Bergdörfer in Südmexiko schaffen sich mit einfachen Neuerungen neue Lebensgrundlagen
Die Bauerngemeinden in den Bergen Oaxacas haben vom Staat keine Hilfe zu erwarten. Den kümmert es wenig, wenn die arme, großenteils indigene Bevölkerung infolge von Unwettern oder wegen des Verfalls der Mais- und Kaffeepreise in Not gerät. Einen Ausweg haben Selbsthilfe-Organisationen gefunden, die landwirtschaftliche Neuerungen verbreiten und neue Märkte erschließen.
von Toni Keppeler
"Eins, zwei und los!" Die Männer stemmen sich ins Seil. Ein Stückchen weiter den Hang hinauf, unter der Brücke, versuchen fünf weitere, den mit dem Seil umschlungenen Felsbrocken mit Hilfe von Stämmen und Eisenstangen anzuheben. Denn der Fels liegt genau unter der Brücke. Wenn es regnet und der Bach anschwillt und Äste den Berg herunter schwemmt, dann wird sich das Wasser vor der Brücke stauen und am Ende die Brücke wegreißen. So wie Ende 2005, als der Wirbelsturm "Stan" über den Süden von Mexiko fegte und es tagelang regnete wie aus Kübeln. Danach stand rund um Chichicaxtepec keine Brücke mehr.
Ein halbes Jahr lang haben die Männer des Dorfes damals gebaut, Wochenende für Wochenende, Brücke für Brücke. Diese war die letzte. Damit sie beim nächsten Unwetter nicht wieder weggerissen wird, muss der Felsbrocken darunter weg. "Eins, zwei und los!" Der Tonnen schwere Stein wackelt, aber er rückt nicht von der Stelle.
Hätten die Männer nicht selbst Hand angelegt, dann wäre keine der Brücken wieder aufgebaut worden. Oaxaca ist einer der ärmsten Bundesstaaten Mexikos, seine Hauptstadt liegt von hier fünf Stunden Fahrt auf holprigen Wegen entfernt. Von dort kommt so gut wie nie Hilfe.
Doch niemand beklagt sich in Chichicaxtepec. In dem Dorf am Hang auf 1800 Meter Hähe leben 1200 Indigenas von Volk der Mixe (gesprochen Miche). Freiwillige unbezahlte Arbeit für die Gemeinde ist ihnen eine Selbstverständlichkeit. Gleich in der ersten Januarwoche wird festgelegt, wie viele Tage jeder Erwachsene für das Gemeinwohl arbeiten wird. In diesem Jahr sind es 23, Witwen und alleinerziehende Mütter die Hälfte. Ohne diese Arbeit wäre das Dorf noch ärmer.
"Wir hatten nie mehr als unsere Felder mit Bohnen und Mais und ein bisschen Obst", erzählt Carlos Sánchez. "Und doch war es besser als heute. Die meisten Männer gingen in die tiefer liegenden Mixe-Dörfer. Dort gab es Arbeit auf dem Bau, und es gab gutes Geld." Jahrzehntelang hatte das Siedlungsgebiet der Mixe im Nordwesten von Oaxaca eine stabile Wirtschaft. Unten, in der heißen Zone, wurde Mais auf großen Feldern angebaut, in den mittleren gemäßigten Lagen Kaffee. Weil sich beides gut verkaufte, gab es immer Arbeit für die Männer aus den Dörfern oben in der kühlen Region, wo die Felder steil sind und klein und nicht mehr hergeben, als eine Familie braucht.
Dann kam in den neunziger Jahren die weltweite Kaffeekrise. Die Preise stürzten in den Keller. Gleichzeitig drängte mit dem Freihandelsvertrag zwischen Mexiko, Kanada und den USA billiger Mais aus dem Norden ins Land. Seither gibt es den Dörfern der heißen und gemäßigten Zonen kein Geld mehr und auch keine Arbeit für die Männer aus Chichicaxtepec. "Viele ziehen weg in die Städte", sagt Sánchez. "Oder sie gehen gleich illegal in die USA."
Chichicaxtepec ist die einzige Gemeinde im Hochland von Oaxaca, die mit der Mixe-Organisation SER (Servicios del Pueblo Mixe) zusammenarbeitet. "Die Mixe sind ein stolzes Volk", sagt die SER-Aktivistin Sof'a Robles. "Sie wurden nie von den Spaniern besiegt. Sie wollen weiter in ihrem angestammten Territorium leben, mit ihrer Sprache und ihrer Kultur."
SER unterstützt sie dabei. Die 1988 gegründete und von Brot für die Welt unterstützte Selbsthilfe-Organisation betreibt nicht nur Lobby-Arbeit für die Rechte der rund 125.000 Mixe. Sie unterstützt Mixe bei Rechtsstreitigkeiten, arbeitet gemeinsam mit Pädagogen an einem zweisprachigen interkulturellen Erziehungskonzept und will demnächst sogar zusammen mit dem Jesuiten-Orden eine interkulturelle Mixe-Universität eröffnen. Ein Alphabet für die bislang nur gesprochene Sprache wurde bereits entwickelt.
Schwerpunkt der Arbeit aber ist die wirtschaftliche Entwicklung der Region. "Wenn die Menschen in ihrem angestammten Territorium nicht mehr überleben können, werden sie abwandern und ihre Traditionen, ihre Kultur und ihre Sprache verlieren", sagt Robles. Die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichts im Mixe-Land - nach Möglichkeit auf höherem Niveau - ist deshalb das vordringlichste Ziel. Die Kleinbauern von Chichicaxtepec stellen deshalb ihre Felder auf organische Landwirtschaft um. Das spart Kosten für chemischen Dünger und bringt gesündere Lebensmittel.
Und sie diversifizieren, sie weiten die Palette der Anbaufrüchte aus. Zu den traditionellen Produkten Mais und Bohnen sind Pfirsiche, Äpfel, Birnen und Avocados, Kürbisse, Zwiebeln und Tomaten gekommen. Neuerdings auch Lilien - die verkaufen sich gut an Allerheiligen oder bei den Patronatsfesten in den umliegenden Dörfern. "Wir haben mit zwei Versuchsfeldern angefangen", erzählt Sánchez. "Eines für die Frauen und eines für die Männer unserer Produktionsgruppe. Und man muss es einfach sagen: Die Frauen sind erfolgreicher."
Bauern aus einem Nachbardorf haben ihnen beigebracht, wie man eine Miete anlegt zum Kompostieren, haben ihnen Würmer gebracht, die organische Abfälle in drei Monaten in biologischen Dünger umwandeln. Und sie haben ihnen gezeigt, wie die für Chichicaxtepec neuen Pflanzen aufgezogen werden. Den Rest müssen sie selbst auf ihren Versuchsfeldern herausfinden. "Die Erntezyklen hier oben sind anders als unten in der gemäßigten Zone", sagt Yolanda Contreras. "Und nicht alle Pflanzen mögen unser kühles Klima. Wir haben es auch mit Mandarinen versucht. Aber denen ist es hier zu kalt. Die Bäumchen wachsen, aber sie geben kaum Früchte."
Sieben Gemeinden im Territorium der Mixe hat SER auf diese Weise miteinander vernetzt: Wer etwas neues gelernt hat, bringt es den anderen bei. Bauern lernen von Bauern. So lässt sich mit wenig Geld viel erreichen. Die Mittel, die SER von "Brot für die Welt" bekommt, werden fast ausschließlich für Reisekosten, für Informationsmaterial und ab und zu für einen Kurs ausgegeben. Schulungen mit Agraringenieuren gibt es nur, wenn sich kein Bauer mit eigenen Erfahrungen findet. "Wir legen dann Wert darauf, dass der Ingenieur selbst Mixe ist oder zumindest unsere Sprache spricht", sagt Robles.
In den vergangenen Jahren hat sich SER vor allem auf die Arbeit in der Kaffeezone konzentriert. Die Bauern dort sind schon lange organisiert, arbeiten in Produktionsgruppen zusammen und vermarkten ihren Kaffee gemeinsam über die Organisation ASOPROM. Sie umgehen damit die Zwischenhändler und können als Gruppe bei den Exporteuren bessere Preise aushandeln.
In den vergangenen fünf Jahren haben sie ihre Kaffeepflanzungen Schritt für Schritt auf organischen Anbau umgestellt. Sie haben gelernt, wie der Boden zu säubern und zu düngen ist, welche Pflanzen an den steilen Hängen als Barrieren gegen die Bodenerosion eingesetzt werden können, wie man mit natürlichen Mitteln Krankheiten und Schädlinge bekämpfen kann.
Vor allem der Kaffeekirschenkäfer macht den Bauern Probleme. Das Insekt bohrt sich in die Kaffeekirsche. Wenn es die Bohne erreicht, zerstört es sie. "Als der Käfer vor ein paar Jahren hier auftauchte, war die Versuchung groß, mit Chemie gegen ihn vorzugehen", erzählt der Kaffeebauer Alejandro Pedro. "Aber dann haben wir bei anderen Bauern gelernt, dass man die befallenen Kirschen mit einem Pilz bestreichen kann. Der Käfer stirbt dann, bevor er die Bohne erreicht." Mit dieser natürlichen Methode lässt sich die Plage zwar nicht aus der Welt schaffen. "Aber wir haben sie unter Kontrolle."
Organischer Anbau erfordert zwar mehr Arbeit und bringt etwas weniger Ertrag, aber der Aufwand lohnt sich. In Santa Cruz Ocotal ist nun schon die zweite Ernte als organisch zertifiziert. Die Nachfrage ist groß und die Preise liegen um fast 50 Prozent über denen für traditionellen Kaffee. "Mehr als neunzig Prozent unserer Produktion hat Exportqualität", sagt Paulino Pablo García, der Präsident der Produktionsgemeinschaft im Mixe-Dorf Santa Cruz Ocotal. "Wir haben in den vergangenen beiden Jahren die gesamte Ernte verkauft." Das Ergebnis: "Jedem von uns geht es jetzt ein bisschen besser."
"Den Anbau von organischem Kaffee beherrschen sie nun", sagt Sof'a Robles. "Darum brauchen wir uns nicht mehr zu kümmern." In einem zweiten Schritt sollen Kaffee-Bauern wie die von Chichicaxtepec auch ihre Mais- und Bohnenfelder auf organischen Anbau umstellen. Und auch sie sollen diversifizieren. Angesichts des kaum vorhersehbaren Kaffeepreises kann das nicht schaden.
So experimentiert auch die Produktionsgruppe von Santa Cruz Ocotal mit Kompostmieten und neuen Pflanzen wie der Maracuja-Frucht. Noch werden die tropischen Früchte nur für den Eigenbedarf angebaut. Aber in zwei oder drei Jahren sollen auch sie vermarktet werden. Alejandro Pedro experimentiert bereits mit einem Mixgetränk aus Maracujasaft und dem in der Gegend typischen Agavenschnaps Mezcal. In Deutschland würde man so etwas "Alcopops" nennen.
Es ist nicht schwer, die Mixe vom Sinn nachhaltiger organischer Landwirtschaft zu überzeugen. Er leuchtet ihnen spontan ein: Die Erde ist in ihrer Kosmologie die Mutter aller Menschen, Tiere und Pflanzen. Man muss sie schützen. So haben die Bewohner von Chichicaxpetec beschlossen, trotz wirtschaftlicher Not die Anbauflächen nicht zu vergrößern und trotz der kalten Winternächte kein Holz mehr in über 2200 Meter Höhe zu schlagen. "Dort oben im Wald leben noch immer Pumas und Hirsche und Tapire", sagt Carlos Sánchez. "Wir wollen, dass sie dort bleiben."
Organische Landwirtschaft, hat er gelernt, ist nicht auf den schnellen Ertrag aus und braucht einen langen Atem. "Wir sind erst am Anfang. Wir hoffen, dass wir in drei oder vier Jahren die Ergebnisse unserer heutigen Arbeit sehen werden." Snchez hat keinen Zweifel daran, dass die Produktionsgruppe durchhalten wird. "Mixe sind zäh und haben Geduld", sagt er. Sie haben sogar den Felsbrocken geschafft, der unter der neu gebauten Brücke lag und sich um die Mittagszeit keinen Zentimeter bewegen wollte. Beim Einbruch der Dunkelheit kehren die Männer verschwitzt zurück ins Dorf. Der Fels liegt gut dreißig Meter unterhalb der Brücke am Rand des Bachs.
aus: der überblick 04/2006, Seite 92
AUTOR(EN):
Toni Keppeler
Toni Keppeler ist freier Journalist mit Schwerpunkt Entwicklungsländer und Mitarbeiter der Agentur Zeitenspiegel.