Eine Bestandsaufnahme
Es ist schwierig, eine genaue Kartografie der kreolischen Neoprotestantismen in den französischen Überseegebiete Martinique, Guadeloupe und Französisch-Guyana zu erstellen. Offiziell gilt ihre Bevölkerung zu 95 Prozent als katholisch. Allerdings überschneidet sich hier der Katholizismus weitgehend mit den von den ehemaligen Sklaven ererbten magisch-religiösen Glaubensüberzeugungen, sowie mit vielfältigen anderen Glaubensrichtungen, wie zum Beispiel der japanischen Sekte Mahikari und den Kulten der als sehr mächtig geltenden tamilischen Hinduisten. Hinzu kommt noch der periodischen Aufschwung der traditionellen Sekten Zeugen Jehovas, Mormonen oder der esoterischen Rosenkreuzler oder Freimaurer.
von Philippe Chanson
Der reformierte Protestantismus ist bedeutungslos er verschwand schon sehr früh im 17. Jahrhundert nach der Widerrufung des Edikts von Nantes. Hingegen gibt es einen ständig wachsenden Zulauf und Einfluss von evangelikalen und pfingstlerischen Kirchen. Cayenne, die Hauptstadt von Französisch-Guyana, zählte 1994 fünfzehn dieser Kirchen, heute sind es gut vierzig. Nach der Ansiedlung der Heilsarmee anfänglich mit dem Auftrag, an der Abschaffung des Straflagers von Guyana mitzuwirken haben sich nach dem zweiten Weltkrieg als erste die klassischen fundamentalistischen evangelikalen Kirchen niedergelassen.
In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelten sich dann rasch die Baptisten, die Adventisten und die aus den französischen Versammlungen Gottes hervorgegangenen Pfingstkirchen. Die beiden letzteren Bewegungen haben unbestritten die meisten Mitglieder. Die "Versammlungen Gottes" von Pointe-à-Pître (Guadeloupe) und von Cayenne haben Kirchen mit fast 1000 Plätzen. In Martinique leben ungefähr 10.000 Adventisten, in Guadeloupe 7000 und in Guyana 3000. Die pfingstkirchliche Mission des vollen Evangeliums zählt in Cayenne 800 bis 1000 Personen und mehr als 1500 Personen in Martinique. Die brasilianischen "Versammlungen Gottes", die sich neuerdings in Guyana niedergelassen haben und missionarisch sehr aktiv sind, expandieren zusehends. Hinzu kommt eine große Zahl von Kirchen, die aus Spaltungen hervorgehen oder die spontan gegründet werden. In Guyana sind es die Kirche des Tabernakels der Gnade, die Kirche Betel geheiligter Christ, die Pfingstkirche von Guyana, die Vereinigung der Pfingstler, die Pfingsthoffnung, der Evangelikale Kreuzzug der Menschenfischer und, seit neuestem, die Kirche des himmlischen Christentums (importiert aus Westafrika); in Martinique sind unter anderem die Christliche Mission, die Bewegung dem Herrn sei Dank, die Pfingstmission, die Kirche der Nazarener und die Kirche des Brunnens des missionarischen Heils zu nennen.
In der überwiegenden Mehrheit sind diese Kirchen pfingstlerischen oder neo-pfingstlerischen Typs. Gegenwärtig darf man folglich annehmen, dass fünf bis sieben Prozent der Gesamtbevölkerung von rund einer Million Einwohner in den französischen Überseegebieten (180.000 in Guyana, 390.000 in Martinique, 420.000 in Guadeloupe) die Gotteshäuser dieser neo-protestantischen Bewegungen aufsuchen. Ihre Zahl nimmt seit zehn Jahren ständig deutlich zu.
aus: der überblick 04/2006, Seite 82
AUTOR(EN):
Philippe Chanson
Philippe Chanson
ist Universitätsgeistlicher der Protestantisch-Reformierten
Kirche an der Universität von Genf. Er
forscht über die kulturelle und religiöse Anthropologie
und arbeitet als theologischer Koordinator
des "Centre Protestant d'Etudes de Genève" und als
Redakteur dessen Bulletins.