sondern eine dritte Partei,
gegen welche die Minorität eine Majorität ist.
Jean Pauls dritter Partei gehört die Zukunft. Vielleicht müssen wir mit Geduld und Hoffnung noch etwas warten, bis die Kinder von heute Entscheidende und Gestaltende in Kirche und Gesellschaft geworden sind und durch sie wieder neue Bewegung in die ganze Sache kommt. Das kann schneller gehen, als man denkt. Und es fängt damit an, dass die Kinder beten lernen.
aus: der überblick 02/2005, Seite 67
AUTOR(EN):
Eberhard le Coutre